Vom derzeitigen Stimmungsbild in der Gesellschaft.

Ich habe eine ganze Weile überlegt, ob ich mich zum Volksentscheid der Schweizer äußern soll, die nun beschlossen haben, dass der Bau von Minaretten von Seiten der schweizerischen Bundesverfassung verboten werden soll. Das vor allem deshalb, weil ich befürchte, dass meine Meinung da dank meiner Herkunft als einseitig angesehen werden könnte. Meine Freunde, Bekannte, vielleicht auch die meisten Leser dieses Blogs wissen, dass das nicht stimmt, da ich zum Thema Religion eine durchaus sehr ambivalente, eher kritische Haltung habe und das gilt für alle Religionen bzw. der Grundhaltung des Glaubens an Mächte, die ihre Macht vor allem daraus schöpfen, aktiv diese Macht ausüben zu können und dies auch zu tun.

Nun gut, lassen wir diese philosophischen Einleitungen, darauf will ich nicht hinaus.

Worauf ich auch nicht hinaus will, ist ein Bashing auf die ach so rückständigen Schweizer. Okay, ich habe mich nach der Kenntnis über die ersten Ergebnisse auch auf diese Weise darüber in Twitter geäußert, das gehört jedoch zum üblichen Sarkasmus, den ich bisweilen aufbiete. Auch das ist im Kreise meines Publikums eine bekannte Eigenschaft.

Okay, worauf will ich eigentlich hinaus?

Der Kern ist der, dass die Entscheidung der schweizerischen Bevölkerung eine ist, die ich prinzipiell auch in vielen anderen Teilen Europas so erwarten würde, da sie vor allem durch Vorurteile gespeist werden. Der Islam ist seit Jahren vornehmlich eine Religion, die mit Terrorismus, Rückständigkeit und Ungerechtigkeit in Verbindung gebracht wird und es ist für radikale Kräfte inzwischen eine der leichtesten Übungen geworden, diese hoch subjektiven Eindrücke mit angeblichen Fakten zu vermengen und daraus hochgiftige Gebräue zu kochen, die dann zu solchen Ergebnissen führen können. Heute ist es das Minarettverbot, das uns aufhorchen lässt, in den Niederlanden ist aber ein ganz anderer Mann unterwegs, der beispielsweise so wahnhafte Dinge wie eine “Kopftuchsteuer” fordert. Da sind wir vom gelben Judenstern gar nicht mehr so weit entfernt.

Und das muss uns aufhorchen lassen, Mensch! Merken wir nicht, was da läuft? Das, was da Rechtspopulisten auffahren, sind Argumentationen, die vor allem auf Vorurteile aufbauen und weit davon entfernt sind, sich sinnvoll mit Migration und Integration zu beschäftigen. Hier wird Hass gesät und zwar von der schärfsten Sorte – der Sorte, die man nicht sofort schmeckt.

Eine aufgeklärte Gesellschaft muss es aushalten können, dass es Menschen in ihr gibt, die eine andere Religion haben und die ihre Religion – sofern sie nicht gegen menschliche Grundsätze verstößt – frei ausüben dürfen soll, dazu gehört dann auch das Gotteshaus. Dass dies in anderen Teilen dieser Erde nicht so ist (dieses Argument ist das gern verwendete Hauptargument), darf keine Entschuldigung, sondern muss unser Ansporn sein, es zu ändern und das macht man, in dem man selbst die Toleranz ausübt, die man von anderen erwartet. Die Weltoffenheit, die wir Deutschen im Ausland genießen, die kommt nicht dadurch, dass wir in Hawaiihemd und kurzer Hose im Thailand umherspazieren. Wir können doch tatsächlich nicht in das Fettnäpfchen der Sektierer treten, die doch tatsächlich fordern, dass man dem Schlechten am ehesten dadurch entgegentritt, in dem man genauso schlecht sein soll. Hallo?

Es stellt sich daher gar nicht die von Skeptikern/Gestrigen/Populisten gern in den Raum gestellte Suggestivfrage, ob wir Deutschen denn noch toleranter sein müssen. Diese Frage ist gefährlich und falsch gestellt, denn es gibt nicht ein “noch toleranter sein müssen”, sondern ein “weiterhin tolerant bleiben” und davon dürfen wir uns nicht durch Pseudodiskussionen und Angstmachereien abbringen lassen, da diese nämlich zu genau diesen bedenklichen Entwicklungen führen.

Verrückte, Sektierer, Geisteskranke, Radikale und Populisten gibt es in jeder Religion und jeder Nationalität, aber wenn wir uns von solchen Menschen leiten lassen oder vor ihnen zusammenbrechen, dann verlieren wir.

Ein Gedanke zu „Vom derzeitigen Stimmungsbild in der Gesellschaft.

  1. Merken wir nicht, was da läuft?

    Doch, klar. Sogar sehr deutlich. Die FES-Studie, dass rechtsextreme Meinungen weit in die Mitte der Gesellschaft hineinragen, sollten wir nicht vergessen. Aber mir ist noch keine ordentliche Antwort darauf eingefallen.

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