• Warum am Flughafen eben nicht selektiert werden darf.

    Im „Thilo-Sarrazin-Jahr“ vergeht ja inzwischen kaum noch ein Tag, an dem ich schon morgens bei der NachrichtenerstlektĂŒre auf dem iPhone eine ziemlich miese Laune bekomme, die dafĂŒr sorgt, dass der erste Morgenkaffee eher zum Blutdrucksenken beitrĂ€gt als umgekehrt. Mir geht dieses ewige „DarĂŒber-mĂŒssen-wir-mal-reden-dĂŒrfen“ des Prekariates (und der MeinungsfĂŒhrer der intellektuelleren Bevölkerungsschichten, die die Debatten des Prekariates aus purem Eigennutz ordentlich befeuern) ziemlich auf den Zeiger, denn hier wird nur das mehr oder weniger hĂŒbsch verpackt, was wir in klarer Sprache so nennen sollten, wie es ist: GeschĂŒrte Ängste vor dem Blick ĂŒber den eigenen Kleinsthorizont, purer AuslĂ€nderhass, vorurteilsbedingte Diskriminierung von Minderheiten. Um das Erarbeiten von LösungsansĂ€tzen fĂŒr nachhaltige Migrationspolitik geht es dabei kaum, denn schon im Buch des selbsternannten Erlösers Sarrazin sucht man was vergeblich? Genau, Lösungen. Als ob es einem nachweislich begnadet ungeschickten Politiker Thilo Sarrazin und anderen Populisten tatsĂ€chlich jemals um gesellschaftliche Lösungen im Konsens gehen wĂŒrde.

    Wenn ein „Flughafenverband“, der also nichts anderes wie eine Interessensvereinigung von wirtschaftlich denkenden, teilweise börsennotierten FlughĂ€fen darstellt, eine Selektion von potentiellen GefĂ€hrdern fordert, um diese dann besonders grĂŒndlich zu filzen, dann hat das vielleicht auf den ersten Blick etwas mit Sicherheit zu tun. Bei jeder weiteren Betrachtung wird jedoch sehr schnell klar, dass man sich hier auf eine Scheindebatte einlĂ€sst. Schon der zweite Blick lĂ€sst die Frage aufwerfen, welcher Sicherheitsanspruch denn noch mehr Sicherheit bringen soll, wenn heutzutage ausnahmslos alle Passagiere gleich stark gefilzt werden und es nachweislich extrem wenige SicherheitsverstĂ¶ĂŸe gibt – dafĂŒr aber genĂŒgend Unmut gegenĂŒber teilweise fragliche Sicherheitskonzepte.

    Die Argumentation, dass man „potentielle GefĂ€hrder“ bei einer Selektion noch besser filzen könne, kann man daher kaum gelten lassen, eine „noch intensivere“ Kontrolle hieße, dass noch stĂ€rker in die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen eingegriffen werden mĂŒsse, wie es heute ohnehin schon der Fall ist und das ist auch heute schon gang und gĂ€be – aber eben im konkreten Verdachtsfall, der vor Ort von echten Sicherheitsbeamten zumindest noch argumentiert werden kann. Viel ĂŒbler ist bei so einer Argumentation jedoch der Unterton, der entsteht bzw. schon entstanden ist: Der „Araber“, der „TĂŒrke“, generell der „Moslem“, auf den mĂŒssen wir genauer hinschauen. „Falscher“ Nachname? „Terroristennase?“ Na dann ab in den „Spezialtunnel“. Und wenn das Flugzeug dann mal etwas lĂ€nger zum Abdocken braucht, weil wieder genĂŒgend Hakennasen dabei sind, die durch den Tunnel mĂŒssen, dann wissen die restlichen Passagiere ja auch gleich, bei wem sie sich zu bedanken haben.

    Glaubst du nicht? Dann schaue bei der nĂ€chsten Sicherheitskontrolle mal, wie du andere Mitreisende anschaust, die bereits heute stĂ€rker kontrolliert werden. Der arabisch aussehende MitbĂŒrger mit möglicherweise deutschem Pass, der dank seines Bartes aber dann doch noch zusĂ€tzlich seine Schuhe ausziehen und durch den Röntgenapparat schieben soll. Die Frau im Schleier, die gesondert in den Nebenraum gefĂŒhrt wird, obwohl der Metalldetektor nicht anschlĂ€gt. Stimmt nicht? Na dann werde ich vermutlich einfach nicht korrekt gesehen haben, wĂ€hrend viele andere dabei einfach nur weggeschaut haben.

    So ist das schon heute. Vor dem Hass kommt der Unmut, davor die Angst und davor der geschĂŒrte Unmut. Funktioniert im Kleinen hervorragend und geht im Extremfall in vielen fein differenzierten Abstufungen bis zur „Endlösung“. Man muss es nur laufen lassen. Wenn nur noch der Name den Ausschlag fĂŒr eine „Sonderbehandlung“ gibt oder gar ein nicht fĂŒr die Öffentlichkeit nachvollziehbarer Algorithmus, der x-beliebige Daten aus aller Welt zusammenaddiert und daraus zufĂ€lligerweise eine gerade Zahl zieht, die das LĂ€mpchen aufleuchten lĂ€sst, dann ist das in einer Gesellschaft, die Diskriminierungen dieser Art zu Recht verabscheut, völlig inakzeptabel.

    Der im ĂŒbrigen gar nicht dezente Hinweis auf Israel hinkt ĂŒbrigens gleich an mehreren Stellen. TatsĂ€chlich gibt es an israelischen FlughĂ€fen die „Tunnellösung“ fĂŒr unterschiedlich intensive Sicherheitskontrollen, allerdings obliegt die Entscheidungsgewalt darĂŒber, wer durch welchen Tunnel muss, in den meisten FĂ€llen den Sicherheitsmitarbeitern vor Ort, die vorab in den Warteschlangen die zu checkenden Passagiere ansprechen und anhand des GesprĂ€chsverlaufs entscheiden, wer wie intensiv kontrolliert werden muss. Dies ist ein extrem personalintensiver Vorgang, der allerdings auch gar nicht anders gefĂŒhrt werden kann, wenn man wirklich aus menschlichen Regungen herauslesen möchte, ob jemand möglicherweise etwas Übles im Schilde fĂŒhrt oder nicht. Dass israelische Sicherheitskontrollen besonders billig seien, wĂ€re mir zumindest neu. Dass sie allerdings effektiv und verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurz und schmerzlos sind, man dabei sogar noch freundlich und gesittet ist und fĂŒr all dies noch nicht mal irgendwelche Nacktscanner benötigt werden, bezweifelt kaum jemand.

