Farewell, Barack Obama.

Eigentlich ist es obskur: Barack Obama ist mit seinen 55 Jahren noch in der Mitte seines Lebens, erfreut sich sichtbar guter Gesundheit und körperlicher Fitness und doch sind die letzten Wochen nicht nur für viele Amerikaner Wochen des Schwermutes und des Abschiedes. Und selbstverständlich ist Barack Obama Profi genug, das höchst diffizile Spiel der Amtsübergabe der US-Präsidentschaft so perfekt zu inszenieren, wie er seine US-Präsidentschaft schon von Anfang an plante und medial steuerte.

Barack Obama wird als mit größter Wahrscheinlichkeit den heutigen Tag der Inauguration des nächsten US-Präsidenten in bester Gesundheit überleben und faktisch lediglich Job und Wohnort wechseln. Und doch ist es wie eine Abreise eines Freundes in ein fernes Land. Man spürte es schon die vergangenen Wochen als dumpfes Klopfen, das dank seiner zig Abschiede auf Pressekonferenzen und Treffen immer stärker wurde. Vielfach multipliziert wurde dieses Gefühl durch das Chaos und den ungebändigten Zorn des „President-elect“. Der drohenden Hoffnungslosigkeit, der dunklen Vorahnungen. Der schlichten Ungewissheit, was nach Barack Obama kommt.

Eine Würdigung seines Amtes erspare ich mir. Das ist Aufgabe von Journalisten und Historikern. Ich bin dazu sicherlich zu wenig neutral, denn die Person Barack Obama faszinierte mich schon, als ich das erste Mal im Frühjahr 2008 über die Ambitionen des damaligen Senators Barack Obama aus Illinois las. Schon damals traute man ihm das zu, man traute das auch der Demokratischen Partei zu. Aber konnte man das auch dem Land zutrauen? Der erste farbige US-Präsident? Ein US-Präsident, der nicht aus den großen Familiendynastien kommt, die die meisten US-Präsidenten der letzten Jahrzehnte „stellten“?

Dass der junge Senator aus Illinois das Zeug hatte und genügend Ochsentour betrieb, liest sich aus seiner Biografie heraus. Als Rechtsanwalt kämpfte er in einer der übelsten und heruntergekommensten Ecken Chicagos namens „Altgeld“ (heißt tatsächlich so) für Gerechtigkeit so genannter einfacher Menschen. Einer, der schon in seiner Jugend kämpfen konnte, der bei seiner Oma aufwuchs und seinen Vater mit zehn Jahren zum letzten Mal sah. Einer, der sich beharrlich nach oben arbeitete, dabei aber seine Zwischenstationen als Mission verstand und nicht einfach nur als Sprossen.

Diese Geschichte brachte er schon mit, als er dann 2008 die Wahlkampfmaschinerie anwarf, darin eine Menge Geld investierte und diese Wahlkampfmaschine begann, die Geschichten zu erzählen. In einer neuen Weise, wie es eben nur im Internet und im noch sehr jungen Zeitalter der Social Media funktionieren konnte.

Natürlich kennt mich Barack Obama auch heute noch nicht und seines Zeichens nach hat er in seinen Wahlkämpfen auch nie selbst gewittert (was mich ehrlich gesagt nicht wundert), aber dennoch … wenn einem Barack Obama im Wahlkampf folgt, ist das ein starkes Zeichen in einer „social world“, auch wenn das alles selbstverständlich alles Wahlkampf ist.

Aber es war dennoch cool. Wir paar Millionen Leute auf Twitter, auch 2008 noch ein Bruchteil der US-Bevölkerung. Die „Obama for America“-Kampagne twitterte, facebookte, bloggte, was das Zeug hielt. Sie nutzten selbst gebaute Diskussionsforen, die sogar außerhalb der USA und auch in Deutschland funktionierten (z.B. mit einer Münchner Community). Sie bewarben den Bürger und Interessierten nicht einfach, sondern sie machten ihn, wenn er das wollte, zu einem sofort zusteigenden Mitglied der Grassroots-Campaign, der Graswurzelkampagne. Eine Software namens „Party Builder“, die ein gewaltig großes Wählerverzeichnis mit allerlei spannenden und datenschutzbedenklichen Inhalten trug, wurde zum festen Gesprächsthema von Social-Media-Leuten. Ausprobieren konnte man den Party Builder freilich sogar von meinem Zimmer aus, via Skype. Selten fühlte ich mich bei diesem eigentlichen Testanruf mehr von einer Kampagne verstanden, obwohl die rein gar nichts mit dem Land zu tun hatte, in dem ich lebe.

Da ich 2008 leider nur teilweise Obamas Wahlkampf analytisch verbloggt hatte, wollte ich es 2012 zu seiner Wiederwahl-Kampagne besser machen und hatte frühzeitig mein Obama-2012-Dossier begonnen – die immer noch größte Artikelserie in diesem Blog.

Viel spannender für mich ist, was die Kampagne bei mir und vielen Leuten, die ich kenne, ausgelöst hat. Tatsächlich Hoffnung darüber, das man Dinge verändern kann, wenn man es will. Dass man jenseits der traditionellen Nachrichtenwege schreiben und publizieren kann und das man auf diesen Wegen früher oder später Gleichgesinnte erreicht. Gewissermaßen haben die Obama-Kampagnen und die Philosophien, die das Unternehmen Blue State Digital mit diesen Kampagnen verwirklicht hat, ein großes Fundament in die Arbeitsweisen gelegt, die ich als kleiner Wutz meinen Kunden verkaufe. Meine wichtigsten Kundenblogs haben viel von der Obama-Kampagnen-DNA drin, obwohl die meisten gar nichts mit politischer Kommunikation zu tun haben.Auf seiner letzten Pressekonferenz vorgestern hat Obama einen sehr schönen Satz gesagt, mit dem ich es hier bewenden lassen will. Man kann es nicht besser sagen:

„I think there’s evil in the world, but i think that at the end of the day, if we work hard and if we’re true to those things in us that feel true and feel right, that the world gets a little better each time.“
„Ich glaube, es gibt viel Teufelswerk auf der Welt, aber ich denke, dass am Ende des Tages, wenn wir hart arbeiten und an das in uns glauben, was sich gut und richtig anfühlt, die Welt ein kleines bisschen besser wird.“

LEGO-CAD.

