Obama 2012 – Mission erledigt.

Ich glaube, einfacher und treffender kann man es kaum sagen, wie es am Mittwoch nach der US-Präsidentschaftswahl auf Twitter getan wurde:

Solche Momente gehören zu den Sternstunden eines jeden Politikers und Wahlkampfteams. Und dass die Last des Wahlkampfes nun abgefallen ist, hat man sowohl Barack Obama bei seiner Rede am Wahlabend angesehen, also auch seinem Konkurrenten Mitt Romney. Eine tiefergehende politische Analyse erspare ich mir an dieser Stelle. Das machen andere Leute besser und auch schlechter, als ich. Bemitleidenswert sind da lediglich die Leute, die sich die Nacht mit ARD & ZDF angetan haben, denn eine so unglaublich schlechte und alberne Berichterstattung war im deutschen Fernsehen bisher selten.

Die letzten Wochen und Tage.

Im einem Wahlkampf ist erwartungsgemäß die Zeit kurz vor der Wahl die intensivste und mitunter auch die übelste. Die Wahlkampfteams rotieren, es kommen unzählige Meldungen und Beobachtungen herein, es müssen in sehr kurzer Zeit Entscheidungen und schnelle Strategien getroffen werden und in die laufende Kampagne eingespeist werden. Den Kandidaten geht es kaum besser, denn sie sind nicht einfach nur unterwegs, sondern sie sind in diesen heißen Wochen quasi nicht zu Hause.

Im Falle des US-Präsidentschaftswahlkampfes war es absehbar, dass er in den letzten Wochen besonders schmutzig werden würde. Dass es beiden Kandidaten an vielen Stellen schwerfiel, die richtigen Argumente zu finden und man sich im Zweifelsfall dann darauf einschießt, den anderen Kandidaten in möglichst schlechtem Licht stehenzulassen, gehört zum Handwerkszeug von Wahlkämpfen und das ist sicherlich keine Erfindung der Neuzeit. Wahlkämpfe sind Showveranstaltungen und Prügeleien mit Worten. Man kann als Politiker darüber schimpfen und es kritisieren – wenn man der Gegenkandidat ist, bleibt kaum eine andere Wahl, als zu kontern.

Tatsächlich war auch bei diesem Wahlkampf im Jahre 2012 absehbar, dass er gegen Ende des Wahlkampfes vornehmlich im Fernsehen in Werbespots geführt wurde. Das hat damit zu tun, dass die USA das Fernsehland schlechthin darstellen und Werbefernsehen eine sehr hohe Reichweite hat. Dazu kommt, dass Werbefernsehen ein recht effizientes und preisgünstiges Werbemedium darstellt. Dass es in diesem Wahlkampf wieder zu Rekorden in Sachen Quantität von Werbespots und in teilweise unterirdischer inhaltlicher Qualität, darüber diskutieren wir an dieser Stelle lieber mal nicht. Werbefernsehen ist ein sehr länderspezifisches Phänomen und was hier in Deutschland gutes Werbefernsehen ist, ist in anderen Ländern mitunter nicht lauffähig – und umgekehrt. US-Werbefernsehen ist mitunter derartig öde, dass es uns Europäern dabei die Füße einschlafen lässt. Bis auf einige, wenige Ausnahmen, die wir dann mitunter in YouTube sehen. Der Rest ist wirklich unanschaubar.

Der Endspurt eines Wahlkampfes ist gekennzeichnet von zwei Motivationen: Die eigene Wählerschaft zur Wahl motivieren und die letzten Unentschlossenen überzeugen. Der letztere Punkt wird dabei gern überschätzt, denn tatsächlich entwickeln die meisten Wähler schon Wochen vorher eine Tendenz für einen Kandidaten bzw. eine Partei, die dann im Laufe der letzten Tage hin zur Wahl gefestigt wird (hierzu ist das Ann-Arbor-Modell eine sehr interessante Lektüre).

Die Online-Kampagne kann beide Motivationen unterstützen: Zum einen ist die Wählermotivierung mit den bestehenden Partybuilder-Werkzeugen von Obama 2012 eine Sache, die sowieso schon seit Anfang an des Wahlkampfes zentral eingesetzt wird. Der Rest der Online-Kampagne wird dann, ich sage es mal plastisch, in den immer stärker aufkommenden Wind gedreht und ab einer gewissen Windgeschwindigkeit fährt die Flotte dann eben durch.