    So am Rande: Irgendwie ja ein toller Zufall, dass sich bundesdeutsche FlughĂ€fen plötzlich so öffentlichkeitswirksam um die Sicherheit und den Komfort der Passagiere kĂŒmmert, obwohl sie vor einigen Tagen quasi reihenweise von noch nicht mal sehr schweren SchneefĂ€llen teilweise klĂ€glich kapitulieren mussten. Ein Schelm, wer hinter dieser PR-Kampagne Böses wittert. Die Welt des Kapitals ist bisweilen recht einfach strukturiert, gern auch mal auf Kosten von gesellschaftlichen Grundrechten.

    Wenn das alles denn mal so lustig wÀre. Wer schamlos PR auf Kosten von Minderheiten macht, um von anderen, hausgemachten Problemen abzulenken. der hat Verachtung verdient. Nicht mehr und nicht weniger.

  • Weihnachten und mit Baum?

    Inzwischen nicht mehr ganz so hĂ€ufig wird die Frage gestellt, ob wir eigentlich Weihnachten in der Familie feiern. Als Kind hatte ich die Frage gegenĂŒber Spielkameraden (und vor allem ihren Eltern) hĂ€ufiger zu beantworten, aber schon damals war die Antwort dieselbe: Im Prinzip nicht, aber wir tun’s doch.

    TatsĂ€chlich nehmen wir (fast) jedes Jahr zu Weihnachten auch einen armen, frierenden und seiner Wurzel beraubten Tannenbaum in die Wohnung, lassen ihn noch ein paar Tage im Wasser leiden, behĂ€ngen ihn in seinem Todeskampf noch mit allerlei grĂ€sslich aussehendem Schmuck und beleuchten ihn auch noch. Einfach des Fetischs eben. Meine Schwester und ich sind zwar auf dem Papier, laut dem SelbstverstĂ€ndnis des tĂŒrkischen Staates, der einfach behauptet, dass Kinder von moslemischen Eheleuten auch fĂŒr immer und ewig Moslems sind, dem Islam zugehörig; allerdings ist Weihnachten eben ein höchst feierlicher, besinnlicher Brauch und dem zu widerstehen, ist als Kind, das mit ansieht, wie andere Kinder in christlichen Familien einfach mal so fett Geschenke abstauben, nicht in wenigen Silben zu argumentieren. Eigentlich gar nicht. Und dazu kommt die Anekdote, dass meine Schwester in jĂŒngsten Jahren einen guten Bekannten des Hauses einfach mal so gebeten hat, einen Weihnachtsbaum zu bringen. Dieser Bekannter war so perplex ĂŒber diesen Wunsch, dass er dies auch nach ĂŒber 25 Jahren immer noch tut.

    Sprich: Wir feiern Weihnachten ohne „Weih“, ohne uns jedoch darĂŒber lustig zu machen. Jedenfalls keinen Deut mehr als die Leute, die das Kraft ihrer Kirchensteuerpflichtigkeit tun dĂŒrfen.

  • C&A-Werbung und -Musik der Neunziger.

    C&A ist in Sachen Bekleidung nicht wirklich der Hort des Hippens – ist nicht, war noch nie und wird es vermutlich auch in Zukunft nicht. Mit dieser Feststellung kann die niederlĂ€ndische Familie Brenninkmeyer vermutlich dennoch bestens leben, da sie dank ihres Imperiums zu den reichsten niederlĂ€ndischen Familien gehören.

    Dementsprechend dröge war C&A-Werbung auch – bis die Neunziger kamen. Denn da legte C&A plötzlich eine Reihe von Werbespots an den Tag, die sich in Sachen Dramaturgie, Produktion und Musik von alldem abhoben, was zu dieser Zeit an Werbung fĂŒr vornehmlich junge Menschen im Äther spielte. Unvergessene Machwerke, die in unterschiedlichen LĂ€ngen existierten und deren Langversionen teilweise sogar im normalen Fernsehprogramm (sofern man Privatfernsehen und Musiksender als „normales“ Fernsehen einordnen mag) liefen. Unvergessen beispielsweise Indian Spirit:

    Alice in Fashionland war ein weiteres, episches Machwerk, das in der Kurzfassung von 60 Sekunden problemlos eine ganze Geschichte mit phantastischen Bildern erzĂ€hlen konnte. Großes Kino!

    Der Sport kam dann auch nicht zu knapp, in dem ein sehr hektisch geschnittenes Machwerk mit einem Song namens Anytime and Anywhere von Stephan Massimo unterlegt wurde. Allein die Lycra-Mode ist schon extreeem Neunziger, wobei ich hier „nur“ das offizielle Video des Songs gefunden habe, das ist jedoch nicht minder hektisch geschnitten und die Bilder stammen auch aus dem Dreh des C&A-Videos:

    An einen weiteren, sehr geschmackvollen Werbespot kann ich mich noch erinnern, der musiktechnisch mit Dream A Little Dream of Me von The Mamas & The Papas untermalt war.

    Schrill war die Kampagne und die Spots allemal, denn wenn ich an die C&A-Filiale in Pforzheim denke, dann war die auch schon damals nicht ansatzweise so hipp, wie die Werbespots suggerierten. Zumindest an den Werbespots lag es nicht.

  • Lieber Kurt Beck,

    in meiner Brust schlĂ€gt ein Herz, ein rotes. Das ist nicht nur biologisch gemeint, sondern auch aus politischer Sicht, denn ich bin durch und durch ein Sozialdemokrat. Vor allem deshalb, weil ich mich immer schon mit den ur-sozialdemokratischen Themen identifizieren konnte und auch deshalb, weil frĂŒher einmal die SPD in Sachen Netzpolitik Vorreiter war. Und zwar nicht nur aus bundesdeutscher Sicht, sondern auch gemessen an Politik auf internationalem Parkett.

