Geheilt vom Fernsehfieber.

Einer der gleichzeitig interessantesten und dennoch von mir etwas gefürchteten Aktivitäten in diesem Jahr war etwas, was ich lange Zeit vor mir hergeschoben habe. Genau genommen fast 18 Jahre (mit einer kleinen Ausnahme 2005) – der Besuch bei meiner allerersten beruflichen Wirkungsstätte, dem ZDF in Mainz. Im Sommer ergab es sich kurzfristig, dass mein guter Freund Timo Gerstel für sich und seine Kids Plätze einer Besucherführung ergattert hatte und fragte mich kurzerhand, ob ich nicht mitkommen wolle.

Nun war das so eine Sache: Obwohl ich ja eigentlich nur drei Jahre beim ZDF arbeitete (dafür allerdings sehr intensiv viel als Kameraassistent), hatte ich nach 1998 schon eine ganze Weile gezahnt, als ich die Branche gewechselt hatte. Kapitän Jürgen Schwandt hatte es mal vortrefflich einer Zeitung diktiert:

Auf den Weltmeeren erlebte Schwandt noch unzählige Stürme, 1966 wurde er mit 30 Jahren Kapitän der „Ludwigsburg“. Fünf Jahre später heiratete er. Für seine Frau Gerlinde traf er eine der schwierigsten Entscheidungen seines Lebens: Er trat eine Stelle beim Zoll an. An Land. „Die ersten zwei Jahre war ich todunglücklich. Ich hatte mein Seefahrtsbuch oben auf in der Schublade liegen und den Seesack gepackt. Ich hätte jeden Tag wieder losfahren können.“ Zwei Mal sei er ganz kurz davor gewesen, aber er blieb an Land.

Todunglücklich war ich zwar nicht gerade, aber dieses Gefühl, auf dem gepackten Rucksack zu sitzen und jederzeit wieder losgehen zu können, das kenne ich seitdem sehr gut. Und darum machte ich anfangs auch einen recht großen Bogen um Fernsehanstalten und vermied es auch, viel darüber nachzudenken, obwohl es hin und wieder mal Einladungen zu Kollegentreffen und Studiofeiern gab. Und irgendwann war es dann auch eingeschlafen, diese seltsame Sehnsucht nach einer alten Zeit, bei der ich weiß, dass es sie schon lange nicht mehr gibt.

Der Besuch.

Also gut, im August war es dann soweit. Die Sehnsucht war und ist nicht mehr da, aber so eine gewisse Spannung konnte ich nicht verleugnen. Immerhin war es eine echte, tief sitzende Freude, dass ich zu meinem alten Arbeitgeber witzigerweise mit einem meiner besten Kunden und seiner Familie hinkomme, dessen Corporate Blog ich betreue und bei der Redaktionsarbeit auf viele Erfahrungen zurückgreifen kann, die ich eben beim ZDF gelernt habe. Und zu all der Ironie kam dann auch noch, dass das erste Auto, was wir auf dem ZDF-Gelände gesehen habe, exakt mein Opel Adam war. Alle Kreise schließen sich irgendwann, aber die beste Mini-Geschichte zu der Phrase gibt es ganz am Ende dieses Artikels als Bonus.

Jedenfalls: Es ist beim ZDF tatsächlich nicht mehr viel so, wie ich es einst kennengelernt hatte. Es arbeiten deutlich weniger Menschen in der Technik, was sich vor allem in den Studios, von denen wir das Studio 2 und das Studio 3 (das „Sportstudio“) anschauen durften. Die Lichtsteuerung erfolgt heutzutage komplett via EDV, so dass nach dem Einbau der Kulisse in der Regel nur noch ein Lichttechniker angewackelt kommt, der lediglich das Lichtprogramm lädt und dann alle Scheinwerfer bei ihrem Gang in die einst einprogrammierte Position beobachtet. Das ist schon herb: Zu meiner Zeit standen tagsüber noch mindestens 15, 20 Menschen, die alle möglichen Arbeiten im Studio verrichtet hatten. Heute steht nur noch einer da.

Ebenso ambivalent war der Blick in einen Regieraum, witzigerweise genau der, in dem ich einst gelernt hatte, wie die Blende der E-Kameras zu steuern war. Nichts ist dort mehr so, wie es damals war. Es arbeiten hier wiederum viel mehr Leute, wenn der Raum voll belegt ist. Allerdings: Es gibt nicht mehr das halbe Dutzend Regieräume, sondern allenfalls die Hälfte davon, zumindest im eigentlichen ZDF-Sendezentrum (3sat und die digitalen Spartensender werden im Sendezentrum 2 gegenüber produziert).

Wie Fernsehen heute produziert wird.

All diese Eindrücke, die vor allem mir auffielen und weniger den restlichen Besuchern, sind Ergebnis dessen, was in den letzten 20 Jahren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen passiert ist:

  • Immer mehr bis dato hauseigen produzierte Programmformate wurden entweder gänzlich eingestellt oder werden inzwischen von externen Produktionsfirmen hergestellt. Der Zauberschlüssel hier ist, dass diese Ausgaben für extern produzierte Sendungen nicht mehr auf das Personalkonto gehen, sondern vor allem auf das Produktionskonto. Um das Personal müssen sich dann die externen Produktionsfirmen kümmern. Stichworte hier sind natürlich vor allem deutlich niedrigere Gehälter, prekäre Arbeitsverhältnisse, aber auch Synergieeffekte mit Produktionen für andere Sender.
  • Selbstverständlich hat sich die Technik in den letzten Jahren verändert und zwar grundlegend. Damals wurde noch weitgehend analog produziert, die Digitalisierung war gerade am Anfang. Das hieß noch, dass auf Magnetband aufgezeichnet und auch geschnitten wurde und wir in Röhrenbildschirme glotzten. Alles Dinge, die sehr wartungsintensiv waren. Heute kommt der Film in der Kamera auf einen Chip, wird non-linear deutlich schneller geschnitten und vertont und auch der Produktionsablauf ist deutlich einfacher, da eben alle Signale und Konserven vollelektronisch vorliegen.
  • Das heißt wiederum auch: Es gibt nicht nur weniger Technikpersonal, sondern weitgehend auch gänzlich anderes Personal. Meine ehemaligen Kollegen von früher (zumindest die älteren Kollegen, bei denen ich gelernt hatte) sind entweder im verdienten Ruhestand oder gingen früher über Vorruhestandregelungen aus dem Hause. Vorruhestand war und ist bei öffentlich-rechtlichen Sendern ein beliebtes Werkzeug, um Personalkosten zu senken, denn (was ich lange Zeit nicht verstand) viele der Planstellen der so in den Ruhestand gehenden Mitarbeiter werden nicht mehr durch neue Kollegen besetzt, sondern sind dank der Digitalisierung und des Wandels einfach nicht mehr notwendig.

The sweetening effects.