Das Spielen mit Lego ist ein fester Bestandteil meiner Kindheit. Ich hatte zwar nie richtig viel Lego, aber für eine mittelgroße Kiste reichte es allemal. Da kannte man dann jeden Stein irgendwann persönlich und es reichte für das Erwerben der grundlegenden Lego-Baukenntnisse. Zudem gab es in dem Haus, in dem ich meine Kindheit verbrachte, in der Nachbarschaft noch weitere 4 Jungs, die ebenfalls umfassende Lego-Kenntnisse mitbrachten. Und schließlich weiß der Kenner: Nicht die Menge an Lego macht den Unterschied, sondern der kreative und professionelle Einsatz. Dennoch träumten wir natürlich alle von der unerschöpflichen Lego-Steinquelle, denn die natürliche Hürde eines jeden Lego-Baumeisters war die Endlichkeit des Steinvorrates.

Eher durch Zufall bin ich vor einigen Wochen auf den LEGO Digital Designer gestolpert, einer kostenlosen CAD-Software von Lego für den Lego-Baumeister 2.0. Darüber kann man im ersten Moment lächeln, aber der LDD ist ein richtig gutes und professionelles Stück Software zum Aufbau von Lego-Modellen am Computer. Zwar gibt es mit LDraw bereits seit vielen Jahren eine Open-Source-CAD-Lösung, die auch ich einmal probiert habe, aber LDraw war immer etwas umständlich zu nutzen.

Aber zurück zum LDD, der eigentlich Kernstück eines Lego-Projektes war: Man baut mit der Software das Modell seiner Träume und bestellt am Ende die notwendigen Steine direkt bei Lego. Werden diese dann geliefert, lässt sich im LDD die komplette Bauanleitung exportieren, so dass das Modell dann auch tatsächlich gebaut werden kann. Den Service zur Teilebestellung gibt es nicht mehr, aber dafür exportiert LDD per Knopfdruck eine komplette Liste an verbauten Teilen als Excel-Tabelle, inklusive aller offiziellen Teilenummern. Damit lässt sich bei vielen Steineherstellern (und davon gibt es wirklich sehr, sehr viele) alles für das Wunschmodell bestellen.

Ist Lego am Computer eigentlich noch echt Lego-Spielen?

Witzigerweise ist das echt so eine Frage, die man sich als ehemaliger Lego-Fan so stellt: Ist man immer noch fähig für Lego nach über 20, 30 Jahren? Ich wollte mal den Test machen. Und das geht am besten mit dem Bau eines virtuellen Modells. Dazu musste das Gebäude der Schwarzwaldklinik herhalten. Dieses Gebäude hat den Vorteil, dass es dazu eine ganze Menge an guten Fan-Fotos im Internet gibt, die man dazu als Basis braucht.

Und dann geht es eigentlich auch schon los. Man baut die erste Etage, setzt die Fenster und Türen und kopiert dann die Etagen. Die kopierten Etagen werden dann auf die tatsächlichen Begebenheiten angepasst. Unten gibt es dann noch einen Erker und Eingangsbereich. Das Dach war dann schon etwas schwerer, denn es gibt, schwarzwaldtypisch, einen Halbwalm zu beachten und unterschiedliche Dachschrägen. Hier ist dann schon echtes Lego-Fachwissen gefragt.

Es dauerte ca. eine halbe Stunde, bis ich wieder in der Materie war. Das Lego-Fachwissen fängt schon an beim Bauen von Steinreihen. Man setzt nicht einfach Steine aufeinander, sondern baut ordentlich versetzte Reihen, um maximale Stabilität zu haben. Das weiß man als Kind aufgrund der Erfahrungen, aber erkläre das mal als Erwachsener! Ebenso muss man bei Dächern höllisch aufpassen, Dachgauben auf beiden Seiten exakt gleich aufzubauen, damit man das alles bündig zur Seitenwand hinbekommt. Wer nicht aufpasst, baut und baut und darf dann beim Entdecken des Fehlers wieder einiges abreißen.

Und genau hier wird es beim CAD-Legospielen dann interessant, denn einreißen ist hier natürlich viel einfacher. Klickklickklick und weg ist die falsch gebaute Komponente. Und hat man sich bei der Position der Gaube verschätzt, markiert man die betroffenen Steine und lagert diese eben vorübergehend aus.

Wo es aber dann richtig locker wird, ist beim nachträglichen Umbau an der Peripherie. Jeder, der jemals ein großes Lego-Modell gebaut hat und am Ende am Fuß des Modells etwas ändern wollte, weiß, was für ein Krampf es ist, mitten in einem Modell Teile herausnehmen zu müssen, ohne dass das Werk größere Schäden erleidet. Das geht am Computer so unverschämt einfach, dass es schon fast ein Schmerz ist, wenn man daran denkt, was man in der Kindheit bei solchen Problemen gelitten hat.

Die Unendlichkeit der Steine.

Der Zugriff auf den kompletten Lego-Steinbestand in allen lieferbaren Farben ist natürlich der wahre Luxus, den man als CAD-Lego-Designer genießt. Zwar ist die Steinsuche im LDD nicht ganz so intuitiv, aber man kennt sich halt aus. Und mal eben die Steinfarben per Knopfdruck auch am fertigen Modell zu ändern, entschuldigt alles.