    Details aus dieser Zeit erspare ich mir, denn es gibt sie nicht mehr. Netzpolitik beschrĂ€nkt sich bei der modernen SPD inzwischen nur noch auf den eigenen Web-Auftritt und selbst da sind genĂŒgend Spitzengenossen schon heillos ĂŒberfordert. Was modern ist und was man nicht versteht, dem misstraut der einfache Mensch (und damit auch der einfache Genosse) und lieber reglementiert und verbietet man es, als dass man es versteht. Das war letztes Jahr schon bei der Zensursula-Debatte so und das ist auch bei der bis jetzt unsĂ€glich gefĂŒhrten Jugendmedienschutzstaatsvertragsgeschichte so, der nur deshalb im ersten Schlag nicht zum Zuge kommt, weil die CDU aus parteitaktischen GrĂŒnden das Ding in Nordrhein-Westfalen nicht mittrĂ€gt.

    Moderne Netzpolitik ist zur einfachen politischen Handelsware geworden, bei allen deutschen Parteien. Netzpolitik ist Pfui-Politik, durchtrĂ€nkt mit perfekt zubereiteten Schreckenszenarien und Horrorgeschichten, befeuert von konservativen Zeitungen, BumsblĂ€ttern, Latrinenfernsehen, ĂŒberforderten Ministern auf Profilsuche, blondierten Ministerfrauen und intransparent arbeitenden Lobbyvereinen. Sachlichkeit ist in aktueller Netzpolitik, wie sie heutzutage diskutiert wird, nicht mehr zu finden, noch nicht mal mehr ansatzweise. Internationale Übereinkommen ĂŒber Domainregistrierungen oder die Vergabe von IP-Adressen passieren schon lĂ€ngst nur noch auf Basis von Selbstregulierung von Providern, wĂ€hrend sich die politische Kaste weltweit nur noch darauf beschrĂ€nkt, ĂŒberall einen Notaus-Schalter installieren zu lassen oder gleich im gesamten Datenbestand systematisch herumzuschnĂŒffeln.

    Schon lĂ€ngst ist klar, dass Politik das Internet nicht mehr als Chance begreift, sondern als Angriff auf die eigenen Habitate der MachtausĂŒbung. Das Internet bietet die transparenteste AufklĂ€rung, die es jemals gab und das macht der Politik eine solche Heidenangst, dass genĂŒgend Politiker weltweit sogar nicht davor zurĂŒckschrecken, so einen Kerl wie Julian Assange eben mal so umbringen zu lassen wie einen herumstreunenden Köter, wenn sie es denn könnten. Ich schimpfe schon lĂ€ngst nicht mehr auf die Zensurwut der Chinesen, sondern bin ĂŒberzeugt davon, dass jeder Staat auf diesem Planet sehr daran interessiert ist, Meinungen „zu lenken“. Das hat in Hochzeiten der herkömmlichen Medien ja auch schon prima funktioniert.

    Und dann kommst du heute daher und sagt zum fehlschlagenden Prozess, einen jÀmmerlichen Entwurf zum Jugendmedienschutzstaatsvertrag durchzupauken, folgendes:

    „Falls die Novellierung scheitert, wird der Weg der koregulierten Selbstregulierung nicht weiter beschritten, so dass die staatliche Regulierung von oben Platz greifen wird. Basierend auf den derzeitigen rechtlichen Grundlagen werden die Jugendschutzbehörden SperrverfĂŒgungen erlassen. Wenn das das ausgemachte Ziel der CDU in Nordrhein-Westfalen ist, sollten sie an ihrer Linie festhalten“, erklĂ€rte der Vorsitzende der Rundfunkkommission.

    Also, in einfachen Worten, wie auch du sie liebst: Wenn ihr ganzen Kinder da draußen den Jugendmedienschutz nach Art und Weise der LĂ€nder nicht haben wollt, gibt es halt die Zensur von ganz oben. Verstanden hast du offensichtlich nicht, dass der Jugendmedienschutzstaatsvertrag mit echtem Jugendschutz kaum etwas zu tun hat, mit simpelsten Methoden ausgehebelt werden kann und reine Symbolpolitik ist, die nur deshalb so blĂŒhen kann, weil BundeslĂ€nder glauben, ihre Politik sei in irgendeinerweise Weise in so Gebilden wie das Internet von Belang. Internet auf gleicher Stufe wie öffentlicher Personennahverkehr. Netzaktivisten in anderen LĂ€ndern kommen aus dem Lachen nicht mehr heraus ĂŒber die Art und Weise, wie föderale Politik in Deutschland sich in Themen hochstilisiert, die sie noch nicht mal ansatzweise kontrollieren kann.

    Pardon, lieber Kurt: Was willst du uns denn damit sagen? Dass du jetzt beleidigt bist? Auf die CDU kannst du nicht böse sein, sonst wĂŒrdest du nicht mit dem Zensurhammer drohen, bei dem die CDU liebend gern behilflich wĂ€re, den auf den Nagel kommen zu lassen. Du bist böse auf die Leute im Netz, die dagegen kĂ€mpfen, dass die Netzpolitik stĂ€ndig fĂŒr ĂŒbelste Symbolpolitik missbraucht wird. Das ist fatal, weil so eine Haltung von dir höchst durchschaubar ist. Richtig ernst genommen haben dich in der gesamten Debatte eh die wenigsten Netzaktivisten, aber nun hast du es quasi allen gezeigt, aus welchem Holz die moderne SPD tatsĂ€chlich geschnitzt ist. Nico Lumma hat es vor einigen Wochen noch sehr verquast und zĂ€hneknirschend probiert, wofĂŒr er – zu Recht – genĂŒgend kalten Gegenwind erhalten hat. Immerhin redet er als treuer Genosse immer noch von „seiner Partei“. FĂŒr mich ist die SPD, deren Parteibuch ich ja wieder besitze, sicherlich nicht mehr einfach so „meine Partei“. Idiotie macht auch vor der SPD nicht halt und da werde ich sicherlich nie wieder einer sein, der einfach so das rote FĂ€hnchen hochhĂ€lt. Im Zweifelsfall ist nĂ€mlich die SPD genauso reaktionĂ€r, wie die konservative Konkurrenz, die man nun wirklich nicht wĂ€hlen kann.

