"NextGen Ausländer" – ein Erklärungsversuch.

Zu Zeiten der Fußballeuropameisterschaft im Juni hatte sich Gevatter Robert Basic etwas über den „NextGen Ausländer“ gewundert – dem Typus von Migranten, die offenbar ein anderes Level von Patriotismus an den Tag legen und die diese mitunter nicht nur mit verbaler Aggressivität verteidigen. Ich habe daraufhin, wie viele andere auch (erstaunlicherweise auch viele Migranten), einen Kommentar dazu abgegeben, den ich bei Gelegenheit noch etwas weiter ausarbeiten wollte. Here we go:

Das ursächliche Problem beim Ausbilden von gesteigertem Patriotismus liegt natürlich erst einmal in der Frage, wo die Heimat liegt. Schon bei dieser Frage klaffen erstaunliche Unterschiede und das seltsamerweise da, wo eigentlich die Frage gar keine Frage sein dürfte, zumindest aus der Sicht derjenigen, die in Sachen Heimat fest verdrahtet sind: Für mich ist klar, dass meine Heimat hier ist. Hier im Lande bin ich geboren, hier wohnen meine Eltern, hier habe ich meinen Freundeskreis und hier habe ich auch den überwältigenden Teil meiner Wertvorstellungen definiert. Dazu hat mich niemand gezwungen, es kann also von einer „Assimilation“, wie viele Migranten es gern behaupten, keine Rede sein.

Genau hier fangen aber die Probleme dann auch schon an. Für meine Eltern ist hier nicht Heimat, so gut angepasst sie auch sind. Hätten meine Eltern, ob nun bewusst oder unbewusst, darauf bestanden, mir eine Haltung anzugedeihen, dieses Land, in dem ich geboren bin, nicht als Heimat anzusehen, wäre die Sache mit meiner persönlichen Integration schon deutlich schwerer gworden. Und genau das passiert in vielen Migrantenfamilien dann auch: Den Kindern wird jahrelang erzählt, dass man als Gastarbeiter nur vorübergehend in Deutschland sei und irgendwann „zurückkehren“ werde. Sprich: Die Kinder bekommen die Haltung eingetrichtert, man warte eigentlich nur noch auf den passenden Moment und das Flugticket und dann geht es zurück.

Sich irgendwann eingestehen zu müssen, dass man eben nicht zurückkehrt, kommt dann oftmals reichlich spät. Oft sind Migrantenkinder da schon in einer unheilvollen Schulkarriere angelangt und dann beginnt der Teufelskreis: Schlechter oder gar kein Schulabschluss, keine Aussicht auf Karriere und das Zusammentrotten mit so genannten Freunden mit demselben Hintergrund. Und das ist dann das Pulverfass von morgen, gefüllt mit wenig verwurzelten, labilen Heimatlosen ohne wirkliche Zukunftsaussichten und mit der Gefahr, irgendwann auf den fatalen Pfad geraten und den täglichen Kampf wortwörtlich zu missverstehen.

Der gesteigerte Patriotismus ist also nichts anderes als ein Ergebnis der Ghettoisierung. Man trottet sich zusammen, hält buchstäblich das Fähnchen hoch, ist auf der Heimatschiene recht empfindlich und da reichen dann kleine Anlässe für handfesten Ärger. Und das übrigens dann mit erstaunlichen Bündnissen, denn dieses Außenseitertum in der Migrantengesellschaft geht quer durch alle Nationalitäten, so dass beim „Verteidigen der Ehre“ dann plötzlich der halbe ausländische Freundeskreis mithelfen will – weil eben die notwendige Wurzelung der Kinder, für die die Eltern eigentlich verantwortlich sind, aus den gleichen Gründen in praktisch allen anderen Migrantenkulturen fehlschlägt.

Wo anfangen? Erstaunlicherweise genau da, wo die Missverständnisse am deutlichsten zu Tage treten. Anderer Leute Wertvorstellungen zu bemeckern, mag zwar moralisch in vielen Fällen korrekt sein, hebt aber nicht unbedingt die Stimmung. Man kann das alles auch recht entspannt beobachten, sich seinen Teil denken und den Rest Rest sein lassen. Niemand muss übertriebene Liebe zu seiner Kultur in einer offenen Gesellschaft ertragen, aber im Gegensatz zu totalitären Regimes, die solche Äußerungen schlicht unterjochen, kann man auch einfach weitergehen. Oder sich mit anderen freuen. Man sollte sich nur nicht anstecken lassen, solche verbalen Übertreibungen als „Angriff auf die eigene Ehre“ zu verstehen. Sich von Nationalisten – egal in welcher Form und Stärke – treiben zu lassen, ist auch für „Aufgeklärte“ ein heißes Pflaster.

Deshalb ist mein Rat ein eigentlich ganz banaler: Habe Toleranz vor Leuten mit gesteigertem Patriotismus. Denn dahinter verstecken sich in den meisten Fällen die seltsamsten Ängste, die die Betroffenen oft genug gar nicht selbst direkt benennen können, weil ihnen das Ausmaß ihres Dilemmas oft genug gar nicht bewusst ist. Das erfordert von den „Aufgeklärten“ mit Sicherheit ein erhebliches Maß an Toleranz, aber das ist die verdammte Pflicht der „Aufgeklärten“, wenn sie sich nicht von Nationalisten früher oder später treiben lassen will, so hart das auch klingen mag.

Eigentlich sind wir hier dann beim so genannten Multi-Kulti. Wir dürfen uns aber über eine Tatsache nicht selbst belügen: Multi-Kulti ist überall. Der eine mag Saumagen als Leibspeise, der andere lässt sich zur Entspannung gern mal gefesselt von der Nachbarin ordentlich den Hintern versohlen. Andere spielen selbst im gesetzten Alter Modellbahn und andere sind ständig hochakademisch. Der eine geht gern ins Kino, der andere lieber ins Theater und der andere ins Rockkonzert. Das sind alles teilweise höchst unterschiedliche kulturelle Teilansichten und – so lange sie nicht strafrechtlich relevant sind – niemand stört sich daran. Das kulturelle Leben einer Gesellschaft spielt sich zum größten Teil abgeschieden in einzelnen Teilbereichen ab. Und das Miteinanderleben kann nur funktionieren, wenn der Erste den ersten Schritt macht und sich erklärt.

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