Witzig ist: Manche Sachen verändern sich nie. Zum Beispiel der 70er-Jahre-Charme der ZDF-Kantine. Immerhin sind die Tabletts nicht mehr orangefarben, sondern beige. Und: Es besteht Selbstbedienung, was mich vermutlich durch jeden alten Hasen sofort als sehr frühen ZDF-Kollegen hätte aufdecken lassen. Ich stand nämlich einige Sekunden vor den Futterschalen und wusste nicht, was hier eigentlich zu tun ist. Bargeld ist an der Kantinenkasse auch nicht mehr gern gesehen, dafür muss man sich an einem (allerdings extrem alt wirkenden) Automaten zuerst eine Gastkarte auffüllen.

Der Mitarbeiterin, die unsere Besuchergruppe dann auf die eineinhalbstündige Tour führte, offenbarte ich gleich zu Beginn, dass ich hier so eine Art „Anstandsbesuch“ machte. Das führte dann zu einem denkwürdigen Moment, denn während wir insgesamt 20 Leute da so im Regieraum standen, sie (übrigens sehr fachkundig und freundlich) erklärte, ich mit meinen eigenen Blicken auf die Technik abschweifte, gab sie mir kurzerhand das Wort – ich könne doch als ehemaliger Kamerakollege zu den Erklärungen zum Regieraum sicher auch noch etwas hinzufügen. Bei dem Running Gag blieben wir dann die ganze Führung über bei jeder Station … „Haben Sie noch etwas hinzuzufügen?“ Erstaunlich, was ich noch alles weiß.

Geheilt?

Ich hatte mich schon darauf eingestellt, dass die Antwort, ob diese Sehnsucht noch im Bauch ist, erst nach einigen Wochen zu beantworten ist. Die Antwort scheint zu lauten: Geheilt. Ich denke schon immer wieder gern an die Fernsehzeiten zurück, aber dort arbeiten wollte ich jetzt nicht mehr dort. Das grundlegende Handwerk vergisst man offensichtlich tatsächlich nicht, aber es reizt mich auch nicht mehr so, dass ich jetzt alles stehen und liegen lassen würde dafür.

Klar ist auch, dass diese Entscheidung auch viel mit meiner Selbstständigkeit zu tun hat, in der mir dann dank Bloggen und jetzt PF-BITS eine Menge des Handwerks zugute kommt, was ich beim ZDF gelernt habe. Dass ich sehr kritisch sein kann und auf einfach dahergeplapperte Meinungen recht allergisch reagiere und lieber selbst nochmal recherchiere – das ist halt ein Überbleibsel aus dieser Zeit, die ich aber sicher nicht vermissen mag. Diese Erfahrungen dann wiederum in eine tägliche Arbeit hineinpacken zu können, verschafft dann doch ein Stück Erfüllung.

Der Bonus.

Da ist da noch eine Geschichte, die auch nicht so viele kennen und mit der obigen Sehnsucht zu tun hat. Ende 1999 war ich beruflich ziemlich frustriert, was mehrere Gründe hatte. Falscher Arbeitgeber, völlige Überlastung, sicher auch Greenhornigkeit meinerseits, in einem Bürojob sich den dortigen Regularien hinzugeben. Ich war, so wie Kapitän Schwandt, kurz davor, den Bettel hinzuschmeißen und mich sofort wieder als freier Kameraassistent beim ZDF zu melden.

Jedenfalls fuhr ich eines morgens wieder einmal echt frustriert morgens zur Arbeit und der Weg dorthin führte mich unter einer Bahnbrücke hindurch. Und, ihr könnt es mir nun glauben oder nicht: Genau zu diesem Zeitpunkt fuhr ein Zug über diese Brücke, genau in meinem Blickfeld. Gezogen tatsächlich von der Lokomotive mit der Kennung 120 151-6.

Ich hatte dann 1999 tatsächlich nach zwei Monaten den Arbeitsplatz gewechselt, aber nicht auf den Bauch und auf das Zeichen auf der Bahnbrücke gehört. 😉

Klaus Möller (1952-2013).

Schon mal per Wikipedia darüber informiert worden, dass ein ehemaliger Kollege oder ein Freund verstorben ist? Kein gutes Gefühl, das kann ich jetzt aus Erfahrung sagen. Wirklich unschön.

Klaus Möller ist am 26. Juli 2013 gestorben. Ein ehemaliger Film- und Fernsehredakteur, den ich einst 1997 im ZDF kennenlernte, als er dort in der Redaktion von ZDF.Online arbeitete. Ironischerweise lernten wir uns gar nicht im Fernsehen kennen, sondern eigentlich dahinter. Denn damals experimentierte die ZDF-Onlineredaktion mit den ersten Chats, damals noch organisiert über einen IRC-Server. Das war einst State of the Art und so gab es zum Beispiel einen Wetten-dass-Chat, in dem man sich während der Show einklinken konnte.

Irgendwann im Frühjahr 1997 war ich bei so einer Folge im Chat dabei, am Ende wollte irgendwie Thomas Gottschalk noch mitchatten, im Chat-Kanal war die Hölle los und Klaus Möller, der schon wusste, dass ich ebenfalls ein Mainzelmännchen war, machte mich schnell aus der Ferne zum Hilfsadministrator, damit ich den Chat kurzerhand mitorganisieren konnte. Ein paar Tage später lief ich dann auf Einladung nach getaner Kameraassistentenarbeit bei ihm in der Redaktion ein und ließ mir eine Cola dafür spendieren, mit Empfehlung vom Redaktionsleiter. So mal die Kurzärmeligkeit von Klaus Müller in drei Sätzen erklärt.

Klaus Möller, so erfuhr ich erst an diesem Tag in der Redaktion, ist eigentlich einer der Helden meiner Fernsehzuschauerkindheit. Denn vor seiner Zeit als Online-Redakteur war er als Redakteur für einige Kinder-, Jugend- und vor allem Computersendungen zuständig. So Sendungen wie „Schüler-Express“, die legendäre „Flop-Show“, „Ökowelt“, der unvergleichliche „Computer-Corner„, „Komm-Puter„, „Technik-2000“, „TIN – Treffpunkt im Netz“ oder seine Computerpark-Rubrik im ZDF-Fernsehgarten 1995 – das sind Klaus Möllers Werke. Klaus war demnach einer der wenigen Fernsehleute, die über Heimcomputer schon Fernsehen machten, als die meisten Menschen Computer vor allem noch nur in der Bank sahen.

Wir kommen noch nicht darauf, wer Klaus Möller ist? YouTube hat alles:

Klaus war schon ein ständig im Internet verbundener Mensch, als Modemeinwahlen noch die gängigste Form für private Internet-Zugänge waren. Als Computermensch war er 1996 eben in der Ur-Mannschaft von ZDF.Online und damals hatte man die Webseiten im ZDF noch von Hand geschrieben und die Grafiken in Photoshop einzeln gemalt.

