• Der Mann, der nicht twitterte.

    Na da hat US-PrĂ€sident Barack Obama offensichtlich in ein Wespennest gestochen, als er vor chinesischen Studenten in Shanghai auf die Frage, ob diese twittern sollten, antwortete, dass er noch nie Twitter benutzt habe. Und das dann ausgerechnet zu Diskussionen ĂŒber das Verified-Account-Siegel fĂŒhrt, das Twitter den prominenten Besitzern von eigenen Twitter-Accounts anbietet und dass auch der Twitter-Account von Barack Obama schmĂŒckt.

    Um es mal sehr deutlich zu sagen: Wer tatsĂ€chlich glaubte, Barack Obama habe jemals selbst mit seinen eigenen zehn Fingern getwittert oder gebloggt, muss schon ein sehr hoffnungsfrohes Bild von Politik in der Enterprise-Klasse haben. Schon in den unteren Wahlkampf- und Politikklassen ist eine Handvoll Zeit, die man braucht, um Äußerungen innerhalb einer bestehenden Kommunikationsstrategie einzupassen, eine Sache, die man einfach nicht hat und die man innerhalb eines Teams zwangslĂ€ufig delegieren muss. Die Alternative wĂ€re das, was wir an den Politikern “von gestern” bemĂ€ngeln: Gar nichts schreiben.

    Es ist bei Äußerungen von Politikern immer so eine Sache, wie man Meinung verkauft. In erster Linie ist es erst einmal der Kandidat, der fĂŒr die Thesen steht, die unter seinem Namen “verkauft” werden. Liest man also eine Pressemitteilung, einen Artikel auf seiner Homepage oder in seinem offiziellen Twitter-Stream, dann ist es erst einmal der Kandidat, der da verkĂŒndet. Damit kann man es schon mal bewenden lassen, denn selbst wenn eine Äußerung im offiziellen Twitter-Stream von Barack Obama nicht von ihm selbst geschrieben wurde, gehe ich davon aus, dass Barack Obama das vertritt, was er da schreiben lĂ€sst.

    Twitter lĂ€sst sich als ein sehr persönliches Sprachrohr nutzen und das tun viele Menschen auch, in dem sie selbst die Buchstaben eintippen – aber von mĂŒssen steht da nichts.

    Im ĂŒbrigen hĂ€tte man nur die Online-Kampagne von Obama nĂ€her betrachten mĂŒssen, um schon sehr lange zu wissen, dass sie Obama nicht selbst erfunden und gefahren hat. Das Unternehmen hinter der Strategie nennt sich Blue State Digital, macht das auch nicht zum ersten und letzten Mal und wenn man sich das offizielle Kampagnenblog anschaut, so haben da schon immer viele Menschen aus dem Team Obama mitgeschrieben, aber eben alle eine Sache gemeinsam vertreten. Das ist moderner Wahlkampf.

  • “Komm, brechen wir auf.”

    Sagt der eine Genosse zum anderen. Es könnte aber auch eine Narbe sein, die das zur anderen sagt. Was ist nun mit der SPD? Geht es nach dem lang erwarteten Bundesparteitag wieder hinauf? Die Antwort “vielleicht” ist vermutlich die beste Antwort darauf.

    Es werden ja schon, wie ich mitbekommen habe, insgeheim Wetten darauf abgeschlossen, wie lange es dauert, bis ich wieder einen Mitgliedsantrag stelle. Und eines zumindest stimmt weiterhin, ich fĂŒhle mich der Sozialdemokratie als politische Grundrichtung immer noch am nĂ€chsten und zu dieser Auffrischung der Erkenntnis hat tatsĂ€chlich auch mein Austritt beigetragen.

    Über den Leitantrag kann man diskutieren und streiten; er stellt einen Weg dar, wie man die nĂ€chsten vier Jahre in der Opposition politisch ĂŒberleben will. Einen leichten Linksruck will man daraus herauslesen und ein deutliches Bekenntnis zur Vermögenssteuer, so fern auch eine Umsetzung mit der jetzigen vermögensfreundlichen CDU/FDP-Regierung auch ist. Was will man auch schon groß sagen, nachdem man sich hier seiner praktisch kompletten FĂŒhrungsriege entledigt hat und andere Leute das Steuer ĂŒbernehmen.

    Eine reumĂŒtige Aussage bleibt mir im GedĂ€chtnis und zwar die von Hubertus Heil:

    “Es ist richtig, das Netzsperrengesetz wieder rĂŒckgĂ€ngig zu machen.”

    Da muss ich sagen, lieber Hubertus Heil: Diese Erkenntnis hat lange gedauert! Wo seit ihr alle von der SPD-Bundestagsfraktion mit euren Bedenken gewesen, als ihr in einem Höllentempo fast einstimmig das Zugangserschwerungsgesetz mitgetragen und damit ohne wirkliche Not die Ursula-von-der-Leyen-Show mit jubiliert habt? Da war nichts zu hören, außer so gemurmelte SĂ€tze wie: “Nach der Tauss-Geschichte waren wir in Zugzwang und hatten keine argumentative Grundlage mehr.” Oder: “Warum habt ihr uns Onliner nicht frĂŒher gesagt, wie problematisch das Zugangserschwerungsgesetz ist?” Muss die Basis ihre Abgeordnete vor problematischen Abstimmungen warnen oder haben nicht doch Abgeordnete eine Verpflichtung, nach ihrem Gewissen abzustimmen und sich gegebenenfalls vorher kundig zu machen, fĂŒr was die da eigentlich die Hand heben? Es hat mir in den letzten Monaten durchaus öfters morgens glatt die Sprache verschlagen, als ich sehen musste, wie offensichtlich einfach es ist, Dinge durchzupauken, die zu den Grundfesten eines totalitĂ€ren Staates gehören und das in all diesen Bausteinen immer Sozialdemokraten beteiligt waren, die teilweise haarstrĂ€ubend wenig Widerstand leisteten und sich ein Entgegenkommen bei diesen AktivitĂ€ten mit anderen ZugestĂ€ndnissen haben abkaufen lassen, die man besser der eigenen Basis verkaufen wollte.

