Zum abgesagten Faschingsumzug in Pforzheim.

Es folgt eine Polemik, vom ersten bis zum letzten Wort.

Fasching in unserer Region ist eine sehr ambivalente Angelegenheit. Zentrale Regel: Fasching hat nichts, aber auch rein gar nichts mit Spaß zu tun. Fasching ist harte Arbeit. Die Organisation eines Faschingsumzuges ist richtig viel Arbeit und kostet auch genügend Schotter. Da wird von den Organisatoren deshalb auch erwartet, dass der Zuschauer sich bitteschön auf industrielle Weise darüber zu freuen hat. Also stundenlang Freude vorgaukeln, die Hälfte der Büttenreden nicht verstehen und auch bei den Umzugswagen selten auf den Trichter kommen, um was es eigentlich geht. Und wehe dem, der Fasching nicht als Arbeit versteht und versucht, sich tatsächlich zu freuen …

Der Fasching.

2006 war meine erstmalige Teilnahme am Dillsteiner Faschingsumzug in Pforzheim, der traditionell am Dienstagnachmittag stattfindet. Also zu einer Zeit, wo viele Väter entweder noch arbeiten, gerade zurückfahren oder schlicht keinen Bock auf den Umzug im zugigen Stadtteil Dillweißenstein haben und lieber den Tag vor der Glotze bei den echten Fasnachtsveranstaltungen verbringen. 2006 fand mein erster Umzug (von insgesamt dreien) für die SPD statt, was in unserer schwarzen Region ein unglaublicher Skandal zu sein schien. Es war Wahlkampf, es war dummerweise meine Idee.

Nun erträgt man Fasching im nüchternen Zustand nicht ohne gesundheitliche Spätschäden. Als Organisator hielt ich meinen Alkoholkonsum in sehr engen Grenzen und das war nicht gut. Zu sehen, wie praktisch wirklich jeder der Umzugsteilnehmer und -organisatoren betrunken ist, ist unschön. Keine Sau interessierte unsere vorherige Anmeldung, das Einschreiben in die Teilnehmerliste vor Ort geschah unter Beobachtung von drei uralten und ebenfalls schon auf Pegel stehenden Verantwortlichen und unsere mühevoll gezimmerten Sicherheitsaufbauten auf dem Faschingswagen interessierte letztendlich keine Sau.

Den Umzug stellen wir uns selbst so vor: 2,5 Kilometer Zufahrt, 200 Meter „heiße Zone“ mit 25 Meter Ehrentribüne der politischen VIP. Dort und auch nur dort findet Beschallung und Kommentierung statt, dementsprechend dort finden sich auf dem Ludwigsplatz auch mehrere tausend Menschen ein. Die 2,5 Kilometer lange Zufahrt ist dann der Umzug, wo das gesamte restliche Publikum herumsteht, zuschaut, auf die Bonbons wartet.

Nun ist es so, dass in den vergangenen Jahren die Beschaulichkeit des Umzuges verschütt‘ gegangen ist. Es kamen immer mehr so genannte „alkoholisierte Jugendliche“, eine nette Umschreibung für das eigentlich gemeinte Wort „Ausländerkinder“. Die waren zwar oftmals gar nicht betrunken, aber deutlich lauter als die Jugendlichen, die gar nicht mehr zum Umzug kommen. Nennen wir das alles einfach mal „Gendering“, was es eigentlich auch ist. Geschäftsmäßig organisierte Freude, traditionell zu wenig Sicherheitspersonal, eine völlig inhomogene Umzugsstrecke, eine immer kleiner und älter werdende Faschingskultur, die eine Öffentlichkeitsarbeit betreibt, die, nun ja, lassen wir das.

Die Absage.