Die Unendlichkeit der Steine ist übrigens auch einem Phänomen sehr zuträglich, dem nachträglichen Tunen des Modells. Denn fertig ist ein Lego-Modell niemals; immer findet man etwas, was man besser machen kann und da ist dann natürlich bei der echten Lego-Kiste immer die Frage, ob dafür auch das Guthaben an Steinen ausreicht. Viele Väter können da ein Lied davon singen, wenn Junior Nachschub an Steinen braucht und das natürlich dann Samstagnachmittag.

Die nicht ganz ungefährliche Strategie hinter dem CAD-Lego.

Ungefährlich ist das CAD-Legospielen natürlich für den Konsumenten. Unendlich viele Steine, eine diskrete Software (man muss also nicht mehr seine Lego-Kiste mit ins Büro nehmen, um da seinen Chef zu schocken) und schon ist das Hobby fertig für Modelle in Größen, die die Welt noch nicht gesehen hat.

Für LEGO ist das natürlich erst einmal nicht so gut, denn wer braucht da noch echtes Lego? Das muss man aufräumen, man muss beim Bauen aus einem unsortierten Lego-Haufen einen Großteil in die Teilesuche stecken und am Ende fehlt doch irgendetwas, was man genau zu diesem Zeitpunkt braucht. Eine echte Disruption entwickelt sich hier für LEGO, bei der sie möglichst zügig selbst als Player mitspielen muss, um nicht Märkte zu verlieren. Wer ein Modell am Computer baut und dann tatsächlich mit echten Steinen nachbauen möchte, will die Teile sofort haben. Entweder direkt von LEGO oder von Steinehändlern, von denen die meisten mit recycelten Steinesammlungen arbeiten. Bei letzterem verdient LEGO nichts.

Und nun, die Schwarzwaldklinik?

Die ist nun fertig und sieht so aus. Also fast, denn natürlich gibt es noch einiges in Sachen Tuning zu tun:

Für den jetzigen Stand sind aber etwas über 1.700 Steine verbaut und gedauert hat das Ganze unterm Strich 12 Stunden am Wochenende. Das ist ein ganz guter Schnitt, mit dem ich mich auch als Kind gut hätte blicken lassen können (mit der üblichen Steinsuche hätte ich als Kind natürlich gut das Doppelte veranschlagen müssen).

Next step: Das Ding tatsächlich bauen. Und das wird aus mehreren Gründen spannend, denn es wird dann 60 Zentimeter lang und 80 Zentimeter hoch. 😉

2015.

2015 zu resümieren, fällt gar nicht so schwer.

Geschäftliches 2015.

Aus geschäftlicher Sicht ist 2015 ein erfolgreiches Jahr gewesen. Ich habe meine Umsatzziele um 20 % übertroffen und dank geringerer Kosten am Ende einen Gewinnsprung von knapp 22 % hinterlassen. Damit bin ich nach fünf Jahren Selbstständigkeit jetzt am Niveau des Gehaltes meiner letzten Anstellungsgehaltes. 😉

In den geschäftlichen Kosten sind jedoch zwei Entscheidungen, die notwendig und gut waren. Zum einen habe ich mir einen Dienstwagen gegönnt und mit einem geleasten Opel ADAM S ein auf den ersten Blick irritierend unstandesgemäßes Auto. Die darin verpackten 150 PS, die immer wieder kaufbaren Sportsitze und vor allem der granatenniedrige Verbrauch und die sehr angenehmen Unterhaltkosten waren gute Entscheidungskriterien. Immerhin habe ich für den Opel ADAM nun so viel Werbung getrieben, da war es dann einfach nötig, auch mal ein solches Auto zu fahren.

Zweite, große Entscheidung war eine Bürogemeinschaft zu bilden mit einigen weiteren Nerds, allen voran mit Robert Davcik. Eigentlich war es ein gemeinsames Web-Projekt, was uns dazu brachte, dass ich einige Wochen in seinem Großraumbüro hauste, aber recht schnell kamen wir zum Ergebnis, dass es einfach nur sinnvoll ist. Wir Computer- und Internetleute sind halt auch Menschen, die Geselligkeit brauchen – alleine arbeitet es sich ausgesprochen unkreativ und unwitzig.

Privates 2015.

Nothing. Weiterhin solo und eigentlich auch gar nicht so unglücklich darüber gewesen, denn es hat einiges an Zeit für Gedanken und Ideen freigegeben, die ich 2016 umsetzen möchte. Siehe weiter unten.

Immerhin gab es 2015 auch keine Ausfälle im Freundeskreis zu beklagen. Also endlich wieder ein Jahr ohne primäre Friedhofsbesuche.

Gesundheitlich 2015.

Da gibt es auch nichts zu maulen. Der Zellhaufen funktioniert altersgemäß, das gilt auch für mein ICD-gesichertes Herz. Am Ende des Jahres hatte ich dann nochmal kurzfristigen „Spaß“ mit einer wieder aufgeflammten Lyme-Borreliose, die jedoch mit einer größeren Ladung Antiobiotika schnell bekämpft wurde. Ob das nun ein dauerhafter Frieden ist, bleibt abzuwarten, aber es gibt wirklich schlimmeres.

Durchschnittlicher Stress-Level 2015: 15 %. Auf mehr habe ich grundsätzlich keinen Bock mehr und es kommt bei höheren Stress-Level auch einfach nichts mehr gutes am Ende heraus.

Anschaffungen 2015.

Das Auto, das mir aber gar nicht so richtig gehört, da Leasing. Ein Smartphone in Form eines Google Nexus 6. Klobig, nicht sonderlich hübsch, aber eine echte Powermaschine. Und ein Sony Xperia Z2-Tablet. Beides zu Sparpreisen dank Modellauslauf. Man rennt irgendwann auch nicht mehr jedem Trend hinterher. Ansonsten läuft alles erstaunlich zuverlässig. Und eine PS4 habe ich mir immer noch nicht gekauft, aber das wird 2016 unvermeidlich.

2016?