Während er als Mensch jovial war, war er als Redakteur durchaus jemand, der für „sein“ Projekt sehr leidensfähig sein und fordern konnte. Das kam zwar bei Kollegen mitunter gar nicht so schlecht an, dafür jedoch gern mal umso schlechter bei Produktions- und Sendeleitungen. Fernsehen ist immer ein andauernder Kampf zwischen Kreativität und Kostenstelle und vieles, was man machen könnte, bleibt auf der Strecke, wenn die Produktionsleitung nicht mitspielt. Bei Themen mit einst homöopathisch messbarer Zielgruppe – das waren in den 1980er Jahren eben die Computerfreaks – war es nicht sehr leicht, Computerthemen im Fernsehen unterzubringen. So wie es heute nicht mehr leicht ist, im Fernsehen – auch im ZDF – die Pseudo-Onlineexperten von der Kamera fernzuhalten.

Klaus Möller wusste das vermutlich so gut, wie kaum jemand anderer im deutschen Fernsehen und verabschiedete sich vor einigen Jahren in den Vorruhestand. Irgendwann ist man in kreativen Berufen „draußen“ und da kann man schlicht und einfach auch nicht mehr jeden neuen Scheiß mitmachen, ohne durchzudrehen. Dennoch, Klaus war ein Guter der alten ZDF-Garde, die zwar am ZDF-Apparat (Zettel, Durchschläge, Formulare usw.) verzweifeln konnten, niemals aber an Ideenlosigkeit oder fehlendem Enthusiasmus. Einer, an den man sich als Zuschauer und auch als Kollege gerne erinnert. Ein echter Pionier, der Computer im Fernsehen so vorstellen konnte, als ob sie das völlig normalste der Welt seien. Zumindest hat er es mitbekommen, dass es irgendwann auch so kam. Für einen Fernsehschaffenden ein unbezahlbares Geschenk.

Finale Warnung.

Die Mediatheken von ARD und ZDF gehören zu meinen Lieblings-Downloadstationen. Alles schön legal (weil tatsächlich von mir sogar bezahlt) und mit dem Programm MediathekView ist das Herunterladen auch superbequem, auch wenn MediathekView leider in Java programmiert und der einzige Grund ist, dass Java noch auf meinem Rechner installiert ist.

Beim Herunterladen heute wurde ich allerdings in einer Art und Weise um Bestätigung gefragt, die mir dann doch kurz Sorgen bereitete:

Warnmeldung im Programm "MediathekView" - "Warnung: Das ZDF kann tödlich sein"

Die Lösung war dann relativ einfach: Die Sendung, die ich herunterlud, hieß „Warnung: Das ZDF kann tödlich sein“. Darauf muss man erst einmal kommen, so oder so. 😉

Lösung zur dritten Staffel von Kommissarin Lund.

Mit einem Tag Verzögerung habe ich nun auch die letzte Folge der dritten und letzten Staffel von Kommissarin Lund – im dänischen Original Forbrydelsen genannt – angeschaut. Und wie vermutlich die meisten Zuschauer hat mich das Ende ebenfalls etwas verstört zurückgelassen. Es gibt nicht viele Krimis, die das zumindest bei mir schaffen. Aber weil ich ja schon mal die komplette Lösung für die erste Staffel hier im Blog aufzeichnete und entsprechende Suchanfragen am gestrigen Montag so gewaltig hoch waren, hier eine Schnellzusammenfassung und die Conclusion der dritten Staffel. Wie üblich wurde der eigentliche Mörder zwar schon in der letzten Folge aufgelöst, die ganzen verwobenen Geschichtsstränge sind allerdings nicht ganz einfach zu entwirren.

Achtung, SPOILER! Der folgende Text ist in weißer Schrift auf weißem Grund, bitte einfach den folgenden Text markieren, um ihn lesen zu können. Wer diesen Artikel als Feed liest, schnell wegblenden, wenn er die Lösung nicht wissen will.

  1. Der Mörder des 13-jährigen Mädchens Louise Jelby aus dem Kinderheim war Niels Reinhardt, der Sicherheitsberater von Zeeland-Chef Robert Zeuthen und der Chef der Kinderstiftung von Zeeland. Offenkundig scheint dieser eine pädophile Vergangenheit zu haben, die sich andeutet, allerdings nicht beweisen lässt (zur Schuldfrage weiter unten noch eine Anmerkung).
  2. Im Rahmen des Mordes wurden damals Untersuchungen unter der Führung von Obertaatsanwalt Peter Schultz durchgeführt. Diese Untersuchungen waren zumindest so weit fortgeschritten, dass schon damals Niels Reinhardt in Verdacht geriet. Zeeland sorgte jedoch über den Finanzminister Mogens Rank, der wiederum Druck auf die Sondereinheit und den Staatsanwalt Schultz ausübte, dafür, dass die Beweise so gefälscht wurden, dass Reinhardt ein Alibi zugeschoben wurde. Das gelang vor allem dadurch, dass das Hotel, in dem Reinhardt während des Tatzeitpunktes gewohnt haben soll, ein Unternehmen der Zeeland-Gruppe war und Manipulationen dementsprechend einfach.
  3. Der Sohn von Premierminister Kristian Kamper hat, offensichtlich als rebellischer Sohn, Recherchen gegen die Partei seines Vaters und Zeeland geführt und darunter auch Niels Reinhardt beschattet und fotografiert. Das fiel damals schon dem Bruder von Kristian Kamper, Kristoffer, auf (der gleichzeitig auch der Wahlkampfleiter von Kristian Kamper ist), der seiner Aussage nach seinen Neffen warnte, weiterhin Recherchen gegen seinen Vater durchzuführen. Während den Recherchen machte sein Sohn auch Fotos, darunter unter anderem auch das Foto, auf dem Reinhardt am Straßenrand parkend fotografiert wurde, wie er offensichtlich kurz vorher Louise Jelby auf ihrem Fahrrad angefahren hatte. Weil dies einschlägigen Kreisen bekannt war, wurde das Versteck von Kristian Kamper durchsucht und er dabei zufälligerweise angetroffen. Aus Panik ist er wohl weggelaufen, dabei auf die Bahngleise der naheliegenden Bahnstrecke geraten und wurde von einem Zug überfahren. Der bis dato eigentlich als Suizid geltende Tod ist demnach eigentlich aus einem ganz anderen Hintergrund zu sehen, den sein Vater offenbar nicht kannte.
  4. Der lange Zeit als Täter geltende Entführer von Zeuthens Tochter Emilie namens „GM“ ist der leibliche Vater von Louise Jelby und will mit der Entführung Zeeland und die Ermittlungsbehörden erpressen, den wahren Mörder von Jelby – Niels Reinhardt – zu ermitteln. Darum führt er während den gesamten Folgen die Ermittler quer durch alle Handlungsstränge und Protagonisten der Verschwörung. Emilie wiederum hatte er gar nicht per Container nach Norwegen verschifft, sondern wohl kurz nach der ersten missglückten Übergabe nicht erschossen und auf die Medea verfrachtet, das schrottreife Schiff aus der 1. Folge. Die Tochter diente die ganze Zeit über als Faustpfand des Entführers und als Druckmittel gegenüber Lund, die Ermittlungen im Fall Louise Jelbys nochmal aufzurollen.

