Der beunruhigende Wandel von Wahlkampf hin zu Social Campaigning.

Replik und Kommentar auf den Text von Mikael Krogerus und Hannes Grassegger, veröffentlicht in „Das Magazin“. Bitte vorher die Zeit nehmen, den Text lesen, einen Kaffee trinken und dann meinen Kommentar lesen:

Ich kann mich noch sehr genau an die ersten Wahlkämpfe erinnern, die ich online beobachtet und später dann auch mit gestaltet habe. Kreativ, informativ, fast schon unterhaltsam warf man sich 2008 in die Netze, da zog Barack Obama mit seinen Beratern einen Siegeszug durch Social Networks. Und auch ganz kleine Dinge daraus schienen zu funktionieren, zum Beispiel ein Wahlkampf-Weblog. Ich bin immer noch ein großer Verfechter von das, was man im großen und ganzen unter „Politik 2.0“ zusammenfasst.

Nur: In der nächsten Generation meiner Visitenkarten und meiner Website wird „Politik 2.0“ sehr sicher nicht mehr draufstehen.

Ich kann mich noch gut an Gespräche vor einigen Wochen erinnern, wo ich mich mit darüber wunderte, warum die Kampagne von Donald Trump den Anschein macht, völlig planlos zu sein. Argumentativ ist seine Website wirr gewesen, seine Äußerungen auf Twitter sind – gelinde gesagt – bizarr und auf allem stand das große Fragezeichen, warum Trumps Kampagne deutlich weniger Etat hat, als die der Konkurrenz und vergleichbaren, früheren Kampagnen.

Eine mögliche und plausible Antwort hat der obige Artikel anzubieten, der im Prinzip folgende Theorien verbindet:

  • In der Zwischenzeit lassen sich ein Großteil der US-Gesellschaft (und vieler anderer auch) via Facebook erreichen.
  • Es gibt Unternehmen, die Informationen der Gesellschaft aus vielen unterschiedlichsten Quellen bündeln und diese zu personifizierten Profilen zusammenstellen.
  • Diese Profile werden mit eigenen Unternehmenswerkzeugen ergänzt, die scheinbar ein Psychoquiz in Form einer Facebook-App darstellen, die gewonnenen Informationen aber nicht nur zur Unterhaltung an den Benutzer liefern, sondern in Form eines recht ausgefeilten Psychogramms mit den bisher gesammelten Profildaten verheiratet. Die so gewonnenen Profile sollen erstaunlich/erschreckend genau den wahren Persönlichkeiten entsprechen, bis hin zu intimsten Vorlieben und politischen Ausrichtungen.
  • Anhand dieser Profile werden dann viele zehntausend einzelne Kampagnen in Form von „Social Ads“ gestaltet, die dann passend den Personen z.B. in Facebook eingeblendet werden. Die Granulierung geht dabei so weit, dass der Wohnort einbezogen wird, die politische Ausrichtung, die Hautfarbe, der wirtschaftliche Status und so weiter und so fort. Die umfassenden Möglichkeiten, die Facebook dabei zur Profilierung anbietet, sind bereits heute schon unglaublich detailiert.

Kurzum: Armageddon. Die Dystopie, dass unsere Profile, die wir in vielen Ecken dieser Welt anhäufen, von anonymen Firmen völlig unkontrolliert zu erschreckend genauen Psychogrammen zusammengebaut werden, die uns möglicherweise haargenau gleichen und daher exakt so angesprochen werden können, wir wir uns tatsächlich ansprechen lassen. Die unsere möglicherweise gar nicht real ausgesprochenen Vorlieben genauestens beschreiben und uns in unserer Wahlentscheidung mehr oder weniger beeinflussen lassen.

Nichts von alledem ist abwegig, sondern alles für sich mit dem Stand der Wissenschaft und der Technik nachvollziehbar. Und auch der Ansatz, dass irgendwann Menschen auf die Idee kommen, all diese Ansätze miteinander zu verheiraten, ist zumindest erwartbar gewesen, wenn auch meist nur in düsteren Science-Fiction-Romanen oder für den Horror-Part in Privacy-Vorträgen.

