Der Quatsch namens Counter Speeching.

Vor einigen Tagen hatte ich mir mal den Spaß erlaubt, mich im Counter Speeching in Facebook zu üben. Also dem, was Facebook als ehrenhafte Antwort auf Hate Speeching, also der Hassrede, sieht. Ohne dabei natürlich so laut zu erwähnen, dass die Bekämpfung von Hassrede oft genug eine strafrechtliche Relevanz hat und eigentlich Facebook seinen Laden selbst sauber halten müsste, wenn sie von strafrechtlich relevanten Inhalten auf ihrer Plattform erfahren. Aber dazu gleich mehr.

Counter Speeching ist Drecksarbeit.

Drecksarbeit, nicht mehr und nicht weniger. Denn natürlich hat man es beim Counter Speeching, also bei der kontrollierten Gegenrede, in Social Networks in der Regel mit Leuten zu tun, die die Grundregeln der Netiquette bewusst missachten: Gestatte Anderen eine Meinung, rede sie nicht tot, denke vor dem Schreiben immer daran, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt. Bei der überwiegenden Zahl von ständig in Hasssprache schreibenden Menschen handelt es sich um arme Würstchen, die mit Erstaunen erkannt haben, dass sie mit Fäkalsprache eine gewisse Aufmerksamkeit erreichen können und sei es nur Entsetzen.

Daraus folgt, dass eine Gegenrede gegen so eine Hassrede nicht viel mehr ist als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, denn beide befeuern sich gegenseitig, wenn auf Seiten des Hassredners der Wille auf Verständnis von vorneherein fehlt. Es geht nicht mehr um die Diskussion oder Erkenntnisse daraus, sondern es geht nur noch um die Krawalle. Das Ziel, andere zu beleidigen, mundtot zu machen und sich als den wahren Proleten darzustellen („Wir sind das Pack!“ usw.).

Demzufolge muss man Counter Speeching vor allem mit einem gewissen Abstand und Selbstschutz durchführen, um sich nicht von den blödesten Argumenten sofort ins Boxhorn jagen und provozieren zu lassen. Meine jahrelang Usenet-Flaming-Erfahrung kam mir hier zu Hilfe – Counter Speeching kann sogar Spaß machen, wenn man geflissentlich dabei außer acht lässt, mit Counter Speeching etwas erreichen zu wollen. Counter Speeching funktioniert nämlich nicht. Wirklich gar nicht.

Die meisten Hassredner sind ausgesprochen dumm.

Gefühlte 90 % aller Hassredner kennen ihre gefühlten 5 bis 10 griffigen Argumente gegen Ausländer und Flüchtlinge und damit hat es sich dann auch. Schon so Sachen wie der Umstand, dass Hartz IV bzw. ALG-2 nicht aus Sozialkassen kommt, sondern steuerfinanziert ist, ist für die meisten Hassredner etwas, was sie nicht wissen. Das angebliche Argument, dass für Flüchtlinge die Unterstützung für Behinderte und alte Menschen (die zwei Lieblingsgruppen aller Hassredner) landauf-landab leiden würde, ist daher auch das Lieblingsargument, weil eben einfach und griffig.

Ironischerweise ist also Counter Speeching relativ einfach, weil die allermeisten Hassredner immer mit den gleichen, stereotypischen Argumenten dahergewackelt kommen, aber erreichen tun echte Gegenargumente diese dummen Menschen nicht.

Denn – und damit kommen wir zum Hamsterrad: Für einen ordentlichen Hassredner ist die Gegenrede selbstverständlich immer ein Teil der Verschwörung. „Was nicht wahr ist, ist falsch“ wird umgemünzt in „Was ich nicht verstehen will/kann, das ist falsch.“ Ist ja keiner da, der falsche und laute Meinungen sanktioniert, also darf man alles.

Selbst Hassredner sind vorsichtig bei persönlichen Angriffen.

Selbst die übelsten Hassredner – dazu gehören vor allem die Leute, deren radikale Meinung halbwegs gefestigt erscheint – sind vorsichtig, wenn die Gegenredner mit Höflichkeit daherkommen und nicht sofort in das gleiche Beschimpfungslevel absteigen, wie der Hassredner selbst. Erstaunlicherweise habe ich selbst mit meinem Realnamen und übler Thematik kaum einen Hassredner erlebt, der wirklich justiziable Beleidigungen gegen mich losgelassen hätte. Am ehesten kommen die ersten Angriffe in der Form, man sei ja minderbemittelt, wenn man nicht verstehen würde, was der Hassredner sagt (was in der Tat bei vielen Hassrednern schwer ist, weil sie sich nicht sinnvoll ausdrücken können/wollen) und geht dann irgendwann über in eine Trotzhaltung, wenn man die billigsten und falschesten Argumente des Hassredners auseinandernimmt. Da geht den meisten Hassrednern sehr schnell das Zäpfchen, denn mit dem Wissen ist das so eine Sache.