So, und warum hat nun Sarah Lund ganz am Ende das Verstörenste getan und Reinhardt auf eigene Faust auf dem Flughafen erschossen? Die Antwort dazu liefert der letzte Dialog zwischen Lund und Reinhardt im Auto, kurz vor der Exekution von Reinhardt:

Lund: Sie müssen sich gewundert haben, als Sie plötzlich dieses Alibi hatten. Jemand von Zeeland hat dafür gesorgt, dass es so aussieht, als hätten Sie im Zimmer 108 gewohnt. Die Daten des Schließsystems dienten dann als Ihr Alibi. Sie haben noch nie in Zimmer 108 gewohnt, Sie wohnten immer in 312. Sie haben Louise Jelby umgebracht. Und sie war nicht die erste, habe ich Recht? Sie können es ruhig zugeben! Geben Sie’s zu, ich werde es sowieso beweisen!

Reinhardt: Ich glaube nicht, dass Sie das können. Sonst würden wir dieses Gespräch nicht führen. Aber ich bewundere Hartnäckigkeit, Sorgfalt und ordentliches Arbeiten. Das ist etwas, das ich sehr schätze. Danke, dass Sie mich daran erinnert haben. Sie haben mich viel gelehrt. Ich werde das selbstverständlich mit in die Zukunft nehmen. Aber jetzt müssen wir zusehen, dass wir weiterkommen.

Kurzum: Lund weiß, dass Reinhardt das 13-jährige Mädchen Louise Jelby umgebracht hat und hat auch Indizien dafür, dass Reinhardts Alibi nicht stimmt. Allerdings ist dies nicht zu beweisen, zumal der Spur mit der Zimmernummer schon einmal nachgegangen wurde und das Alibi bei der ersten Untersuchung hielt. Reinhardt wiederum weiß auch, dass Lund nicht in der Lage ist, den Mord nachzuweisen (auch das besagte Foto ist letztendlich nur ein Indiz). Allerdings lässt er mit dem Hinweis auf seine Bewunderung für Lunds Hartnäckigkeit hervorblicken, dass er mit der Lösung seines Alibis möglicherweise aus moralischen Gründen nicht wirklich leben kann und sich deshalb damit abfindet, dass Lund die Schuldfrage auf eigene Faust mit der Exekution löst.

Diese weitgehend verzweifelte Haltung von Lund wird auch noch mal dadurch unterstrichen, in dem die Reaktionen aus Politik und Wirtschaft auf das glückliche Auffinden von Zeuthens Tochter dargestellt werden. Premierminister Kamper hat die Wahlen gewonnen und unmittelbar nach der Wahl sind ihm die Nachforschungen zum Fall Reinhardt herzlich egal und auch der Aufsichtsratvorsitzende von Zeeland blockt im Gespräch mit dem aufgebrachten Robert Zeuthen jegliche Vorwürfe ab und empfiehlt Zeuthen lieber einen eigenen Ausstieg aus dem Unternehmen, um dessen Image nicht zu gefährden. Sprich: Um die Wahrheit schert sich keiner, wenn das eigentliche Problem nicht mehr existent ist.

Das war’s. Wieder einmal zehn Stunden Kommissarin Lund durch und keine Minute davon war vergeudet. Mit dem sehr deutlichen Ende und der Flucht von Lund aus Dänemark/Norwegen endet auch sehr offensichtlich die Lund’sche Serie nach drei Staffeln. Hochverdient, auch wenn die dritte Staffel an die Komplexität und Dramatik der ersten Staffel meiner Meinung nach nicht ankommt. Aber das sind reine Detailfragen.

Kommissarin Lund: Die Chefin ist wieder da.

Wenn ich hier im Blog von Kommissarin Lund bzw. von Forbrydelsen, wie die Krimiserie im dänischen Original heißt, schreibe, dann schreibe ich von einem Quotenbringer. Im Fernsehen und hier im Blog. Dass sich die dritte Staffel ab dem 10. März im ZDF ankündigt, dieses Mal immerhin nur fünf Monate nach dem Start in Dänemark, habe ich schon längst am Anwachsen der Suchanfragen bemerkt. Dabei geht es hier ja nur um die Lösung der ersten Staffel.

Immerhin, die dritte Staffel zeigt vor allem mal eines: Die Dänen sind offensichtlich dabei, ihren Kampfeinsatz in Afghanistan vollständig zu verarbeiten. Zu viele Krimiserien hatten in den vergangenen Jahren mehr oder weniger verkrampfte und mitunter fast schon haarscharf rassistisch anmutende Verzweigungen in Vorurteile, die man dann auch noch gern mit der – ich sage es jetzt mal möglicherweise offensiv – implizierten terroristischen Leichtfüßigkeit in arabischen Ländern verortete. Dazu zählte Forbrydelsen, aber auch und vor allem die Serie „Protectors“, im dänischen Original „Livvagterne“. Zweifellos allesamt moderne Krimiserien mit enormer Erzählgeschwindigkeit und mindestens drei gleichzeitig laufenden Erzählsträngen, allerdings stößt eben die ziemlich einseitige Einbeziehung von hochkomplexen internationalen politischen Bewegungen schnell an seine erzählerischen Grenzen. Vieles kann man nicht gut in einem Krimi erklären, der ja in erster Linie unterhaltsam sein soll, und dann bleiben am Ende Sachlichkeit, Wahrheit und Zusammenhänge auf der Strecke. Das war so ein grundsätzliches Ding, warum mir die zweite Staffel von Forbrydelsen recht schnell zum Halse herauskam, die als Basis mehrere Morde hatte, die zunächst in einem islamistischen Hintergrund vernordet wurden, später dann aber im dänischen Militär. Sicher, man bekam die erzählerische Kurve, aber die ersten Folgen waren schon am Rande des Erträglichen. Don’t mix serious entertainment with politics.

Und das bei einer Protagonistin, die eigentlich gar nicht so recht in die Welt des Krimis passt. Wohnt in keiner hippen Wohnung, fährt kein kultiges Auto, setzt sich nicht übermäßig in Szene. Sondern ist durch und durch ein Traum eines jeden Vorgesetzten. Schafft bis zum Umfallen, sieht sich als absoluter Teamplayer und überlässt den Ruhm den Schreibtischtätern der mittleren Führungsebene. Da kann man Lund auch problemlos für die wirklich harten Fälle einsetzen, ohne jegliche Gefahr, dass da jemand ermittelt, der irgendwann den Höhenflug bekommt.