Ganz klar: Geschäftlich muss es noch weiter hinaufgehen, ich lege mir nochmal ein 20 %iges Gewinnplus auf. Das scheint mir schon deshalb realistisch, weil ich für 2016 zwei eigene Projekte plane, an denen ich gedanklich schon seit einigen Jahren herumdoktere und seit November nun verschärft bastle. Unvermeidliches. Was irgendwann von mir kommen musste. Worauf ich mein halbes Geschäfts- und Arbeitsleben vermutlich hingearbeitet habe, ohne es zu wissen. Reicht das für den Cliffhanger? 😉

Die ersten Ergebnisse dürften im 1. Quartal 2016 das Licht der Welt erblicken, das Testbaby läuft schon recht geschmeidig auf meinem internen und höchst geheimen Testserver.

Der „große Rest“ für 2016 ergibt sich üblicherweise von allein. Vorsätze gibt es wie immer keine, denn wer Vorsätze macht, muss am Ende nachsitzen (oder so). Auch beim ewigen Wunsch, endlich mehr und regelmäßiger zu bloggen, bleibe ich vorsichtig. Die lauteste Zeit in der Blogosphäre habe ich wohl hinter mir. Dafür werde ich meinen mitunter auch recht bissigen Humor auf Twitter & Facebook so schnell nicht verlernen.

Ansonsten bleibt wie immer zu sagen: Herzlichen Dank für die leserische und oft auch schreiberische Begleitung auch in diesem Jahr, in diesem Blog und auf allen wichtigen Kommunikationskanälen. Ich habe euch alle lieb!

Bundesjugendspiele – entscheidend ist, was man daraus macht.

Auch ich musste, so wie jeder Schüler in Deutschland, regelmäßig an Bundesjugendspielen teilnehmen. Ich bin ja nun die personifizierte Unsportlichkeit, Sportunterricht war für mich ein reines Unterhaltungsfach ohne jegliche Relevanz und damit auch die Bundesjugendspiele. Nicht eine Sieger- oder Ehrenurkunde habe ich jemals nach Hause getragen und gestört hat mich das eigentlich nur in der 1. Klasse, weil ich da neben zwei Mitschülern, die krankheitsbedingt nicht dabeisein konnten, der einzige war, der keine Urkunde bekam.

Es ging mir, so wie ich das einfach mal zusammenfassen möchte, schlicht am Allerwertesten vorbei. Eine langweilige, vorgedruckte Urkunde, auf der nichtssagende Punkte ein sehr gewagtes Bild von Sportlichkeit transportieren sollten. Freilich haben die Bundesjugendspiele hinter den Kulissen den Sinn, besonders sportliche Kinder statistisch im Schüler-Pool zu finden, anzusprechen und vielleicht in eine sinnvolle Sportförderung zu überführen. Kann einem vielleicht sogar Spaß machen.

Ich habe für meinen Teil schon in der Grundschule gemerkt, dass Sport nicht mein Ding ist und dass in den Bundesjugendspielen für mich nichts zu holen gibt. Besonders tief angekratzt hat das mein Selbstbewusstsein nicht. Klar, man konnte vor dem Tag tatsächlich etwas Bammel haben, weil es genügend Chancen für peinliche Szenen gibt, aber ganz ehrlich: Peinliche Szenen gibt es in der Schulzeit genügend und jeder Schüler hat es in der Hand, damit klarzukommen, natürlich immer im Zusammenspiel mit der Erziehung zu Hause, der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, dem Umgang mit Erfolg und Niederlage und blablabla.

Aber Bundesjugendspiele verbieten? Warum denn? Einer meiner schönsten Erlebnisse im Zusammenhang mit Sport hatte ich ausgerechnet mit Bundesjugendspielen.

Denn tatsächlich konnte ich einmal krankheitsbedingt nicht teilnehmen, worüber ich mich naheliegenderweise auch nicht sonderlich beklagte. Jetzt hätte ich zu Hause bleiben oder in der Schule stinklangweiligen Ersatzunterricht genießen können. Auf beides hatte ich keine Lust, so bin ich also mitgegangen auf die Bundesjugendspiele und habe mich bei den einzelnen Sportstätten freiwillig als Zeugwart meiner Kameraden dinglich gemacht, weil nun eben alle meine Kameraden ihren Krempel irgendwohin legen mussten. Irgendwann habe ich dann angefangen, meine Kameraden anzufeuern und am Ende des Tages war es dann doch irgendwie ein ganz lustiger Tag.

Eine Woche später bei der Urkundenausgabe, ich hatte ja logischerweise nichts zu erwarten, bekam ich dann aber doch etwas, nämlich eine Urkunde meines Sportlehrers für den „sozialen Einsatz“, verbunden mit – halten wir es bitte deutlich fest, weil es das noch nie gab in Besims Sportunterrichtkarriere: In Abstimmung mit der Schulleitung eine Sondernote 1 und den Hinweis meines Sportlehrers an die Klasse, dass nicht wenige Punkte erst dadurch zustandegekommen sind, weil sich der kleine, dicke Besim am Spielfeldrand bei wirklich jedem Lauf, Sprung oder Wurf der Klassenkameraden die Lungen aus dem Leib geschrien hat.

Schule ist, sagen wir es deutlich, Strebertum, Anpassung und Vergleich vom ersten bis zum letzten Tag. Das hat nichtindividuelle Beschulung in einem großen System so an sich, sonst hätten wir auch keine Noten. Darüber kann man jetzt streiten, bis das Jahr rum ist. Es gilt aber auch: Schule ist immer das, was man als Schüler daraus macht. Wenn man merkt, dass einem ein Fach überhaupt nicht geradekommen kann, schaut man zu, dass man es irgendwie gerade mal gehüpft bekommt wie ein Sprintspezialist bei der Bergetappe. Dann gibt es in Sport eben keine Eins im Zeugnis, sondern eine Dauer-Vier. Und wenn die Bundesjugendspiele tatsächlich dazu dienen sollen, besondere Begabungen bei Einzelnen zu fördern, dann soll es meinetwegen so sein. Zwischen dem Peinlichkeitsempfinden von Schülern und von Erwachsenen gibt es bei der Betrachtung solcher Veranstaltungen so dermaßen viele Unterschiede, dass man sich mal eher darüber unterhalten sollte, was für erbärmlicher Fraß an vielen Schulen mittags auf den Tisch kommt und wie erschreckend wenig Geld uns das wert ist.

