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Drei Jahre ICD.

17. Mai 2015 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in MedizinWelt

Dieses Jahr “feiere” ich den nunmehr dritten Geburtstag meiner ICD-Implantation deutlich näher am 10. Mai, als letztes Jahr und spannenderweise gibt es immer weniger darüber zu sagen, noch weniger als letztes Jahr zum zweiten Jahrestag. Die Tage, an denen mir nicht in den Sinn kommt, dass ich ICD-Träger bin, überwiegen deutlich und wenn mir der ICD in den Sinn kommt, dann ist es in den seltensten Fällen negativ. Dieses “eine Sorge weniger” überwiegt doch sehr stark, zumindest kann ich das als jemand sagen, der nicht besonders schwer unter schweren Herzrhythmusstörungen leidet.

Ich merke das Gefühl der Erleichterung vor allem immer dann, wenn ich von Todesfällen höre, in denen plötzliches Herzversagen als Grund angenommen wird, was ein häufiger Todesgrund ist – bei jungen Menschen sogar mit Abstand der häufigste. Ein gesundes Herz gerät zwar nicht oft so fatal aus dem Takt, dass es in einem sehr engen Zeitfenster von allein wieder zu einem Sinusrhythmus zurückfindet, aber da viele Herzerkrankungen völlig schmerzlos vonstatten gehen und auch nicht als solche erkannt werden, ist die Chance, sich sein Herz durch eine Herzmuskelentzündung und durch fehlende Rehabilitation zu schädigen, messbar. Was man mit 20 noch an “Schock-Diätkur” weitgehend problemlos durchziehen konnte, ist mit 40 nicht mehr ganz so einfach wegzustecken. Wir sollten wirklich etwas auf unsere Körper achten und nicht ganz so viele Risikopotentiale anhäufen. Und vor allem nicht dem Irrglauben verfallen, dass Raubbau am Körper mit möglichst genauso viel “gutem” Raubbau behandelt werden könnte.

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R.I.P. RSS Graffiti.

6. Mai 2015 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in CollaborationWelt

Kleine und sehr wichtige Information an alle, die automatisiert von Blogs bzw. RSS-Feeds aus Inhalte auf Facebook(-Seiten) teilen und dazu bisher das Quasi-Standardwerkzeug “RSS Graffiti” genutzt haben: RSS Graffiti ist seit 30. April 2015 nicht mehr. Der Dienst wurde abgeschaltet. Es wird hierüber nichts mehr auf Facebook geteilt.

Mir fiel das auch erst heute morgen auf, als ich mich wunderte, warum auf der Facebook-Seite eines Kunden-Weblogs keine Sharings mehr ankommen. Eine kurze Recherche nach der RSS-Graffiti-App auf Facebook ergab dann folgendes Bild:

Das Ende von RSS Graffiti auf Facebook

Auf der Website von RSS Graffiti bedauern die Macher die Einstellung und begründen dies mit dem Scheitern des Businessmodells. RSS Graffiti gehört zu den ältesten Facebook-Apps überhaupt und jeder, der ein Blog dazu bringen wollte, auf Facebook automatisch geshared zu werden, hatte wohl mal Kontakt mit RSS Graffiti. Vor einigen Jahren versuchten die Macher die einst völlig kostenlose App sehr moderat zu monetarisieren, was aber, wie nun offensichtlich ist, gescheitert ist.

So nützlich RSS und Feed-Syndication auch immer ist: Es ist immens schwer, in diesem Umfeld ein tragfähiges Verdienstkonzept unterzubringen. RSS Graffiti ist hier nur ein Opfer von vielen.

Alternativen.

Alternativen gibt es einige. Sowohl innerhalb Facebooks als Facebook-App, als auch als externe Dienste. Darunter dann auch einige kostenlose und einige richtig teure, die sich vornehmlich an professionelle Social-Media-Redakteure richten.

Ein kostenloser, externer Dienst ist IFTTT, der die Einrichtung relativ einfach hält, allerdings das zentrale Problem hat, dass immer nur eine Facebook-Seite pro IFTTT-Account als Ziel angelegt werden kann. Das ist für den professionellen Einsatz mit dem Sharen von Inhalten auf getrennte Facebook-Seiten relativ umständlich, weil man dann mit einer Vielzahl von IFTTT-Accounts hantieren muss. Einigermaßen absehbar ist, dass IFTTT – so wie viele andere Dienste auch – irgendwann einmal Geld kosten dürfte.

Eine weitere Alternative empfiehlt sich für WordPress, nämlich mit dem Plugin “Jetpack” von Automattic, den Machern von WordPress. Hier gibt es in der riesigen Sammlung von integrierten Tools eine Rubrik namens “Sharing”, die genau das tut: Sharing auf Social Networks. Neben Facebook und Twitter unter anderem auch zu Tumblr und vor allem – zu Google+. Interessant dabei ist, dass dies mit WordPress- bzw. Automattic-Mitteln funktioniert und damit wohl auch ein längerfristiger Erhalt gewährleistet sein dürfte.

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Grundlagen zum Instrumentenflug für Dummies.

25. März 2015 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in SonstigeWelt

Unter den Flugsimulator-Freunden gibt es ungefähr seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York einen ungeschriebenen Ehrenkodex: Spekuliere in echten Katastrophenfällen mit Flugzeugen nicht als “Flugexperte” mit, niemals. Wir Flugsimulatorleute haben ein spannendes Hobby, fliegen virtuell auch Großflugzeuge, die sich recht realistisch verhalten, aber doch nur vereinfacht steuern lassen, weil einfach eine Vielzahl von Instrumenten nicht simuliert werden (können). Zwar kann man mit modernen Simulatoren Instrumentenflüge simulieren, per Autopilot auf Flugpläne fliegen und sogar per Instrumente automatisch landen, aber die Realität geht weiter. Da kommen noch viel mehr Dinge dazu, die beachtet werden müssen und letztlich hat man bei einem echten Flugzeug hinter sich nicht einfach nur die Zimmerwand, sondern hunderte Passagiere sitzen. Es ist ein Unterschied, ob man 500 echte Flugstunden hat oder 500 Stunden am PC-Flugsimulator, selbst wenn man alles gelandet bekommt.