So hat man sich bei der dritten Staffel, die gleichzeitig auch die letzte der Serie werden soll, wieder auf „Bewährtes“ zurückgefunden und bleibt im Land. Das Dänemark in der Zeit der globalen Finanzkrise. Die hat unter anderem dazu geführt, dass die Dienststelle von Sarah Lund Einsparungsmaßnahmen durchführen muss und Lund überlegt, in die Verwaltung überzuwechseln. Das wird allerdings zunächst dadurch schwierig, dass ein mysteriöser Mordfall aufgeklärt werden muss, zu dem sich schon in der ersten Staffel gleich noch ein paar weitere Tote dazugesellen, deren gesellschaftliche Zugehörigkeit und deren Art des Ablebens so gar nicht zusammenpassen wollen. Von Verwicklungen bis in die höchsten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zonen darf ausgegangen werden, so dass die gewaltigen 10 Stunden dieser Staffel, die in der deutschen Fassung wieder auf fünf jeweils zweistündige Folgen portioniert sind, sehr spannend sein dürften.

Die nächsten fünf Sonntage bin ich also jeweils zwischen 22 und 24 Uhr telefonisch nicht zu sprechen, auch nicht in Notfällen.

Sind wir in Deutschland zu „krimigeil“?

Ich hatte einmal eine recht interessante Diskussion in einer Kneipe am Start, bei der es um das Fernsehprogramm ging. Und zwar im Detail darum, warum US-amerikanische Serien in Deutschland (und nicht nur dort) so gut funktionieren und deutsche Serien so gar nicht – außer Krimis. So Serien wie Derrick, die vor allem dadurch glänzen, dass sie im Prinzip furchtbar langweilig sind und vollkommen ohne Action und und Glamour daherkommen, sind in der Welt überaus begehrt. Und wenn man sich die Physiognomie näher anschaut, bekommt man auch die passende Antwort.

Krimis im Fernsehen – eine Nahbetrachtung des Fernsehprogramms

Der subjektive Eindruck, das Fernsehen sei voll mit Krimiserien und „krimiähnlichen“ Programmen wollte einmal mit verlässlichen Zahlen untermauert werden. Also habe ich mir mal das Fernsehprogramm einer Woche im September (von Samstag bis Freitag) geschnappt und ausgewertet. Und der subjektive Eindruck wird plötzlich sehr objektiv. In den Zahlen eingerechnet sind Polizeiserien wie das „Großstadtrevier“ und als Spezialfall auch die Fahndungssendung „Aktenzeichen XY“:

  • ARD: 5 Stunden, 45 Minuten
  • ZDF: 14 Stunden, 15 Minuten
  • RTL: 1 Stunde
  • Sat 1: 0 Stunden
  • Pro Sieben: 0 Stunden

Tatsächlich ist das ZDF absoluter Krimikanal. Neben den Freitags-, Samstags- und Sonntagskrimis gibt es eine ganze Phalanx an SOKO-Serien im Vorabendprogramm, so dass das ZDF pro Tag durchschnittlich auf über zwei Stunden Kriminalität kommt. Und betrachtet sind hier nur Krimiserien, also keine Spielfilme. Das ist eine ganze Menge Elend.

Warum Krimiserien?

Man sollte nun einmal hinterfragen, warum wir eigentlich so viele Krimiserien am Start haben. Zuerst käme man vielleicht auf die These, dass wir in Deutschland einfach gern Krimis anschauen. Gegenfrage: Tun wir das wirklich? Denn wenn wir allein nur einmal anschauen, dass die oben gezählten 21 Stunden Kriminalität auf gerade einmal drei Programme verteilt sind und von diesen drei Programmen das eine Programm nur 1 Stunde zählt, dann ist das nicht sehr homogen. Noch inhomogener wird das, wenn man berücksichtigt, dass ARD und ZDF in der so genannte „werberelevanten Zielgruppe“ deutlich auf verlorenem Posten steht. Und dazu kommt dann auch noch, dass eine ganze Latte dieser Krimiserien nicht in der Primetime laufen, wie beispielsweise ein Teil der SOKO-Serien und auch „Großstadtrevier“ der ARD, die allesamt im Vorabendprogramm gesendet werden und eher zur seichten Kost gehört.

Vielmehr gehören Krimis zu einer der ersten Unterhaltungsformen des Fernsehens und prägen das Fernsehen von Anfang an. Während in den USA das klassische Crime-TV in den 1970ern sein All-Time-High hatte und seitdem – mit Ausnahmen – auf dem absteigenden Ast ist, ist im deutschen Fernsehen von einem absteigenden Ast kaum etwas zu sehen, zumindest in Sachen Quantität.

Das liegt mitunter an zwei zentralen Eigenschaften von Krimiserien, zählen wir sie mal zu „Fernsehen 1.0“:

  • Vergleichsweise einfach strukturierte Drehbücher
  • Keine aufwendigen Studioproduktionen
  • Keine Spezialeffekte und damit günstige Postproduktion
  • In der Regel streng episodisch abgeschlossene Erzählformen
  • Krimis sind „ernste“, internationale und überparteiliche Kost, ohne die Gefahr, irgendwo größer anzuecken, wenn man es nicht darauf ankommen lässt

Fernsehen im Zeitalter des Multikanals

Das Ende des Fernsehens ist demnächst sicherlich nicht zu erwarten. Sehr wohl aber eine grundlegende Änderung des Sehverhaltens der Fernsehzuschauer. Fernsehen ist immer weniger eine Geschichte, die man jeden Abend einschaltet, um dann x Stunden bis zum Einschlafen darin in ein Programm hineinzuschauen. Es ist schon heute so, dass Fernsehen eine selektive und immer selektiver werdende Geschichte ist. Fiktionale Unterhaltung muss daher extrem professionell daherkommen, um überhaupt als unterhaltend erkannt und akzeptiert zu werden.

Das ist der Grund, weshalb amerikanische Produzenten von hochklassigen Fernsehserien schallend über die Kosten von 1 bis 1,5 Millionen Euro einer mittelmäßigen Tatort-Folge lachen können. Eine aktuelle Folge der Simpsons wird beispielsweise mit 1 Million US-Dollar veranschlagt, wobei zu berücksichtigen ist, dass es Trickfilm ist und die Trickarbeiten in Billiglohnländern produziert werden. Eine Folge „Dr. House“ gibt es, wenn man diversen Quellen glauben darf, gar erst ab 3 Millionen US-Dollar pro Folge und das ist für eine Serie, die quasi komplett in einem Studio produziert wird, nur 45 Minuten dauert und pro Staffel mindestens 20 Folgen aufweist, eine gewaltige Zahl.

Die Budgets allein sind es aber nicht, denn das würde beispielsweise nicht den Erfolg der vielen Sitcoms erklären, die in den USA produziert werden und es hier in Deutschland teilweise noch nicht mal auf die Programmtafeln schaffen. Hier gilt immer noch der Gedanke, dass Sitcoms eigentlich im „ernstne“, deutschen Fernsehen nichts zu tun haben und eher zu Klamauk gezählt werden. Ein grober Kardinalfehler, denn auch wenn Sitcoms oftmals eher unterhaltenden Charakter haben, haben Sie einen großen Vorteil: In ihnen lässt sich das normale Leben (soweit man davon sprechen mag) immer noch am besten verarbeiten.