Beliebt sind am ehesten solche Angriffsversuche wie „Ich wüsste ja schon, was man da machen würde“ mit dem ungesagten Versuch, den Gegenüber dazu zu bringen, zu fragen, was denn genau. Selbst als ich das dann auch so stellte, kam in der Regel nichts weiter schärferes, wohl aus der doch nicht ganz vergessenen Angst, man könnte da vielleicht doch bei jemandem aufsitzen, der weiß, wie man mit Beleidigungen im öffentlichen Raum umgeht.

Facebook reagiert auf gar nichts.

Ich denke, man kann diese Überschrift so stehenlassen, wenn ich die Zahl von Reaktionen des Supports auf meine Meldungen schaue: Exakt Null. Bei vielen anderen auch. Es gehört eher zu den Ausnahmen, dass jemand von Facebook sanktioniert wird und das sind dann für gewöhnlich auch nur Leute, die wirklich extrem heftig auf Facebook unterwegs sind und sich mehr als offensichtlich in ihren Profilen dafür als „Märtyrer“ feiern lassen.

Ich bin da sehr emotions- und illusionslos: Facebook wird von sich aus so lange nichts gegen Gegenrede tun, so lange man ihnen nicht droht, sie millionenschwer zu bestrafen, sie aus Märkten auszuschließen oder der US-Präsident bedroht wird.

Ein Guide für Counter Speeching?

Eine Weile schon bin ich am überlegen, einen Guide für das Counter Speeching im Web zu schreiben, denn das würde thematisch gleich in mehrere netplanet-Rubriken passen und für so einen Guide gibt es auch sichtbaren Bedarf. Counter Speeching ist geprägt von einigen Grundregeln, mit denen man in den meisten Diskussionen die Fäden in der Hand halten kann und die Diskussionsführung kontrolliert, so wie es z.B. auch bei Reaktionen von Unternehmen auf so genannte „Shitstorms“ geht. (Die Regeln für die Reaktion auf Shitstorms jedoch keinesfalls mit denen zum Counter Speeching zu vergleichen sind.)

Aber letztlich komme ich bei allen Überlegungen immer auf ein Argument, das mich davon abhält: Warum soll ich ausgerechnet für so Leute wie die Facebook-Verantwortlichen indirekt zuarbeiten und eben nur genau für diese Leute? Das Festhalten an Counter Speeching als Reaktion auf Hassreden ist für Facebook ein knallhartes, finanzielles Argument, da mehr Kontrolle in einem Social Network Geld kostet – sehr viel Geld. Die Facebook-Leute werden also niemals freiwillig mehr Kontrolle in Inhalte stecken. Sie packen diese Haltung unter das hohe Gut der Meinungsfreiheit, aber unterm Strich sind das rein finanzielle Entscheidungen. Bei allen Gegenreden dieser Welt muss es immer noch die Möglichkeit geben, Hassredner zu sanktionieren, aber genau das funktioniert von Hause aus nicht.

Alles nicht meine Haltung und auch nicht mein Laden. Facebook wird sich um seine Benutzungsrichtlinien selbst kümmern müssen und irgendwann mit ihrer derzeitigen Haltung gegen die Wand fahren. Ich sehe jedenfalls keinen Sinn darin, Bedienungsanleitungen für kommerzielle Dienste zu liefern, die sich damit vor ihrer gesellschaftlichen Verantwortung drücken.

Was sagst du?

Jetzt habe ich vieles geschrieben – was sagst du? Ich bin sehr an deiner Haltung und deinen Kommentar interessiert. Damit meine ich vor allem die vielen Leser, die dieses Blog in ihren Feed-Readern abonniert haben und üblicherweise nirgendwo kommentieren. Ich hätte gern Feedback zu diesem Thema, die Kommentarfunktion für diesen Blogartikel ist offen und man muss sich auch nicht kompliziert registrieren.

Wegschauen bei Hate-Speech in Social Networks.

Wenn ich in meine Timelines der Social Networks, die ich benutze, hineinschaue, sehe ich kein so genanntes Hate Speech. Das hat einen triftigen Grund – ich entfolge alles aus den Freundeskreisen in Social Networks, was sich in diese Richtung hin äußert, inzwischen auch weitgehend kommentarlos. Ist das nun fair? Darf man einfach wegschauen, wenn sich Leute in der Öffentlichkeit rassistisch äußern? Eine berechtigte Frage, über die ich auch eine Weile nachdenken musste. Ungefähr 30 Sekunden.

A social network is not the reality.