Ich will daher auch gar nicht den Flugunfall der Germanwings-Maschine bewerten, das kann ich nicht und das will ich auch nicht. Ich kann jedoch kurz erklären, wie eigentlich moderner Flugverkehr funktioniert und was ich für Fragen daraus habe.

IFR versus VFR.

“IFR” steht für “Instrument Flight Rules” und steht im Gegensatz zu “Visual Flight Rules”. Letzteres ist das, was kleinere Flugzeuge auf kleineren Flughöhen tun, nämlich Fliegen auf Sicht und weitgehend ohne Instrumente. Alles, was höher als ca. 6000 Fuß fliegt, fliegt nach Instrumenten und darf überhaupt erst in diese höheren Flugebenen mit höheren Geschwindigkeiten fliegen und, das ist das wichtigste, in Wolken hineinfliegen.

IFR bedeutet aber auch, dass nicht jeder so fliegen darf, wie er kann, sondern dass Flugstraßen benutzt werden müssen. Diese einzelnen Straßen enden nicht unbedingt an sichtbaren Orten, sondern entweder an Flugsteuerungsanlagen auf der Erde oder sogar nur auf virtuellen Punkten wie z.B. auf Meeren und Ozeanen. Wichtig aber ist, dass diese Flugstraßen peinlichst genau geflogen werden müssen, mit nur sehr wenigen und berechtigten Ausnahmen.

Diese Ausnahmen müssen von Piloten in Absprache mit der jeweils regional zuständigen Flugsicherung abgesprochen werden, was der nächste wichtige Punkt von IFR-Flügen ist: Ohne Flugsicherungskontakt kein IFR. Die Flugsicherung muss immer wissen, welche Flugzeuge nach IFR in seiner Region wo genau fliegen. Das wird per Radar und Flugfunk überwacht, aber auch durch die Flugpläne, die vorab von Fluggesellschaften und Crews eingereicht werden.

Flugplan und Autopilotieren.

Was viele Passagiere nicht wissen: Die allermeisten Flüge werden weitgehend automatisch absolviert, vom Start bis zur Landung. Beim Start läuft es in der Regel so, dass erst einmal auf Geschwindigkeit gekommen werden muss, dann wird abgehoben und mit einer bestimmten Steigrate nach Ansage des Flughafentowers in eine bestimmte Richtung geflogen. Mit dem Ziel, möglichst zügig auf die vorher von der Crew eingereichte Flugstraße zu kommen. So bald die erreicht wird, übergibt die Flugsicherung üblicherweise die Navigation an die Crew, die dann den vorher einprogrammierten Flugplan abfliegt. Ab diesem Moment fliegt dann das Flugzeug nicht nur auf Autopilot, sondern auch nach dem Flugplan.

Das geht dann so weiter bis das Flugzeug in die Nähe des Zielflughafens kommt, da läuft das dann quasi rückwärts ab. Die Flugsicherung teilt einen Anflug zu und bringt das Flugzeug in die Nähe des Landebahnanflugs. Hat der Flughafen ein Landesystem (“ILS”) und ist das Flugzeug entsprechend ausgestattet, kommt pure Magie ins Spiel, denn damit lässt sich ein Flieger praktisch auch vollautomatisch landen, bei Wind und Wetter, bei Nacht und Nebel. Natürlich hat die Crew immer die Entscheidungsgewalt und kann jederzeit eingreifen und Landungen und Autopilot abbrechen, aber moderner Flugbetrieb würde ohne diese Instrumentenflüge nicht funktionieren können.

Einfach mal verfliegen, falsche Route oder Höhe?

Dank Flugsicherung würden solche Dinge bei IFR-Flügen sofort auffallen und üblicherweise interveniert die Flugsicherung auch sofort per Funk, wenn ein IFR-Flug “danebenfliegt”. Flugebenen sind nach 1000-Fuß-Schritten eingeteilt und üblicherweise fliegen Flugzeuge exakt auf beispielsweise 39.000 Fuß, wenn sie das sollen. 100 Fuß darüber oder darunter gibt schon Anlass zu Korrekturen, je nachdem, wie pingelig die Flugsicherung ist und welche Umstände vorliegen. Ähnliches gilt für die Route, wenn diese nicht dem eingereichten Flugplan entspricht. Ohne vorherige Anmeldung der Routenänderung muss man als Pilot schon eine sehr gute Begründung haben, wenn man die Route eigenmächtig ändert und da geht es schon um wenige Grad. In Mitteleuropa ist der Flugverkehr in vielen Regionen derart dicht, dass jedes “danebenfliegende” Flugzeug unter Umstände eine Reihe von Korrekturen bei anderen Flugzeugen nach sich ziehen muss, denn die Flugsicherung will ja die Sicherheitsabstände unter den Flugzeugen möglichst groß halten. Es ist auch so, dass Piloten mit ihrer Lizenz spielen, wenn sie die Spielregeln nicht einhalten und letztlich auch strafrechtlich haftbar sind.

Was passiert, wenn der Autopilot Amok läuft?

Das passiert eher selten, was aber eben auch nicht unmöglich ist. Computer sind nur so gut, wie sie programmiert werden. Großflugzeuge besitzen aber eine Reihe von unterschiedlichen, sich gegenseitig kontrollierende Computer, die auch von unterschiedlichen Teams programmiert wurden. Und zudem kann jeder Verkehrspilot grundsätzlich seinen Vogel auch ohne Autopilot zur Erde zurückbringen, rein mit dem Flugfunk (und zur Not auch ohne das und nur mit Karte).