Ein weiterer Punkt betrifft praktisch die gesamte Unterhaltung: Sie wird nicht von einem Drehbuchautor geschrieben, sondern von einer ganzen Batterie von gleichberechtigten Autoren, in der Regel auch mit mehreren Autoren pro Folge. Das gibt schon allein dadurch, dass mehrere Augenpaare mehr sehen, als nur eines, den großen Vorteil, dass eine Serie deutlich vielfältiger ist, als z.B. 20 Jahre Derrick. In vielen Ländern wird die fast schon maschinell wirkende Konstanz von Derrick hochgelobt und als „typisch deutsch“ eingeschätzt, aber das ist eigentlich kein Vorteil, das ist ein großes Dilemma, das man auflösen müsste.

Neue Formen, Formate, Experimente

Eigentlich mangelt es im deutschen Fernsehbetrieb an nichts: Es gibt eine gut entwickelte öffentlich-rechtliche Senderstruktur, es gibt große Privatsenderketten, es gibt etabliertes Pay-TV und es gibt eine umfangreiche Landschaft von privaten Produktionsgesellschaften, die Auftragsarbeit verrichten können, wenn der Etat stimmt. Man könnte loslegen – wenn man wollte.

Aber will man? Wenn man sich gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehmilieu anschaut, darf man getrost daran zweifeln. Experimentielle Formate finden keinen Platz, bei der ARD zudem keine echte Geduld mit der Intendantenriege. Das ZDF probiert sich wenigstens mit dem Digitalkanal ZDF Neo, hier fehlt es aber meiner Meinung nach am richtigen „Tritt“, auch mal etwas größeres zu produzieren und auszuprobieren. Der Raum dazu wäre da und noch nie gab es wirksamere Möglichkeiten der Begleitberichterstattung, wie im Internet- und Facebook-Zeitalter.

Man müsste wollen. Mut zur Lücke haben. Leuten die Luft zum Experimentieren lassen. Mal das Publikum fragen, was es sehen möchte und vielleicht das Publikum auch einmal mitarbeiten lassen an der Entwicklung eines neuen Formates. Man will nicht. Und versteht nicht, dass auf die „klassische“ Weise das moderne Fernsehen von morgen nicht funktionieren wird.

Danke, Thommy!

Ich muss schon wirklich sehr lange zurückdenken, wenn ich mich daran erinnern will, wann ich „Wetten, dass..?“ das letzte Mal wirklich in voller Länge angeschaut habe. Das muss irgendwann in den Neunzigern gewesen sein. Heute war eine Ausnahme, ich habe kurzfristig tatsächlich Termine sausen lassen, die das überschnitten hätten. Aber es musste sein, mein „interner Besim“ sagte mir, dass „Wetten, dass..?“ heute anzuschauen sei. Weil ein guter Freund heute Abschied feiert.

Vor einem Jahr habe ich einmal über das „Thomas-Gottschalk-Syndrom“ gebloggt. Dieses von mir frei so benannte Syndrom, das eigentlich ja gar keine Krankheit ist, habe ich als Überbegriff für ein Phänomen genommen, das in unserer Medienwelt auftritt: Als Zuschauer entwickelt man zu einem Prominenten – wenn man ihn gut leiden mag – ein seltsames Gefühl der Zuneigung und Freundschaft. Man hat das Gefühl, den Menschen gut zu kennen, er ist pünktlich, immer freundlich, gut zur Familie, unterhaltsam, spannend und doch etwas durchtrieben. Und obwohl wir fast schon glauben, ihn so gut zu kennen zu, kennt er uns nicht. Er unterhält uns nach dem One-to-many-Prinzip, absolut anonym. Vor der Kamera ist er, hinter der Kamera zig Millionen Menschen und die allerwenigsten dieser Menschen kennen ihn persönlich. Dennoch, für die meisten Menschen ist es „der Thommy“. Ein guter Freund des Hauses, der bei vielen Menschen einmal im Monat eintreten darf und zwei, drei Stunden Frohsinn mitbringt. Dem aber sicherlich auch genügend Menschen sofort und selbstlos bei einer Autopanne helfen würde.

Das besondere am Menschen Thomas Gottschalk ist, dass er nur bedingt ein guter Schauspieler ist. Gottschalk ist Gottschalk und „Wetten, dass..?“ lebte immer davon, dass es eine sehr authentische Show um die Idee des Kräftemessens ist. Sehr schwer vorstellbar, dass in so einer Show jemand persönlich verulkt, wissentlich um seinen Sieg gebracht, denunziert, betrogen oder gedemütigt wird. Diese Grundregeln des Anstandes verkörpert Thomas Gottschalk wie kein anderer und arbeitet auch genau so. Das Verstellen ist nicht sein Ding und wenn schon verstellt werden muss, dann bitteschön so überzeichnet, dass es als Klamauk ausdrücklichst gekennzeichnet ist. Eine Art und Weise der Unterhaltung, wie ich es nur von so Menschen wie Hans Rosenthal, Peter Alexander, Frank Elstner, Carmen Nebel und auch vom einst leider viel gescholtenen Wolfgang Lippert nachhaltig kenne.

Wenn ein Freund einen Abschied feiert, geht man hin und verabschiedet ihn. Und wenn man so einen Abschied einer Person feiert, feiert man gleichzeitig auch immer einen eigenen Abschied von dieser Person. Jeder hat da seine eigenen Erinnerungen, nach 23 Jahren Gottschalksche „Wetten, dass..?“-Fernsehunterhaltung ist bei mir als 36 Jahre alter Mensch natürlich das Gefühl präsent, dass ein Stück Kindheit endet, denn auch ich habe in meiner Schulzeit montags an Gesprächen über unglaubliche Wetten teilgenommen. Später auch in der Berufsschule, auch bei der Arbeit (und ironischerweise am kontroversesten in meiner Fernsehzeit). Alles so wie der Rest der Republik ebenfalls.

Der größere Schmerz, den ich bei diesem Abschied jedoch empfinde, ist ein Verlust meiner Fernsehwelt, wie ich sie mal beruflich kennenlernte. Die drei Jahre Fernsehen zwischen 1995 und 1998, die ich als Kameraassistent begehen durfte, waren noch „alte“ Fernsehwelt, die sich schon damals nach und nach verabschiedete. Ich gebe zu, dass ich nach dieser Fernsehzeit meinen Spaß an Fernsehunterhaltung immer stärker verlor und so Juwelen wie „Wetten, dass..?“ eine Zeitlang kaum ertragen konnte, weil sie mich so an meine unbeschwerte Fernsehzeit in meiner Kindheit und an meine Fernsehzeit selbst so erinnerten. Das kann man kaum erklären, so abstrus muss sich das anhören: Kein Fernsehen schauen wollen, weil es nicht unterhält, sondern unangenehm belastet. Und ich rede da gar nicht von den wirklich verabscheuungswürdigen Formaten aus dem Privatfernsehen, das ich gänzlich nicht schaue.