    In diesem Sinne, lieber Kurt, vielen Dank fĂŒr den BĂ€rendienst in Sachen Netzpolitik der letzten Monate und auch noch mal vielen Dank fĂŒr die Pressemitteilung von heute, mit der du alles bestĂ€tigst, was Netzaktivisten schon immer an deutscher Netzpolitik bemĂ€ngeln. Netzpolitik ist in der SPD so tot, wie bei der Konkurrenz und da immer mehr Genossen anfangen, die Netzaktivisten in den eigenen Reihen als störende Fisteln anzusehen, mein Versprechen: Auch ich bleibe dir als Genosse mit SPD-Parteibuch erhalten! Jetzt erst recht.

    Herzlichst,
    dein Besim

  • FĂŒr Behinderte gibt es Kaffee nur unter Aufsicht.

    Ich bin mir nicht sicher, was sich DeLonghi, der italienische Hersteller meines ansonsten hervorragenden Espressoautomaten „Perfecta ESAM5400“ bei folgendem Satz in der zudem entsetzlich strukturierten und auch noch ĂŒbel ĂŒbersetzten Bedienungsanleitung gedacht hat:

    Achtung!
    Das GerĂ€t darf nicht von Personen (einschließlich Kindern) mit körperlichen, geistigen oder sensorischen Behinderungen oder von Personen, die nicht mit dem Betrieb des GerĂ€tes vertraut sind, gebraucht werden, es sei denn, dass sie von einer fĂŒr sie und ihre Sicherheit verantwortlichen Person beaufsichtigt und in den Gebrauch des GerĂ€tes eingewiesen werden.
    DafĂŒr sorgen, dass Kinder nicht mit dem GerĂ€t spielen.

    Sehr mutig, eine solch pauschale Diskriminierung in ein Handbuch zu verfassen.

  • VölkerverstĂ€ndigung auf australisch-tĂŒrkische Art.

    Durch Zufall bin ich auf ein zeitgeschichtliches StĂŒck VölkerverstĂ€ndigung gestoßen, das mich zu TrĂ€nen gerĂŒhrt hat. Wenn man nach Jahren oder Jahrzehnten einen Blick in die Vergangenheit wagt und sich dem nicht verschließt, geht Versöhnung fast von allein. Aber von vorn:

    Im Jahre 1915, in den AnfĂ€ngen des Ersten Weltkrieges, begann die Entente, das MilitĂ€rbĂŒndnis aus dem Vereinigten Königreich, Russland und Frankreich, eine Invasion der tĂŒrkischen (bzw. damals osmanischen) Halbinsel Gallipoli, um auf diese Weise die Meerenge der Dardanellen unter Kontrolle der alliierten MĂ€chte zu bekommen. Die Dardanellen und auch der Bosporus waren erklĂ€rte Invasionsziele der Alliierten, um auf diese Weise Kontrolle ĂŒber die Durchfahrten von Schiffen vom und zum Schwarzen Meer zu bekommen. Wer sich fĂŒr die genauen Details der Schlacht von Gallipoli interessiert, dem sei der ausgezeichnete Wikipedia-Artikel empfohlen.

    Jedenfalls: Einer der Kriegsherren auf tĂŒrkisch-deutscher Seite (das deutsche Kaiserreich war damals KriegsverbĂŒndeter des Osmanischen Reiches) war ein gewisser Mustafa Kemal Bey, spĂ€ter auch bekannt unter dem Namen Mustafa Kemal AtatĂŒrk. Seine von ihm gefĂŒhrte Division wehrte die zentralen Angriffe der Entente-MĂ€chte ab, er war also jemand, der in seiner militĂ€rischen Karriere mit einer der blutigsten und schlimmsten Schlachten des Ersten Weltkrieges direkt in zu tun hatte, bei der insgesamt ĂŒber 100.000 Soldaten ihre Leben lassen mussten.

    Als spĂ€terer PrĂ€sident erinnerte sich AtatĂŒrk immer wieder an diese eine Schlacht und als Rede zu einer Trauerfeier am Jahrestag der Schlacht gab er im Jahre 1934 folgendes, höchst bemerkenswertes Zitat zu Protokoll, das mich sehr bewegt:

    „Diese Helden, die ihr Blut vergossen und ihr Leben ließen
 nun liegt ihr in dem Boden eines freundlichen Landes. Darum ruhet in Frieden. Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets, dort wo sie Seite an Seite in diesem unserem Lande liegen
 Ihr, die MĂŒtter, die ihre Söhne aus weit entlegenen LĂ€nder schickten, wischt weg eure TrĂ€nen. Eure Söhne liegen nun an unserer Brust und sind in Frieden. Ihr Leben in diesem Land verloren zu haben, machte sie genauso zu unseren Söhnen.“

    Man versöhnte sich aus und kĂ€mpfte Jahre spĂ€ter auch wieder Seit‘ an Seit‘ in anderen Kriegen. SpĂ€ter trat die TĂŒrkei als NATO-Mitglied der ersten Stunde sogar in ein DauerbĂŒndnis mit den ehemaligen Gegnern ein, aber das fĂŒhrte nicht dazu, worauf ich gerade stolperte.

    Denn 1985 beschloss die tĂŒrkische Regierung unter Turgut Özal, eine Bucht in Gallipoli umzubennen in die so genannte „ANZAC-Bucht“. ANZAC steht fĂŒr „Australian and New Zealand Army Corps“ und war eine Einheit aus australischen und neuseelĂ€ndischen Soldaten, die just in dieser Bucht anzulanden versuchten und die grĂ¶ĂŸten Verluste erlitten. In der ANZAC-Bucht steht seitdem einer der grĂ¶ĂŸten Soldatenfriedhöfe der TĂŒrkei zu Ehren auch der Entente-Soldaten.