    Das Kind in Sachen Zugangserschwerungsgesetz beziehungsweise dem Zensursula-Gesetz ist in den Brunnen gefallen und wird uns Netzschaffende und freie BĂŒrger in Zukunft noch gewaltige Probleme bereiten, darĂŒber kann auch das vorĂŒbergehende Aussetzen des Gesetzes nicht hinwegtĂ€uschen, was die ach so den BĂŒrgerrechten verschriebene FDP, der meiner Meinung nach nicht im Ansatz getraut werden kann, durchgesetzt hat. Das eine Jahr Pause dient in erster Linie dazu, Gras ĂŒber die Sache wachsen zu lassen und nĂ€chstes Jahr ist das Ding wieder auf der Agenda. Und dann werden die Bedenken der SPD dank Opposition nicht mehr als ein leises HĂŒsteln im Grundrauschen des Parlaments sein.

    Gut, ĂŒberbewerten wir das Zugangserschwerungsgesetz in den heutigen Problemen nicht ĂŒbermĂ€ĂŸig, es gibt tatsĂ€chlich schlimmere Probleme. Wer aber nicht hören will, muss fĂŒhlen. Und wer einmal Dinge verkauft, die seine Basis eigentlich niemals verkaufen wĂŒrde, der muss Demut ĂŒben und sich langsam wieder nach oben arbeiten. Das ist der Zustand der SPD derzeit und Demut ist die einzig wahre Haltung, die man sich derzeit wirklich leisten kann.

    In diesem Sinne ist es noch ein langer, sehr steiniger Weg. Der Bundesparteitag der SPD in Dresden war ein Signal, ein vorsichtig hell leuchtendes, sicherlich aber kein historisches. Warten wir es ab.

  • Joe Job vom Feinsten.

    Dass man in Russland Dinge auch gelegentlich einmal anders, auf eher unkonventionelle Weise regelt, gehört inzwischen fest verwurzelt zum Empfinden ĂŒber russische VerhĂ€ltnisse. Und so verwundert auch folgende Spam eher nicht, die in letzter Zeit hĂ€ufiger aufschlĂ€gt und eine Homepage bewirbt, auf der es folgende Dinge zu shoppen geben soll:

    “Drugs (cocaine, heroin), missile (made in Russia), C4 explosive, children`s organs, and much more! Best child porno on the net
    See Free Porno Pictures, Free Porn Videos, Hot Porno Movies in Daily Updated Porn Galleries. … Hot Virtual Sex Game! Get a realistic pussy today”

    Nun ist man in Sachen Spam ja wirklich fast alles gewohnt, dieses Angebot ist dann aber selbst fĂŒr Menschen, die auf einem LSD-Trip schweben und betrunken sind, unfassbar und natĂŒrlich völliger Nippes. Es handelt sich um einen “Joe Job”, also um eine Nachricht, die in erster Linie dazu dienen soll, jemanden Unschuldigen zu diskreditieren. Und das sind bei diesen Joe Jobs, die allesamt jedes Mal eine neue Website zu “bewerben” versuchen, Websites, die mehr oder weniger sinnvolle Nachrichten enthalten, teilweise regimekritisch sind und möglicherweise fĂŒr den ein oder anderen unangenehm.

    Man muss im Internet nur lange und unnachgiebig genug Dinge behaupten, die jeglicher Grundlage entbehren mögen, irgendwann glaubt es dann doch jeder oder es lassen sich vorher die Verantwortlichen an den Pranger stellen und so genannte Untersuchungen einleiten, bei denen man natĂŒrlich auch etwas findet.

  • WordPress 2.8.6.

    Um es in kurzen Worten zu umfassen: Kann man installieren bzw. eine bestehende WordPress-Installation darauf upgraden. Die Version 2.8.6 behebt zwei Fehler, die nur AktivitÀten von registrierten und eingeloggten Benutzern betreffen, ist also ein klassisches Update zum Stabilisieren der Codebasis.

    Wer stets fleißig ist und schon auf dem Versionsstand von 2.8.5 ist, kann sich, wie immer, das aktuelle Upgrade-Paket der emsigen HeinzelmĂ€nnchen von WordPress Deutschland ziehen (immer ganz unten auf der Seite), das nur die Dateien enthĂ€lt, die aktualisiert werden mĂŒssen.

    FĂŒr diejenigen, die die deutsche Übersetzungsdatei nutzen, lohnt sich auch eine Aktualisierung, denn diese wurde ebenfalls gestern fĂŒr die Version 2.8.6 aktualisiert. Auch hier einfach herunterladen und die zwei Dateien in den Ordner /wp-content/languages/ schieben.