Es gibt da einen kleinen Unterschied bei Airbus-Flugzeugen, denn Airbus setzt bei seinen Großflugzeugen stärker auf das “computer aided” Fliegen, was man schon mal daran erkennt, dass Airbus-Flugzeuge kein Steuerhorn haben wie andere Flugzeuge, sondern nur noch einen Joystick für jeden Piloten. Die Idee dahinter ist, dass die Steuerbefehle der Piloten nicht direkt an die Ruder gehen, sondern durch einen Computer laufen, der darauf achtet, dass gefährliche Steuerausschläge nicht oder nur gedämpft durchgeführt werden. Da kann man Sorge davor haben, dass der Kollege Computer da immer dazwischensteht, aber letztlich sind hier auch immer mehrere, voneinander unabhängige Steuerungssysteme am Werk, die sich auch permanent überwachen.

Da war doch mal was mit eingefrorenen Sensoren.

Stimmt und das war auch bei Airbus-Flugzeugen. Beispielsweise das Einfrieren eines Staurohres. So ein Staurohr wird benötigt, um während eines Flugs die Geschwindigkeit ermitteln zu können. Friert so ein Sensor ein, gibt es möglicherweise keine korrekten Werte mehr in den Bordcomputer und möglicherweise reagiert das Flugzeug dann mit Maßnahmen, die eigentlich nicht erforderlich sind, weil das Flugzeug schnell genug fliegt, aber eben nur der Sensor falsche Daten liefert.

Im Prinzip kann das aber bei jedem automatisch fliegenden Flugzeug passieren, denn ein Autopilot funktioniert ja nicht nur so, dass starr in eine Richtung geflogen wird, sondern es wird ständig korrigiert. Der Wind ist dabei der größte Störungsfaktor und das Flugzeug muss ja dennoch fest auf seiner Route bleiben. Spinnt ein Sensor (und das tun Sensoren immer wieder einmal), muss eine Crew das beurteilen können und darauf reagieren. Mitunter auch mit dem Ignorieren der Werte dieses Sensors und einem Ermitteln von anderen Werten, um dessen Funktion anderweitig zu kompensieren. Das ist alles in den meisten Fällen auch reine Routine und wird auch regelmäßig geübt.

Verkettungen.

Blöd wird es, wenn sich Umstände verketten und schnell reagiert werden muss. Oder die Crew ausfällt. Zu den richtig üblen Sachen gehören noch nicht einmal die Dinge, von denen die meisten Menschen Angst haben (Flügel brechen nicht einfach so ab und selbst wenn alle Triebwerke ausfallen, segelt auch ein Großflugzeug noch ganz passabel viele Kilometer weit), sondern vor allem der Faktor Zeit. Entscheidungen müssen in wenigen Minuten gefällt werden, dazu braucht die Crew schlagartig hundert Prozent ihres Verstandes, es müssen Entscheidungen eingeholt werden und dann muss man auch noch Ablaufpläne abarbeiten und zuschauen, ob das Problem nicht noch größer wird. Und nicht zu vergessen: Man kann auch dann nicht fliegen wie der Teufelsflieger vom Sportflugplatz, denn wir haben ja noch Passagiere hinten mit draufsitzen.

Modernes Fliegen ist die meiste Zeit Routine und in diesen Momenten ist selbst Busfahren mit mehr Stress verbunden. Spannend wird es dann, wenn etwas nicht nach Plan läuft.

Die Fragen der Fragen.

Richtig wichtig sind natürlich vor allem die Fragen, was die Begründung war, dass die Germanwings-Maschine acht Minuten vor dem Absturz seine Reiseflughöhe von 39.000 Fuß verlassen hat und mit Reisefluggeschwindigkeit, aber eben mit fast konstanter Sinkflugrate fast 140 Kilometer weit flog. Das ist nichts, was keinem Crewmitglied nicht auffällt und acht Minuten sind eine sehr lange Zeit, um zu kommunizieren und gegebenenfalls einen Autopiloten zu deaktivieren.

Üblicherweise ist es auch so, dass bei einem ernsten Problem eine Crew als erstes zuschaut, sich von einer eher “ungemütlichen” Region fernzuhalten. Gibt es bei einem IFR-Flug also ernste Probleme, die möglicherweise eine Notlandung nötig machen, ist der erste Weg die Kontaktaufnahme mit der Flugsicherung, die dann umgehend Routen zu Flughäfen in der Nähe plant und sie dem Piloten anbietet.

Warum also der Sinkflug bis zum bitteren Ende durchgeführt werden konnte und das Flugzeug immer noch mutmaßlich auf seiner einprogrammierten Route flog, ist das größte Fragezeichen.

Wichtig ist auch immer: Eine vollständige Bewertung eines Absturzes ist immer ein sehr großes Bild. Dazu gehören natürlich Flugschreiber und Augenzeugenberichte, Fotos von der Absturzstelle aber auch die vollständige Kommunikation der Flugsicherung und dortige Reaktionen. Das alles so zu interpretieren, dass am Ende ein vollständiger und nachvollziehbarer Bericht entsteht, das dauert Monate.

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Fremdschämen mit Günther Oettinger.

9. März 2015 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in PolitikWelt

Von Günther Oettinger kann man halten, was man möchte – Abstand ist vermutlich das allerbeste. Das galt schon hier in Baden-Württemberg, als er – so im Schnelldurchlauf erzählt – bei Drei nicht auf dem Baum war und Ministerpräsident wurde und später aus Gründen völliger Parteiverzweiflung und Amtsverschliss von Kanzlerin Angela Merkel nach Europa in Richtung Brüssel halbwegs gesichtswahrend weggelobt wurde. Danach lief es für die CDU in Baden-Württemberg zwar auch nicht besser, was aber wiederum symptomatisch eben für solche Politiker wie Oettinger ist. Eine Partei ist exakt so schlecht, wie ihr vermeintlich bester Politiker.

Nun ist Günther Oettinger aktuell EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Aus politischer Sicht eine Art Hilfsminister für ein Themenfeld, in dem die EU noch nie und auch nie auch nur ansatzweise eine Weltbedeutung einfahren wird und aus fachlicher Sicht mit Günther Oettinger fast so sinnvoll besetzt wie ich als fiktiver Bundesminister für Leistungssport. Günther Oettinger könne es sich extrem gut gehen lassen und es würde niemandem auffallen, wenn er sich anstatt im Dienstwagen von vier Zofen durch Europa tragen lassen würde, weil sein Amt so herzlich belanglos ist.