    Die Australier ließen sich durch diese Tat beeindrucken und setzten ihrerseits einen Punkt. Sie gewĂ€hrten nĂ€mlich der TĂŒrkei auf der so genannten „ANZAC-Parade“ in Canberra, die eigentlich den australischen und alliierten Nationen gewidmet ist, ein eigenes Denkmal. Wohlgemerkt: Dem ehemaligen Feind und auch noch genau wegen der damals verlorenen (und höchst sinnlosen) Schlacht. Dort wiederum ist der obige Satz von AtatĂŒrk zu finden und eine dort versenkte Zeitkapsel mit Erde von den Schlachtfeldern aus Gallipoli.

    So funktioniert VölkerverstÀndigung auf allerhöchster Ebene.

  • Das kommende Ende des Internets, wie wir es heute kennen.

    Kurzum: Das Internet wird so, wie wir es heute kennen, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit in mittelferner Zukunft nicht mehr so sein, wie wir es kennen. In Sachen Pessimismus bei Netzpolitik hat sich meine Stimmungslage in den letzten Monaten ja schon sichtlich ins Dunkle gewandelt, die letzten Wochen und Monate in Sachen Neufassung des Jugendmedienschutzstaatsvertrags haben meine grĂ¶ĂŸten BefĂŒrchtungen jedoch weitgehend bestĂ€tigt. Hinzukommt die Art und Weise, wie "hemdsĂ€rmelig" WikiLeaks erfolgreich von einzelnen Politikern bekĂ€mpft wird, was mir zeigt, dass es genĂŒgend gewĂ€hlte Menschen in Demokratien gibt, die zur Wahrung ihrer eigenen Interessen keinen Moment zögern wĂŒrden, global den "Internet-Stecker" zu ziehen. Zum Thema WikiLeaks werde ich nochmal gesondert bloggen.

    Das Internet ist kein freiheitliches, vielleicht gar anarchisch wirkendes Netz mehr. Das ist alles verblĂŒmte Geschichte. In Wirklichkeit ist es schon verloren und es geht maximal nur noch darum, die schlimmsten AuswĂŒchse dieser Entwicklung abzumildern. Harsche Worte.

    Netzpolitik in der Zange der Inhaltsanbieter – und umgekehrt

    Will man den aktuellen Stand der “modernen” Netzpolitik der deutschen Spitzenpolitik kartografieren, muss man ein politisches Feld des totalen Versagens und der vollstĂ€ndigen Inkompetenz aller Parteien konstatieren. TatsĂ€chlich glaubte ich sehr lange, dass das darin resultiert, dass es einfach an fachkundigen Politikern fehlt. In der Zwischenzeit bin ich jedoch ĂŒberzeugt, dass es zwar nach wie vor an fachkundigen Politikern fehlt, die moderne Netzpolitik jedoch inzwischen die gleiche Lobbysteuerung aufweist, wie sie in der Tabak- und Alkoholbranche seit Jahrzehnten ĂŒblich ist.

    Anbieter von Inhalten haben in den letzten Jahren das Internet vor allem so verstanden: Wir stellen mal alles hinein und irgendwann wird schon ein Businessmodell herausfallen. Mit diesem Ansatz wurde schon ein ganzer Boom befeuert (der gute, alte Dot-Com-Boom), der Milliardensummen an Geld vernichtet hat. TragfÀhige Businessmodelle sind freilich dabei kaum herausgesprungen.

    Und so fĂŒhrte das fĂŒr Inhaltsanbieter (und dabei ist es letztendlich egal, ob das Rechteinhaber von Nachrichten, BĂŒcher, Musik oder Filmen sind) geradewegs ins Elend. Eine Galgenfrist lieferten die noch viel zu kleinen Internet-AnschlĂŒsse und fehlende Komprimierformate, aber MPEG Ă€nderte alles.

    Man könnte sagen: Selbst schuld. Doch so eine Feststellung macht man dann, wenn man an das Gute glaubt. Das ist bei milliardenschweren Wirtschaftszweigen eine naive Grundlage. Denn Meinungen zu kaufen ist in Branchen, die Meinungen verkaufen, sehr einfach. Gib‘ du mir etwas Glamour und ich beschĂŒtzte dein Biotop!

    Ausnahmslos alle netzpolitischen Vorgaben lassen sich auf diese Haltungen und Lobbyarbeiten herunterdividieren und zurĂŒckfĂŒhren. Netzsperren dienen mit ihrer aufzubauenden Sperrinfrastruktur spĂ€ter auch gern zum Sperren von anderen Inhalten als dem K.O.-Argument Kinderpornografie, Leistungsschutzrechte dienen zum Erhalt von so genannten “freien” Medien und wenn man all diese Vorhaben nĂ€her dahingehend betrachtet, wie sie denn technisch so umzusetzen wĂ€ren, dass sie auch funktionieren, wird man schnell feststellen, dass es gar nicht darum geht. Es geht rein um die Kriminalisierung von Dingen, die die Leute verbocken, die zu dumm dazu sind, sich neue Businessmodelle auszudenken.

    An Dreistigkeit gibt es da inzwischen keine ausgemachte Schweinerei mehr, die nicht denkbar wĂ€re. Lobbyisten, die diese TĂ€tigkeit stolz herumtragen, werden in Enquete-Kommissionen berufen und verstecken ihre Lobbyarbeit gar nicht mehr. Gewerkschaften wie Verdi werden knallhart mit Argumenten in die Leistungsschutzrechtsdebatte eingebunden, so dass man im GesprĂ€ch mit eher ahnungslosen Gewerkschaftlern teilweise so Aussagen zu hören bekommt, dass der ganze Berufsstand “wegen diesem Kostenlos-Internet” kurz davor stĂŒnde, in die Pleite zu rutschen. Und dem Politikbetrieb wird das alles damit verkauft, dass das Ende von Kunst, Kultur und Meinungsfreiheit grundsĂ€tzlich davon abhĂ€ngen wĂŒrde. Dass all die netzregulatorischen Maßnahmen, die sich Inhaltsanbieter wĂŒnschen, nichts anderes wie das teure Erkaufen von Zensurmaßnahmen sind, da hört man halt einfach weg. Da schreiben wir dann halt – bewĂ€hrte Vorgehensweise – einfach nicht drĂŒber und die paar Blogger und andere Schmutzfinken, die werden dann halt einfach kriminalisiert.