Wenn man einmal beim Fernsehen gearbeitet hat und gesehen hat, wie Show produziert wird, geht viel Illusion kaputt, die man vorher noch hatte. Ich glaube, dass ein Großteil meines gepflegten Zynismus auch da herrührt. Show ist Kampf, kostet irrsinnig viel Aufwand, Geld und Nerven und dieser Kampf muss geführt werden, gelegentlich auch ohne klare Zeilführung. Wenn dann ein Thomas Gottschalk das dennoch so gut und freundlich verpackt, dass man ihn eigentlich auch gern mal persönlich im Wohnzimmer empfangen würde, dann weiß man, was echte Fernsehunterhaltung ist. Und wenn so einer sein fast schon angestammtes Boot verlässt, dann verstehe ich sehr, sehr gut, was für Klöße viele Menschen gestern um kurz nach 23 Uhr im Hals und Tränen in den Augen hatten.

Das war pure Magie im Fernsehen. Davon wird es nicht mehr viel geben.

Eine Blog-Empfehlung und: Die Welt ist klein.

Ich empfehle ja normalerweise keine Weblogs weiter, aber diese Empfehlung ist eine solche Verkettung von Zufällen und das Weblog auch noch so gut, dass es einfach eine Empfehlung wert ist. Es geht hier um das Weblog namens Not quite like Beethoven von Alexander Görsdorf. Ein interessantes Weblog eines Menschen, der „wie Beethoven ist – nämlich ertaubt und öfters am daran verzweifeln.“

Mit einem besonders guten Gehör bin ich dank einer Reihe von Mittelohrentzündungen auch nicht gesegnet, aber dass es noch eine gute Packung schlechter geht, hört man selbst ironischerweise kaum, sondern kann es nachlesen. Beispielsweise eben bei „Not quite like Beethoven“.

So, und wie komme ich nun zu diesem kleinen Weblog in meinem Google Reader? Vor einigen Tagen habe ich mit Christiane vom Behindertenparkplatz getwittert. Das tun wir immer wieder einmal, weil Christiane in London in der Medienbranche arbeitet, an vielen interessanten Dingen gleichzeitig. Und Christiane sitzt im Rollstuhl, was wiederum – so ungalant darf man sein – interessant ist, denn als Nicht-Rollstuhlfahrer macht man sich kaum eine Reihe von den Gedanken, die sich ein(e) Rollstuhlfahrer(in) tagtäglich machen muss.

Wie auch immer: Vor einigen Tagen hatten wir es, nachdem ich erwähnte, dass ich meine Kompetenzen beim Weichlöten (gell, das wolltet ihr doch auch alle wissen!) in meiner Fernsehzeit gelernt habe, kurz davon, dass ich auch mal bei den Mainzelmännchen auf dem Mainzer Lerchenberg gearbeitet habe, just in der Zeit herum, als auch Christiane beim ZDF ein Praktikum absolvierte. Die Sendungen, für die sie arbeitete, kenne ich alle und ihre Bemerkung, dass man sich vielleicht ja durchaus damals über den Weg gelaufen sein könnte, finde ich extrem faszinierend, weil absolut möglich. Über die so genannte „Schnitzelpiste“, den zentralen Übergängen vom Sendebetriebsgebäude zum ZDF-Kasino, wird gesagt, dass man sich mittags eine Stunde dort hinstellen muss, um 75 % aller ZDF-Mitarbeiter kennenzulernen.

In diesem 140-Zeichen-Dialog fragte sie dann, ob ich das Blog da oben kennen würde, das würde nämlich vom Sohn des damaligen Chefkameramannes geschrieben werden. Da ahnte ich schon, wer das sein könnte, denn genau diesen Alexander Görsdorf hatte ich schon vor einigen Jahren in Xing gefunden und in meiner Direktheit gefragt, ob er tatsächlich der Sohn des besagten Chefkameramannes sei, was er, sicherlich mit einigem Staunen über so eine Frage aus dem Netz von einem Fremden, bejahte. Dieser Chefkameramann ist mir nämlich auch heute noch deshalb im Gedächtnis, weil er der erste Mensch im ZDF war, der mich anno 1995 mal kurz in die Tiefen des Hauses einführte, als ich von heute auf morgen (Betonung auf „heute auf morgen“) die nachträgliche Praktikumszusage erhielt und da plötzlich aufschlug, ohne überhaupt ein vorübergehendes Dach über dem Kopf im Rhein-Main-Gebiet zu haben.

Die Welt ist klein. Und Alexander Görsdorfs Weblog ein ganz interessantes. Christiane ihr Weblog ja sowieso. 🙂

Rückblick auf die zweite Staffel von „Protectors – Auf Leben und Tod“.

Das ZDF hat sich sehr ordentlich lange Zeit gelassen für die Ausstrahlung der zweiten Staffel der dänischen Krimiserie „Protectors – Auf Leben und Tod“, in Dänemark bekannt unter dem anschmiegsamen Namen „Livvagterne“ (was auf Deutsch schlicht und einfach „Leibwächter“ heißt). Während nämlich im dänischen Fernsehen die zweite Staffel Anfang letzten Jahres auf Sendung ging, mussten die deutschen Zuschauer auf die deutsch synchronisierte Fassung eineinhalb Jahre länger warten. Nun ja, Manöverkritik am Rande.

Diejenigen, die meinen Twitter-Stream lesen, durften die letzten Sonntagabende schon in den „Genuss“ meiner regelmäßigen „Sofortkritik“ kommen, die ich während der Ausstrahlung der einzelnen Folgen gab. Kurzum: Ich verteile ja, da in ich Pforzheimer, Lob nur in homöopathischen Dosen, denn „ned g’schimpft isch g’nug g’lobt“. Aber ganz so einfach kommen mir die dänischen Macher von Livvagterne nicht davon, denn die zweite Staffel war schlicht und einfach nix und eine eher unrühmliche Fortsetzung einer an sich gar nicht so schlechten Idee, nämlich der Begleitung einer selbstverständlich fiktiven Spezialeinheit von Leibwächtern, die wichtige Personen beschützen soll. Eine an sich interessante Thematik, die man aber, wenn man einigermaßen realitätsnah sein möchte, offenkundig eine stinklangweilige Angelegenheit sein muss, so wie die meisten aufregend klingenden Berufe.