Nein, das passt nicht in das Amtsverständnis von Günther Oettinger. Günther Oettinger will immer etwas sagen. Das wird schon allein durch seine knurrige, näselnde, schnappende Aussprache und durch seinen Dialekt zum Kuriosum. Jede fachliche Äußerung steht aber immer auch unter dem schweren Los, dass er eigentlich noch weniger zu sagen hat, als es eigentlich zu sagen gibt. Oettinger ist nicht in der Lage, sich umfänglich zu informieren, zumindest aber völlig außerstande, etwas dahingehendes vortragen zu können. Ob es eine Faulheit zum Aktenlesen ist, weiß ich nicht, sicherlich kommt auch eine gewaltige Unlust dazu, sich in so ein Themenfeld hineinzuarbeiten, aber immerhin ist er EU-Kommissar. Man könnte es von ihm erwarten, sich sinnvoll auszudrücken und wenigstens keine Peinlichkeiten am laufenden Band zu verströmen.

Das Thema Netzneutralität scheint ihm wichtig zu sein bzw. vermutlich ist es eher so, dass er verinnerlicht hat, dass er zeigen muss, dass ihm das Thema wichtig sei. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass er zu diesem Thema seit Monaten täglich irgendwo etwas herunterreferiert und nicht eine dieser Äußerung eine mögliche Realität auch nur tangiert. Er versteht die Grundlagen der Vernetzung nicht, des Internets sowieso nicht und versucht dann auch noch, sein Vierteles-Wissen in Analogien zu verpacken, die allesamt fehlschlagen. Es gilt immer die Regel, dass nur Derjenige Analogien verwenden sollte, der auch die Grundlagen kennt, um diese dann vereinfachen zu können. Das kann für einen Günther Oettinger so natürlich nicht gelten.

Netzneutralität, also die Gleichbehandlung von Datenströmen im Internet (!) ist für Günther Oettinger nicht gut, weil es damit – seiner Meinung nach – nicht mehr gewährleistet sein kann, dass bestimmte Daten “pünktlich” ankommen, wo auch immer. Autos könnten schlechter kommunizieren, wenn die Tochter auf der Rückbank zu viel in YouTube surft oder Operationen an Lunge oder Herz fehlschlagen, weil auf dem Dorf nicht genügend Internet durch die Leitung kommt. Äpfel, Birnen, Planeten, Taschenrechner und Fußnägel sind einfacher miteinander verglichen.

Glaubste nicht? Bitte anschnallen, eine Sternstunde der kleinen Gedankenwelt des Günther Oettinger:

Das, was Oettinger da herunterparliert und sich dabei entlarvend an belanglosen Details und empörten Beleidigungen aufhängt, ist selbstverständlich nicht viel mehr als klassisches Lobbyistengeblubber, höchstwahrscheinlich Wort für Wort auswendiggelernt von den einfachsten Papieren, die ihm da ins Büro hereingetragen werden. Lobbyarbeit ist immer geprägt davon, dass der Lobbyist die zu vermittelnde Information genau auf die fachliche Kapazität und Fähigkeit des Empfängers zuschneidet und dazu braucht es bei Günther Oettinger aus Sicht der Lobbyszene erfreulich wenig.

Dass es Leitungsvermittlung, Paketvermittlung, dass es bei der Übertragung absicherbare Servicelevels gibt und dass es für hochpriorisierte Anwendungen dedizierte Leitungen gibt – das will ein Günther Oettinger nicht lesen müssen und weil das so ist, schreibt das kein Lobbyist auf seinen Sprechzettel. Der Rest sind dann seine hanebüchenen Analogien aus der Kategorie “Bauernschlau”. Darüber nachzudenken, ist völlig verausgabte Zeit, man muss bei Oettinger streckenweise einfach weghören und wegschauen. Fremdschämen tut hier in Baden-Württemberg bei Günther Oettinger schon längst keiner mehr, denn man tut ihn sich nicht mehr an. Noch nicht mal als CDU-Parteigänger.

Tröstend also ist, dass auf Günther Oettinger schon längst keiner mehr hört und er auch nicht sonderlich ernstgenommen wird. In der CDU nicht, in Berlin nicht und in Brüssel vermutlich genauso wenig. Oettinger bekommt wirklich alles versemmelt, von der großen politischen Rede bis zur Grußrede in der Dorfkneipe, vom politischen Großprojekt bis zur städtischen Verordnung. Er ist ein prächtiger Vertreter des Typus Politicus, der irgendwie in den Betrieb hereingerutscht ist und zur temporären politischen Deponierung von A nach B herumgereicht wird, auf ewig. Einer, der das Nichtsetzen von Akzenten zum Karrieremotto auserkoren hat und sich bestens damit abfinden kann, wenn er irgendwo auf dem Land den Ehrenteller eines Dorfes vom Schultes überreicht bekommt.

Demzufolge kann Günther Oettinger nicht viel kaputtmachen, weil er nicht ansatzweise ein Entscheider ist, aber es sind leider genau solche Politiker, die Europapolitik verkommen und Europa für viele Menschen zum Hassobjekt generieren lassen. Wir werden Günther Oettinger aussitzen müssen.

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Die Multimediacard.

8. März 2015 | 2 Kommentare | Veröffentlicht in ComputerWelt

Meine erste Speicherkarte war eine Multimediacard von Sandisk mit der sagenhaften Speicherkapazität von 16 Megabyte, gekauft im Juni 2001 für den saftigen Preis von 51 Deutschen Mark. Diese Speicherkarte war damals mein so ständiger Begleiter, wie es heutzutage ein USB-Stick oder das Smartphone ist und so konnte ich Daten zwischen Heim und Firma austauschen und auf gemeinsame Datenbestände zugreifen.

Irgendwann wurde diese Karte logischerweise ersetzt, nämlich von einer SD-Karte und danach von vielen anderen Karten und USB-Sticks. Die Multimediacard war so zu nicht mehr viel zu gebrauchen, auch wenn sie voll funktionsfähig war. Ich speicherte darauf in sehr unregelmäßigen Abständen meine KeePass-Datenbank und einen TrueCrypt-Container.