Kommunikation in Social Networks haben eine ganz eigene Physik, die bei ungeübten Onlinern in hitzigen Diskussionen vor allem davon geprägt ist, dass verbale Grenzen überschritten werden. Und das in der Regel in größeren Dimensionen. Es wird gehasst, gedisst, beleidigt, verleumdet und aggressiviert, was das Zeug hält. Das hat einen meist sehr einfachen Grund: Man sieht die Grenzen nicht. Es ist deutlich einfacher, in ein Texteingabefeld eine Beleidigung hineinzutippen, als jemandem direkt ins Gesicht. Und es ist noch einfacher, eine Hasstirade zu befürworten, denn das kostet kein eigenes Wort und im Ernstfall kann man sein „Like“ ja einfach wieder zurücknehmen.

Das soll keine Generalentschuldigung für Leute sein, die sich in Social Networks schlicht nicht im Griff haben, aber gerade für die Nutzung von Social Networks gilt einer der wichtigsten Grundsätze der Netiquette ganz besonders: Lese liberal, schreibe konservativ. Und das ist nicht politisch gemeint, sondern in Sachen Entzündlichkeit des Geschriebenen.

Man tut also gut daran, sich mit einem relativ dick gefütterten Pelz größere Diskussionen in Social Networks anzutun und sich vorab gut zu überlegen, mit welchen Leuten man diese führt. Mit sehr engen Freunden führt man durchaus andere und mitunter auch deutlich intensivere Gespräche als mit Leuten, die man nur flüchtig kennt.

Singen, zuhören oder abschalten?

Gerade weil viele Menschen vor dem Computerbildschirm ihre Grenzen nicht kennen oder sich bewusst nicht an Grenzen halten, hat das offensive Diskutieren in Online-Foren ein regelmäßig großes Potential, sehr schnell zu explodieren. Daran kann man Spaß haben oder man kann daran auch leiden. Das Problem bei letzterem ist, dass es vor allem immer das eigene Magengeschwür ist, an dem man auf diese Weise arbeitet. Da sollte man sich immer fragen, ob einem das so viel wert ist.

Es ist daher in solchen Diskussionslagen wie bei der Frage, ob man ein Rockkonzert besuchen möchte. Kann man mit der Band etwas anfangen, geht man vielleicht hin und hört es sich an. Kann man nichts damit anfangen, geht man am ehesten nicht hin. Vielleicht verpasst man dabei einen außergewöhnlichen Gig, aber erspart sich auf jeden Fall Musik, mit der man eigentlich nichts anfangen kann.

Mit dieser Haltung lebt es sich in Social Networks am stressärmsten und daher hat Hate-Speech gegen Minderheiten, Flüchtlinge und Ausländer nicht sehr lange Zeit, in meiner Timeline herumzugeistern. Entweder werden Nachrichten von solchen Absendern abbestellt oder eben der Freundeskreis verkleinert.

Ja, aber müsste man nicht aufbegehren gegenüber Idioten?

Kurzum: Ja, muss man. Wenn ein Ewiggestriger im Bus einen Ausländer anmacht, dann ist Zivilcourage gefragt, die in den meisten Fällen auch zur erfolgreichen Ausgrenzung des Aggressors führt. Aufbegehren gegen Aggressoren sollte im edelsten Fall dazu führen, dem Aggressor vor Augen zu halten, dass sein Verhalten inakzeptabel ist. Im Idealfall führt dieses Aufbegehren zu einer Einsicht.

In einer Timeline sieht das schon etwas anders aus, denn die ist nur eine scheinbare Öffentlichkeit. Sie enthält nämlich nur die Freunde, die man selbst lesen und die einem selbst noch nicht mal unbedingt folgen müssen. Das könnte zum Beispiel zu so eine Szenario führen, dass man als einziger Normalmensch einem Radikalen folgt, dem sonst nur Radikale folgen. Der beschickt mit seinem Geschreibsel vornehmlich seinen eigenen Freundeskreis mit Parolen und jede Gegenwehr gegen so einen Sturm ist pulverisierte Liebesmüh‘, die oft genug noch dazu führt, sich mit doppeltem und dreifachen Echo der Freundesfreunde herumärgern zu müssen.

Will man aufbegehren, dann sollte man das auch bei Freundschaften in Social Networks immer noch persönlich tun – wenn einem das, wie schon geschrieben, wirklich wert ist.

Wie man mit latentem Rassismus in Social Networks umgehen sollte.

Vermutlich hat jeder, der in einem Social Network ist, irgendwann einmal das „Vergnügen“, offenem oder latenten Rassismus entgegenzublicken. Der ein oder andere hat da so seine „Pappkameraden“ in seiner Freundesliste, manchmal kommen auch neue hinzu, oftmals ist Rassismus versteckt und oft genug für den Autoren auch gar nicht so ersichtlich. Russen-/Juden-/Türken-/Italienerwitze sind schließlich weit verbreitet. Und was vielleicht für den einen halbwegs witzige Monologe sind, sind für den anderen schon haarscharf an rassistischen Äußerungen.

