Claus Kuge (1948-2019)

Claus lernte ich 2009 kennen, zum damaligen Pforzheimer Oberbürgermeisterwahlkampf für Gert Hager. Gert hatte mich schon ein paar Wochen früher für die Online-Kampagne engagiert, die ich damals in einem angelehnten Stile des Obama-Wahlkampfes durchführen wollte, mit einem richtigen Weblog. 2009 noch eine richtige Sache und Herausforderung, inklusive des damals fast schon obszönen Paradigmas, dass ein Blogger – in diesem Fall der Kandidat – ja aus seiner Sicht spricht und das auch in seinem Blog macht.

Claus Kuge betreute die Werbung des Wahlkampfes und bekam von Gert Hager den Auftrag mit der Maßgabe, dass das Thema Internet von mir weiter betreut werden solle und er, Kuge, sich da mit mir kurzschließen solle. Also rief mich an einem kalten Wintertag Claus Kuge an und lud mich in die Räume seiner Werbeagentur ein.

Ein skurriler Nachmittag folgte. Claus erzählte mich, für welche Firmen er bisher tätig war, dass seine Agentur einst zu den Top 200 in Deutschland gehörte und in seinem wirklich weitgehend blanken Besprechungsraum hingen zwei Bilder von Fotomodels. Auf einem Bild waren sie angezogen und auf einem anderen, exakt gleich inszenierten Bild waren sie alle nackt. Mein Verdacht nach diesem Gespräch war, dass das nix werden würde, rein gar nichts. Einem Werbemann der alten Schule kann ich das Thema Web 2.0 nicht erklären.

Doch es funktionierte und das sogar wahlentscheidend. Denn Claus Kuge hatte die Begabung, aus dem Stegreif umfangreiche Kommunikationsstrategien zu entwickeln und die perfekt in jedes Medium einzupassen. Beim Thema Weblog war er zunächst entsetzt darüber, dass unser gemeinsamer Schützling aus der Ich-Perspektive berichten soll, aber dann bauten wir alle Wahlkampfaktivitäten entsprechend um dieses Paradigma herum. Wir lebten das Bloggen innerhalb weniger Tage und richteten den Wahlkampf danach aus.

Ein sehr guter und enger Freund ist mir Claus Kuge danach geworden, trotz unseres Altersunterschieds von 28 Jahren. Claus konnte – und wollte – zuhören, er wusste für alle kommunikativen Probleme eine Strategie und war professionell genug, sie dann auch zu vertreten. Einen Erfolg fuhr er liebend gerne ein, einen Misserfolg trug er problemlos mit und konnte fair mit Kritik umgehen.

In seiner Aufgabe als einer der sogenannten Obermeister der „Löblichen Singer von 1501“ in Pforzheim, einer der ältesten Bürgerinitiativen Deutschland, war seine Aufgabe vor allem die des Vermittlers. Vermittler gegenüber den Mitgliedern, den Freunden, aber auch gegenüber Skeptikern. Und das in einer kaum nachahmlichen Art in großer Vertrauenswürdigkeit und Autorität, egal ob Jung oder Alt. Ein Mensch, dem Freundschaft viel bedeutete.

Nun starb er Mitte Juli urplötzlich. Die Formulierung „aus dem Leben gerissen“ trifft es erschreckend exakt, denn natürlich hatte er viele Projekte noch im Hinterkopf, viele Gespräche wollten noch weitergeführt werden, an vielen Ideen hatten wir noch nicht fertig gearbeitet. Nicht weil er faul gewesen wäre, sondern weil sie einfach noch nicht fertig gedacht waren und reifen mussten. Guter Wein muss reifen.

Die Lücke, die Claus in Pforzheim hinterlässt, ist zur Zeit bei vielen Menschen – zuallererst bei seinen Angehörigen und seinen Freunden – unermesslich, was sich in der Trauerfeier mit mehreren hundert Gästen ansatzweise zeigte. Immer wieder will man zum Telefon greifen, sich für einen schnellen Kaffee anmelden und etwas kurz besprechen, bei dem man wusste, dass man danach der Lösung schon ein gutes Stück näher war. Das wird fehlen.

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