Im März 2008 hatte ich dann die Schnapsidee, die Karte in den Garten einzubuddeln. Also nicht mit Verpackung oder Schutzfolie, sondern nackt. SanDisk-Speicherkarten sagt man eine besondere Robustheit nach und irgendwann wollte ich das testen. Nun ist die Karte seit sieben Jahren im Garten vergraben, ich hatte sie zwar noch geistig im Hinterkopf, ich kenne noch genau die Stelle und morgen werde ich sie ausgraben und nachschauen, wie es um die Daten auf der Karte steht. Wirklich geheimes oder unerwartetes erwarte ich nicht zu finden (außer es hat jemand nachträglich etwas darauf gespeichert), aber ich bin mal gespannt, was die Karte noch gespeichert hat und ob sie überhaupt noch eine Multimediacard ist. Und wenn ich sie tatsächlich ausgegraben bekomme und sie noch funktioniert, dann darf sie wieder in die alte Kartenbox hinein, in der sie geliefert wurde. Die liegt nämlich immer noch hier auf meinem Schreibtisch.

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Fotografiere doch mal in UTC …

24. Februar 2015 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in BilderWelt

Gelegentlich sind die kleinen Tipps die ganz großen. Zum Beispiel habe ich mir kürzlich darüber geärgert, dass ich tatsächlich einige Monate lang mit meiner Kamera mit Sommerzeit fotografiert habe. Nun gehören diese First-World-Probleme nicht zu den wirklich echten Problemen, die die Welt beschäftigt, aber bei einer Bilderserie, die von einer Sportveranstaltung handelt, nervt es mich doch, zumal diese Bilder dann auch weitergegeben werden. Einen Zeitstempel mit aktiver Sommerzeit auf Bildern vom Dezember zu haben, gehört schon zu den eher lächerlichen Dingen, die man mit einer Digitalkamera anstellen kann.

Dabei ist die Lösung so herzlich einfach und nennt sich Universal Time Coordinate, abgekürzt als UTC. Das ist ein anderes Wort für die Greenwich-Zeit, die sich nach der Normalzeit in Großbritannien richtet und immer gleich bleibt. Während also Großbritannien irgendwann im Laufe des Jahres ebenfalls in die Sommerzeit wechselt, bleibt die UTC-Zeit immer in der Winterzeit. Aus unserer Sicht bedeutet das, dass die UTC-Zeit im Winter eine Stunde nachgeht und im Sommer zwei Stunden. Muss man sich nicht drum kümmern, die Uhr läuft ja in der Kamera dann immer in UTC-Zeit.

Wenn man in der Kamera die richtige Zeitzone angibt, nämlich eben die UTC-Zeit bzw. die London-Uhrzeit ohne Sommerzeitverschiebung, dann können auch gängige Bildverwaltungswerkzeuge mit solchen Zeitstempeln problemlos umgehen und sie entsprechend in die tatsächlich hier geltende Uhrzeit umrechnen. Zwar kennt der ursprüngliche EXIF-Standard offenbar keine Zeitzonenangaben, dennoch schreiben die meisten modernen Kameras offenbar entsprechende Informationen in eigene Metainformationen.

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Elektronisches Fahrtenbuch via OBD2-Schnittstelle.

30. Januar 2015 | 3 Kommentare | Veröffentlicht in GeschäftsWelt

Im Frühjahr ist ein neues Auto fällig. Mein guter, alter Astra H wird einem hübschen, giftig motorisierten und in Sachen Leasing unschlagbar günstigen ADAM S weichen, der als Geschäftsauto bei mir einparken wird. Und damit stellt sich automatisch die Frage nach einem Fahrtenbuch. So fully connected, wir wir nun einmal sind, hätte ich gern ein elektronisches Fahrtenbuch, denn auf eine echte Zettelwirtschaft in Sachen Fahrtenbuch habe ich wahrlich keine Lust.

Problem: Es gibt keine günstige Lösung für ein elektronisches Fahrtenbuch. Denn um als Fahrtenbuch durch die scharfen Vorgaben der hiesigen Finanzbehörden durchzukommen, muss es lückenlos sein und jede Fahrt mit Anfang und Ende, Datum und Uhrzeit und Zweck der Fahrt beinhalten. Und lückenlos bedeutet, dass alle Fahrten protokolliert werden müssen, auch die privaten.

Sehr praktisch wäre es, wenn das Fahrzeug selbst dies machen könnte, solche Lösungen findet man aber nur bei besseren Mittel- und Oberklassemodellen und da dann auch nur gegen Aufpreis. Mein zukünftiges Auto bringt das von Hause aus nicht mit, mein bisheriger Astra übrigens auch nicht.

Die einfachste GPS-Lösung via Smartphone.

Nun gut, denkt man sich, nimmt man halt das Smartphone. Das lässt sich ja mit diversen Apps oder auch Android-Bordmitteln so einrichten, dass es einen virtuellen Ariadnefaden durch die Landschaft zieht. Diese Informationen kann man sich auch aus dem Smartphone ziehen und via Google Maps auch mit Kilometerangaben versehen. Problem dabei ist jedoch, dass diese Daten zum einen ungenau sind und nicht vom Auto stammen. Und hinzu kommt bei vielen Lösungen auch, dass das Tracking logischerweise nicht unterscheiden kann, ob der Ariadnefaden nun im Auto gezogen wird oder vielleicht im Reisebus oder Flugzeug.

Ergo: Das Finanzamt wird so eine Lösung nicht akzeptieren und das bedeutet im Zweifelsfall bei einer Steuerprüfung, dass alle so ermittelten dienstlichen Fahrten nicht anerkannt werden.

Mysterium OBD2-Schnittstelle.

