Der Quatsch namens Counter Speeching.

Vor einigen Tagen hatte ich mir mal den Spaß erlaubt, mich im Counter Speeching in Facebook zu üben. Also dem, was Facebook als ehrenhafte Antwort auf Hate Speeching, also der Hassrede, sieht. Ohne dabei natürlich so laut zu erwähnen, dass die Bekämpfung von Hassrede oft genug eine strafrechtliche Relevanz hat und eigentlich Facebook seinen Laden selbst sauber halten müsste, wenn sie von strafrechtlich relevanten Inhalten auf ihrer Plattform erfahren. Aber dazu gleich mehr.

Counter Speeching ist Drecksarbeit.

Drecksarbeit, nicht mehr und nicht weniger. Denn natürlich hat man es beim Counter Speeching, also bei der kontrollierten Gegenrede, in Social Networks in der Regel mit Leuten zu tun, die die Grundregeln der Netiquette bewusst missachten: Gestatte Anderen eine Meinung, rede sie nicht tot, denke vor dem Schreiben immer daran, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt. Bei der überwiegenden Zahl von ständig in Hasssprache schreibenden Menschen handelt es sich um arme Würstchen, die mit Erstaunen erkannt haben, dass sie mit Fäkalsprache eine gewisse Aufmerksamkeit erreichen können und sei es nur Entsetzen.

Daraus folgt, dass eine Gegenrede gegen so eine Hassrede nicht viel mehr ist als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, denn beide befeuern sich gegenseitig, wenn auf Seiten des Hassredners der Wille auf Verständnis von vorneherein fehlt. Es geht nicht mehr um die Diskussion oder Erkenntnisse daraus, sondern es geht nur noch um die Krawalle. Das Ziel, andere zu beleidigen, mundtot zu machen und sich als den wahren Proleten darzustellen („Wir sind das Pack!“ usw.).

Demzufolge muss man Counter Speeching vor allem mit einem gewissen Abstand und Selbstschutz durchführen, um sich nicht von den blödesten Argumenten sofort ins Boxhorn jagen und provozieren zu lassen. Meine jahrelang Usenet-Flaming-Erfahrung kam mir hier zu Hilfe – Counter Speeching kann sogar Spaß machen, wenn man geflissentlich dabei außer acht lässt, mit Counter Speeching etwas erreichen zu wollen. Counter Speeching funktioniert nämlich nicht. Wirklich gar nicht.

Die meisten Hassredner sind ausgesprochen dumm.

Gefühlte 90 % aller Hassredner kennen ihre gefühlten 5 bis 10 griffigen Argumente gegen Ausländer und Flüchtlinge und damit hat es sich dann auch. Schon so Sachen wie der Umstand, dass Hartz IV bzw. ALG-2 nicht aus Sozialkassen kommt, sondern steuerfinanziert ist, ist für die meisten Hassredner etwas, was sie nicht wissen. Das angebliche Argument, dass für Flüchtlinge die Unterstützung für Behinderte und alte Menschen (die zwei Lieblingsgruppen aller Hassredner) landauf-landab leiden würde, ist daher auch das Lieblingsargument, weil eben einfach und griffig.

Ironischerweise ist also Counter Speeching relativ einfach, weil die allermeisten Hassredner immer mit den gleichen, stereotypischen Argumenten dahergewackelt kommen, aber erreichen tun echte Gegenargumente diese dummen Menschen nicht.

Denn – und damit kommen wir zum Hamsterrad: Für einen ordentlichen Hassredner ist die Gegenrede selbstverständlich immer ein Teil der Verschwörung. „Was nicht wahr ist, ist falsch“ wird umgemünzt in „Was ich nicht verstehen will/kann, das ist falsch.“ Ist ja keiner da, der falsche und laute Meinungen sanktioniert, also darf man alles.

Selbst Hassredner sind vorsichtig bei persönlichen Angriffen.

Selbst die übelsten Hassredner – dazu gehören vor allem die Leute, deren radikale Meinung halbwegs gefestigt erscheint – sind vorsichtig, wenn die Gegenredner mit Höflichkeit daherkommen und nicht sofort in das gleiche Beschimpfungslevel absteigen, wie der Hassredner selbst. Erstaunlicherweise habe ich selbst mit meinem Realnamen und übler Thematik kaum einen Hassredner erlebt, der wirklich justiziable Beleidigungen gegen mich losgelassen hätte. Am ehesten kommen die ersten Angriffe in der Form, man sei ja minderbemittelt, wenn man nicht verstehen würde, was der Hassredner sagt (was in der Tat bei vielen Hassrednern schwer ist, weil sie sich nicht sinnvoll ausdrücken können/wollen) und geht dann irgendwann über in eine Trotzhaltung, wenn man die billigsten und falschesten Argumente des Hassredners auseinandernimmt. Da geht den meisten Hassrednern sehr schnell das Zäpfchen, denn mit dem Wissen ist das so eine Sache.

