re:publica 2010, Tag 1.

Tag 1 war spannend – immerhin ist das meine erste re:publica und wenn man bedenkt, dass ich ebenfalls noch nie ein Barcamp o.ä. besucht habe, war ich schon recht gespannt darauf, was passiert, wenn mehr als 30 Web-2.0-Leute auf einem Haufen sitzen und Tacheles miteinander sprechen.

Einführungsvortrag „Die digitale Faszination“ von Peter Glaser

Peter Glaser ist schlicht der philosophierende Barde der deutschsprachigen Blogosphäre. So wie der heftig im Wienerischen akzentuierende Mensch da vor dem Pult sitzt, glaubt man ihm zunächst nicht, dass er es in kürzester Zeit schafft, großartige Bilder vor den geistigen Augen seiner Zuhörerschaft zu malen. Warum finden wir Online so faszinierend? Unmöglich, im Schnelldurchlauf von den ersten Menschen, die das Feuer gebändigt haben, zu den Menschen zu kommen, die im Internet mindestens genauso kompetent kommunizieren, wie in der Realität? Das kann nur Glaser. Sein phantastischer Vortrag findet sich in seinem Blog „Glaserei“ der Stuttgarter Zeitung.

„Google Buzz for the rest of us“ von Thomas Steiner

Oliver Gassner, Martin Koser und ich kamen dann gleich zur Sache und sind zum von Google gesponserten Vortrag zu Google Buzz gewankt. Der Vortrag litt leider durchweg vom quasi nicht vorhandenen Internet – zum einen funktionierte WLAN nicht wirklich und zum anderen war der Vortrag im Quatsch Comedy Club im Untergeschoss des Friedrichstadtpalastes, so dass auch der gute, alte Mobilfunk der ganzen Geschichte einen Strich durch die Rechnung machte.

Thomas Steiner mühte sich redlich, Informationen zu geben, wie man sich in Google Buzz registrieren kann und den Dienst nutzt, durfte aber schon auf eher einfache Fragen, wie beispielsweise Googles Planung für einen Enterprise-Dienst von Buzz aussehen wird, nicht antworten. Der Mehrwert der Veranstaltung hielt sich daher in leider recht engen Grenzen. Das hätte man besser hinbekommen, sowohl technisch, als auch inhaltlich.

„The German paradox – Privacy, publicness ans penises“ von Jeff Jarvis

Jeff Jarvis am Anfang eines Vortrags als leicht arroganten Menschen zu bezeichnen, kann anflugweise passieren. Das ändert sich allerdings, wenn man seinen Vorträgen zuhört und das war auch in seinem heutigen Vortrag so. Zunächst hielt er sich fast schon schmerzhaft lange damit auf, wie skurril wir Deutschen teilweise auf unsere Privatsphäre schauen, die dann aber abrupt da endet, wo der FKK anfängt, die wiederum die Amerikaner als zutiefst verstörend empfinden.

Spannend und berührend wird es allerdings spätestens dann, wenn Jeff Jarvis beginnt, über seinen überstandenen Prostatakrebs zu reden. Denn über diese Krankheit hat er damals gebloggt und damit sein Wissen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Aufgrund dessen, dass er dies getan hat, hat er bis dato eine Reihe von berührenden Kommentaren erhalten, die entweder von Betroffenen sind, die ihm danken, darüber geschrieben zu haben, aber auch von Menschen, die erst durch so einen Artikel wirklich je auf die Idee gekommen sind, zu einer Krebsvorsorgeuntersuchung zu gehen.

Worauf er hinaus will und auch kam: Privacy ist gut, Öffentlichkeit ist es aber auch. Und das Ziel muss sein, weitgehend jede Art von Öffentlichkeit zu schützen, denn Einschränkung der Öffentlichkeit bedeutet Kontrolle. In vielen Beispielen nimmt er da unter anderem auch Bezug darauf, dass das Web 2.0 nun eine Möglichkeit ist, dass eine riesige Menschenmenge eine Öffentlichkeit darstellen kann und dass genau dies eine der Prophezeihungen des Cluetrain-Manifestes der 1990er Jahre ist.

Recht hat er, allerdings bin ich da vorsichtig und dass sind gottlob auch viele der Menschen, mit denen ich nach dem Vortrag gesprochen habe. Vielleicht auch eine deutsche Krankheit, aber einer aus dem Publikum hat Jeff Jarvis ein Beispiel dafür genannt, warum die entwaffnende Öffentlichkeit im Falle des Prostatakrebses vielleicht nicht gut war, denn mit dieser Information wird er bei allen Versicherungsunternehmen schlagartig uninteressant. Jarvis‘ Gegenantwort darauf, dass dies letztendlich bei genügend Öffentlichkeit eben auch die Öffentlichkeit beeinflussen könnte, ist sicherlich diskutabel. Dennoch einer der hochwertigsten Vorträge, zweifellos.