In Wirklichkeit sind wir nicht mehr am Anfang von hauptsächlich datengetriebenen Wahlkämpfen, sondern schon mittendrin. Während der Faktor Mensch noch wenigstens dafür gebraucht wurde, Wähler anzurufen oder bei ihnen an der Tür zu klopfen, bewegt sich maßgeschneiderte Werbung via Facebook schon direkt an die Bildschirme der Wähler und es ist rein eine Frage der Zeit, bis das nicht nur in Facebook so passiert, sondern auch via Smart-TV, via dem viel besagten „Internet der Dinge“ und dann später über allen anderen Medien, die nachrangig aus Datenbanken gespeist werden, die hauptsächlich die Online-Kanäle bespielen.

Ich muss zugeben: Nach der Lektüre des obigen Textes war ich so beunruhigt, wie selten. Wir haben schlicht abgekackt und die jahrzehntelang müßig geführten Debatten darüber, ob man dem Datenmissbrauch einen Riegel vorschieben sollte, sind bereits beantwortet. Gegen uns. Gegen den denkenden und freien Bürger.

Denn ich sehe folgende Dinge:

  1. Firmen, die Daten aus verschiedenen Quellen sammeln und via Social Networks mit realen Personen so verbinden können, dass am Ende sehr genaue Psychogramme herausspringen, gibt es und es wird kaum möglich sein, die jemals wieder loszuwerden. Geschweige denn, die gesammelten Profile.
  2. So Firmen wie Facebook ist nicht über den Weg zu trauen, die Selbstregulierung hat nie funktioniert und wird niemals funktionieren. Facebook ist geldgetrieben und skrupellos und wird zur Generierung von Werbegeldern problemlos noch viel detailiertere Werbe- und Profilierungsmöglichkeiten anbieten, wenn auch nicht unbedingt jedem.
  3. So Firmen wie Facebook und auch Unternehmen, die Werbekanäle anhand von psychometrischen Profilen anbieten, werden sich auch deshalb nicht verbieten lassen, weil sie den Leuten, die solche schrecklichen Dinge am ehesten verbieten könnten, die Wahlen gewinnen und verlieren lassen können.
  4. Noch viel weiter gedacht ist eine umfassende Profilierung einer Gesellschaft ein perfektes Mittel für einen Staat, der wenig auf Demokratie und Freiheit gibt und die Gesellschaft kontrollieren will. Psychogramme wären dabei mehr als hervorragend für „Risikoanalysen“ und die darauf exakt steuerbare Überwachung von den Teilen der Bevölkerung, von der am ehesten Aufruhr zu erwarten ist.

Eine unheilvolle Industrie hat sich da gebildet, die mit wiederum skrupellosen Politikern und Terabytes an Profildaten der Gesellschaft nicht weniger als den direkten Zugang in den mehr oder weniger kritischen Verstand eines Großteils der Wähler haben.

Wie gesagt, es beunruhigt mich sehr. Ich bin eigentlich ein durch und durch positiv denkender Mensch, aber mir versagt da der Optimismus, auch hinsichtlich den Erfahrungen mit „echtem“ Online-Campaigning der letzten Jahre. Wir erreichen zwar immer noch viele Menschen, aber bei denen gehen wir davon aus, dass sie für echte Argumente und Programmatiken noch erreichbar sind. Wir haben es daraufhin mit Programmen versucht, die in „einfacher Sprache“ gehalten sind, mit unterhaltsam gemachten Videos, kurzen Twitter- und Facebook-Nachrichten.

Wie wir, die noch für Programme, Ideen und Visionen zu erreichen sind, das aber gegen exakt ausgesteuerte Social Ads mit strengen Themen tun können, ohne diesen unheilvollen Weg selbst zu gehen, wird ein spannendes Thema, das in ganz großen Dimensionen möglicherweise über so Fragen wie globale Kriege oder Frieden entscheiden wird.

So war die Idee des Internets, der vermeintlich grenzenlosen Kommunikation, des Informationsaustausches zum Wohle der Gesellschaft (hier bitte weitere Visionen einfügen) nicht gemeint.

Hier noch einige weitere Meinungen, die ich nach und nach aus Blogs sammeln werde. (Wer etwas findet, bitte kurz als Kommentar zu diesem Artikel hinzufügen.)

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