Gut, man muss bei allem, was man liest, eine liberale Lesehaltung anwenden. Aber wie geht man mit dem „alltäglichen“ Rassismus in einem Social Network um? Nun gibt es prinzipiell vier Möglichkeiten, mit latentem Rassismus in seiner Timelime umzugehen:

  1. Man überliest es einfach und lässt es durchlaufen. Wird schon nicht so schlimm sein.
  2. Man liest es, ärgert sich und kommentiert es entsprechend mehr oder weniger scharf protestierend.
  3. Man liest es, ärgert sich vielleicht darüber und blendet den Autoren eines solchen Statements aus. Das geht z.B. in Facebook, da dort jede Freundschaft gleichzeitig auch ein Abonnement der Beiträge des jeweiligen Freundes ist und man dieses Abonnement der Beiträge auf der Profilseite des Freundes gesondert beenden kann.
  4. Man entfernt den Freund aus der Freundschaftsliste, gleichzeitig ist damit auch das Abonnement der Beiträge beendet.

1. Überlesen.

Klar ist, dass für Demokraten der Punkt 1 kaum tragbar ist. Man kann es vielleicht mal durchgehen lassen, wenn man weiß, dass die Äußerung ironisch oder sarkastisch gemeint ist, aber auch das ist schon reichlich problematisch, denn zu einer Äußerung gehört neben einem Autor auch immer ein Leser. Der eine fasst es als Ironie bzw. Sarkasmus auf, der andere lässt das in sein Meinungsbild als echte Meinung gelten.

Dennoch: Überlesen und wissentlich ignorieren ist zwar bequem, aber per se nicht gut. Oftmals merkt ein Freund gar nicht so recht, dass er mit einer Äußerung Freunde verletzt (sowas gibt es tatsächlich), da wäre ein Aufbegehren sicherlich nicht verkehrt. Das kann man ja auch erst einmal in einer privaten Mitteilung tun.

Schwerer wird es, wenn solche Äußerungen nicht der Einzelfall bleiben, sondern immer wieder abgefeuert werden. Spätestens da ist Weghören ein falscher Weg. Steter Tropfen höhlt jeden Stein.

2. Der kleine-große Protest.

Punkt 2 ist dann der Weg des „kleinen Protestes“, in dem man aufbegehrt und den Autoren einer rassistischen Äußerung zur Rede stellt. Das kann man machen und das ist sicherlich auch ehrenvoller, aber man muss damit rechnen, ein Echo zu bekommen. Das kann der Autor selbst sein, was allerdings eher selten der Fall ist, wenn man mit dem Autor gut befreundet ist. Möglicherweise kommt hier auch schon der Protest insofern gut an, dass es den Autor zum Nachdenken anregt.

Problematischer hingegen ist bei Punkt 2, dass sich möglicherweise andere Mitleser genötigt fühlen, dem Autor der rassistischen Äußerung zur Hilfe springen zu müssen. In der Regel knallt es spätestens jetzt verbal, denn hier gehen bei vielen der Gäule durch, meist auch gleich mit dem kompletten Repertoire der vermeintlich Unterdrückten … von „man wird doch wohl mal sagen dürfen“ bis hin zum angeblich notwendigen Kampf gegen das „Gutmenschentum“, um das Volk zu retten und so weiter. Es ist bisweilen erschreckend, was hier schlagartig an verbalem Gewaltpotential losgelassen wird und man muss sich als Protestler auf größere Schimpfkanonaden einstellen.

Von solchen Kanonaden sollte man sich tunlichst nicht provozieren lassen und möglichst auch gar nicht antworten. Zu einer unsachlichen Diskussion gehören immer mehrere und leider gilt auch in Social Networks das Phänomen, dass viele Teilnehmer in besonders emotionalen Diskussionen jegliche gute Erziehung vergessen lassen, in dem sie vorübergehend vergessen, dass hinter ihren Bildschirmen auch Menschen sitzen. Wenn es ein Echo gibt und man auf das Echo reagiert, dann reagiert man praktisch nie auf das eigentliche Problem (dazu hat man ja schon etwas geschrieben), sondern lässt sich auf eine verbale Gewaltspirale ein.

3. Ausblenden.

Das Ausblenden von allen Beiträgen eines Freundes ist nicht in jedem Social Network technisch problemlos möglich. Wenn es aber möglich ist, ist es ein relativ bequemer Schritt, von einem permanenten Störenfried Ruhe zu haben, ohne ihm gleich im Network die Freundschaft kündigen zu müssen. Man liest dann schlicht und einfach den Unfug nicht mehr – das restliche Geschriebene und Veröffentlichte dann allerdings auch nicht mehr.