„What’s next – Wie die Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren“ von Peter Kruse

Ein weiteres Highlight, zumindest am Tag 1. Peter Kruse ist Hirnforscher und hat in einer Stunde glatt über 90 Folien am Bildschirm vorbeigezogen, in denen er die Welten der „Digital Residents“ und der „Digital Visitors“ beschrieben hat. Kurzgefasst sind die Residents die Leute, die in Web 2.0 denken und handeln und die Visitors die Web-1.0-Folks. Was unsereiner eigentlich schon weiß, nämlich dass beide Denkweisen miteinander sehr viele Gegensätze pflegen, hat Kruse einmal dargestellt, nämlich mit höchst interessanten Auswertungen in interessanten Diagrammen.

Was am Anfang noch sehr undurchsichtig war, entwickelte sich im Laufe des Vortrages zu einfachen Thesen, was daran liegt, dass Kruse die Forschungsergebnisse radikal herunterdividiert auf einzelne Begrifflichkeiten herunterdividiert hat und die dann auch sehr anschaulich wurden. Man kann sich darin tatsächlich ein Stückweit wiederfinden.

Der Vortrag war allerdings haarscharf am Rande des Verständlichen. Peter Kruse knallte seinen Text frei herunter und zog einige Folien im Sekundentakt vorbei, so dass man sich das kaum mal in Ruhe anschauen konnte. Schade drum, denn so ein Vortrag gehört nicht in die primäre Verdauungsphase nach der Mittagspause positioniert.

„Augmented Reality – Hype or not?“ von Marc Rene Gardeya

Marc Rene Gardeya ist CEO des Stuttgarter Unternehmens Hoppala und auch beteiligt am Layar-Projekt, dass für das iPhone (auch für Android?) die gleichnamige Anwendung anbietet, mit der auf Live-Kamerabilder per GPS- und Kompass-Peilung dreidimensionale Objekte live abgebildet werden können, also eine Art virtuelle Welt auf ein „echtes“ Bild in Echtzeit projiziert wird. Layar gehört da zu der Anwendung, die sicherlich am weitesten ist und viele Layer zum Anschauen anbietet.

Wenn ich bei vielen Layern und Augmented-Reality-Clients so meine eigene Ansichten habe und nicht wirklich so recht davon zu überzeugen bin, so fand ich eine Anwendung wiederum supergut, nämlich die Einblendung der (virtuellen) Berliner Mauer, wenn man sich in Berlin an der ehemaligen Grenze befindet. Das gibt Raum für viele Anwendungen in dem Bereich, wo man eben alte, nicht mehr vorhandene Gebäude oder auch neue, geplante, irgendwie visuell und vor allem in Echtzeit darstellen muss.

Dass die gängigen Smartphones mit Augmented Reality freilich nur noch äußerst kurzen Surfspaß bieten, sei mal dahingestellt.

„Saving the planet vs. privacy – How to design „green“ tech properly“ von Frank Rieger

Ein enttäuschender Vortrag von Frank Rieger vom Chaos Computer Club, der in etwa so zusammengefasst werden kann: Die Erde hat begrenzte Ressourcen, die irgendwann einmal zuneige gehen werden, aber schon vorher vermutlich nicht mehr zu bezahlen sind. In diesem Zusammenhang wird man sich Gedanken darüber machen müssen, wie man Privacy in Systemarchitekturen schützt, die zentralisiert Inhalte im Internet bereithalten. Ach was. In Zeiten von Facebook, wo man das schon weit vor dem endgültigen Verbrauch aller Ressourcen tun sollte, ist das keine wirkliche Neuerung.

Ein weiterer Aspekt war die Frage, wie man Wind- und Sonnenenergie bzw. den dadurch gewonnenen Strom sinnvoll verwaltet, nämlich durch Smart-Grids. Und das war dann fälschlicherweise nur dadurch skizziert, dass Strom eben zu bestimmten Zeiten billiger oder teurer ist. Dass zu Smart-Grids aber auch die Idee von dezentraler Stromerzeugung gehört, beispielsweise kleinen Kraftwerken auf Basis von mit Erdgas befeuerten Generatoren, oder auch die dezentrale Stromspeicherung, beispielsweise mit am Netz angeschlossenen Akkus von Elektroautos, das fehlte hier dann leider völlig.

Nonsens-Vortag, den man mit etwas Lektüre des Heise-Newstickers auch selbst zusammengezimmert bekommt.

Party?

Sorry, bin ich der falsche Ansprechpartner, ich gehöre eher nicht zur Partyfraktion, die mit der Gefahr lebt, sich ggf. selbst zu feiern. Ist jetzt eine böse Kutsche, aber ich kann generell mit Kongress- oder Messepartys rein gar nichts anfangen. Müssen andere ran. 🙂

4 Gedanken zu „re:publica 2010, Tag 1.

  1. danke für die Infos, werd mir gleich mal dieses Cluetrain-Manifest reinziehen, kannte ich noch gar nicht. Zu Zeiten der dotcom-Blase war ich noch Banker und mehr mit Aktien als mit dem Background beschäftigt 🙂

    1. Das Cluetrain-Manifest ist ein ganz nettes Werk, das eigentlich erst jetzt aktuell ist. Viele Punkte waren damals einfach nicht wirklich verständlich, aber als ich mir das Ding vor einer Weile wieder mal durchgelesen habe, hat es mir kalte Schauer über den Rücken gejagt, wie aktuell das Ding ist.

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