Grundlagen zum Instrumentenflug für Dummies.

Unter den Flugsimulator-Freunden gibt es ungefähr seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York einen ungeschriebenen Ehrenkodex: Spekuliere in echten Katastrophenfällen mit Flugzeugen nicht als „Flugexperte“ mit, niemals. Wir Flugsimulatorleute haben ein spannendes Hobby, fliegen virtuell auch Großflugzeuge, die sich recht realistisch verhalten, aber doch nur vereinfacht steuern lassen, weil einfach eine Vielzahl von Instrumenten nicht simuliert werden (können). Zwar kann man mit modernen Simulatoren Instrumentenflüge simulieren, per Autopilot auf Flugpläne fliegen und sogar per Instrumente automatisch landen, aber die Realität geht weiter. Da kommen noch viel mehr Dinge dazu, die beachtet werden müssen und letztlich hat man bei einem echten Flugzeug hinter sich nicht einfach nur die Zimmerwand, sondern hunderte Passagiere sitzen. Es ist ein Unterschied, ob man 500 echte Flugstunden hat oder 500 Stunden am PC-Flugsimulator, selbst wenn man alles gelandet bekommt.

Ich will daher auch gar nicht den Flugunfall der Germanwings-Maschine bewerten, das kann ich nicht und das will ich auch nicht. Ich kann jedoch kurz erklären, wie eigentlich moderner Flugverkehr funktioniert und was ich für Fragen daraus habe.

IFR versus VFR.

„IFR“ steht für „Instrument Flight Rules“ und steht im Gegensatz zu „Visual Flight Rules“. Letzteres ist das, was kleinere Flugzeuge auf kleineren Flughöhen tun, nämlich Fliegen auf Sicht und weitgehend ohne Instrumente. Alles, was höher als ca. 6000 Fuß fliegt, fliegt nach Instrumenten und darf überhaupt erst in diese höheren Flugebenen mit höheren Geschwindigkeiten fliegen und, das ist das wichtigste, in Wolken hineinfliegen.

IFR bedeutet aber auch, dass nicht jeder so fliegen darf, wie er kann, sondern dass Flugstraßen benutzt werden müssen. Diese einzelnen Straßen enden nicht unbedingt an sichtbaren Orten, sondern entweder an Flugsteuerungsanlagen auf der Erde oder sogar nur auf virtuellen Punkten wie z.B. auf Meeren und Ozeanen. Wichtig aber ist, dass diese Flugstraßen peinlichst genau geflogen werden müssen, mit nur sehr wenigen und berechtigten Ausnahmen.

Diese Ausnahmen müssen von Piloten in Absprache mit der jeweils regional zuständigen Flugsicherung abgesprochen werden, was der nächste wichtige Punkt von IFR-Flügen ist: Ohne Flugsicherungskontakt kein IFR. Die Flugsicherung muss immer wissen, welche Flugzeuge nach IFR in seiner Region wo genau fliegen. Das wird per Radar und Flugfunk überwacht, aber auch durch die Flugpläne, die vorab von Fluggesellschaften und Crews eingereicht werden.

Flugplan und Autopilotieren.

Was viele Passagiere nicht wissen: Die allermeisten Flüge werden weitgehend automatisch absolviert, vom Start bis zur Landung. Beim Start läuft es in der Regel so, dass erst einmal auf Geschwindigkeit gekommen werden muss, dann wird abgehoben und mit einer bestimmten Steigrate nach Ansage des Flughafentowers in eine bestimmte Richtung geflogen. Mit dem Ziel, möglichst zügig auf die vorher von der Crew eingereichte Flugstraße zu kommen. So bald die erreicht wird, übergibt die Flugsicherung üblicherweise die Navigation an die Crew, die dann den vorher einprogrammierten Flugplan abfliegt. Ab diesem Moment fliegt dann das Flugzeug nicht nur auf Autopilot, sondern auch nach dem Flugplan.

Das geht dann so weiter bis das Flugzeug in die Nähe des Zielflughafens kommt, da läuft das dann quasi rückwärts ab. Die Flugsicherung teilt einen Anflug zu und bringt das Flugzeug in die Nähe des Landebahnanflugs. Hat der Flughafen ein Landesystem („ILS“) und ist das Flugzeug entsprechend ausgestattet, kommt pure Magie ins Spiel, denn damit lässt sich ein Flieger praktisch auch vollautomatisch landen, bei Wind und Wetter, bei Nacht und Nebel. Natürlich hat die Crew immer die Entscheidungsgewalt und kann jederzeit eingreifen und Landungen und Autopilot abbrechen, aber moderner Flugbetrieb würde ohne diese Instrumentenflüge nicht funktionieren können.

Einfach mal verfliegen, falsche Route oder Höhe?