Um des Friedens Wille ist das der beste Weg, aber, ganz offen gesagt, auch der inkonsequenteste. Warum soll ich für mich etwas bei meinen Freunden in einem Social Network durchlassen, was mich so sehr stört, dass ich alles dafür tun muss, sie komplett auszublenden? Und warum muss ich als Freund in einer möglicherweise großen Freundesliste dafür stehen, so jemanden als Freund zu schätzen?

4. Das Überschreiten einer Grenze und das Ziehen von Konsequenzen.

Nein, das muss man nicht. Wer in einem Social Network herumstänkert und rassistisch herumtönt, überschreitet Grenzen deutlich und das stärker und auffälliger, als man eigentlich durchgehen lassen kann. Wenn so jemand in einem Restaurant Zoten in einer ähnlichen Brandklasse loslassen würde, würde ich mich beschweren. Würde ein Freund solche Dinger mir gegenüber aushusten, würde ich aufstehen und gehen. Und das gleiche sollte man auch in Social Networks tun. Aufstehen und gehen. Also „entfreunden“, „unfollowen“, den Bezug löschen.

Das ist mitunter eine schwere Entscheidung, die in einem größeren Freundeskreis Fragen aufwerfen und schlechte Stimmung erzeugen. Aber da stellt sich immer die Frage, wer damit angefangen hat. Offen gelebter Rassismus, also im Grunde genommen praktizierter Menschenhass, ist inakzeptabel. Auch in einem sozialen Netzwerk, egal ob das in der Kneipe ist, auf einer Geburtstagsparty oder in einem Social Network.

„Das Internet muss wieder höflicher werden.“ Ja, muss es?

Es vergeht inzwischen kein Tag mehr, der nicht an irgendeiner Stelle im Nachrichtenstrom teilweise sehr seltsame und auch krude Ansichten darüber an den Tag legt, wie das Internet, der sündige Pfuhl, der ja ganz dringend sehr viele Besserwisser braucht, um weiter existieren zu können, noch viel besser werden könnte. Der eine Haufen meint, das ginge nur dann, wenn wir alle Benutzer maximal kontrollieren, der eine Haufen meint genau das Gegenteil und dann gibt es sogar ganz erstaunliche Dinge wie Äußerungen von Thomas Hoeren in einem dpa-Interview, in dem er meint, dass Internet müsse wieder höflicher werden.

Die Äußerungen kann man aus vielen Blickwinkeln betrachten und tatsächlich ist der Blickwinkel, dass dieser Hoeren vielleicht irgendeiner der üblichen Schlagersänger ist, der angebliche Missstände des Internets benennt, um damit über die Hintertüre Lobbyarbeit zu betreiben, der normalerweise übliche geworden (leider). Nur: Thomas Hoeren ist einer, der sehr lange dabei ist in Sachen Internet. Und da wird es dann schon wieder auf ganz andere Weise interessant.

Thomas Hoeren ist unter anderem Herausgeber des Kompendiums Internetrecht, einem jährlich aktualisierten Skript mit inzwischen über 500 Seiten, dass das Internet aus juristischer Sicht gründlich beleuchtet, viele grundlegende Informationen und eine umfangreiche Sammlung an einschlägigen Urteilen enthält. Von vielen Rechtsanwälten weiß ich, dass sie dieses Kompendium als Standardwerk in Sachen Internetrecht einsetzen und auch ich habe dieses Kompendium als Standardwerk immer griffbereit, wenn es darum geht, eine Ding wie beispielsweise einen Hyperlink nicht nur aus technischer, sondern auch aus juristischer Sicht zu erklären.

So ein Werk pflegt man nicht, wenn man nicht durch und durch ein Onliner ist. Thomas Hoeren ist ein Onliner, der das schon seit Anfang der 1990er Jahren ist. Zu einer Zeit, in der das Web noch gar nicht existierte oder zumindest in den Kinderschuhen steckte. Kommuniziert wurde vornehmlich per E-Mail, im Usenet oder per Chat im IRC. Und kommuniziert wurde, im Vergleich zu heute, relativ wenig, weil es eben nur einen verschwindend geringen Satz von Menschen gab, der Online-Zugang genießen durfte. Oder wollte.

Die ehemaligen Informationseliten.