    Die ganz Faulen unter uns bedienen sich dem Update-Link ihrer WordPress-Installation, um das alles vollautomatisch mit sich und ihrer Installation machen zu lassen. 😉

  • Die Online-Strategie, die keine ist.

    Teil 3 der LösungsvorschlÀge ist nochmal eine Ist-Analyse, diesmal aber spezifisch auf das, was Printmedien im Internet veranstalten. Ist leider auch nochmal recht schmerzhaft.

    Die Online-Strategie vieler Tageszeitungen folgt folgendem Kochrezept:

    1. Man nehme das bestehende Redaktionssystem, schweiße am Ende ein T-StĂŒck ein und flansche an dieses weitere Ende ein Fallrohr an, das in die Homepage der Zeitung fĂŒhrt.
    2. Der Redakteur, der einen Zeitungsartikel schreibt, besitzt die GĂŒte, in seinem Redaktionssystem in den Veröffentlichungsparametern optional ein Flag zu setzen, mit dem er den Artikel so markiert, dass er bei der Veröffentlichung durch das T-StĂŒck und durch das Fallrohr in die Homepage fĂ€llt und dort erscheint.
      Warum ich von einem Fallrohr spreche? Darum:

    Die meisten dieser Konstrukte sind eine Einbahnstraße, die sich nach dem richtet, wie eine Zeitung funktioniert. Der fertige Artikel geht zum Layouter, von dort zum Belichter und schließlich auf die Rotationsmaschine. Und damit ja auch nichts diesen Siphon wieder hochsickert, macht man es bei Online eben auch so. Was du schreibst heute, ist Gesetz und was ich gestern schrieb, interessiert mich einen Kehricht. Und daraus ergeben sich folgende PhĂ€nomene:

    • Die Homepage einer solch bestĂŒckten News-Site Ă€ndert sich meistens gegen Abend ab 20 Uhr und in Artikeln wird von heutigen Geschehnissen bereits von gestern gesprochen, weil die Artikel ja morgen in der Zeitung erscheinen werden.
    • Der Mix der Homepage ist, höflich ausgedrĂŒckt, einer gewissen WillkĂŒr ausgesetzt. Einerseits will man auch online informieren, andererseits will man das aber natĂŒrlich nicht, weil man ja die Printausgabe mit mehr Features ausstatten muss. Und so kommt es, dass man ĂŒber besondere Geschehnisse online mal etwas findet, mal auch nicht, mal dem Anlass wĂŒrdig informiert wird, mal auch nicht.
    • Dank der starren Denkweise, die sich nach der Arbeit an einer Zeitung richtet, fehlt jegliche Möglichkeit, Artikel, die an mehreren Tagen entstanden sind und thematisch zusammengehören, an einen Ariadnefaden zu hĂ€ngen und logische Meme zu bilden, also beispielsweise durch Verweise auf Ă€ltere Artikel zu diesem Thema oder weiterfĂŒhrenden Texten. Und das ist das wirklich grĂ¶ĂŸte Frevel dem Verstand gegenĂŒber, denn hochwertiger Content ist da, Technik ist da und keiner verbindet den Content miteinander.
    • Zumindest eine Sache ist bei Verantwortlichen angekommen: Das Internet hat mehr Platz gegenĂŒber der klassischen Zeitung und Platz muss ausgenutzt werden. Also darf der Zeitungsfotograf ran und neben den ausgewĂ€hlten Fotos, die dann auch im Artikel der Printausgabe landen, noch den restlichen MĂŒll aus seiner Speicherkarte in die Homepage hochdonnern und das alles in eine Bildergalerie endlagern. Bilder machen Leute also machen Leute auch Bilder, möglichst viele und alles dann hochwuppen. „Interessant“ ist marginal, wichtig ist die Klickrate. Wenn sich der Konsument gelangweilt durch zehn Seiten Bildergalerie durchballert, ist zwar nichts informiert, aber dennoch verdient.
    • Hat da jemand gerufen, der sagt, dass das Internet auch rĂŒckkanalfĂ€hig ist? Ah, gut, dann machen wir doch ein GĂ€stebuch! Oder ein Online-Forum! Und, hey, wir denken uns noch ganz andere Dinge aus, beispielsweise Blogs, in denen Leser auf unserer Plattform bloggen dĂŒrfen, das dĂŒrfen sie im Internet ja sonst nicht!

    Kamera lÀuft!

    Besondere Heiterkeit kommt auf, wenn Verlage das umsetzen, was sie so schön in Worte wie „Grenzen ĂŒberwinden“, „MedienbrĂŒche vollziehen“, „multimediale Inhalte prĂ€sentieren“ verpacken, in den lokalen Elektrofachhandel gehen und die Zukunft einkaufen: Eine Videokamera, ein Mikrofon, ein Stativ. Wie schön man doch geschriebene Artikel mit bewegtem Bild und Ton aushĂŒbschen und ein bisschen Fernsehsender spielen kann!

    So kommt es, dass das mediale Erbrochene, das meist von Privatsendern tagtĂ€glich per Satellit, Kabel oder Hausantenne in die Wohnzimmer des Landes hineingekotzt wird, nun auch noch mit Abwaschwasser aus der Region ergĂ€nzt wird, mit allem, was dazugehört: In heimischer Mundart sprechende Amateurmoderatoren, verwackelte KamerafĂŒhrung, schmerzhafte Umschnitte und lauwarme Inhalte und peinliche Programmformate. Ja, sicherlich hat man als regionaler Programmanbieter einen gewissen Bonus, nicht unbedingt den gleichen QualitĂ€tskriterien wie den großen BrĂŒdern entsprechen zu mĂŒssen. Aber man kann durchaus.