Dank Flugsicherung würden solche Dinge bei IFR-Flügen sofort auffallen und üblicherweise interveniert die Flugsicherung auch sofort per Funk, wenn ein IFR-Flug „danebenfliegt“. Flugebenen sind nach 1000-Fuß-Schritten eingeteilt und üblicherweise fliegen Flugzeuge exakt auf beispielsweise 39.000 Fuß, wenn sie das sollen. 100 Fuß darüber oder darunter gibt schon Anlass zu Korrekturen, je nachdem, wie pingelig die Flugsicherung ist und welche Umstände vorliegen. Ähnliches gilt für die Route, wenn diese nicht dem eingereichten Flugplan entspricht. Ohne vorherige Anmeldung der Routenänderung muss man als Pilot schon eine sehr gute Begründung haben, wenn man die Route eigenmächtig ändert und da geht es schon um wenige Grad. In Mitteleuropa ist der Flugverkehr in vielen Regionen derart dicht, dass jedes „danebenfliegende“ Flugzeug unter Umstände eine Reihe von Korrekturen bei anderen Flugzeugen nach sich ziehen muss, denn die Flugsicherung will ja die Sicherheitsabstände unter den Flugzeugen möglichst groß halten. Es ist auch so, dass Piloten mit ihrer Lizenz spielen, wenn sie die Spielregeln nicht einhalten und letztlich auch strafrechtlich haftbar sind.

Was passiert, wenn der Autopilot Amok läuft?

Das passiert eher selten, was aber eben auch nicht unmöglich ist. Computer sind nur so gut, wie sie programmiert werden. Großflugzeuge besitzen aber eine Reihe von unterschiedlichen, sich gegenseitig kontrollierende Computer, die auch von unterschiedlichen Teams programmiert wurden. Und zudem kann jeder Verkehrspilot grundsätzlich seinen Vogel auch ohne Autopilot zur Erde zurückbringen, rein mit dem Flugfunk (und zur Not auch ohne das und nur mit Karte).

Es gibt da einen kleinen Unterschied bei Airbus-Flugzeugen, denn Airbus setzt bei seinen Großflugzeugen stärker auf das „computer aided“ Fliegen, was man schon mal daran erkennt, dass Airbus-Flugzeuge kein Steuerhorn haben wie andere Flugzeuge, sondern nur noch einen Joystick für jeden Piloten. Die Idee dahinter ist, dass die Steuerbefehle der Piloten nicht direkt an die Ruder gehen, sondern durch einen Computer laufen, der darauf achtet, dass gefährliche Steuerausschläge nicht oder nur gedämpft durchgeführt werden. Da kann man Sorge davor haben, dass der Kollege Computer da immer dazwischensteht, aber letztlich sind hier auch immer mehrere, voneinander unabhängige Steuerungssysteme am Werk, die sich auch permanent überwachen.

Da war doch mal was mit eingefrorenen Sensoren.

Stimmt und das war auch bei Airbus-Flugzeugen. Beispielsweise das Einfrieren eines Staurohres. So ein Staurohr wird benötigt, um während eines Flugs die Geschwindigkeit ermitteln zu können. Friert so ein Sensor ein, gibt es möglicherweise keine korrekten Werte mehr in den Bordcomputer und möglicherweise reagiert das Flugzeug dann mit Maßnahmen, die eigentlich nicht erforderlich sind, weil das Flugzeug schnell genug fliegt, aber eben nur der Sensor falsche Daten liefert.

Im Prinzip kann das aber bei jedem automatisch fliegenden Flugzeug passieren, denn ein Autopilot funktioniert ja nicht nur so, dass starr in eine Richtung geflogen wird, sondern es wird ständig korrigiert. Der Wind ist dabei der größte Störungsfaktor und das Flugzeug muss ja dennoch fest auf seiner Route bleiben. Spinnt ein Sensor (und das tun Sensoren immer wieder einmal), muss eine Crew das beurteilen können und darauf reagieren. Mitunter auch mit dem Ignorieren der Werte dieses Sensors und einem Ermitteln von anderen Werten, um dessen Funktion anderweitig zu kompensieren. Das ist alles in den meisten Fällen auch reine Routine und wird auch regelmäßig geübt.

Verkettungen.

Blöd wird es, wenn sich Umstände verketten und schnell reagiert werden muss. Oder die Crew ausfällt. Zu den richtig üblen Sachen gehören noch nicht einmal die Dinge, von denen die meisten Menschen Angst haben (Flügel brechen nicht einfach so ab und selbst wenn alle Triebwerke ausfallen, segelt auch ein Großflugzeug noch ganz passabel viele Kilometer weit), sondern vor allem der Faktor Zeit. Entscheidungen müssen in wenigen Minuten gefällt werden, dazu braucht die Crew schlagartig hundert Prozent ihres Verstandes, es müssen Entscheidungen eingeholt werden und dann muss man auch noch Ablaufpläne abarbeiten und zuschauen, ob das Problem nicht noch größer wird. Und nicht zu vergessen: Man kann auch dann nicht fliegen wie der Teufelsflieger vom Sportflugplatz, denn wir haben ja noch Passagiere hinten mit draufsitzen.

Modernes Fliegen ist die meiste Zeit Routine und in diesen Momenten ist selbst Busfahren mit mehr Stress verbunden. Spannend wird es dann, wenn etwas nicht nach Plan läuft.

Die Fragen der Fragen.

Richtig wichtig sind natürlich vor allem die Fragen, was die Begründung war, dass die Germanwings-Maschine acht Minuten vor dem Absturz seine Reiseflughöhe von 39.000 Fuß verlassen hat und mit Reisefluggeschwindigkeit, aber eben mit fast konstanter Sinkflugrate fast 140 Kilometer weit flog. Das ist nichts, was keinem Crewmitglied nicht auffällt und acht Minuten sind eine sehr lange Zeit, um zu kommunizieren und gegebenenfalls einen Autopiloten zu deaktivieren.

Üblicherweise ist es auch so, dass bei einem ernsten Problem eine Crew als erstes zuschaut, sich von einer eher „ungemütlichen“ Region fernzuhalten. Gibt es bei einem IFR-Flug also ernste Probleme, die möglicherweise eine Notlandung nötig machen, ist der erste Weg die Kontaktaufnahme mit der Flugsicherung, die dann umgehend Routen zu Flughäfen in der Nähe plant und sie dem Piloten anbietet.