Ein anderer Grund, weshalb in der zweiten Staffel die Geschichten von Livvagterne immer hanebüchener wurden, fällt mir nämlich nicht mehr ein. Anstatt dass es nämlich um den Schutz von VIPs geht, handelten immer mehr Folgen davon, dass ein Verwandter oder ein Freund eines der Leibwächter in irgendwelche Probleme hineingeraten ist und aus diesem Grund völlig problemlos und unbürokratisch Schutz und Dienstleistung eben dieser Spezialeinheit bekommt. Beispiel, Folge 2 der zweiten Staffel: Die Schutztruppe begleitet die dänische Außenministerin nach Russland. Dort wird eine regimekritische Journalistin, zufälligerweise Bekannte eines der Protagonisten, bedroht und der Personenschützer nimmt sie dann mal nach Dänemark mit. Oder Folge 5: Ein Freund eines der Personenschützer (ironischerweise wieder derjenige aus Folge 2) hat einen Freund, der im Kongo beim Diamantenhandel mitmischt, dort hopsgeht und per Sarg und mit im Darm inkludiertem Diamanten nach Dänemark transportiert werden soll. Machen dann die Personenschützer. Zwar eine der rasantesten Folgen mit Action – der Stoff prellt allerdings extrem. Der dänische Geheimdienst ist zwar offiziell auch eine Polizeibehörde, aber ob die so erfreut wären, wenn die Personenschutztruppe geheimdienstliche Operationen vornimmt?

Das ist in etwa so, wie wenn Sie ein Problem mit einem Strafzettel haben, einen guten Freund bei der Sondereinheit GSG9 haben und der Freund mit seiner Truppe bei Ihnen vorbeischaut und die Sache unbürokratisch klärt. Hat natürlich niemand etwas dagegen, noch nicht mal der Vorgesetzte der Truppe. Autsch. Das Leibwächter-Handwerk ist eng umfasst und es hat sicherlich seine Gründe, dass in Deutschland, der unumstrittenen Supermacht in Sachen Krimis, keine echte Serie gibt, die sich mit der Materie beschäftigt.

Und was auch noch auffällt: Der Bösewicht ist im Zweifelsfall immer der Moslem. Ich bin ja immer recht vorsichtig, wenn es um Stereotypen geht, aber bei der zweiten Livvagterne-Staffel ist es einfach zu klischeehaft. Man mag es sehen, wie man möchte, aber der Moslem ist nun eben mal nicht ständig derjenige, der wenig gebildet an nichts anderes denkt, als den Rest der Gesellschaft wegzubomben oder zumindest an jeder schlechten Story als Mittäter drinhängt. Ich möchte es nicht unterschwelligen Rassenhass nennen, dazu ist es sicherlich noch viel zu subtil angelegt. Für so durchgeknallte Typen wie den norwegischen Anders B., die schon extrem geladen durch die Gegend wandern, sind solche Serien sicherlich einer der Myriaden von Influenzpunkten, die dafür sorgen, dass sich Weltbilder im Kopf verschieben. Wird man mit Sicherheit in Zukunft anders sehen müssen, auch in Dänemark.

Fazit: Schade. Einer an sich guten ersten Staffel, die im Nachhinein gesehen schon weitgehend alles erzählt hat, was man in der Branche erzählen kann, folgte eine erheblich düstere und von Stereotypen durchtränkte zweite Staffel, die nichts besser macht und auch nichts vernünftig weiterentwickelt. Ist sicherlich dem engumzäunten Genre geschuldet, allerdings könnten sich die Macher mal diesen unangenehm hässlichen Ton gegenüber Moslems abgewöhnen. Idioten gibt es nun wahrlich wirklich überall und sie sind nicht auf religiöse Eiferer beschränkt.

Wie man als Fernsehmensch bloggen kann: Dirk Steffens.

Ich muss zugeben, dass mir der Name Dirk Steffens erst vor einigen Monaten geläufig wurde, als der begnadete Dokumentar- und Tierfilmer im ZDF bei der altehrwürdigen Reihe „Terra-X“ landete und dort die Serie „Faszination Erde“ moderiert, immerhin in der Nachfolge des unanfechtbaren Gott aller Wissenschaftsjournalisten, Joachim Bublath. Für Wissenschaftsjournalisten dürfte „Terra-X“ und überhaupt die Wissenssendungen in ARD & ZDF zum Olymp gehören, den man als Wissenschaftsjournalist so erreichen kann. Ist man da oben, muss man oben bleiben, denn es geht nur noch herunter.

Das ist von Dirk Steffens eher nicht zu erwarten. Und, ich bin des Lobes in Sachen Fernsehen: Es wäre schade, würde Dirk Steffens irgendwann einmal die Lust an seinem Job verlieren, denn er ist zweifelsohne das, was man als nächste Generation der Tier- und Dokumentarfilmer bezeichnen kann. Frische Moderation von tatsächlich erst kürzlich aufgezeichneten Folgen (im Durchschnitt keine sechs bis acht Wochen alt), fachlich auf hohem Niveau, angenehm und verständlich moderiert und garniert mit feinem Witz und Selbstironie. Wie zollt Steffens beispielsweise Respekt gegenüber Ureinwohnern Afrikas, die stundenlang im mäßigen Jogging-Schritt auf die Jagd gehen? Er läuft als Marathonläufer bin und versagt „schon“ nach zwei Stunden, völlig durchgeschwitzt, in der Mittagssonne Afrikas. „Und die Jungs schnaufen noch nicht mal!“ Ein Heinz Sielmann, Joachim Bublath und wie sie alle auch heißen, wären nie auf die Idee gekommen, das gestärkte Hemd gegen ein Trikot auszutauschen und das Leiden für den Zuschauer auch mal begreifbar zu machen.

Dirk Steffens ist demnach also einer, der mit dem Medium Fernsehen vortrefflich experimentieren kann – einem Grundauftrag eines jeden Fernsehschaffenden. Und er hat auch begriffen, dass man zur Dokumentation dieser Arbeit nichts besseres haben kann, wie ein Weblog. Seine Domain, auf die ich nur gegangen bin, weil ich neugierig war, wie die Homepage des Honorarkonsuls des Königsreiches Palau in Deutschland, das er auch noch ist, aussehen könnte, führt auf ein Weblog bei Blogger.com.

Und das ist genau so, wie man sich einen Dirk Steffens als Weltenbummler und Globetrotter vorstellt. Heute hier, morgen da, ein Fallbeispiel für ein echtes Reiseblog, schön bebildert und ausgestattet mit Tatsachenberichten, beispielsweise einem Unfall, bei dem er einen Lavabrocken (kalt) ins Gesicht bekommen hat. Selbst solche Sachen kann man mit feiner Ironie nachbearbeiten und aus einer Person eine unverwechselbare Marke schaffen. Mit einem einfachen Weblog und einer gehörigen Portion Enthusiasmus. Kurzum: Ich bin nahe dran, zu sagen: Perfekt.

Dass es das ZDF immer noch nicht geschafft hat, eine eigene, regelmäßig bestückte Blog-Plattform unter eigener Adresse zu schaffen, ist genau bei so einer hochproduktiv arbeitenden Person wie Dirk Steffens äußerst schade und vergeudetes Potential. Hey, ihr Mainzelmänner und -frauen – das ist die Zukunft!