Wenn politische Laiendiskussion auf Realität trifft.

Anno 2007 hat die SPD mit der Gründung eines eigenen Social Networks namens „meineSPD.net“ einst echtes Neuland betreten. Jeder politisch Interessierte, ob nun SPD-Mitglied oder nicht, konnte sich dort anmelden und mitdiskutieren. Dazu gab es dann die volle Palette an Diskussionsmöglichkeiten mit, Gruppen, Foren und sogar einem eigenen Blog, das jedes Mitglied führen konnte, wenn er das wollte. Gar nicht so schlecht für eine Partei, denn das erste Mal wollte man sich mit dem Thema Internet offenkundig zuerst beschäftigen und dann darüber reden, was für Web-2.0-Ansätze ein guter Ansatz ist. Die Trennung zwischen „SPD.de“ und „meineSPD.net“ war auch gar nicht so schlecht, um allein schon durch die Adresse deutlich zu machen, dass unter der einen Adresse die Partei offiziell haust und unter der anderen Adresse quasi die „Parteiwerkstatt“.

Auf welchen Trichter dann jemand gekommen ist, „meineSPD.net“ mit „spd.de“ zu verheiraten, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft. Ob man vielleicht einfach frischen Content auf „spd.de“ haben wollte, vielleicht die „meineSPD.net“-Benutzer daran erinnern wollte, dass es auch noch „spd.de“ gibt… keine Ahnung. Jedenfalls ist ab diesem Sommer alles anders, „meineSPD.net“ in der Form nicht mehr existent und einiges aus dem Social-Media-Vermächtnis nun unter „spd.de“ eingebaut. Hätte vielleicht auch ein spannendes Experiment abgegeben, heute aber zeigt sich sehr schön, wie es zu einem 1a-Rohrkrepierer verkommt.

Hauptdarsteller ist hierbei ein Blog-Artikel eines Benutzers namens „Herr Keuner“, 61 Jahre alt, SPD-Mitglied und sehr offensichtlich ein Mensch, der von Netzpolitik herzlich wenig Ahnung hat. In seinem Blog-Artikel mit der bezeichnenden Überschrift „IPv6 – Eine Gefahr mit größerem Schadenspotential als die Entdeckung der Kernspaltung“ hat er sich dem brutalstmöglich gefährlichen Thema IPv6 und der angeblich damit gefährdeten Privacy verschrieben. Die SPD müsse unbedingt Gesetzesinitiativen an den Tag legen, um Hersteller davon abzuhalten „herstellerseitig eine feste IPv6-Adresse in Gerätschaften zu implementieren“.

Das ist natürlich alles hanebüchener Quatsch, den der Herr Keuner da vornehmlich aus einem ebenso käsigen Fernsehbeitrag aus den ZDF-heute-Nachrichten dahergezogen hat. Quatsch ist aber leider nicht, dass der Blog-Artikel jetzt im Internet steht. Und zwar auf der Website der SPD. Und dort nirgendwo in der Nähe steht, dass es sich bei dem Blog-Artikel um einen Blog-Artikel eines Nicht-Offiziellen handelt und der Inhalt keine Parteilinie darstellt. Und mein kleiner Kommentar, der zumindest einige technische Dinge zu geradebiegen versucht, steckt in der Kommentarmoderation. Dumm gelaufen.

Und so nimmt der Artikel, der immerhin schon seit fast zwei Monaten auf der Website vor sich hinschimmelt, plötzlich den Lauf, wie es ein Shitstorm eben tut. Einer twittert den Link zu dem Quatsch, der nächste retweetet es, es landet bei Facebook und plötzlich hat der Artikel 100 + x Facebook-Likes. In einschlägigen Foren fragt man sich, was denn die SPD da für ganz neuen, netzpolitischen Käse aufquellen hat lassen, Fefe lässt diese Steilvorlage auch nicht vorüberziehen und die netzpolitischen Organe greifen es süffisant – zu Recht – auf, so wie netzpolitik.org. Eine Pressemitteilung der Piratenpartei zu dieser angeblichen Forderung der SPD, die ja eigentlich gar keine wirkliche ist, ist vermutlich schon in der Mache.

Gut, könnte man sagen, den Shitstorm nimmt man sportlich. Aber so wie ich die Partei kenne, landet so eine Geschichte bei denen Leuten, die das Internet grundsätzlich für eine schmutzige Vorhölle halten, ganz anders. Und so Leute gibt es in der SPD auch, so dass ein eigentlich kleiner, handwerklicher Fehler mit einem fehlenden Hinweis darauf, dass Blog-Artikel nicht unbedingt die Meinung der SPD wiedergeben, höchstwahrscheinlich dazu führt, dass das Thema Mitgliederpartizipation auf Social-Media-Ebene in der SPD ein noch geringeres Standing bekommen wird, als es offenkundig schon hatte.

Schade drum, aber leider symptomatisch.