Ich gebe zu, eine böse Überschrift, die ich ausdrücklich nicht bezogen auf bestimmte Personen – auch nicht in diesem Artikel – verstanden haben möchte. Allerdings begegne ich immer wieder solchen Menschen und ich muss auch zugeben, dass ich gerade in meiner „Post-Usenet-Ära“ gern mit ähnlichen „Veteranenhuldigungen“ umherwackelte. „Schreibe du mal auch 5.000 + x Usenet-Artikel so wie ich, dann rede ich mit dir!“ So oder ähnlich. Aus irgendeinem Grund haben „wir“ Informationseliten es tatsächlich fertiggebracht, eine möglicherweise jahrelange Kommunikationserfahrung als eine Art Orden darzustellen, mit der andere Respekt vor uns haben sollen. Und da jammert es sich dann auch erschreckend schnell auf sehr hohem Niveau.

  • Früher war alles besser! (Ach ja? Modemanwahl? Abrechnung nach Telefontakt? Eine verhältnismäßig geringe Zahl an Kommunikationspartnern?)
  • Früher war alles nicht so kommerziell! (Ach ja? Mag sein. Dafür sind wir aber für Musik immer noch in den Laden gelaufen, ebenso für Bücher, für Kleidung, für Elektronik, für Fotos und, okay, auch für Müsli und Schokolade).
  • Früher waren die Leute viel netter! (Ach ja? Früher waren die Leute zumindest nett, mit denen ich kommunizierte, denn in der Regel kommuniziere ich nur mit netten Menschen. Viel mehr anderer Leute hat es nicht gegeben und die paar Leute, die hässlich waren, die waren halt hässlich. So wie heute auch.)

Ich bin ja nun ein Onliner, der heute erheblich intensiver im Internet unterwegs ist, als vor, sagen wir zehn Jahren. Und schon damals waren zwei Stunden Internet nicht nur eine richtig teure Angelegenheit auf Dauer, sondern einfach nur krank, weil man dann, ebenso wie beim Fernsehen, viereckige Augen bekam und vom 17-Zoll-Röhrenmonitor kaputtgestrahlt wurde.

Früher war alles ebenso undurchschaubar, wie heute, allerdings ist die damalige Zeit aus heutiger Sicht (!) betrachtet, grundsätzlich immer erheblich einfacher und unkomplexer. Und besser. Und liebevoller. Und freundlicher.

Aber, um es einmal sehr deutlich zu sagen: Die Arschlöcher, die gab es damals auch schon.

Wenn ich nach bestimmten „soften“ Schimpfwörtern in meinen Archiven von Mail- und Usenet-Nachrichten suche, finde ich erstaunlich viele Artikel. Bei denen ich weiß, dass sie für immer und ewig bei Google News archiviert bleiben, es mich aber auch nicht wirklich mehr stört. Das war nicht der frühere Besim, von dem ich mich nur schwerlich distanzieren kann, ohne lügen zu müssen, damals ganz sicher schizophren gewesen zu sein. Sondern das ist nun mal der Besim gewesen, der sich – auch mit solchen Bäh-Artikeln – zu einem Menschen entwickelt hat, den er heute darstellt. Ich kann es nicht mehr ändern, so ist es gekommen. Ich mag aber auch nicht darüber jammern, was gestern war, denn ich werde heute da leben, was morgen sein wird. Und ich bin ein Nix unter Vielen, auch wenn ich ein Werk geschrieben habe, dass vielen Menschen das Internet zu erklären versuchte.

Die Forderung nach Rückbesinnung als latenter Generationenkampf.

Und da sind wir auch da angelangt, wo tatsächlich die Lava einer solchen Debatte herkommt – aus dem guten, alten Generationenkampf. Die alte Garde, die heute vieles besser weiß von Dingen, die sie damals verbrochen hat. Und die jungen Hüpfer, die auf solche Ratschläge der alten Garde nicht viel geben. Und das vor allem deshalb, weil sie eben von der alten Garde nicht gesagt bekommen will, wie man es gefälligst richtig zu machen hat. Wenn ich sehe, wie der Nachbarsjunge derzeit seine Bonbons aus dem Papier wickelt, könnte ich mir an den Kopf fassen, wie umständlich und ineffizient er das macht. Aber es hilft wenig, ihm zu erklären, wie es richtig geht und es macht auch keinen Sinn (um mal hier den Bogen in die Unionsrhetorik in Sachen Netzpolitik zu machen), ihm einfach keine Bonbons mehr zu geben. Er muss es selbst herausbekommen. Er muss das Gleichgewicht zwischen Nutzen und Aufwand, er muss seinen Wertemaßstab hier tatsächlich selbst austarieren.