Nun haben alle modernen Autos eine einheitliche Diagnoseschnittstelle, die so genannte OBD2-Schnittstelle. An die stöpselt das Autohaus ihre Diagnosegeräte an, aber auch Hilfsorganisationen wie der ADAC und auch Tuner. OBD2 ist nämlich der Zugang zum so genannten CAN-Bus des Autos und hier fließen praktisch alle Daten eines Autos von Aggregat zu Aggregat. Denn moderne Autos bestehen nicht mehr nur aus “einem Bordcomputer”, sondern in Wirklichkeit aus vielen einzelnen Modulen, die allesamt miteinander kommunizieren müssen.

Diese OBD2-Schnittstelle ist daher auch der passende Weg, um dort Daten abzugreifen. Denn in all dem Datenstrom, der hier abgezapft werden kann, gibt es auch die Signalisierung, dass der Motor gestartet bzw. abgeschaltet wurde und die gefahrenen Kilometer pro Fahrt. Die Kunst dabei ist nur, mit diesen Daten irgendwie etwas anfangen zu können. Und da kann es sehr, sehr teuer werden.

Die hübschen (und teuren) Luxuslösungen.

Es tummeln sich gleich mehrere Anbieter auf dem Markt, die aus der OBD2-Schnittstelle ein mutmaßlich gutes Geschäft in Sachen elektronisches Fahrtenbuch machen. Die Idee dabei ist, einen Dongle an die Schnittstelle anzuschließen, die gleichzeitig einen GPS-Empfänger an Bord hat und die gesammelten Daten dann per Mobilfunk an den eigenen Dienst zu übermitteln. Die stellen dann hübsche Fahrtenbücher zur Verfügung, die finanzamtssicher sein sollen – und vor allem eine Menge Geld kosten. Preislich darf man ab 20 Euro aufwärts auf den Tisch blättern oder für einige hundert Euro den Dongle direkt kaufen. Das ist etwas heftig viel.

Andere OBD2-Lösungen erfordern ein ständig auf Empfang stehendes Smartphone in der Nähe, um Daten per Bluetooth oder WLAN zu übermitteln. Auch das ist mehr oder weniger Käse, denn das kostet Smartphone-Akku und gibt letztendlich auch Lücken im Fahrtenbuch, wenn das Smartphone nicht auf Empfang ist.

Der einfache OBD2-Datenlogger für 50 Euro.

Ich habe dann einfach einmal die Probe aufs Exempel gemacht und einen OBD2-Dongle von Foxwell bestellt, den es hier bei OBD2-Shop.eu für 50 Euro zu kaufen gibt. Dieser Logger lässt sich unter Windows konfigurieren und auf die Parameter, die man haben möchte, einstellen. Danach richtet man noch die genaue Uhrzeit ein und schon kann das Ding an den OBD2-Port des Autos gesteckt werden. Dort loggt das Teil immer dann mit, wenn der Motor läuft und schreibt neben Uhrzeit von Start und Stopp auch die gefahrenen Kilometer auf den Meter genau mit. Nach Angaben des Herstellers reichen die 8 Megabyte Speicherkapazität für rund 300 Fahrstunden aus.

Das lässt sich dann am Ende mit der Windows-Software zwar recht umständlich auslesen und in Excel konvertieren, hier aber lässt sich dann mit etwas Formelarbeit ein Anfangskilometerstand angeben, der dann bei jeder Fahrt entsprechend hochgezählt wird. Mit einem ordentlich gepflegten Kalender sollte es dann kein Problem sein, die dienstlichen von privaten Fahrten splitten zu können. Wer dann noch auf seinem Smartphone ein GPS-Tracking aktiv hat, kann auch recht übersichtlich einzelne Fahrten bei Bedarf genauer identifizieren.

Wichtig aber hier ist: Das, was der Dongle mitloggt, enhält keine GPS-Daten und auch keine Daten, die via GPS ermittelt wurden. Das dürfte als Basis für ein elektronisches Fahrtenbuch ausreichen. Ich vergleiche jetzt seit zwei Wochen die so ermittelten Daten mit dem normalen Kilometerstand im Auto (die letztendlich aus den gleichen Daten ermittelt werden) und es passt genau.

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Zum abgesagten Faschingsumzug in Pforzheim.

16. Dezember 2014 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in MüllWelt

Es folgt eine Polemik, vom ersten bis zum letzten Wort.

Fasching in unserer Region ist eine sehr ambivalente Angelegenheit. Zentrale Regel: Fasching hat nichts, aber auch rein gar nichts mit Spaß zu tun. Fasching ist harte Arbeit. Die Organisation eines Faschingsumzuges ist richtig viel Arbeit und kostet auch genügend Schotter. Da wird von den Organisatoren deshalb auch erwartet, dass der Zuschauer sich bitteschön auf industrielle Weise darüber zu freuen hat. Also stundenlang Freude vorgaukeln, die Hälfte der Büttenreden nicht verstehen und auch bei den Umzugswagen selten auf den Trichter kommen, um was es eigentlich geht. Und wehe dem, der Fasching nicht als Arbeit versteht und versucht, sich tatsächlich zu freuen …

Der Fasching.

2006 war meine erstmalige Teilnahme am Dillsteiner Faschingsumzug in Pforzheim, der traditionell am Dienstagnachmittag stattfindet. Also zu einer Zeit, wo viele Väter entweder noch arbeiten, gerade zurückfahren oder schlicht keinen Bock auf den Umzug im zugigen Stadtteil Dillweißenstein haben und lieber den Tag vor der Glotze bei den echten Fasnachtsveranstaltungen verbringen. 2006 fand mein erster Umzug (von insgesamt dreien) für die SPD statt, was in unserer schwarzen Region ein unglaublicher Skandal zu sein schien. Es war Wahlkampf, es war dummerweise meine Idee.

Nun erträgt man Fasching im nüchternen Zustand nicht ohne gesundheitliche Spätschäden. Als Organisator hielt ich meinen Alkoholkonsum in sehr engen Grenzen und das war nicht gut. Zu sehen, wie praktisch wirklich jeder der Umzugsteilnehmer und -organisatoren betrunken ist, ist unschön. Keine Sau interessierte unsere vorherige Anmeldung, das Einschreiben in die Teilnehmerliste vor Ort geschah unter Beobachtung von drei uralten und ebenfalls schon auf Pegel stehenden Verantwortlichen und unsere mühevoll gezimmerten Sicherheitsaufbauten auf dem Faschingswagen interessierte letztendlich keine Sau.