Beliebt sind am ehesten solche Angriffsversuche wie „Ich wüsste ja schon, was man da machen würde“ mit dem ungesagten Versuch, den Gegenüber dazu zu bringen, zu fragen, was denn genau. Selbst als ich das dann auch so stellte, kam in der Regel nichts weiter schärferes, wohl aus der doch nicht ganz vergessenen Angst, man könnte da vielleicht doch bei jemandem aufsitzen, der weiß, wie man mit Beleidigungen im öffentlichen Raum umgeht.

Facebook reagiert auf gar nichts.

Ich denke, man kann diese Überschrift so stehenlassen, wenn ich die Zahl von Reaktionen des Supports auf meine Meldungen schaue: Exakt Null. Bei vielen anderen auch. Es gehört eher zu den Ausnahmen, dass jemand von Facebook sanktioniert wird und das sind dann für gewöhnlich auch nur Leute, die wirklich extrem heftig auf Facebook unterwegs sind und sich mehr als offensichtlich in ihren Profilen dafür als „Märtyrer“ feiern lassen.

Ich bin da sehr emotions- und illusionslos: Facebook wird von sich aus so lange nichts gegen Gegenrede tun, so lange man ihnen nicht droht, sie millionenschwer zu bestrafen, sie aus Märkten auszuschließen oder der US-Präsident bedroht wird.

Ein Guide für Counter Speeching?

Eine Weile schon bin ich am überlegen, einen Guide für das Counter Speeching im Web zu schreiben, denn das würde thematisch gleich in mehrere netplanet-Rubriken passen und für so einen Guide gibt es auch sichtbaren Bedarf. Counter Speeching ist geprägt von einigen Grundregeln, mit denen man in den meisten Diskussionen die Fäden in der Hand halten kann und die Diskussionsführung kontrolliert, so wie es z.B. auch bei Reaktionen von Unternehmen auf so genannte „Shitstorms“ geht. (Die Regeln für die Reaktion auf Shitstorms jedoch keinesfalls mit denen zum Counter Speeching zu vergleichen sind.)

Aber letztlich komme ich bei allen Überlegungen immer auf ein Argument, das mich davon abhält: Warum soll ich ausgerechnet für so Leute wie die Facebook-Verantwortlichen indirekt zuarbeiten und eben nur genau für diese Leute? Das Festhalten an Counter Speeching als Reaktion auf Hassreden ist für Facebook ein knallhartes, finanzielles Argument, da mehr Kontrolle in einem Social Network Geld kostet – sehr viel Geld. Die Facebook-Leute werden also niemals freiwillig mehr Kontrolle in Inhalte stecken. Sie packen diese Haltung unter das hohe Gut der Meinungsfreiheit, aber unterm Strich sind das rein finanzielle Entscheidungen. Bei allen Gegenreden dieser Welt muss es immer noch die Möglichkeit geben, Hassredner zu sanktionieren, aber genau das funktioniert von Hause aus nicht.

Alles nicht meine Haltung und auch nicht mein Laden. Facebook wird sich um seine Benutzungsrichtlinien selbst kümmern müssen und irgendwann mit ihrer derzeitigen Haltung gegen die Wand fahren. Ich sehe jedenfalls keinen Sinn darin, Bedienungsanleitungen für kommerzielle Dienste zu liefern, die sich damit vor ihrer gesellschaftlichen Verantwortung drücken.

Was sagst du?

Jetzt habe ich vieles geschrieben – was sagst du? Ich bin sehr an deiner Haltung und deinen Kommentar interessiert. Damit meine ich vor allem die vielen Leser, die dieses Blog in ihren Feed-Readern abonniert haben und üblicherweise nirgendwo kommentieren. Ich hätte gern Feedback zu diesem Thema, die Kommentarfunktion für diesen Blogartikel ist offen und man muss sich auch nicht kompliziert registrieren.

2 Gedanken zu „Der Quatsch namens Counter Speeching.

  1. Hallo Besim,

    Ich gebe dir recht, dass Gegenrede rein argumentativ wenig bis nichts hilft. Gegenrede hat nur den einen Sinn, den Rechten zu zeigen, dass sie das Netz nicht alleine besitzen.

    Danke für deinen Artikel, den ich für sehr interessant und lesenswert halte. Ich bin ja immer sehr dankbar für jemanden, der Dinge, die man nur so dumpf und unartikuliert in sich rumträgt, auch mal sauber ausformuliert. 🙂

  2. Na, das durfte ich diese Tage auch erfahren. Facebook ist da sehr verlogen.

    Erstens werden offen rassistische Posts zu selten geahndet.

    Zweitens funktuiniert die counter speech nicht. Ich habe in einem Forum (Zwickau gegen Asylmissbrauch) bewusst sehr sachorientiert argumentiert. Da wurde dann irgendwann mit ein paar Mausklicks alles gelöscht und somit zensiert. Man duldet eben keine Argumente, die gegen die eigene Hetze stehen.

    Facebook fordert die counter speech – und die ist mit ein paar Mausklicks gelöscht. Schneller und effektivere Zensur als jede Reaktion von Facebook.

    Traurig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.