    Dazu kommt, dass Fernsehen sĂŒchtig macht und es keine wirkliche Kunst ist, mit Fernsehen mehr Menschen erreichen zu können, als mit einer Zeitung, die man zumindest noch lesen muss. Also lĂ€sst man sich berauschen vom Erfolg und legt Holz nach. Mehr Bilder, neue Formate, Liveproduktionen, Monologe von Lokalpolitikern, Erzeugen von BeitrĂ€gen zu Themen, die schon in geschriebener Form niemanden interessieren.

    Und weil man so vor sich hinschwitzt, ergibt man sich einem anderen PhĂ€nomen der Mitmachwelt: Man kauft Bilder ein. Nicht von einer Agentur, was ja richtig Geld kosten wĂŒrde, sondern von Hobbyfilmern, die mit ihrer Kamera zur richtigen Zeit am richtigen Ort standen oder von einer ganz besonderen Klientel von Medienschaffenden, den so genannten Blaulichtfilmern. Mord, Totschlag, Unfall, Blut, Tod, punktgenau geliefert, gern auch schon geschnitten und sendefertig.

    Wie dieser Mix aus vielen einzelnen Schnitzeln, die zusammen kein sinnvolles Programmangebot ergeben können und am ehesten dem Boulevard-Fernsehen entsprechen, funktionieren soll? Keine Ahnung. Ist aber auch weitgehend egal, denn die tĂ€gliche Portion Scheiße (ja, genau, Scheiße), die man da ins Internet herausblĂ€st, ist auch nur fĂŒr das Internet bestimmt und soll nur das begleitende Machwerk zum edlen Zeitungsblatt darstellen, dass man sich als Nichtleser gefĂ€lligst zu kaufen hat, wenn man von den Online-Machwerken ĂŒberzeugt ist.

    Und wir wollen uns kurz zurĂŒckerinnern: Sie wollen zukĂŒnftig sogar dafĂŒr bezahlt werden, dass man das alles im Internet erleben darf


    Was tun sie nicht, wo sie eigentlich ihr Geld verdienen?

    Das kann man in einem Satz beschreiben: Einen Anzeigenmarkt im Internet.

    Warum im Internet, so meint man zu hören, wir haben den Anzeigenmarkt doch in der Zeitung schon drin. Es gibt keinen anderen Bereich einer Zeitung, der stĂ€rker die Kernkompetenz unterstreicht, wie der Anzeigenmarkt, der zielgerichteten Content darstellt, den man gar nicht selbst erstellen muss und den man sich auch noch gut bezahlen lĂ€sst. Also mĂŒsste man, wenn ich da mal als Nicht-Zeitungsmann darĂŒber nachdenke, doch zuschauen, wie man diesen Dukatenesel in eine zukunftsfĂ€hige Form auch ins Internet ĂŒbernehmen kann.

    MĂŒsste man. Tut man aber nicht und hat man auch noch nie getan. Stattdessen schaut man zu, wie der Anzeigenmarkt wegbricht. Und das ist keinesfalls ein neues PhĂ€nomen, sondern begann schon vor Jahren mit der Kernkompetenz des damals noch schwer anonymen Internets, nĂ€mlich den Kontaktanzeigen, die mehr oder weniger seriöse Anbieter ins Internet stellten bzw. eine Plattform dafĂŒr einrichteten. Sie nannten es nur nicht mehr Kontaktanzeigen, sondern Orte zum Flirten oder fĂŒrs Dating.

    Anstatt nun damit zu kontern, auf den eigenen DomĂ€nen einen eigenen Markt fĂŒr Kontaktanzeigen aufzubauen, hat man ein ganz heißes Pferd erwischt: Anbieter, die bundesweit Kontaktanzeigen sammeln, diese fĂŒr regionale Anbieter heruntersyndizieren und – nun wird es ganz spannend – es ermöglichen, dass ein Kontaktinteressierter seine Wunschperson anrufen kann und das ĂŒber eine 0190er- bzw. spĂ€ter ĂŒber eine 0900er-Nummer.

    Willkommen im Land der toten PlĂŒschtiere!

    Im nÀchsten Teil wird aufgerÀumt und wir kommen zu dem, worauf es wirklich ankommt: LösungsvorschlÀge.

  • Wenn Verkehrsmelder chatten.

    Immer wieder schön, wenn man anstatt der nackten Nachrichten auch mal etwas darĂŒber erfĂ€hrt, wie diese Nachrichten entstehen:

    Chat in den Verkehrsmeldungen von SWR3.de

    Es scheint, dass die ArbeitsatmosphĂ€re in der Verkehrsredaktion des SĂŒdwestrundfunks aufgelockert, freundlich und innovativ ist. Und das meine ich ernsthaft so. 😉

  • Ist-Analyse der Presse im Internet-Zeitalter.

    Fangen wir bei den LösungsvorschlÀgen zunÀchst mit dem Schmerzvollen an, der Bestandsaufnahme. Was ist los in der Printwelt, warum geht da nichts? Mehrere Entwicklungen setzen dabei den Printmedien zu, aber fangen wir erst mal an, die neuen Player zu definieren:

    Der Computer

    Huch, wird sich da jetzt vielleicht der ein oder andere denken, der Computer ist schuld? Im Grunde genommen ist er das, denn viele Menschen sitzen tagtĂ€glich vor einem. Der BĂŒroangestellte, der Werkstattleiter, der Schalterbeamte, der Sachbearbeiter. Durch den Wandel in der BĂŒroarbeit in den letzten Jahrzehnten ist der moderne Angestellte in einem BĂŒro immer stĂ€rker zu einem Mensch geworden, der mehr und mehr telefoniert und am Computer arbeitet.

