Das Ende des Berufsbildes des Kameramannes.

Einen wunderbar klaren Artikel hat kürzlich mein Lieblingskameramann Peter in Facebook geteilt. Erschienen ist der Artikel in der Fachzeitschrift „Kameramann“ (ja, die gibt es) und es ist eine Geschichte darüber, warum der Kameramann Stefan Nowak nach 20 Jahren seinen Job aufgegeben hat und nun in der Baubranche tätig ist. So ein Branchenwechsel ist eine echte Ansage und tatsächlich erklärt dieser schöne Artikel über eine inzwischen sehr unschön gewordene Branche alles. Bitte einfach mal in Ruhe lesen: Kameramann – Das Ende einer Leidenschaft

Nun ist es so, dass der Berufswunsch in meiner halben Kindheit die des Kameramannes war. Die Faszination, für das Fernsehen in die Welt zu ziehen und Reportagen da zu drehen, wo es wehtut. Die schrecklichen Da-Nang-Filme über Auswirkungen des Vietnamkrieges waren mitunter ein Auslöser, mindestens ebenso eindringliche Filme zu produzieren und interessanterweise durfte ich mit dem damaligen Kameramann der Da-Nang-Filme sogar eine Weile zusammenarbeiten, wenn auch im normalen Fernsehbetrieb und nicht tief in irgendeiner Wildnis.

Dass es mich nicht erst nach 20 Jahren aus der Fernsehwelt herauszog, sondern schon nach drei intensiven, lag daran, dass 1998 der Internet-Boom begann und ich einen Branchenwechsel verhältnismäßig einfach durchziehen konnte, auch wenn ich noch eine ganze Weile lang mit dem Jobwechsel zahnte. Wenn ich aber den Kameramann-Artikel lese, finde ich da die exakt gleichen Gründe, die mich 1998 zum Auszug aus der Fernsehwelt bewogen. Ich war sicherlich nicht der beste Kameraassistent der Welt, aber es lag mir sehr, auf freier Wildbahn in der Pampa mit minimalster Technik noch das beste herauskurbeln zu müssen und nicht wenige meiner Kamerakollegen bedauerten meinen Weggang. Nicht mit dem Unterton, dass man sich daran wohl gewöhnen müsse.

Schon damals begann der Trend, immer mehr Fernsehproduktionen aus den Sendeanstalten herauszubefördern und lieber von externen Produktionsfirmen zu ganz anderen Preisen durchführen zu lassen. Mit der Folge, dass für die sendereigenen Kamerateams immer weniger spannende und aufwendige Produktionen blieben. Ein weiterer Effekt war der Wandel vom Zwei-Mann-Kamerateam zum einzelnen Kameramann, heutzutage sogar ganz herunterdividiert auf den „Videojournalisten“, der alles macht: Redaktion, Kamera, Ton. Das reicht vielleicht für einen Einspieler, aber eine Reportage bekommt man so nicht mehr hin.

Zu meiner Zeit fing es 1998 beim ZDF an, die übliche Tagesgage für freie Mitarbeiter auf eine Halbtagesgage zu kürzen, wenn der Einsatz kürzer als vier Stunden dauerte. Die offizielle Argumentation war, dass man bei so kurzen Einsätzen noch genügend Chancen hätte, einen anderen Job für den Tag zu bekommen. Aber natürlich war das nichts anderes als argumentativer Weichspüler von Controllern. Wenn du vormittags auf dem Lerchenberg als Kameraassistent unterwegs bist, findest du nicht passend um 14 Uhr den nächsten Job bei einem anderen Sender und schon gar nicht in einem Umkreis von unter einer Stunde Anfahrt. Und versäumst du im Gegenzug einen Auftrag beim ZDF, weil du woanders unterwegs bist, kann es das dann für Tage oder Wochen gewesen sein.

Sprich: Schon 1998 war beim ZDF für freie Mitarbeiter im Bereich Kamera (und in vielen anderen technischen Bereichen) weitgehend Schicht im Schacht, wenn man nicht hart auf einen Zeitvertrag und eine der schon damals weniger werdenden Planstellen arbeitete, nebenbei aber zwingend Geld verdienen musste. Schon damals geriet der Job des Kameramannes und der Vorstufe Kameraassistent zu einem Job für richtig krasse Typen, den Jungs und Mädchen, die die Ehre hatten, Sendernachwuchs zu sein oder für die Leute, die genügend Schotter hatten, sich das Hobby Kameramann zu leisten.

Das war schon damals bedrückend, das mit anzusehen und es hat sich in den 20 Jahren danach alles noch viel schlimmer entwickelt. Ich kenne eine Reihe von ehemaligen Assistentenkollegen, die heute nicht mehr beim Fernsehen arbeiten. Keiner hat den Job gelassen, weil es ihm nicht Spaß gemacht hätte oder es nicht die eigentliche Berufung war. Sondern Fernsehen ist schlicht kaputt. Es ist inhaltlich nicht mehr als ein Schatten dessen, was es noch vor 20, 30 Jahren war und ist in Sachen Produktion und Kreativität ausgelutscht und nur noch abhängig von einigen großen Produktionsfarmen und ganz wenigen wirklich kreativen und idealistischen Querdenkern, denen man aber auch nach erschreckend kurzer Zeit als Kenner in ihren Sendungen ansieht, wie sie ausgesaugt werden.

Es ist ein Dilemma.

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