Auf die Pauke hauten die Organisatoren dann im Herbst, als sie verkündeten, dass der Faschingsumzug in 2015 auf der Kippe stehen und kurz vor der Absage stehen würde. Zu wenig Gruppen hätten sich angemeldet und, ja natürlich, die randalierenden und betrunkenen Jugendlichen… ganz großes Problem. Das zog natürlich dann seine großen Kreise durch den Teil der Lokalpresse, der vornehmlich mit dem Bauch und weniger mit dem Kopf geschrieben wird, mit den entsprechenden Nachwirkungen aus dem hobbypolitischen Teil der Bevölkerung. Na klar, die Ausländerkinder sind natürlich schuld. Schlicht rassistische Äußerungen auf hohem Niveau, angetrieben von lokaler Berichterstattung, die die Diskussion in einschlägigen Gruppen und Foren aus Facebook verlinkt und selbst noch befeuert. „Meinung vom Volk“.

Immerhin, die Organisatoren dachten sich, okay, geben wir dem allem noch eine Chance und warten auf Zusagen von Teilnehmern des Faschingsumzuges. Dann war wieder einige Wochen Ruhe, aber natürlich war das Kinde schon längst ins Wasser gefallen. Auf welche Teilnahmen will man denn warten, wenn man schon vorzeitig angekündigt hat, dass der Umzug aller Voraussicht nach ausfallen wird? Und was will man gegen konservative Lokalpolitiker tun, die diese Steilvorlage dankbar dazu nutzen, um das „Gesamtkonzept des Umzuges mit Streetworkern zu beleuchten“. Also die konservativen Lokalpolitiker, die üblicherweise auf der VIP-Tribüne dann meist die rotesten Nasen haben und das ohne aufgesetzte Knubbelnase.

Und so kam es dann auch: Es kamen nach Aussage der Lokalpresse nur rund ein Viertel Zusagen gegenüber dem diesjährigen Faschingsumzug und mit unter 20 Gruppen bekommt man auch so einen skurrilen Faschingsumzug wie in Pforzheim nicht zustande. Der Umzug wurde nun endgültig für 2015 gecancelt und schon schwappt wieder eine erstklassig braune und, pardon, frisch gekackte Rassistenscheiße durch die Zeitung und vor allem durch deren Foren und Facebook-Gruppen. Die ach so bösen Ausländerkinder versauen uns hier den guten, alten Faschingsumzug!

Kann es das sein?

Nun wissen wir ja schon zu Genüge: Rassismus schürt man nicht durch Hochpolitik, sondern durch das Hinstellen und Rühren von Fäkalieneimern. Dass sich das Publikum bei Faschingsumzügen ändert, ist keine neue Entwicklung, sondern mindestens seit zehn Jahren der Fall. Und selbst wenn man das so feststellt, bleibt immer die Frage, wie man das löst, denn schließlich kann man „Ausländerkinder“ nicht von der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen ausschließen, was sich dennoch gar nicht so wenige Hobbypolitiker so wünschen dürften.

Dass die Faschingskultur in unserer Zeit und überhaupt in urbanen Milieus immer schlechter funktioniert, ist ein anderes, größeres Thema. Mit Ideen, wie man auch in heutigen Zeiten diese Kultur zeitgemäß unterbringen könnte, müsste man sich beschäftigen, so wie es alle Sport- und Kulturvereine, die länger als eine Generation überleben wollen, ebenso tun müssen.

Hier in Pforzheim ist nun wohl eher kaum noch etwas zu holen. Die Diskussion ist schon in die am meisten stinkende Ecke abgedriftet, Pforzheimer Fasching war schon traditionell immer der unwitzigste in der Region und nach einem ausgefallenen Umzugsjahr dürfte es schwierig werden, überhaupt noch einen auf die Beine gestellt zu bekommen.

Mir vom Prinzip her auch alles wirklich völlig wurst, nur: Es sind nicht die „Ausländerkinder“, die euren Fasching da angeblich kaputtgemacht haben. Es sind Leute wie du und ich, die ein gemeinsames Hobby haben und irgendwie das Problem verkannt haben, dass sich die Zeit schneller dreht, als man dachte. Das passiert den besten Leuten, aber sucht diese Schuld nicht bei anderen.

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