Den Umzug stellen wir uns selbst so vor: 2,5 Kilometer Zufahrt, 200 Meter “heiße Zone” mit 25 Meter Ehrentribüne der politischen VIP. Dort und auch nur dort findet Beschallung und Kommentierung statt, dementsprechend dort finden sich auf dem Ludwigsplatz auch mehrere tausend Menschen ein. Die 2,5 Kilometer lange Zufahrt ist dann der Umzug, wo das gesamte restliche Publikum herumsteht, zuschaut, auf die Bonbons wartet.

Nun ist es so, dass in den vergangenen Jahren die Beschaulichkeit des Umzuges verschütt’ gegangen ist. Es kamen immer mehr so genannte “alkoholisierte Jugendliche”, eine nette Umschreibung für das eigentlich gemeinte Wort “Ausländerkinder”. Die waren zwar oftmals gar nicht betrunken, aber deutlich lauter als die Jugendlichen, die gar nicht mehr zum Umzug kommen. Nennen wir das alles einfach mal “Gendering”, was es eigentlich auch ist. Geschäftsmäßig organisierte Freude, traditionell zu wenig Sicherheitspersonal, eine völlig inhomogene Umzugsstrecke, eine immer kleiner und älter werdende Faschingskultur, die eine Öffentlichkeitsarbeit betreibt, die, nun ja, lassen wir das.

Die Absage.

Auf die Pauke hauten die Organisatoren dann im Herbst, als sie verkündeten, dass der Faschingsumzug in 2015 auf der Kippe stehen und kurz vor der Absage stehen würde. Zu wenig Gruppen hätten sich angemeldet und, ja natürlich, die randalierenden und betrunkenen Jugendlichen… ganz großes Problem. Das zog natürlich dann seine großen Kreise durch den Teil der Lokalpresse, der vornehmlich mit dem Bauch und weniger mit dem Kopf geschrieben wird, mit den entsprechenden Nachwirkungen aus dem hobbypolitischen Teil der Bevölkerung. Na klar, die Ausländerkinder sind natürlich schuld. Schlicht rassistische Äußerungen auf hohem Niveau, angetrieben von lokaler Berichterstattung, die die Diskussion in einschlägigen Gruppen und Foren aus Facebook verlinkt und selbst noch befeuert. “Meinung vom Volk”.

Immerhin, die Organisatoren dachten sich, okay, geben wir dem allem noch eine Chance und warten auf Zusagen von Teilnehmern des Faschingsumzuges. Dann war wieder einige Wochen Ruhe, aber natürlich war das Kinde schon längst ins Wasser gefallen. Auf welche Teilnahmen will man denn warten, wenn man schon vorzeitig angekündigt hat, dass der Umzug aller Voraussicht nach ausfallen wird? Und was will man gegen konservative Lokalpolitiker tun, die diese Steilvorlage dankbar dazu nutzen, um das “Gesamtkonzept des Umzuges mit Streetworkern zu beleuchten”. Also die konservativen Lokalpolitiker, die üblicherweise auf der VIP-Tribüne dann meist die rotesten Nasen haben und das ohne aufgesetzte Knubbelnase.

Und so kam es dann auch: Es kamen nach Aussage der Lokalpresse nur rund ein Viertel Zusagen gegenüber dem diesjährigen Faschingsumzug und mit unter 20 Gruppen bekommt man auch so einen skurrilen Faschingsumzug wie in Pforzheim nicht zustande. Der Umzug wurde nun endgültig für 2015 gecancelt und schon schwappt wieder eine erstklassig braune und, pardon, frisch gekackte Rassistenscheiße durch die Zeitung und vor allem durch deren Foren und Facebook-Gruppen. Die ach so bösen Ausländerkinder versauen uns hier den guten, alten Faschingsumzug!

Kann es das sein?

Nun wissen wir ja schon zu Genüge: Rassismus schürt man nicht durch Hochpolitik, sondern durch das Hinstellen und Rühren von Fäkalieneimern. Dass sich das Publikum bei Faschingsumzügen ändert, ist keine neue Entwicklung, sondern mindestens seit zehn Jahren der Fall. Und selbst wenn man das so feststellt, bleibt immer die Frage, wie man das löst, denn schließlich kann man “Ausländerkinder” nicht von der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen ausschließen, was sich dennoch gar nicht so wenige Hobbypolitiker so wünschen dürften.

Dass die Faschingskultur in unserer Zeit und überhaupt in urbanen Milieus immer schlechter funktioniert, ist ein anderes, größeres Thema. Mit Ideen, wie man auch in heutigen Zeiten diese Kultur zeitgemäß unterbringen könnte, müsste man sich beschäftigen, so wie es alle Sport- und Kulturvereine, die länger als eine Generation überleben wollen, ebenso tun müssen.

Hier in Pforzheim ist nun wohl eher kaum noch etwas zu holen. Die Diskussion ist schon in die am meisten stinkende Ecke abgedriftet, Pforzheimer Fasching war schon traditionell immer der unwitzigste in der Region und nach einem ausgefallenen Umzugsjahr dürfte es schwierig werden, überhaupt noch einen auf die Beine gestellt zu bekommen.

Mir vom Prinzip her auch alles wirklich völlig wurst, nur: Es sind nicht die “Ausländerkinder”, die euren Fasching da angeblich kaputtgemacht haben. Es sind Leute wie du und ich, die ein gemeinsames Hobby haben und irgendwie das Problem verkannt haben, dass sich die Zeit schneller dreht, als man dachte. Das passiert den besten Leuten, aber sucht diese Schuld nicht bei anderen.

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Constanze Beyer (1970 – 2014).

