Das Jörg-Kachelmann-Schlachtfest.

Das Thema Jörg Kachelmann elektrisiert die Journallie. Noch immer scheinen es die Printmedien nicht verwunden zu haben, dass ihnen das Fernsehen in Sachen Aktualität den Rang abgelaufen hat. Umso schöner ist es deshalb, wenn mal einer dieser Moderatoren in irgendeinen Verdacht gerät und man ihn in der Boulevardpresse in Ruhe reißen kann, wie das die Raubtiere in der Serengeti tun. Prominentestes Beispiel der näheren Vergangenheit ist hier der ehemaligen Moderator Andreas Türck, der im Mai 2004 ebenfalls wegen Verdachtes auf eine Vergewaltigung angeklagt wurde, 16 Monate später aber aufgrund Zweifel an der Glaubwürdigkeit des angeblichen Opfers freigesprochen wurde. Seine Karriere als Moderator war freilich hin, denn hängenbleiben tut immer etwas – man muss nur lange genug Drecks durchs Rohr schieben.

Ich muss leider, auch wenn diese Themen hier im Blog extrem unbeliebt sind, wieder einen krassen Bogen zur Lokalpresse machen, denn heute morgen war der Blick auf die Website der Pforzheimer Zeitung wieder eine bedauernswerte Bestätigung dafür, dass man in der Bedienung der Promi-Guillotine weiterhin gern schneller ist, als mit der Verwendung des durchschnittlichen Journalistenverstandes.

Zutatenliste:

  • 1 dpa-Foto Jörg Kachelmann, etwas derangiert schauend, unfriesiert
  • 1 Anreißer mit eingebauter Fragestellung, in etwa mit folgender Intention: Behalten sie ihn noch im Gefängnis und wird da vor uns geschützt oder lassen sie das gefährliche Raubtier frei und er fällt gleich hinter dem Gefängnis die nächste Deutsche an?
  • 1 Bildergalerie mit sieben Bildern aus dem dpa-Bilderarchiv (Suchwort: „jörg kachelmann“)
  • 1 Link auf den ersten Bericht über die Verhaftung, mit einem Titel, der eine glatte Vorverurteilung darstellt („Wetter-Experte in U-Haft: Kachelmann ein Vergewaltiger“). Das Fragezeichen hinter „Vergewaltiger“ wurde immerhin gegen 13 Uhr dann noch nachgereicht.
  • 1 Link auf ein offensichtlich früher geführtes Telefoninterview („Sie rufen aus der Schweiz an.“) mit Jörg Kachelmann zum Thema Wetter in Pforzheim, immerhin aber mit griffig-universeller Überschrift.
  • 1 Leserumfrage zur Urteilsbildung

Zusammengeklickter, sensationsgeiler, Hirnfäule erregender Kloakenjournalismus für die Frühstückspause. Das ist wie wenn man als Redakteur zu einem Fahrradunfall noch ein, zwei Blutbeutel mitnimmt, damit wenigstens noch etwas Farbe ins Bild kommt und dann am Ende den Leser über die Schuldfrage entscheiden lässt. So einfach macht man Nachrichten. Defäkieren ist schwerer.

3 Gedanken zu „Das Jörg-Kachelmann-Schlachtfest.

  1. Jeder Redakteur bei einer Lokalzeitung wird entgegnen, dass es genau solche Geschichten seien, die Leserinnen und Leser interessierten. Und es gehöre eben zur Pflicht einer Zeitung, (auch) über das zu berichten, was die Menschen interessiert und bewegt und nur deshalb würden solche Beiträge veröffentlicht.
    Besonders gut finde ich übrigens die Ankündigung eines Videos. Da kommt der Voyeur auf seine Kosten: Kachelmann vor der Wetterkarte, Kachelmann als Sportexperte, Kachelmann beim Vergewal…. Genau das, was den Leser interessiert.

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