    Das hat zwei Effekte:

    • Die BĂŒroarbeit ist schnelllebiger und strukturierter geworden. FrĂŒher war es ein Sachbearbeiter, der von einem Vorgesetzten die Arbeit zugewiesen bekommen hat, heute ist der Vorgesetze in der modernen BĂŒrofĂŒhrung meist nur noch der Verantwortliche. Zugewiesen wird die Arbeit durch den Ablauf im BĂŒro. Bestes Beispiel: Kundenservice am Telefon. Gab es vor langer, langer Zeit mal einen menschlichen Dispatcher, so macht das Kollege Computer und kĂŒmmert sich weitgehend darum, Zuweisungen vorzunehmen.Das fĂŒhrt alles dazu, dass fĂŒr den normalen Angestellten die mehrschichtige Arbeit nicht mehr nur die Ausnahme ist, sondern immer stĂ€rker NormalitĂ€t. Wir sind es gewohnt, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. NatĂŒrlich nicht alles mit gleicher PrioritĂ€t, aber gerade diese Organisation der TagesablĂ€ufe, die weitgehende Ungewissheit bis zu Arbeitsbeginn, was heute alles anstehen wird, das ist keinesfalls schon immer so gewesen.
    • Der moderne Computer ist ein „diskretes Zwei-Wege-KommunikationsgerĂ€t“ fĂŒr den Angestellten (kein echtes Fachwort, aber mir fĂ€llt nichts sinnvolleres ein). Zum Vergleich: Die Schreibmaschine ist Oneway, damit kann ich nur schreiben, bekomme aber nicht sofort eine Antwort und kann damit schon gar nicht lesen. Das Telefon ist Zweiweg, allerdings nicht diskret: Wenn ich mir am Telefon Nachrichten vorlesen lasse, ist das fĂŒr andere sichtbar.Man kann am Computer, Entschuldigung folgt gleich, Arbeit vorschĂŒtzen. Das muss aber gar nicht unbedingt so sein, sondern ist möglicherweise eine Notwendigkeit. Was sich nĂ€mlich als FrĂŒhstĂŒckspause durch WerkstĂ€tten zieht, ist in modernen BĂŒros so etwas wie auf den ganzen Tag verteilte „Mikropausen“, die man braucht. Zwischen zwei Tasks fĂŒnf Minuten, gut genug fĂŒr einen Pausensnack (deren Marketing ebenfalls genau in diese LĂŒcke schlĂ€gt) und gut genug, kurz abzuschweifen.

    In der privaten Nutzung ist der Computer dank des Preisverfalls der letzten Jahre inzwischen ein ĂŒbliches GerĂ€t geworden. Ein Computer, vor zwanzig Jahren, als beispielsweise ich einen Computer von meinem Vater bekam, noch eine weitgehend exotische Angelegenheit in Arbeiterhaushalten, ist heute quer durch alle Gesellschaftsstrukturen und Altersklassen zu finden. Und dabei ist das eine atemberaubend schnelle Entwicklung gewesen, vor 15 Jahren haben wir auf dem Computer, der dann gern schon ein Pentium sein durfte, noch MS-DOS 6.2 und Windows 3.11 benutzt.

    Das mobile GerÀt

    Immer hĂ€ufiger sind dank mobiler GerĂ€tschaften nun auch der Bus-, Taxi- und LKW-Fahrer (in den Pausen) und auch Menschen, die in Leerlaufzeiten unterwegs Langeweile verspĂŒren, im Verlangen, diese Zeit nicht mit DĂ€umchen drehen zu verbraten, sondern sich zu informieren oder zu unterhalten. Das, was frĂŒher das klassische Feld der Tageszeitung war, teilt sie sich nun mit MP3-Playern, auf denen Musik oder Podcasts gehört werden, tragbaren Spielekonsolen oder Smartphones mit Online-Zugang.

    Mobile GerĂ€te stopfen aber auch einen anderen, ureigensten Raum der Tageszeitung, den sie bis dato praktisch von Anfang an fĂŒr sich beanspruchte und besondere IntimitĂ€t mit dem Leser versprach: Nach dem Aufstehen. Einen Computer muss ich hochfahren, eine Zeitung ist geholt und „sofort da“. Ein mobiles GerĂ€t ist aber ebenfalls sofort da und funktioniert im ĂŒbrigen erheblich besser in einer engen Toilette, als die Zeitung.

    Das Internet

    Das Internet ist der SchlĂŒssel fĂŒr Computer und mobiles GerĂ€t, weil es den Weg zur Nachricht im Gegensatz zur Zeitung umgekehrt. Nicht mehr ich gehe zur Nachricht, in dem ich die Zeitung kaufe, sondern die Nachricht kommt zu mir, nĂ€mlich immer dann, wenn ich genau jetzt gleich die Packung Nachrichten haben möchte. (Auf den Umstand von zeitungsartigen Nachrichten und Live-News komme ich noch zu sprechen). Der Konsum von Nachrichten verschiebt sich immer weiter weg vom zeitlich genau eingepassten Ritual hin zum stĂ€ndig tröpfelnden, aber hochkonzentrierten Mikro-Konsum.