    HanebĂŒchen. Es haut inzwischen niemanden mehr vom Hocker ĂŒber die unfassbaren UmstĂ€nde, wie freie Medien mehr oder weniger und vor allem immer weniger genieren, nach staatlicher Protektion zu rufen. Die vierte Gewalt im Staat, eine Begrifflichkeit, die auch heute noch bei gestandenen Zeitungsleuten zu einer langanhaltenden Erektion fĂŒhrt, verkommt zu einem Haufen armseliger TropfempfĂ€nger und keinen scheint es wirklich zu stören.

    Ich habe inzwischen aufgehört, davon zu reden, wie schlimm China, Iran, die TĂŒrkei und viele andere LĂ€nder das Internet reglementieren, regulieren und zensieren. Ich bin inzwischen fest davon ĂŒberzeugt, dass die EuropĂ€ische Union und auch Deutschland auf dem genau gleichen Weg sind. Schweinereien sind schließlich keine Schweinereien im ursprĂŒnglichen Sinne mehr, wenn alle Schweine geworden sind.

  • Die staubreiche iPad-Odyssee.

    Das im Sommer gekaufte iPad hat inzwischen einen ungeahnten Spaßfaktor – ich kenne meinen fĂŒr meinen Bezirk zustĂ€ndigen UPS-Fahrer richtig gut. Denn in Sachen iPad kommt er morgen zum fĂŒnften Mal bei mir vorbei und allen Anschein nach können wir uns die Abschiedszenen dabei sparen, da wir uns noch mindestens zweimal sehen werden in den nĂ€chsten Tagen. Und das nette dabei ist: Die Zeche zahlt Apple.

    NatĂŒrlich hat alles einen eher ernsten Hintergrund, nĂ€mlich die offensichtlich schlampige Art und Weise, wie Apple seine iPads zusammenschraubt. Gut, ein modernes Display ist eine Geschichte, die nicht ganz so unkomplex ist. Wollen wir mal hier angemerkt haben. Moderne Displays sind so aufgebaut, dass man als Benutzer nicht direkt darauf herumtippt, sondern auf einer Scheibe, die ĂŒber dem eigentlichen Display liegt und dazwischen ein kleiner Spalt ist.

    Staub ist bei allen solchen Display-Aufbauten ein Thema und es ist bei jedem Hersteller eine eigene Kunst, die Displayeinheiten so zu bauen, dass dieser Spalt möglichst so geschĂŒtzt ist, dass kein Staub eindringen kann, da dieser logischerweise, wenn man eben auf das Display schaut, besonders gut erkennbar. Im einfachsten Fall dann, wenn das Display ausgeschaltet und schwarz ist, aber im schwereren Fall auch wĂ€hrend dem Betrieb, wenn die Staubkörnchen so groß sind, dass man kleine Flecken sieht, wenn man auf das Display starrt.

    Das erste iPad, das im Sommer aus China kam, hatte ein zunĂ€chst staubfreies Display, das sich allerdings im Laufe der Zeit Ă€nderte. Jede Woche kam ein Staubkörnchen hinzu, was vermutlich daran lag, dass der Dichtring zwischen AluminiumgehĂ€use und Schutzscheibe von Anfang an nicht wirklich dicht war und unmittelbar nach dem Auspacken auch zur HĂ€lfte heraushing. Gut, kann passieren, wobei ich zu diesem Zeitpunkt wusste, dass ich mir unbedingt einen „AppleCare Protection Plan“ kaufen muss, weil es in meinem Bauch rumorte. Das tut es immer, wenn ich merke, dass eine Geschichte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so schnell ein glĂŒckliches Ende finden wird. Ja, Bauch hatte recht.

    Das Austausch-iPad bestellte ich Anfang November und das hatte konsequenterweise direkt nach dem Auspacken schon ein Staubkorn hinter der Scheibe und dann auch gleich ein wunderbar weißes und quadratisches. Das beanstandete ich gestern, so dass auch gleich ein drittes iPad seinen Weg zu mir suchte, das heute kam. Und das, noch viel konsequenter, diesmal ein richtig hĂŒbsch verstaubtes Display hat. Wieder ein schönes, helles, quadratisches, ziemlich in der Mitte und dann noch zur Garnierung ein paar kleine, verteilt auf den Rest des Displays.

    Das hebt die Stimmung. Und noch viel mehr, als ich vorhin mal auf die Idee gekommen bin, darĂŒber nachzudenken, warum die beiden Staubkörnchen auf beiden iPads so Ă€hnlich aussehen. In dem Austauschkarton, den Apple liefert, finden sich eine Reihe von weiteren Staubkörnchen, die alle genauso aussehen. Die Dinger liegen da alle in ihrem Dreck, mutmaßlich (da noch iOS 3.2) schon durchaus ein paar Wochen und den Rest erledigt dann vermutlich die unzureichende Dichtung. Wie man es auch immer dreht, es ist ziemlich unlustig.

    Immerhin sind die Hotline-Mitarbeiter weitgehend freundlich und stimmen mir bei den Anrufen zu, dass man bei einem 700 Euro teuren GerĂ€t durchaus erwarten kann, dass es ohne StaubeinschlĂŒsse daherkommt und eine gewisse Dichtigkeit der Display-Einheit mitbringt. Zumal im Bekanntenkreis schon mit deren ErstgerĂ€ten kein Staub hinter deren Display zu erkennen ist, bei mir aber – wenn nichts dazwischenkommt – vier AnlĂ€ufe dazu notwendig sind. Wobei ich ehrlich gesagt nicht glaube, dass auch beim vierten zu liefernden iPad die Display-Welt in Ordnung sein wird. Die Hotline-Drohnen werden vermutlich auch weiterhin sturzfreundlich bleiben und ich werde den UPS-Fahrer irgendwann zum Kaffee einladen mĂŒssen.

    Frage: Was tun? Der nÀchste Apple Store ist in Frankfurt/Main, was mir ehrlich gesagt zu weit ist. Ich bin jetzt aber so weit, dass ich mir eigentlich kein Ersatz-iPad so lange mehr zuschicken lassen will, bis dann mal ein staubfreies darunter ist, sondern dass ich sehenden Auges ein iPad nach dem anderen ausgepackt haben möchte, bis ein staubfreies darunter ist, von wem auch immer.

    Wie gesagt, ich bitte um Rat.