Steuern lässt sich in den letzten Tagen kaum noch etwas – wohl aber können genau jetzt die Früchte geerntet werden, die im Laufe der letzten Monate gesät wurden. Eine komplette Übersicht über das Programm, eine vernünftige Auseinandersetzung mit dem Programm des Gegners und die Berichterstattung der letzten Wochen und Monate geben dem möglicherweise noch unentschlossenen Wähler das richtige Argumentationsmaterial mit – direkt, jederzeit und ohne verfälschende Meinungsbilder von Medien.

Der Rückbau nach der Wahl.

Zu einer guten Online-Strategie gehört auch das Danach und zwar unmittelbar nach der Wahl. In der Regel enden die meisten temporären Verträge mit bezahlten Wahlkampfmannschaften aus Kostengründen ziemlich zügig nach der Wahl, so dass nach der Wahl nur wenig Leute die Zeit haben, sich eine neue Strategie auszudenken. Also muss man diese Arbeit schon während dem Wahlkampf einplanen und das ist ein zwiespältiges Geschäft, weil eigentlich nur etwas für Wahlkampfleute mit harten Nerven.

Unüblich ist diese Arbeit in der traditionellen Wahlkampfarbeit nicht. Beispielsweise müssen Zeitungsanzeigen mit dem Dank an die Wähler auch schon einige Tage vorher geplant, erstellt und an die Anzeigenabteilung des jeweiligen Verlages übergeben werden, damit sie pünktlich erscheinen können.

Im Falle von Obama 2012 war der Rückbau relativ einfach und wirkungsvoll, denn auf der Website wurden einfach alle interaktiven Elemente weitgehend entfernt, während die Artikel des Wahlkampf-Blogs alle (soweit ich das sehen kann) online geblieben sind. Die Links auf die Frontalkampagnen wie das Truth Team sind verschwunden und nur noch in der Fußleiste zu finden. Man hat den Eindruck, dass man jetzt einmal tief durchatmet und zur Wahlkampfnachlese übergeht. Dankesschreiben, Dankesvideo (siehe unten), „warum das alles passiert ist“ – eher seichte Unterhaltung aus dem Abklingbecken.

Ebenso bei Mitt Romney, bei dem der Rückbau aber weniger auffällt, weil seine Kampagnen-Website, plump gesagt, auch nicht ansatzweise je so aufgebaut wurde, wie die von Barack Obama. Mit Ausnahme eines groben Fehlers:

Bizarres am Rande: Die Mitt-Romney-Gewinnerseite.

Auch das Team Romney hatte offensichtlich eine Version der Kampagnen-Website für den Fall geplant, dass Mitt Romney die Wahl gewinnt. Und fatalerweise hat man den Fehler begangen, dass diese Website für einen kurzen Zeitraum von etwa fünf Minuten online gegangen ist. Man hat zwar schnell reagiert, aber fünf Minuten sind lange genug für Leute, die das sehen, schnell reagieren und Screenshots machen.

Und deshalb gibt es von dieser Website einzigartige Screenshots, die einen – aus der Sicht des Verlierers – sehr bizarre Einblicke liefern: „Romney’s Transition Site“ im Blog Political Wire

Da hat wirklich jemand eigentlich großartige Arbeit abgeliefert, nur dummerweise hat Mitt Romney die Wahl verloren und jemand hat für einen kurzen Moment nicht aufgepasst …

Die Bedeutung des Online-Campaignings in der Nachbetrachtung.

Um es in einfachen Worten zu sagen: Online-Campaigning ist wichtiger denn je, allerdings immer noch nicht so wichtig, als dass man mit einer Web-Kampagne problemlos jede Wahl gewinnt. Online-Campaigning ist allerdings, wie wir eben beim Partybuilder gesehen haben, auch keine Angelegenheit, die nur auf die öffentliche Kampagnen-Website oder die Facebook-Fanseite beschränkt ist. Hat man die notwendigen Geldmittel und ein eingespieltes bzw. einspielbares Wahlkampfteam, dann lassen sich hier sicherlich sehr anschauliche Online-Werkzeuge programmieren, mit denen eine Wähleransprache noch genauer kanalisiert werden kann (sofern der strenge, bundesdeutsche Datenschutz einem da kein Strich durch die Rechnung macht und man sich nicht hacken lässt).