Warum also der Sinkflug bis zum bitteren Ende durchgeführt werden konnte und das Flugzeug immer noch mutmaßlich auf seiner einprogrammierten Route flog, ist das größte Fragezeichen.

Wichtig ist auch immer: Eine vollständige Bewertung eines Absturzes ist immer ein sehr großes Bild. Dazu gehören natürlich Flugschreiber und Augenzeugenberichte, Fotos von der Absturzstelle aber auch die vollständige Kommunikation der Flugsicherung und dortige Reaktionen. Das alles so zu interpretieren, dass am Ende ein vollständiger und nachvollziehbarer Bericht entsteht, das dauert Monate.

Constanze Beyer (1970 – 2014).

Normalerweise fehlen mir selten Worte. Und auch das Verfassen von Nachrufen ist eine Sache, die mir sicherlich nicht ganz so leicht aus den Händen gleitet, aber entweder kann man es nicht oder man kann es. Beim Schreiben dieses Nachrufes habe ich aber tagelang nach dem richtigen Einstieg gesucht und als ich das erste Wort hier schrieb wusste ich schon, dass der Einstieg mit ziemlicher Sicherheit der schlechteste ist, den ich je geschrieben habe. Belassen wir es bei dieser Feststellung, denn es geht um einen Menschen, der auch dieses bescheidene Weblog gern gelesen hat.

Constanze kennengelernt habe ich irgendwann im Jahre 2005 bei einer SPD-Wahlveranstaltung. Ich glaube, es ging um irgendeine Wahlkampfvorbereitung. Und obwohl Constanze zum SPD-Kreisverband Enzkreis gehörte, wollte irgendjemand sie im Wahlkampfteam Pforzheim dabei haben, weil Constanze die Meisterin darin war, Wahlkampfmaterialien zu erstellen. Als technische Zeichnerin, die sich später zur Grafikdesignerin weitergebildet hatte, war sie in Sachen Desktop Publishing so firm, dass mit ziemlicher Sicherheit einer Reihe von Wahlkämpfen eine ganze Armee an Wahlkampfmaterialien gefehlt hätten, wenn Constanze nicht ihre Kreativität da hineingesteckt hätte. Selbstlos oder maximal zum Einstandspreis.

Und auch wenn Constanze für nicht viel mehr kandidierte als für Kommunalwahlen und dort 2011 mit einem überzeugenden Ergebnis für die SPD in den Ortschaftsrat einzog – eine Erfahrung hatte sie uns allen vorweg: Die Lebenserfahrung einer Frau, die den Krebs vor Jahren einmal überlebte und 2012 mit der Diagnose eines unheilbaren und nur noch halbwegs kontrollierbaren Rezidivs konfrontiert wurde.

Man musste Constanze niemals erklären, worauf es im Leben ankommt. Und was viel beeindruckender war: Constanze war ein Mensch, dem es in der Öffentlichkeit niemals eingefallen wäre, anderen Leuten zu erklären, worauf es in deren Leben ankommen sollte. Das Herab- und Heraufschauen gab es bei ihr nicht. Das Kunststück, wie sie über ihr Leben und ihre Krankheit reden konnte und dabei jederzeit immer noch das Wohl ihres Gegenübers im Blick hatte und auch in so einer Situation noch über Grafikprojekte reden konnte, haben mich immer wieder geerdet. Selbst im Sommer war sie noch im dortigen Kommunalwahlkampf für ihren Kreisverband aktiv und hat während des Kandidatenfotoshootings die Fotos bearbeitet und freigegeben – schon da war jedes ihrer Engagements immer von ihr entschuldigend eingeleitet, dass man sich doch bitte etwas sputen solle, denn sie wisse ja nicht, wie lange es ihr noch halbwegs gut gehen würde.

Ihre letzten Tage auf Erden waren eine unbeschreibliche Qual, die Details gehören hier nicht hin. Erwähnen muss man allerdings, dass Constanze auch diesen letzten Weg bemerkenswert gegangen ist und mit vielen Freunden per Messenger in Verbindung blieb. Auch jetzt war Jammern nicht ihr Ding. Wenn da jetzt jemand im Himmel angekommen ist, dann ist das mit Constanze jemand, der da oben gleich an die Arbeit geht und sich bestimmt auch gleich um das Corporate Design der Abteilung der Engel kümmert. Einordnend, gefühlvoll in der Gestaltung, mit besten Verbindungen zu allen Druckereien rundherum und pünktlich liefernd. Constanze macht das schon. Ganz sicher.

Auf geht’s!

Supermarktkasse am Samstag vor einigen Wochen. Zwei Kassen waren geöffnet, die Warteschlangen erträglich und es ging ruhig zu. Die beiden geöffneten Kassen waren getrennt durch die üblichen Schokoladen- und Zigarettenregale, so dass ich das Gesicht der Person nicht mitbekam, die in der Nachbarschlange plötzlich laut und deutlich „Auf geht’s!“ rief. Und dann gleich nochmal. Auf geht’s! Kehlig, aber überzeugt, von einer vermutlich kleineren Person.

Nun ist ja das Herumstehen in einer Warteschlange einer Supermarktkasse wahrlich kein Darstellungsort für Expressionisten, so dass man auf so einen Spruch in der eher unangenehmen und indiskreten Wartesituation entweder mit Aggressivität oder peinlichem Weghören reagiert. Immerhin beleidigt man mit so einer Ansage in einer Warteschlange schnell mal jemanden, ob nun die Kassiererin, oder die Person, die vor einem wartet. Andererseits vergisst man so einen Emotionsausbruch auch schnell wieder. Man rückt auf und will ja schließlich auch irgendwann möglichst schnell bezahlen, damit der eher lästige Supermarktbesuch schnell auch wieder Geschichte wird.