  • „Langzeitarbeitslose hĂ€ngen“.

    Von einem eher lustlos gemachten Lokalblatt erwartet man eher nicht, dass sie ihr Redaktionssystem im Griff haben. Das wĂ€re zu viel verlangt, auch wenn sich die Pforzheimer Zeitung schon seit Jahren damit rĂŒhmt und sogar in Kinowerbung auf ĂŒberaus peinliche Art und Weise damit prahlt, zu den „besten Zeitungen der Welt“ zu gehören – wenn freilich auch nur deshalb, weil die Drucktechnik irgendwelchen Verbandsstandards entspricht. Aber das hat man sicherlich einfach nur vergessen, als man die prosaischen Texte fĂŒr die Werbung zurechtgesĂ€gt hat.

    Das kaputtgehende und eigentlich schon weitgehend tote Paradigma der Printwelt ist ja das „gestern“: Was du heute in einer Tageszeitung kannst lesen, sind die Nachrichten von gestern. Und die sind im Zweifelsfall so aufregend wie die Flatulenz eines erkĂ€lteten Hundes.

    Bessere Zeitungen versuchen dem entgegenzuwirken, in dem sie versuchen, ihre Redaktion so zu dressieren, dass der Newsroom (falls man denn noch einen hat) tagsĂŒber die aktuellsten Nachrichten möglichst aktuell auf der Website vertickert und nebenbei mit einem Hintergrundbericht anfĂ€ngt, das Thema wenigstens noch in der morgigen Ausgabe adĂ€quat mit einem Hintergrundartikel und ggf. einem Kommentar zu verwursten.

    Schlechtere Zeitungen sparen sich diese Arbeit und verbraten kurz nach Redaktionsschluss den Inhalt der morgigen Ausgabe noch schnell am Vorabend auf ihrer Website und dann gern auch noch – man hat ja ein einheitliches Redaktionssystem – ohne jegliche Überarbeitung, so dass eine eigentlich heute stattgefundene Tatsache am gleichen Vorabend auf der Website der Zeitung schon als „gestern“ erscheint, weil es eben der Text ist, der am nĂ€chsten Tag in der Zeitung erscheinen soll. Das ist in etwa so seriös wie eine Politesse, die neben dem aktuell ausgestellten Strafzettel noch einfach ein paar zusĂ€tzliche fĂŒr zukĂŒnftige Delikte hinter den Scheibenwischer klemmt. WĂŒrde man sich nicht unbedingt bieten lassen, aber das SelbstverstĂ€ndnis vieler Tageszeitungen ist ja auch, dass man als Abonnent ja nur die gedruckte Zeitung kauft und deshalb auch nicht ĂŒber die Nachrichten auf der Website meckern darf, weil ja die Website nichts kostet.

    Dass Redaktionssysteme von Zeitungen, die nebenbei den gesamten Inhalt auf animalische und doch höchst effiziente Weise nach der Freigabe fĂŒr die Druckerei den Inhalt noch schnell ins Internet auf die Website kacken können, erzeugt mitunter gelegentlich Probleme, die dem versierten Leser herzerfrischend zeigen, wer in der Redaktion heute wieder hinterherhinkt und sein ƒvre auf den letzten DrĂŒcker abliefert. NĂ€mlich dann, wenn offensichtlich der Redakteur vom Dienst einen Kommentar eines Redakteurs plant und im Redaktionssystem schon mal einen Artikel dafĂŒr anlegt. Diesen Platzhalterartikel veröffentlicht man natĂŒrlich nicht, was jedoch nicht automatisch davor schĂŒtzt, dass man es, vielleicht versehentlich, doch tut. Und wenn man dann so einen Platzhaltertitel im Rohzustand mit MĂŒll bestĂŒckt hat und nicht begreift, dass das hochmoderne Redaktionssystem beim feuchten Artikelauswurf ins Internet auch den hauseigenen RSS-Feed bestĂŒckt, passieren solche Dinge:

    Da ich jetzt mal kĂŒhn annehme, dass die Pforzheimer Zeitung nicht zu den AnhĂ€ngern von „endgĂŒltigen“ LösungsansĂ€tzen bei Langzeitarbeitslosen gehört, wird der Platzhalterinhalt „Langzeitarbeitslose hĂ€ngen“ nur die Kurzfassung der spĂ€teren Überschrift „Langzeitarbeitslose hĂ€ngen in der Warteschleife“ sein. Nicht dass der Kommentar des geschĂ€tzten Herrn Klimanski zu den pulitzerpreisverdĂ€chtigen Werken gehören wĂŒrde, aber „kommi1“ ist einfach mal in die Hose gegangen. Zumindest im Internet. So wie die vielen anderen „kommi1“ und restlichen Nachrichten von gestern/morgen/irgendwann.

    „Der Tag wird gut“, so das Motto der Pforzheimer Zeitung. Ist ja egal, welcher.

  • Getting to life.

    Da ich in den letzten Tagen und Wochen immer hĂ€ufiger die Frage zu beantworten hatte, ob ich krank sei, wird es wohl Zeit, ein paar offizielle Worte darĂŒber zu verlieren. Nein, ich bin nicht krank. Ganz im Gegenteil, ich habe mich selten so gesund gefĂŒhlt, wie aktuell. Und das liegt an dem einfachen Umstand, dass ich seit einigen Monaten daran arbeite, mein Übergewicht abzubauen.

    Der Auslöser fĂŒr diesen Schritt ist relativ einfach zu erklĂ€ren: Bei einer KörpergrĂ¶ĂŸe von 1,74 Metern waren die in der „Rekordphase“ gemessenen 128 Kilogramm definitiv weit ĂŒber dem, was akzeptabel ist. Sich mit Übergewicht wohl zu fĂŒhlen, ist eine reine Gewohnheitsangelegenheit und selbst wenn die Gewohnheit bemerkt, dass es zu viel ist, dann sollte man etwas dagegen tun. Eine Ă€rztliche Forderung nach Gewichtsabnahme gab es ĂŒbrigens nicht, meine Blutwerte waren dank ausgewogener ErnĂ€hrung in akzeptablen Bereichen. Es fehlte die Bewegung. Gerade in Sachen Bewegung hatte ich nach meinem Ende des Angestelltendaseins die grĂ¶ĂŸten BefĂŒrchtungen, wenn ich nicht konkret etwas dagegen antun wollte. Ein Homeoffice-Job ist nun mal in der Regel mit noch deutlich weniger Bewegung verbunden als wenn man im Rahmen eines AngestelltenverhĂ€ltnisses zumindest morgens irgendwie ins BĂŒro kommen muss. Und letztendlich stellte sich auch die Frage, wie man es eigentlich mal bewerkstelligen möchte, fĂŒr das andere Geschlecht in ein körperlich akzeptableres Format zu kommen, so dass Zuneigung nicht mit Mitleid verbunden sein muss um eine Beziehung aufzubauen.

