Die Illusion der Weite im Fernsehen.

Dass Barack Obama, wie jeder moderne und medienerfahrene Universalpolitiker, mit einem Teleprompter umzugehen hat, ist keine Neuigkeit. Teleprompter kennen die meisten Zuschauer (wenn sie überhaupt wissen, was ein Teleprompter ist), vor allem als Gerät, das – unsichtbar für den Zuschauer – unmittelbar vor einer Kamera montiert ist und für einen Nachrichtensprecher die primäre Lesequelle ist; das gedruckte Papier, das die meisten Nachrichtensprecher in den Händen halten, dient nur als sekundäre Quelle, falls der Text im Teleprompter nicht parat ist oder das Ding schlicht kaputt ist. (Die einzige Ausnahme ist übrigens die 20-Uhr-Tagesschau, die auch heute noch traditionell ohne Teleprompter gefahren wird, hier müssen die Nachrichtensprecher tatsächlich noch vom Papier ablesen.)

Aber auch wenn jemand nicht direkt in die Kamera schaut, kann er vom Teleprompter ablesen, nämlich schlicht und einfach dann, wenn der Teleprompter überraschenderweise nicht vor einer Kamera positioniert ist, sondern an einer anderen Stelle. Dieses dramaturgische Mittel nutzte auch Barack Obama, wenn er in öffentlichen Reden oder Kundgebungen zum Volk spricht. In dieser Art der Präsentation ist nämlich ausdrücklich nicht erwünscht, dass der Sprecher direkt in die Kamera schaut, um beim Fernsehzuschauer nicht den Eindruck zu erwecken, dass er die Kundgebung nur für das Fernsehen macht.

In der bisherigen Medientheorie hat man solche indirekt aufgestellten Teleprompter rechts und links vom Sprecher etwa mit einem Winkel von 30 bis 40 Grad zur direkten Sehrichtung in die Kamera aufgestellt. Das war für den Sprecher recht angenehm, da er, wenn er von einem Teleprompter zum anderen schauen wollte, den Kopf nur um etwa 60 bis 80 Grad drehen musste. Zudem waren diese Blickwinkel auch harmonisch zum Pantoffelkino-Bildformat von 4 zu 3, mit dem man eh kaum eine breit verteilte Zuschauerschaft bildfüllend zeigen konnte. Wenn man aber die Illusion erzeugen möchte, dass es eher eine kleine, lauschige Veranstaltung ist, kann man das auch durchaus mit einer engeren Teleprompter-Anordnung tun:

Das heutige Breitbildformat von 16 zu 9 hat das deutlich geändert, denn nun ist das Bild von Hause aus wirklich breit. Und nur wenige Politiker wie Barack Obama haben verstanden, dieses Format auch zu nutzen, da er in großen Kundgebungen, die auch als „groß“ medial zu präsentieren waren, seine beiden Teleprompter erheblich weiter nach links und rechts stellen ließ – meinen Schätzungen nach deutlich mehr als 45 Grad zur Sehrichtung zur Kamera, was für einen Bildästhet dann schon faktisch ein Horrorszenario ist, da das Gesicht des Sprechers quasi nur noch im Seitenprofil zu sehen ist und der Sprecher beim Blickwechsel zum anderen Teleprompter erheblich mehr und vor allem schneller den Kopf drehen muss. Das war in seiner Berliner Rede am 24. Juli 2008 sehr schön zu sehen:

Das Ergebnis ist jedoch frappierend. Die weit auseinanderstehende Teleprompter-Anordung erweckt verblüffend überzeugend den Eindruck, dass Obama in einer großen Kundgebung zu einer riesigen Gesellschaft spricht, die scheinbar praktisch halbkreisförmig bis zum Horizont vor ihm steht. Diesen Eindruck wird auch dadurch untermalt, dass er „weitsichtig“ fast gerade nach links und rechts schaut, obwohl er auf einem Podest gut und gern fünf bis zehn Meter über dem Volk steht – das wird dadurch erzeugt, dass seine Teleprompter in der Höhe seines Gesichts stehen und keinesfalls darunter. Er würde ansonsten nach unten schauen, was schon wieder eine Herrschaftspose wäre.

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