    NĂ€chster Schlag fĂŒr die Tageszeitung ist der Wettbewerb: Als Abonnent der klassischen Tageszeitung habe ich Auswahl ĂŒber zwei Lokalzeitungen und vier ĂŒberregionalen Zeitungen. Aber schon mal probiert, auf dem Land die USA Today zu abonnieren? Selbst wenn ich sie kaufen wollte, was tagesaktuell sogar geht, da sie in Deutschland gedruckt wird, muss ich zum Hauptbahnhof fahren. Im Internet ist sie immer da, selbst abends, wenn sie im Bahnhofskiosk dann schon wieder ausverkauft ist und eigentlich auch nicht mehr interessant, da in den USA schon die nĂ€chste Ausgabe am Start ist.

    Der Konsument stellt sich mithilfe des Internets seinen ganz eigenen Nachrichtenmix zusammen, den er frĂŒher, vor dem Internet, dadurch herstellte, in dem er in seiner Tageszeitung bestimmte Teile gar nicht las, eine zweite Zeitung hatte oder die LĂŒcke mit einer Fachzeitschrift fĂŒllte. Die Packung Aktuelles bekam er ĂŒber das Radio und den Tagesabschluss per Tagesschau. Heute ist das Internet von morgens bis abends am Start.

    Wir konkludieren:

    Die klassische Tageszeitung kÀmpft also auf mehreren Fronten gleichzeitig:

    • Sie hat viel weniger exklusive Zeit zur VerfĂŒgung, um Menschen zu informieren/unterhalten.
    • Sie steht selbst als Lokalzeitung plötzlich in einem globalen Wettbewerb, obwohl sie erstaunlicherweise keine lokale Konkurrenz hat beziehungsweise die lokale Konkurrenz an den gleichen Problemen leidet.
    • Sie verliert mit aktiven, berufstĂ€tigen und gebildeten Menschen vor allem die Kundschaft, die fĂŒr Anzeigekunden am interessantesten ist.
    • Ihr lĂ€uft der Anzeigenmarkt weg, der fĂŒr viele Werbeformen im Internet bessere und zielgruppenspezifischere Wege findet.
    • Sie ist das Medium, das mit dem Papierdruck mitunter die höchsten Produktionskosten hat, den lĂ€ngsten Vorlauf fĂŒr das fertige Produkt und den starrsten Distributionskanal.

    Weiter geht es im nÀchsten Artikel dann nochmal mit Schmerzen, nÀmlich mit dem, was viele Zeitungen im Internet bisher veranstaltet haben und wie sie damit jeden Tag wieder und wieder ihr Versagen in die Online-Welt senden.

  • Aus einer Werbemail.

    Wenn man schon in einer Werbemail etwas herausstreichen will, sollte man wenigstens das einmal querlesen, bevor man es raushaut:

    Rechtschreibfehler im Angebotstext.

  • Die Printmedien kapseln sich ein.

    
 und keinen stört es. Das zumindest ist der erfreuliche Aspekt dieser höchst erstaunlichen Bewegung. Anstatt dass man sich einem Wettbewerb mit den Online-Medien stellt (der zugegebenermaßen elementar ist), duckt man sich auf allen Fronten weg, man muss nur die Nachrichten lesen:

    Nummer 1: Rupert Murdoch, der Große Zampano und berĂŒhmteste Rentner der Medienwelt, gibt sich auch nach Jahren immer noch der Peinlichkeit hin, das Internet nicht ansatzweise verstanden zu haben und will jetzt Google von seinen Websites weghalten. Wobei, da machen wir es uns zu einfach, denn das Internet hat er dahingehend verstanden, wenn es darum geht, Produktionskosten durch immer stĂ€rkere Syndizierung zu senken. Er hat nur, wie viele andere Medienmenschen auch, offensichtlich eine Heidenangst davor, in direktem Kontakt mit den Konsumenten zu treten, frĂŒher stand da immer noch die Rotationsmaschine dazwischen.

    Nummer 2: Das Medienhaus M. DuMont Schauberg stampft die Netzeitung ein und faselt dunkel etwas davon, dass sich das Format so nicht funktionieren wĂŒrde – und das mit einer Stammredaktion von gerade mal 12 Redakteuren. Ausgerechnet die WELT, ein Blatt des Axel-Springer-Verlages, der der Meinung ist, dass man die WELT den iPhone-Besitzern nur noch gegen Bares zur VerfĂŒgung stellen sollte, konstatiert erstaunlich offen:

    “Zwei Lehren, die man ziehen könnte: Der angebliche Niedergang der Print-Branche ist reich an Scheinkorrelationen. Zweitens: So erbarmungslos zu sparen, dass sich die Leser abwenden, ist nicht abhĂ€ngig vom Medium. Es kann Print wie Internet treffen.”

    Das ist leider Fakt, denn mit dem Ansatz der Netzeitung, die von norwegischen Online-Journalisten im Jahr 2000 erfunden wurde und nicht von einem muffigen Verlagshaus, das Papierbahnen von Bitströmen nicht unterscheiden kann, hat praktisch keiner der nachfolgenden Besitzer der Netzeitung etwas anfangen können und jetzt endet das Projekt als Newsaggregator – als dumme Nachrichtenmaschine. Und das in Zeiten von Google News.