Die Netiquette herauszukramen und dogmatisch mit dem Zeigefinger damit zu wedeln, ist ein deutliches Zeichen für so einen Generationenkampf und das sage ich als jemand, der auch eine Netiquette pflegt. Die Netiquette – und ich sage das immer und immer wieder – ist kein fertiges Werk, sondern war und ist immer eine Sammlung aus vornehmlich ungeschriebenen Verhaltensregeln, die sich ständig ändern können und es auch tun. Jeder Versuch, die Netiquette in ein formales Benimmsystem einzupressen, schlägt fehl, weil es Menschen gibt, die sie nicht akzeptieren (was gemäß der Netiquette auch zu akzeptieren ist) oder wiederum Menschen, die sich dogmatisch daran halten und nicht merken, wie sich die Zeit an ihnen vorbeibewegt.

Und räumen wir auch mit einer Anekdote auf: Ja, die Netiquette gibt es auch als RFC und zwar als vielverlinktes RFC Nr. 1855. Dort heißt es einleitend, da es sich um ein „informational RFC“ handelt:

"Status of This Memo
This memo provides information for the
Internet community.  This memo does not
specify an Internet standard of any kind.
Distribution of this memo is unlimited."

Ein „Kann“. Kein „Muss“. Und eigentlich auch nur als RFC veröffentlicht, weil dabei keinem der echten Techniker, die wirkliche Standards über RFC kommunizieren, ein Zacken abbricht. So wie es echte Techniker auch nicht interessiert, wenn in einer gleichberechtigten, technisch orientierten Diskussion ein Diskutant schon seit 1990 online sind oder erst seit 2005. Oder anders gesagt: POP3 ist ein Krampf an Mailabrufprotokoll und an POP2 und an POP erinnert sich schon kein Mensch mehr. Und daran, dass früher einmal die Menschen im ARPANet die ersten E-Mails einst per FTP versendet haben.

Jeder, der sich mit der Thematik „Etikette“ beschäftigt, lernt sehr schnell, dass ein freundliches Benehmen weit führen kann, schlechtes Benehmen aber dennoch weiterhin vorkommen wird und es auch muss, um die Stärke des freundlichen Benehmens untermauern zu können. Die Meisterklasse der Guterzogenen hat aber vor allem eine Sache gelernt: Hinwegsehen über schlechtes Benehmen, eine eigene Bewertung daraus bilden, aber niemandem öffentlich daraus einen Vorwurf machen.

Lieber Thomas Hoeren: Granteln „is‘ nich'“. Mitschwimmen ist die Devise. Das war schon immer so. Wer stehenbleibt, ertrinkt. Und ob der Ertrinkende es dabei nackt tut oder im Frack, interessiert wirklich niemanden. Nicht die unmittelbaren Mitschwimmer, nicht die Alten vor Ihnen und auch nicht die Jungen hinter Ihnen.

Unternehmen und das Duzen in Social Networks.

Gelegentlich taucht die Frage auf, ob Unternehmen in Social Networks wie Facebook unkonventionell duzen sollen oder nicht. Das heißt: Im besten Falle taucht diese Frage auf, denn entweder wird gesiezt oder es wird geduzt – die Frage, ob oder ob nicht, wird meist gar nicht diskutiert. Und dass es nicht diskutiert wird, bedeutet, dass man eine gewisse Vorsicht walten lassen sollte, wenn man seine Social-Media-Aktivitäten tatsächlich ernsthaft betreiben möchte.

Wollen „die anderen“ eigentlich gesiezt oder gedutzt werden?

Im Internet wird gern ein Fehler gemacht, der eigentlich in der realen Welt absolut klar ist. Das Siezen ist bei fremden und erwachsenen Menschen grundsätzlich die korrekte Anspracheform, das Duzen ist es nicht. Man kann sich im Zweifelsfalle (und wenn man in der Lage ist, ein eventuell negatives Echo zu ertragen) auch gleich mit dem Duzen ins Haus fallen, was man aber nur in besonderen Fällen tun dürfte. Oder es wird ein kleinwenig peinlich, so wie auf der Facebook-Seite der Stadtwerke Pforzheim:

Sprich: Gehe ich in eine Bank, sieze ich dort normalerweise jeden Mitarbeiter, außer ich kenne den Mitarbeiter und duze mich mit ihm. Ich erwarte das im Gegenzug von Bankmitarbeitern genauso. Und zwar völlig unabhängig davon, ob sie mich persönlich am Schalter ansprechen, mich anrufen, mit eine E-Mail schreiben oder in Facebook kontaktieren.

Bei Menschen ist das noch weitgehend klar. Aber wie ist das mit Unternehmen, also mit „Dingen“, hinter denen eine Gesamtheit von Personen steht? Na? Eigentlich auch logisch, das Siezen ist angesagt, zweifellos. Das „Ihren“ im 2. Person Plural („Wir haben da etwas für euch!“) ist in meinen Augen eine Notlösung, wenn sich ein Unternehmen nicht traut – ja, nicht traut – in einem Umfeld das Siezen einzusetzen. In meinen Augen ist jedoch der 2. Person Plural bei einer eigentlich gewünschten direkten Ansprache nichts anderes wie eine ziemlich mutlose Notlösung.