    Also wurde der Mai, der unter anderem einschneidende berufliche Änderungen mit sich brachte, auch dazu genutzt, das Thema Übergewicht anzugehen und ich habe mir einen Ergometer gekauft, ein Kettler X7. Das ist ein mit 800 bezahlten Euro nicht unbedingt billiges Ding, allerdings gehörte dieser Anschaffungspreis zum Konzept, es tatsĂ€chlich ernst zu meinen. Zudem hat das X7 mit seinem eingebauten „Bordcomputer“ ein paar sehr hĂŒbsche Spielereien und Trainingsprogrammmöglichkeiten, die den inneren Schweinehund eines Technikbegabten durchaus leiser bellen lassen.

    TatsĂ€chlich steht man mit fast 40 Kilogramm Übergewicht am Anfang vor drei Problemen: Einerseits muss man zuschauen, weniger Energie zuzufĂŒhren, andererseits sollte man beginnen, sich körperlich zu betĂ€tigen. Dem steht allerdings am Anfang entgegen, dass man in der Regel eine quasi nicht vorhandene Fitness hat und sich einigen Sportarten, bei denen Gelenke beansprucht werden, nur mit deutlich angebrachter Vorsicht nĂ€hern sollte. Joggen fĂ€llt fĂŒr Übergewichtige beispielsweise aus, da ein untrainiertes Joggen sehr zuverlĂ€ssig dafĂŒr sorgt, dass man sich die Gelenke ruiniert und das merkt man in der Regel erst dann, wenn es schon zu spĂ€t ist.

    Ein Ergometer setzt genau da an, wo begonnen werden muss, nĂ€mlich beim Aufbau der Fitness und beim Verlieren der ersten Pfunde. Und dass es mit der Fitness tatsĂ€chlich nicht gut bestellt war, zeigte die eingebaute Fitnessmessung, die mich anfĂ€nglich bei ziemlich desolaten 4,6 (Schulnotensystem) einnordete. Der Puls raste bei Belastung dann auch dementsprechend nach 10, 20 Minuten in die Region von 180 SchlĂ€gen in der Minute, was einfach suboptimal ist und auch keinen Spaß macht. Aller Anfang ist wirklich ĂŒbel. Es geht aber halt auch gar nicht anders.

    Immerhin ist es in Sachen Fitness so, dass der Mensch relativ schnell Ergebnisse zeigt. Nach anfĂ€nglichen 10 Minuten ĂŒberlebte ich nach kurzer Zeit dann auch schon 30 Minuten. Und die individuell anpassbaren Trainingsprogramme ermöglichen es, eine Leistungskurve anzulegen und die dann nach oben oder unten anzupassen. Mein aktuelles Programm beginnt mit 80 Watt, geht dann im Laufe der halben Stunde auf 140 Watt fĂŒr ein paar Minuten, pendelt sich fĂŒr ca. 10 Minuten bei 110 Watt ein und geht dann in den letzten vier Minuten wieder zurĂŒck auf 80 Watt. Im Durchschnitt sind das dann etwa 110 Watt und bei meiner Trittfrequenz von 90 bis 100 Tritten pro Minute verbrauche ich am Ende etwa 200 Kilokalorien in dieser halben Stunde, bei einer durchschnittlichen Herzfrequenz von 150 SchlĂ€gen pro Minute. Damit kann man etwas anfangen und das zeigte sich dann auch nach einigen Wochen in einer deutlich verbesserten Fitness, die sich aktuell bei etwa 2,0 bis 2,3 einpendelt.

    Die besser werdende Fitness und die ersten weggeschmolzenen Pfunde ermöglichen es dann, tatsĂ€chlich auch mal draußen etwas zu tun, nĂ€mlich zu laufen, im Sinne von schnellem Wandern… Stechschritt durch den Wald sozusagen. Da Pforzheim ein bergiges StĂŒckchen Erde ist, ist eine halbwegs funktionierende Fitness schon eine Bedingung, wenn man nicht stĂ€ndig im Kreis laufen möchte. FĂ€ngt aber die Fitness an, zu halten, funktioniert es und der Weg zum „Impact“ ist greifbar: Du kannst dich lĂ€nger bewegen, du verlierst an Gewicht und mit jedem Kilogramm weniger macht es potentiell weniger MĂŒhe, weil du eben eine bessere Fitness hast und weniger Kilogramm herumschleppst.

    Und das macht sich bemerkbar. Aktuell habe ich nach einem halben Jahr (wovon die letzten drei Monate dann eigentlich die richtig intensive Trainingszeit ist) einen Pegel von genau 110 Kilogramm. Das ist zwar immer noch ein deutliches Übergewicht und auch noch nicht der Punkt, an den ich im ersten Schritt kommen möchte, allerdings sind das schon mal 18 Kilogramm weniger. Das sind zwei Sixpacks mit jeweils sechs 1,5-Liter-GetrĂ€nkeflaschen und jeder, der zwei solche Gebinde vom Auto in die Wohnung tragen muss, kann sich vorstellen, was fĂŒr eine Plackerei es ist, das eben mal von der Stadt nach Hause zu tragen. Macht keiner. Habe ich aber mit mir herumgetragen, was allein schon eine Hochleistung ist.

    Der besagte nÀchste Schritt sind jetzt erst mal die 100 Kilogramm. Das ist aus heutiger Sicht machbar. Und dann wird erst einmal zugeschaut, dieses Gewicht auch zu halten.

    Also: Alles im Lot. Ich bin gesund. 🙂

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