    Sprich: Sie alle leiden stark, sind in schwerem Fahrwasser, verlieren Leser scharenweise, ziehen die GĂŒrtel an. Aber keiner kommt auch nur ansatzweise auf die Idee, mal zu fragen, warum der Leser eigentlich weglĂ€uft. Gut, das musste man jahrzehntelang auch nicht machen, weshalb das vielleicht nicht ganz so einfach ist. Aber: Gestorben wird umso schneller, je frĂŒher man glaubt, mit Gewalt ginge es besser.

    Ihr, mit Verlaub, dĂ€mlichen Holzmedien werdet jĂ€mmerlich verrecken, wenn ihr nicht bald (also eigentlich schon gestern) damit anfangt, euren Lesern zuzuhören und euren Redakteuren mehr Online-Kompetenz beizubringen und sie auch mehr Online machen zu lassen – möglicherweise auch in Projekten, die nicht sofort zu monetarisieren sind, wie das nĂ€chste Zeitungsblatt. Das ist alles sehr anders, aber was glaubt ihr denn, wie die Neuigkeiten erfunden werden, ĂŒber die ihr tagtĂ€glich berichtet? Aus dem Ticker kommt die Nachfrage jedenfalls nicht.

    Im nĂ€chsten Artikel zu diesem Thema, den ich hier schon seit Tagen auf Halde schreibe und der leider wieder verdammt groß wird, gibt es Consulting frei Haus. FĂŒr die armen Printmedien. Ein paar Mutmaßungen und Ideen, wie es weitergehen könnte. Auf der Rotationsmaschine und im Internet.

    Das alles auch deshalb, weil ich inzwischen verstanden habe, dass von den Printmedien hier nichts sinnvolles kommen kann und man tatsĂ€chlich auf die reflexartigen Kommentare Einzelner, man möge doch mal bitte sagen, wie man es besser machen könnte, offenbar tatsĂ€chlich reagieren muss, bevor sie mit Aussperren ihrer Inhalte die eigene Industrie zugrunderichten und nebenbei mit Gedanken zu Leistungsschutzrechten offenbar problemlos auch ihre Ehre verkaufen wĂŒrden.

  • Blinder Rassismus auf Websites von Tageszeitungen.

    Wir Leute, die wir uns fĂŒr gewöhnlich als “Digitale Native” sehen, also Menschen, die ein ausgeprĂ€gtes KommunikationsbedĂŒrfnis an den Tag legen, verstehen uns gern als sehr aufgeklĂ€rte und abgeklĂ€rte Menschen in der Gesellschaft, die sehr wenig mit so Dingen wie Rassismus anfangen können. Und das hat auch Programm, denn fĂŒr die meisten von uns ist es ĂŒberhaupt kein Thema, Bekannte, Freunde und GeschĂ€ftskollegen in aller Welt zu haben, mit allen sprachlichen, nationalen und religiösen HintergrĂŒnden. FĂŒr die meisten von uns ist das kein Problem, sondern ein Grundeigenschaft unseres Online-Daseins und des normalen Lebens, die wir nicht zuletzt durch das Internet gelernt haben.

    Sind es am Anfang einer Technologie noch eher hochgebildete Menschen, die sich der Technologie annehmen, steigt der Anteil der “normalen” Menschen im Laufe der Zeit mit der Zahl der Anwender, die einen normalen oder schon eher unterbemittelten Intellekt mitbringen. Zu dem Mainstream gehören dann unter anderem auch das Klientel der Menschen, die andere Menschen schon deshalb nicht leiden können, weil sie einen Höcker in der Nase haben.

    Grundtenor ist, dass Rassisten und Nationalisten kaum einen Fuß in ein Medium oder Forum bekommen, in denen Digital Natives diskutieren – sie kommen schlicht und einfach nicht an mit ihren platten Thesen. Schnell sind solche Diskutanten erkannt und abgekanzelt und selbst diejenigen, mit denen man als Migrant die heftigsten Diskussionen hat, kennen bei einer Sache ĂŒberhaupt keinen Spaß, nĂ€mlich bei rassistischem Gedankengut. Mit Protektionismus hat das ĂŒberhaupt nichts zu tun, das ist eine Grundhaltung.

    Worauf wir Digital Natives möglicherweise gar nicht gedacht haben, ist der Umstand, dass der Mainstream Foren bevölkert, fĂŒr die wir uns viel zu erwachsen fĂŒhlen. WĂ€hrend es nĂ€mlich fĂŒr Rassisten bis dato eher schwierig war, Online-Foren zu finden, die zum einen von Digital Natives verschmĂ€ht werden, zum anderen aber genĂŒgend Reichweite bieten, so hat sich das geĂ€ndert. Und die Anbieter sind ausgerechnet auch noch die, die eh schon ein Problem mit dem Internet haben: Die Zeitungen und hier insbesondere Regionalzeitungen.

    Beispiel 1: Die Pforzheimer Zeitung, weil es so naheliegt und weil ich schon vor ĂŒber einem Jahr die MissstĂ€nde anmerkte. Hier ist es so, dass das Redaktionssystem es ermöglicht, dass jeder redaktionelle Artikel im Grundzustand die Möglichkeit bietet, von Lesern kommentiert zu werden. Der erste Kommentar startet dann im separaten Online-Forum einen Thread aus, in dem dann wiederum andere Leser diskutieren können.