Aber wir duzen uns doch alle im Internet!

Ach, tun wir das? An vielen Stellen tun wir das tatsächlich und zwar vor allem deshalb, weil es sich im Internet so eingebürgert hat. Und eingebürgert hat sich das nicht deshalb, weil wir alle Freunde sind, sondern eingebürgert hat sich das vor allem deshalb, dass dieses zwanglose Duzen aus dem angloamerikanischen Umfeld kommt, denn dort gibt es nur das Du. Wer aber schon mal in Großbritannien oder den USA war, weiß sehr wohl, dass trotz des fehlenden 3. Person Plural es sehr wohl eine sehr fein granulierbare Unterscheidung zwischen Freunden und der Rest der Welt gibt. Diese Granulierung fehlt uns, wir kennen eben hierzu das Du oder das Sie. Schon immer galt in der Netiquette: Im Zweifelsfall ist außerhalb von Foren und Newsgruppen das Siezen die sicherere Ebene.

Aber, mal ehrlich: Wir duzen uns im Internet nicht überall. Und nein, eigentlich duzen wir uns im Internet inzwischen nur noch an wenigen Stellen, denn wie auch oben schon geschrieben: Der Bankmitarbeiter (sofern er eben nicht mein Freund ist) ist immer noch per Sie. Wer ungezwungen in einem „Sie-Umfeld“ duzt, verletzt Konventionen und das gilt überall. Im echten Leben fällt es nur deutlicher auf.

Ja, und Unternehmen nun in Social Networks?

Ganz klar: Per Sie. Sowohl Außenstehende gegenüber dem Unternehmen und vor allem auch in der Kommunikation vom Unternehmen zum Außenstehenden. Und das möglichst konsequent – wird man als Unternehmen geduzt, dann hat man als Unternehmen in seiner Antwort, wenn man es richtig machen möchte, das Sie zu verwenden. Denn hier geht es nicht darum, sich als Unternehmen auf die Ebene des Außenstehenden zu begeben, sondern hier geht es darum, als Unternehmen einen gewissen Level in Sachen Kommunikationsetikette zu erhalten.

Das Problem dahinter wird spätestens in diesem Gedankenspiel klar: Schüler schreibt an ein Unternehmen in Facebook in der Du-Form und fragt nach, ob es Ausbildungsplätze gibt. Das Unternehmen antwortet, vielleicht sogar in Form eines „echten“ Mitarbeiters, in der Du-Form zurück, ja, es gibt Ausbildungsplätze. Schüler schreibt eine Bewerbung in der Sie-Form. Es kommt zum Bewerbungsgespräch und der Schüler steht vor dem Mitarbeiter, der ihm in Facebook geantwortet hat – und es ist der Chef. Duzen oder Siezen?

Sicherlich, es bricht keine Welt zusammen, wenn man unkonventionell duzt. Aber es ist genau genommen nicht richtig, Unbekannte einfach zu duzen oder in der 3. Person Plural „anzumachen“. Wer jedoch ernst genommen werden will, muss gewisse Konventionen einhalten und auch konsequent durchziehen. Das Social Web hat hier (noch) keine so fundamental neuen Konventionen in der Kommunikationskultur geschaffen, als man sich da problemlos über jahrhundertealte Gepflogenheiten einfach mal eben so hinwegsetzen könnte.

Ausnahmen?

Ja sicher, Ausnahmen bestätigen jede Regel. Und zwar immer dann, wenn man als Unternehmen vor allem junge Menschen als Zielgruppe hat oder Menschen, die „jung gefühlt werden“ wollen. Hier ist das Duzen sicherlich nicht ganz so verboten. Allerdings: Operiert so ein Unternehmen in seiner klassischen Kommunikation per Sie, dann ist auch im Web und in Social Networks das Siezen angesagt. Nichts anderes wäre konsequent.

dpa-Artikel zum Thema Netiquette.

Wenn ich Google Alerts nicht in eigener Sache „schnüffeln“ lassen würde, würden mir Dinge entgehen. Beispielsweise das Ergebnis eines dpa-Interviews, das ich Ende Januar gegeben habe, in dem es über das gute Benehmen im Internet und die Netiquette ging, vor allem in Social Networks. Anfang März ist dieser Artikel dann über einen Themendienst-Ticker gelaufen und hier und da in Zeitungen auf Altholz und online gelandet, beispielsweise in der Süddeutschen:

Und in englischer Sprache gibt es den Artikel auch gleich:

http://www.monstersandcritics.com/tech/news/article_1539094.php/It-pays-to-be-nice-on-the-netI