15. Dezember 2014 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in SonstigeWelt

Normalerweise fehlen mir selten Worte. Und auch das Verfassen von Nachrufen ist eine Sache, die mir sicherlich nicht ganz so leicht aus den Händen gleitet, aber entweder kann man es nicht oder man kann es. Beim Schreiben dieses Nachrufes habe ich aber tagelang nach dem richtigen Einstieg gesucht und als ich das erste Wort hier schrieb wusste ich schon, dass der Einstieg mit ziemlicher Sicherheit der schlechteste ist, den ich je geschrieben habe. Belassen wir es bei dieser Feststellung, denn es geht um einen Menschen, der auch dieses bescheidene Weblog gern gelesen hat.

Constanze kennengelernt habe ich irgendwann im Jahre 2005 bei einer SPD-Wahlveranstaltung. Ich glaube, es ging um irgendeine Wahlkampfvorbereitung. Und obwohl Constanze zum SPD-Kreisverband Enzkreis gehörte, wollte irgendjemand sie im Wahlkampfteam Pforzheim dabei haben, weil Constanze die Meisterin darin war, Wahlkampfmaterialien zu erstellen. Als technische Zeichnerin, die sich später zur Grafikdesignerin weitergebildet hatte, war sie in Sachen Desktop Publishing so firm, dass mit ziemlicher Sicherheit einer Reihe von Wahlkämpfen eine ganze Armee an Wahlkampfmaterialien gefehlt hätten, wenn Constanze nicht ihre Kreativität da hineingesteckt hätte. Selbstlos oder maximal zum Einstandspreis.

Und auch wenn Constanze für nicht viel mehr kandidierte als für Kommunalwahlen und dort 2011 mit einem überzeugenden Ergebnis für die SPD in den Ortschaftsrat einzog – eine Erfahrung hatte sie uns allen vorweg: Die Lebenserfahrung einer Frau, die den Krebs vor Jahren einmal überlebte und 2012 mit der Diagnose eines unheilbaren und nur noch halbwegs kontrollierbaren Rezidivs konfrontiert wurde.

Man musste Constanze niemals erklären, worauf es im Leben ankommt. Und was viel beeindruckender war: Constanze war ein Mensch, dem es in der Öffentlichkeit niemals eingefallen wäre, anderen Leuten zu erklären, worauf es in deren Leben ankommen sollte. Das Herab- und Heraufschauen gab es bei ihr nicht. Das Kunststück, wie sie über ihr Leben und ihre Krankheit reden konnte und dabei jederzeit immer noch das Wohl ihres Gegenübers im Blick hatte und auch in so einer Situation noch über Grafikprojekte reden konnte, haben mich immer wieder geerdet. Selbst im Sommer war sie noch im dortigen Kommunalwahlkampf für ihren Kreisverband aktiv und hat während des Kandidatenfotoshootings die Fotos bearbeitet und freigegeben – schon da war jedes ihrer Engagements immer von ihr entschuldigend eingeleitet, dass man sich doch bitte etwas sputen solle, denn sie wisse ja nicht, wie lange es ihr noch halbwegs gut gehen würde.

Ihre letzten Tage auf Erden waren eine unbeschreibliche Qual, die Details gehören hier nicht hin. Erwähnen muss man allerdings, dass Constanze auch diesen letzten Weg bemerkenswert gegangen ist und mit vielen Freunden per Messenger in Verbindung blieb. Auch jetzt war Jammern nicht ihr Ding. Wenn da jetzt jemand im Himmel angekommen ist, dann ist das mit Constanze jemand, der da oben gleich an die Arbeit geht und sich bestimmt auch gleich um das Corporate Design der Abteilung der Engel kümmert. Einordnend, gefühlvoll in der Gestaltung, mit besten Verbindungen zu allen Druckereien rundherum und pünktlich liefernd. Constanze macht das schon. Ganz sicher.

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Dimensionen in Sachen #CometLanding

13. November 2014 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in WissenschaftsWelt

Stelle dir einen Ball mit dem Durchmesser von 1,5 Meter vor. Das ist dein Modell des Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, der im Original 2 Kilometer groß ist.

Den bringst du nun 384.400 Kilometer weit auf den Mond und kommst dann wieder zurück auf die Erde. Das Modell der Sonne begegnet dir auf rund einem Viertel dieser Strecke und ist maßstabgetreu etwa 1.000 Kilometer groß.

Zurück auf der Erde, die übrigens in unserem Modellbaukasten etwa 1 Kilometer groß ist, suchst du dir eine Stecknadel. Eine aus Metall mit einem kleinen Stecknadelkopf. Den sägst du ab. Das ist dein Modell von Rosetta, darauf die Landeeinheit Philae.

Diesen Stecknadelkopf schießt du kontrolliert mit einer winzigkleinen Ariane-Rakete kontrolliert etwa 10 Zentimeter in die Luft. Die Höhe deines Erdorbits.

Von dort musst du nun deinem Stecknadelkopf genau den Drive geben, damit er so viel Schwung bekommt, um zum 1,5 Meter großen Ball auf den Mond zu fliegen und dort auf einen Orbit einschwenken kann. Der Schwung muss so sitzen, dass der Flug 10 Jahre dauert, komme aber mit deinem Stecknadelkopf bitte genau auf den Tag an deinem Ball auf dem Mond an.

Kleines Hindernis ganz am Ende deiner Reise, direkt an deinem Ball: Du kannst deinen Stecknadelkopf nicht mehr per Echtzeit steuern, noch nicht mal ansatzweise. Jedes Signal ist 28 Minuten unterwegs. Und zwar von einer bis zur anderen Seite. Der Rückweg für die Antwort dauert noch mal 28 Minuten. Und du hast keine Ahnung, wie dein Landeplatz aussehen könnte, wie überhaupt der Ball aussieht und weißt eigentlich nur, dass du genau eine einzige Chance hast, das Ding auf diesen fast schwerelosen Ball zu kleben und dass selbst nach einer perfekten Landung das Ding nur ein paar Wochen Forschungszeit hat, bevor es kaputt gehen wird.

Willkommen in der modernen Raumfahrt. Und glaube jetzt nicht mehr, dass die Leute bei der ESA, der DLR, aber auch der NASA, Roscosmos und allen anderen Raumfahrtagenturen dieser Welt Verrückte sind. Du weißt es nun, dass sie es eindeutig sind.

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