„Auf geht’s!“ dann nach einigen Dutzend Sekunden nochmal, wieder laut und deutlich, diesmal hinter mir. Da ich schon direkt an der Kasse stand, riskierte ich einen Blick nach hinten. Und da sah ich, dass das „Auf geht’s!“ von einer jungen Frau mit offensichtlichem Down-Syndrom kam, die ihre zwei nicht ganz so schnellen Begleiter damit motivierte und sich ihrer Motivationskraft ziemlich sicher zu sein schien.

Als dann noch ein „Auf geht’s!“ kam, als sich die Truppe mit dem bepackten Einkaufstüten auf den Weg machte und an mir vorbeikam, drehte ich mich nochmal um zu ihr, zeigte direkt auf sie: „So isses! Gut, dass es mal jemand genau so sagt!“ Leider nicht ansatzweise so überzeugend, wie sie das kann.

Vorurteile schüren im Kleinen.

Wir haben an sich zur Nachbarschaft ein relativ gute Verhältnis, da wir aufgeschlossene Leute sind, die so gar nicht recht in das Raster des „Mustermigranten“ passen wollen. Die Nachbarschaftsprobleme, die wir haben, sind daher eher welche, die „normal-nachbarschaftlicher“ Natur sind – Erbsenzählen ist nicht typisch deutsch, sondern ein international bekanntes Phänomen.

Nun wohnt ein paar Häuser weiter seit über einem Jahr eine rumänische Familie. Zwar wird dort mitunter recht rauchintensiv gegrillt, aber stören tun weder die Zeitgenossen uns, noch umgekehrt. Man lebt nicht übereinander herfallend, aber auch nicht wirklich miteinander, sondern eher nebeneinander. Sie arbeiten viel an ihrer Bude und ihrem Garten und gut. Soll ja nicht wirklich mein Problem sein.

Spannend wird es im Detail, denn sie haben eine kleine Tochter, die nach den Sommerferien in die Schule gehen wird. Und die recht eindrucksvoll zeigt, wie man als Familie mit Migrationshintergrund sehr hübsch an den Ressentiments arbeiten kann, die man eigentlich als Migrant hasst: Abkapselung durch fehlende Integration.

Das fängt schon mal damit an, dass Vater und Mutter wohl schuften wie die Beserker und in Schichtarbeit tätig sind. Das führt dann dazu, dass die kleine Tochter den lieben, langen Tag wenig mit sich anzufangen weiß, gerade jetzt in der Ferienzeit, wo die restlichen Kinder alle im Urlaub weilen. Das ist für meine Mutter wiederum kein Problem, die ziemlich effektiv Kinder bespaßen kann. Bei ihr funktioniert das jedoch nur teilweise erfolgreich, weiß sie misstrauisch ist, beispielsweise bei Fremden nichts essen mag. Eigentlich gut, aber: Gestern hat sie dann doch ein Toastbrot mitgegessen und dabei herausgerückt, dass ihre Eltern sehr wohl das Essen in der Nachbarschaft erlaubt hat, jedoch explizit nicht bei uns. Grund: Unbekannt. Und wir merken an, dass ihre Eltern sich in der ganzen Zeit über nicht ein einziges Mal die Mühe gemacht haben, mal vorbeizuschauen oder wenigstens über den Zaun zu grüßen.

Nun ist es mir im Prinzip wirklich völlig wurstegal, wenn jemand glaubt, sein Weltbild auf der Basis von fundierten Informationen oder Stammtischparolen untermauern zu müssen, so lange er mich damit nicht belästigt oder einen Krieg anzettelt. Es ist an sich jedoch bedauerlich zu sehen, wie Eltern die Köpfe ihrer Kinder schon von Kleinauf mit Vorurteilen vergiften und sich dann möglicherweise darüber wundern, dass ihre eigene Integration nicht so recht klappen mag. Integration steht und fällt ganz zuletzt immer unten, nicht oben.

Eine gute Serviceerfahrung mit der Deutschen Bahn.

Meine Mutter ist heute von Hamburg nach Karlsruhe im Intercity Erster Klasse gefahren und hat dafür bezahlt – 30 Euro. Wie das funktioniert?

Zuerst einmal wurde sie von meiner Schwester mit irgendeinem obskuren Sparticket versorgt, das 26 Euro plus 4 Euro Reservierungsgebühr kostete. Diese Reservierungsgebühr war dann das Ticket für die Erste Klasse, denn auf dem eigentlich reservierten Sitz residierte schon ab dem Hamburger Bahnhof nach Aussage meiner Mutter ein Mitreisender, um die 40 Jahre alt, der es doch tatsächlich fertigbrachte, nicht aufstehen zu wollen. Und das obwohl meine Mutter eine gültige Reservierung hatte und zudem meine Mutter mit ihren 65 Jahren einen deutlich größeren Respekt verdient hätte. Der normale Mensch steht selbst dann auf, wenn ein 65 Jahre alter Mensch gern sitzen wollte und keine Reservierung vorzeigen kann.

Der Zugbegleiter kümmerte sich dann auch sogleich um die Geschichte und hatte anstatt einer möglicherweise lautstärkeren Diskussion mit dem renitenten Mitreisenden eine bessere Idee. Er raunte nämlich meiner Mutter zu, dass sie doch bitte einfach mitkommen solle, denn dann sitze sie jetzt eben bis nach Karlsruhe in der Ersten Klasse. Das Gesicht des Mitreisenden muss wohl danach ziemlich doof ausgesehen haben.

Der Zugbegleiter hatte dann auch noch etwas vor. Er hatte nämlich in der Ersten Klasse zwei Kinder sitzen, die ohne Begleitung bis nach Gießen fahren sollten. Er bat meine Mutter, ein Auge auf die Kids zu werfen, die dann in Gießen von Bahnangestellten abgeholt werden sollten. Ein Job, den meine Mutter herzlich gern übernahm.

So geht das mit dem Service und der angewandten Diplomatie. Eine ganze Handvoll Fliegen mit einer Klatsche geschlagen.