75 Tage iPhone.

iPhone-Erfahrungsberichte gibt es vermutlich wie Sand am Meer. Dennoch will ich es wagen, nach 75 Tagen ein Resümee zu ziehen. Ich habe lange überlegt, ob das sinnvoll ist, denke aber inzwischen, das es ist. Es wird, wie man es von diesem Blog her kennt, polarisierend. Das nur als Vorwarnung.

In Sachen Hardware, Präsentation, Bedienung gibt es wenig zu meckern. Apple hat Erfahrung darin, technischen Krempel hochwertig zu verpacken (oder zumindest den Eindruck zu verschaffen) und sie haben vor allem verstanden, dass es Handybesitzer mit der Qualität sehr genau nehmen, genauer als mit den meisten anderen Dingen. So Sachen wie schlabberiges Display, staubundichtes Gehäuse, zu große Spalte a den Rändern zwischen Display und Gehäuse, wackelnde Akkudeckel gibt es alles nicht. Es ist alles akkurat verarbeitet und das Display macht den Eindruck, als ob es aus Panzerglas wäre – inklusive dem Effekt, dass die Scheibe kühl ist, wenn man mit dem Finger darauf herumfährt. In Sachen Verarbeitung können sich praktisch alle anderen Hersteller von Mobiltelefonen gewaltige Scheiben abschneiden und nachsitzen.

In Sachen Software glänzt natürlich sofort die Benutzeroberfläche und die Art und Weise, wie Applikationen eingebettet sind. So eine intuitive Benutzung suchte man bis dato vergeblich bei der Konkurrenz. Und selbst jetzt im Jahr 3 des iPhones, tut sich die Konkurrenz immer noch sehr schwer, dem Bedienkonzept des iPhones etwas adäquates entgegenzusetzen.

Zugutehalten darf man Apple darüber hinaus, dass sie es mit dem App Store geschafft haben, einen virtuellen Marktplatz für Software aufzubauen, der offensichtlich auch funktioniert. Software kann sehr einfach gekauft werden, lässt sich sofort installieren und benutzen und auch wieder rückstandsfrei deinstallieren. Sich also mal eben ein paar Dutzend Applikationen zu installieren und die nach und nach zu testen, ohne Sorge tragen zu müssen, ob das Telefon danach noch benutzbar ist, das ist schon so, wie man sich das bei einem Mobiltelefon vorstellt.

Allerdings beginnt es dann hier auch schon mit dem Mängeln, denn die Bedingungen für Software, die über den AppStore veröffentlicht werden will, sind hoch, wenn nicht gar willkürlich. Das fängt schon damit an, dass Apple keine Fremdsoftware mag, die eingebaute Funktionen Konkurrenz machen könnten. Es gibt also kein alternatives Adressbuch oder Kalender. Damit kann man schon schwer leben. Allerdings sind die Apple-eigenen Applikationen derart einfältig, dass dieser Umstand einfach inakzeptabel ist. Adressen und Kalendereinträge lassen sich zwar mit Outlook synchronisieren, dabei fallen jedoch die Kategorie-Angaben heraus. Im Business-Umfeld ist das ein grobes Foul. Dazu kommt, dass das eingebaute Adressbuch und der Kalender mit jeweils einigen tausend Adressen nicht mehr wirklich gut klarkommt und immer lahmer wird. Woher nimmt Apple bitteschön sich das Recht heraus, mir als mündigem Benutzer des iPhones vorzuschreiben, welche Software ich zu nutzen habe?

Das kann man aber noch weiter hinterfragen, beispielsweise bei Klingeltönen, der Farbgestaltung oder so profane Dinge wie Hintergrundbilder. Klingeltöne gibt es nur die paar vorgefertigten oder gegen Zahlung eines inakzeptablen Betrages über iTunes erstellt, bei der Farbgestaltung und Hintergrundbildern gibt es einfach gar nichts. Geht nicht. Ein Mobiltelefon, so schnell wie manch Computer, leistungsfähig ohne Ende und softwaremäßig praktisch kaputtreglementiert. Eine Begründung von offizieller Seite findet sich nicht, außer so Äußerungen wie: “Das machen wir aus Stabilitätsgründen.” Man male sich einmal aus, Microsoft würde Windows zu kaputtreglementieren…

Den Gipfel des Anachronismus erreicht das iPhone in Sachen Connectivity: Man schließt das iPhone an den PC an und darf sich maximal Bilder anschauen. Bluetooth ist an Bord, kann aber weitgehend nur für Freisprecheinrichtungen genutzt werden. Aus diesen Gründen der Reglementierung erlebt man dann so unsäglich schlechte Sachen wie Programme, mit denen zwei iPhones per Funk Dateien austauschen können, beide aber in einem gemeinsamen WLAN-Netzwerk eingebunden sein müssen. Oder so ganz grandiose Notnägel wie eigene Webserver, die so manch Applikation dann startet, wenn man per PC etwas auf das iPhone in die jeweilige Applikation schaufeln möchte, denn ein Direktzugriff, was wirklich jedes pupsige Windows-Mobile-Gerät von Hause aus kann, gibt es nicht. Äh, hallo?

Jeder, der sich halbwegs praktikabel mit dem iPhone beschäftigen will, muss das Betriebssystem also tatsächlich knacken (“jailbreaken”), um so manch vernünftige und hochnützliche Software über die Hintertüre zu installieren. Tatsächlich sind wir so weit, dass wir ein Betriebssystem knacken müssen, um es benutzbar zu machen und zahlen für so einen inakzeptablen – sagen wir es deutlich – Hühnerschiß auch noch so viel Geld, wie für kein anderes Smartphone weit und breit – und da haben wir das Thema der Vermarktung über einzelne Mobilfunkprovider mit den damit verbundenen Mondpreisen hier noch gar nicht angeschnitten.

So gut das iPhone sich bedienen lässt und aussieht: Es langweilt mich und es ärgert mich über die massive und unerträgliche Bevormundung von Seiten Apples. So kann man als Apple zwar unverschämt viel Geld verdienen, allerdings ist das in meinen Augen fies verdientes Geld. Mit so dikatorischem Handeln funktioniert die Welt nicht und es wird langfristig für alle Nutzer und auch für Apple ein Segen sein, wenn Google mit Android und Microsoft mit Windows Mobile 7 (irgendwann) mit gleichwertiger Soft- und Hardware den Markt aufrollen.

2 Gedanken zu „75 Tage iPhone.

  1. Ich bin nicht von Windows auf Ubuntu umgestiegen, um dann Unsummen für ein proprietäres Mobiltelefon auszugeben. Ich setze auf Android oder ein anderes Linux-basiertes Mobiltelefon. Bis dahin bleibe ich bei meinem Uralt-Blackberry. 😉

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