Ein paar Lehren lassen sich jedoch ohne weiteres auf jeden Online-Wahlkampf ziehen:

  • Eine fließende Kampagnen-Website lebt von drei Säulen: Programmatik, Kandiatenvorstellung, Berichterstattung. Alle drei Säulen sind miteinander verwoben, aber alle drei Säulen sind zwingend notwendig.
  • Eine Kampagnen-Website ist, ebenso wie der Wahlkampf selbst, keine One-Man-Show. Gibt es nur einen Maintainer, wird dieser in der Regel nicht mit Namen auftreten und dann schreiben die Inhalte „irgendjemand“ und schon ist der Kommunikationsweg von der Website zum Leser weitgehend unpersönlich. Die persönliche Ansprache von echten Menschen ist ein wichtiger Schlüssel im Internet.
  • Je näher die laufende Berichterstattung am Kandidaten ist, desto eher wird seine Kampagnen-Website zu einem regelmäßig besuchten Medium. Nicht der Prospekt und der Flyer sind die zentralen Werkzeuge mehr, sondern die Kampagnen-Website ist es. Die ist den ganzen Wahlkampf über da, jederzeit zu erreichen, immer viel aktueller (wenn denn gepflegt) und ohne Papier und Druckfarbe billiger in der Verteilung. Also folgt: Zwar immer noch Papier bedrucken, aber die Kampagnen-Website deutlicher, viel deutlicher auf dem Schild führen. In jeder Zeitungsanzeige, in jedem Werbespot, in jedem Flyer, auf jedem Plakat, bei jedem Gespräch: Der URL der Kampagnen-Website muss so geläufig sein, wie der Name des Kandidaten und in der persönlichen Kommunikation muss zum Abschluss immer der Hinweis erfolgen, dass man, wenn man nähere Informationen sucht, einfach die Kampagnen-Website anschauen muss. Und wenn die einladend ist und informiert, dann kommt der Interessent und potentielle Wähler wieder.
  • Experimentieren, authentisch sein, Dinge ausprobieren, optimistisch blicken, freundlich schreiben, Aufmerksamkeit bekunden, auf Meinung reagieren und Kommentare annehmen. Man kann so viel in einer lebendigen Online-Kommunikation machen, wenn man sich für einen Moment auf das Medium einstellt und darauf hört, was man dort liest. Das Web ist ein Zug, den man am besten dann versteht, wenn man in ihn einsteigt und sich dort mit den Passagieren unterhält. Steht man nur am Bahnhof, ist man für die Passagiere eines vorbeifahrenden Zuges nur eine Sammlung von Zinnsoldaten.

Der Rausschmeißer.

Für ein Wahlkampfteam ist das Wahlkampfende eine harte Erfahrung. Du machst wochen- und monatelang Kampagne, bist von morgens bis abends in Gedanken im Wahlkampfmodus und auf den Kandidaten fixiert. Dann kommt die Wahl, dann kommen das Bangen beim Warten auf das Ergebnis und dann wird gefeiert oder die Wunden geleckt. Und dann kommt – nichts. Von Hundert auf Null in praktisch null Sekunden. Eine schwer beschreibliche Erfahrung, die man gemacht haben muss, um zu verstehen, was die Psychologie dahinter ist.

Das habe ich in einigen Wahlkämpfen ebenso erlebt und erlebe das in einem sehr kleinen Maße auch gerade in Sachen Barack Obama. Die letzten Wochen war ich ja ständig in irgendeiner Form bei der Obama-2012-Kampagne als ganz weit entfernter Beobachter und tatsächlich haben mich viele Aktivitäten und Minikampagnen mitreißen lassen, zumindest mal die Dinge so zu verstehen, wie sie vor Ort wohl auch wirken.

Eines sei an dieser Stelle deshalb erwähnt: Der Dank von Barack Obama an sein Wahlkampfteam. Dieses Stückchen Video sollte wohl den Eindruck machen, es sei spontan aufgezeichnet worden, ist es aber sicher nicht, da es aus mehreren Perspektiven aufgenommen wurde und Barack Obama auch sehr sorgsam vor zwei seiner Kampagnenplakate positioniert wurde. Dennoch sind seine Emotionen sehr sicher nicht gespielt und ein schöner Abschluss:

Das war es auch weitgehend mit meinem Obama-2012-Dossier. Die bisherigen Artikel bleiben natürlich alle online und ich werde mir in Zukunft immer wieder einmal ein paar Aspekte aus dem Online-Campaigning des US-Präsidenten Barack Obama herausnehmen und darüber schreiben.


Alle Teile meines Dossiers zu Obama 2012 unter dem Stichwort „Obama 2012“.

Ein Gedanke zu „Obama 2012 – Mission erledigt.

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