    Das lĂ€sst sich natĂŒrlich erst einmal gut als Argument fĂŒr Meinungsfreiheit verkaufen. Und das lĂ€sst sich dann natĂŒrlich auch sehr gut monetĂ€r vermarkten, denn Online-Foren erzeugen, wenn sie “flutschen”, Klickraten, dass einem Hören und Sehen vergeht und die mit ziemlicher Sicherheit einen großen Teil der Zugriffszahlen so mancher Regionalzeitung ausmachen.

    Der Teufel liegt jedoch im Detail und hier ganz und gar in tumorösen Strukturen: Stetig befeuert werden solche Online-Foren nĂ€mlich durch das, was die Zeitung schreibt und das muss heutzutage blutig und heftig sein. Das bekommt man fĂŒr gewöhnlich als Zeitung weitgehend frei ins Haus, nĂ€mlich in Form der Presseverteilers der hiesigen Polizei, des Amtsgerichts und von anderen Behörden. Wer die heute bekommt, weiß weitgehend schon, wie der Lokalteil der Regionalzeitung von morgen aussehen wird und was vorab als Aufmacher auf der Homepage landet.

    Pressemitteilungen ĂŒber Straftaten, die in irgendeiner Form einen Integrations- oder Migrationshintergrund haben, sind hierbei ein gefundenes Fressen fĂŒr Rassisten, die das dann sogleich ausschlachten und Pseudo-Diskussionen auslösen, die eine gewisse Grundstimmung erzeugen sollen. Ich verzichte auf Zitate und verweise auf drei originale und aktuelle Threads im Online-Forum der Pforzheimer Zeitung:

    Es gehört zu den bewĂ€hrten Maschen von Sektierern, diffuse Grundstimmungen ĂŒber vermeintliche Ungerechtigkeiten zu erzeugen. Das macht man mit Stilmittel, in denen man Dinge behauptet, die oftmals nachweislich nicht stimmen, jedoch nur mit einer gewissen Arbeit zu widerlegen sind und irgendwann auch von Nicht-MeinungsfĂŒhrern ungefragt als Tatsache hingenommen werden. Das, was keine vernĂŒnftig denkende Redaktion in ihrer Tageszeitung im Leserbriefteil als MeinungsĂ€ußerung hinnehmen wĂŒrde, passiert tagtĂ€glich in Online-Foren von Tageszeitungen und wird nur sehr halbherzig moderiert, offensichtlich weitgehend nur dann, wenn jemand einen Artikel meldet.

    Dass die Sektiererei irgendwann gut funktioniert, wenn man als Forenmoderator nicht von Anfang an die ZĂŒgel in der Hand hĂ€lt, zeigt sich, wenn es um eher harmlose Themen geht und die dann immer hĂ€ufiger in stereotypische Diskussionen abdriften. Auch hier ein Beispiel:

    Mit ziemlicher Sicherheit ist mehr oder weniger latent auftretender Rassismus kein Problem, das nur in Pforzheim auftritt. Es ist aber zumindest ein Problem, das in weniger gut gepflegten oder vermeintlich besonders der Meinungsfreiheit verschriebenen Online-Foren deutlicher in Erscheinung tritt, als in vergleichbaren Online-Foren anderer Zeitungen – und das auch anderswo so passiert, hier in meinem Beispiel Nummer 2 bei der Nordsee-Zeitung aus Bremerhaven:

    Andere Zeitungen (deren Namen ich hier nicht nenne) haben nach eigener Aussage das Thema Online-Forum nach einiger Zeit des Experimentierens unter anderem wegen Ă€hnlicher Erfahrungen aufgegeben. Das Aufkommen an zu moderierenden Artikeln beschĂ€ftigte mitunter einen Mitarbeiter fast einen halben Tag, in einem Fall fĂŒhrten verhetzerische Leserkommentare in einem schlecht moderierten Online-Forum zu einem Verfahren wegen dem Tatbestand der Volksverhetzung, in das die betreffende Zeitung aufgrund einer Mitstörerhaftung verwickelt wurde.

    Es kommt allerdings noch ein Problem hinzu, das fĂŒr unsere Medienlandschaft zu einem immer grĂ¶ĂŸeren Problem wird: Über alles Unangenehme dieses Planeten schreibt eine Zeitung, nur ĂŒber sich selbst nicht. Und das fĂŒhrt dann zur Entwicklung solcher höchst infektiösen Milieus, ĂŒber die man sich zweifellos Ă€rgern kann, aber die Allgemeinheit nur Ă€ußerst schwer erreicht. Lösung: Graswurzeljournalismus.

    Deshalb gilt: Hier mĂŒssen wir aufpassen und dringend darĂŒber reden. Einige Zeitungen sind sich offensichtlich ihrer publizistischen Verantwortung im Internet haarstrĂ€ubend wenig bewusst und hosten in ihrem direkten Verantwortungsgebiet eine brandgefĂ€hrliche Stimmung, die sie in Kauf zu nehmen scheinen. Wir dĂŒrfen keinesfalls einfach so zuschauen, wie Regionalzeitungen, die sich immer, trotz der prekĂ€ren Krise im ZeitungsgeschĂ€ft, noch als regionale Medienmacht sehen, durch publizistische Verantwortungslosigkeit, Schlamperei und mutmaßlich auch durch reine Profitgier jegliche gute Erziehung ĂŒber Bord werfen.

    Das heißt fĂŒr uns alle: Schauen, was die Tageszeitung online so treibt und öffentlich anprangern! Dazu haben wir Blogger Weblogs, Trackbacks, Twitter und Facebook.

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