5 Gedanken zu „Wenn politische Laiendiskussion auf Realität trifft.

  1. Wenn irgendein SPD-Mitglied (oder auch nur ein vermeintliches) sich auf einer SPD-Seite äußert, dann muß der Eindruck entstehen, daß sich jemand im Namen der Partei äußert. Aus genau diesem Grunde läuft mein Blog auch nicht auf dem Server meines Arbeitgebers und in Mailinglisten poste ich von meiner Privatadresse, denn sonst könnte – oder müßte – der Eindruck entstehen, ich spräche in dessen Namen.

    Um bei für Internet-Laien verständlichen Analogien zu bleiben: Wenn icheiner Zeitung zur Veröffentlichung einer Leserbrief schreibe, dann macht es einen deutklichen Unterschied, ob ich ihn mit „Herr Keunert (SPD)“ oder „Herr Keunert“ unterschreibe. In großen Firmen gibt es, nicht erst seit Zeiten des Internets, i.d.R. Richtlinien, welche Veröffentlichungen mit dem Namen der Firma geschmückt werden dürfen und welche nicht. Selbst wenn es nicht vorgeschrieben ist, gebietet es oft der Umgang, eine Veröffentlichung, die mit dem Namen der Firma geschmückt ist, zuvor von entsprechenden Stellen gegenzeichnen zu lassen.

    Das, was ich hier sehe, ist also nur mittelbar ein Problem im Umgang mit dem Internet, vielmehr ein generelles Kommunikationsproblem. Das Internet spielt hier nur insofern eine Rolle, als daß ein solcher Artikel es in früheren Zeiten eben niemals über den Lokalteil hinaus geschafft hätte, während hier relativ ungeniert weltweit veröffentlich wird und die ganze Sache damit von vornherein in einen deutlich größeren Kontext gestellt wird.

  2. Ich gestehe das ich beim Lesen des oben erwähnten Beitrags von „Herrn Keuner“ auch für so ca. 10-15 Zeilen befürchtet habe es wäre irgendwas SPD-offizielles.
    (Das es _nicht_ offiziell ist habe ich erst gemerkt als das mit der „1-Million-Euro-Strafe“ kam. Das merkt ja jeder Depp dass 1 Million natürlich viel zu wenig ist und dass es mindesten _zwei_ Millionen sein müssen … 🙂

    Hmm, vielleicht sollte jemand der SPD mal vorschlagen irgendwo oben auf der Seite einen disclaimer unterzubringen?

    PS: Ich bin kein Fan der Piratenpartei, aber ich glaube nicht dass _deren_ Internetkompetenz so klein ist dass sie nicht erkennen werden das es eben ein Blog-Eintrag ist. Hoffe ich jedenfalls mal.

  3. Naja, die Piraten werden schon erkennen, dass das ein Blog-Beitrag ist, aber sich sicherlich genüsslich drüber amüsieren. Nicht umsonst gab es etliche Diskussionen bei denen darüber, wie kenntlich gemacht wird, was eine offizielle Meinung ist und was eine Mitgliedermeinung ist, in Blogs und vor allem im Wiki:

    „Dieser Artikel ist eine offizielle Aussage der Piratenpartei und daher gesperrt. Willst Du etwas ändern, so musst entweder den Verantwortlichen für diese Seite ansprechen oder gar einen Änderungsantrag auf dem nächsten Parteitag stellen.“

    http://wiki.piratenpartei.de/Kategorie:Offiziell

    Problematisch an der SPD-Seite ist, dass man auch mit größeren Anstrengungen nicht herausfinden kann, wer hier überhaupt in welcher Rolle Inhalte verfasst. Wer ist z.B. der Herr Keuner? Welche Rolle spielt er in der SPD? Ist das ein Abgeordneter oder ist das irgendwer, der hier herumschreiben darf? Letztlich erfährt man das nicht aus seiner Profilseite oder zentral und groß auf dem Blog erwähnt, sondern man kann sich inhaltlich aus älteren Postings erdenken, dass hier ein SPD-Mitglied schreibt und somit jemand, der in der Partei genau nichts zu sagen hat.

    Beispiel:
    Blog-Beitrag: http://www.spd.de/profil/21684/blog/dackel-der-banken
    Redaktioneller Beitrag: http://www.spd.de/aktuelles/News/15670/20110725_in_schwerer_stunde_zusammenruecken.html

    Optisch identisch und nur durch das Fehler der Pfadnavigation unterscheidbar.

    Es ist mir schleierhaft, wie man sich so intransparent verhalten kann. Es scheint ein bewusster Akt der Gestaltung dieser Website zu sein, jeden redaktionellen Inhalt optisch und navigationstechnisch mit einem von Benutzern erstellten Content gleich zu setzen. Und genau deshalb ist es legitim, davon auszugehen, dass es sich beim Beitrag von Herrn Keuner um eine offizielle Aussage der SPD handelt.

    Man erfährt bei der „Recherche“ aber auch noch folgendes: Der Herr Keuner hat laut eigenen Angaben 30 Jahre Internet-Erfahrung. Das IPv6-Posting wird dadurch noch absurder und erschreckender.

    1. Ist leider nach und nach eingeschlafen. Der VOV war damals einer der Gründe, in die SPD einzutreten, weil es eine so phänomenale Idee war.

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