Der ICD und der Moment der Momente.

Als Träger eines ICD, eines Implantierbaren Kardioverter/Defibrillators, beschäftigt man sich zwangsläufig mit der Frage, was eigentlich passiert, wenn es wirklich einmal zu der Situation der Situationen kommt und der ICD zum Einsatz kommen muss.

Hinter dieser Frage verstecken sich eine Menge Sorgen und auch Ängste und auch ich will nicht verheimlichen, dass es mir in den ersten Wochen und Monaten durchaus schwergefallen ist, mich mit so einer Situation zu beschäftigen. Echte Herausforderungen, auch für eine gesunde Psyche. Wenn der ICD weitgehend prophylaktisch implantiert ist, funktioniert die Verdrängung dieser Fragen ziemlich zuverlässig, da der ICD statistisch gesehen selten zum Einsatz kommen muss. Aber der Mensch wird älter, auch das Herz und damit steigen auch die Chancen, dass es dann doch einmal zu solchen Rhythmusunregelmäßigkeiten kommt und der ICD ranmuss.

Sprechen wir darüber.

Die Überstimulation

Alle modernen ICD lassen sich so einstellen, dass bei Rhythmusstörungen bis zu gewissen Pulsraten (durch den Kardiotechniker weitgehend frei einstellbar) kein „großer“ Schock ausgelöst wird, sondern eine so genannte Überstimulation. Hier versucht der ICD, mit bestimmten Impulsen die ratlos vor sich hinflatternden Herzzellen wieder zu einem gemeinsamen Sinusrhythmus zu organisieren. Das funktioniert bei einfachen Rhythmusstörungen immerhin bei Dreiviertel aller Therapien zuverlässig und das erspart vielen Patienten den „großen“ Schock.

Spürbar ist eine Überstimulation entweder gar nicht oder nur ganz leicht. Ich vergleiche das in meinem Fall mit einer Faust (das Herz), gegen die man mit einem Finger ganz leicht drei Mal klopft. Kaum spürbar, überhaupt nicht mit Schmerzen verbunden und auch mit keinem schockartigen Zucken oder ähnliches. Überstimulation passiert rein im Herzen und ist daher für Patienten und Herz die deutlich stressärmere Therapie.

Die Überstimulation hilft sehr oft, aber nicht immer. Manchmal muss man buchstäblich mal auf den Tisch hauen.

Der Schock

Irgendwann passiert es bei vielen ICD-Trägern dann manchmal doch: Es kommt zu schwereren Rhythmusstörungen oder Kammerflimmern, das Herz gerät kräftig aus dem Rhythmus und fängt an zu flattern oder gar zu flimmern. Das ist die Situation der Situationen, für die der ICD gemacht wurde. So bald der ICD so einen Rhythmus mit Pulsraten detektiert, die den Kreislauf zusammenbrechen lassen können – und das tut er sehr zuverlässig – geht in Windeseile eine Kette von automatischen Analysen los:

Während der ICD den Herzrhythmus zählt und dieser die Schwelle überschreitet, die er als Schwelle für Rhythmusstörungen einprogrammiert bekommen hat, lädt er schon seine eingebauten Kondensatoren mit der Strommenge für den ersten Therapieversuch. In den vier bis sechs Sekunden, in denen der Patient entweder schon bewusstlos wird oder sehr stark spürt, dass ihm der Kreislauf wegsackt, analysiert der ICD bis zur vollständigen Aufladung seiner Kondensatoren weiter den Puls, um die Therapie bis kurz vor der Schockabgabe abbrechen zu können, falls das Herz wieder in den Sinusrhythmus zurückfindet. Ist auch bis zuletzt das Herz am flimmern, gibt der ICD letztlich einen „richtigen“ Schock ab.

Dieser Schock ist, um es gleich zu sagen, nicht angenehm, aber bei mir in dem einen und bisher einzigen Fall vor einigen Monaten, in dem es notwendig geworden ist, völlig schmerzlos gewesen.

Aber tatsächlich hat man in den fünf Sekunden keine Zeit, darüber groß nachzudenken. Ich habe in dem Moment kurz vor dem Schock und auch kurz vor Zusammenbrechen des Kreislaufes (ein in der Tat superbeschissenes Gefühl) nur blitzschnell realisiert, dass es jetzt soweit ist – jetzt ist die Stunde des ICD gekommen. Ich weiß, dass er funktioniert. Und ich weiß auch, dass ohne ICD in wenigen Sekunden wahrscheinlich mein Kreislauf vollens zusammenbrechen würde und es dann um das Eingemachte gehen würde. Würden sich innerhalb von wenigen Minuten Helfer finden, die eine Herzmassage beginnen und einen externen Defibrillator organisieren? Man kann erstaunlich viele Dinge in fünf Sekunden denken, während man auf „die Technik“ wartet.

Als ein Tritt von einem Pferd wird es oft beschrieben. Gut, ich habe mich noch nie von einem Pferd treten lassen, aber ich würde es ein paar Nummern kleiner einordnen. Ein ordentlicher Schlag mit der Faust auf die Brust kommt schon eher heran, aber, wie gesagt, schmerzlos und mit keinem „Stromschlag“-Gefühl. Man zuckt, wenn man noch stehen kann, es haut einen in meiner Gewichtsklasse nicht unbedingt um, wenn der Kreislauf noch funktioniert und man sieht ganz kurz Sternchen, ohne dass die Sinne wirklich komplett ausfallen. Dass einem diese Situation, der Ort und der Zeitpunkt bis auf ewig im Gedächtnis bleiben werden, ist unausweichlich. Aber es muss beileibe keine völlig grässliche Erinnerung werden, sondern eher eine sehr wertvolle.

Und, ebenfalls ein schwer fassbares Phänomen: Danach ist es erstaunlich gut. Wenn das Herz in den Sinusrhythmus zurückfindet, schlägt es zwar noch recht flott, aber beruhigt sich innerhalb weniger Minuten wieder. Man steht etwas wackelig in der Landschaft herum (und sollte sicher kein Auto fahren), aber das ist eher dem geistigen Schock geschuldet, nicht dem erlebten Schock in der Brust. Der Kreislauf stabilisiert sich innerhalb von Sekunden wieder.

Dass man danach erst einmal nichts mehr braucht und eigentlich nur schnell nach Hause möchte, ist eine normale Reaktion. Aber bleibt diese ICD-Therapie ein einzelnes Ereignis, dann hat er seine Arbeit erfolgreich getan. Ein obligatorischer Anruf im Kreislauflabor und eine normale Untersuchung mit Auslesen der Gerätedaten ist dann ein sehr wertvoller Datenschatz für den Kardiologen. Wann hat man schon mal Daten von einem flimmernden Herzen auf dem Schirm und kann genau mit diesen Daten das Gerät noch feiner programmieren?

Was lernt man nach so einer Episode? Noch etwas mehr Demut. Ich kann meinen ICD, den ich jetzt schon seit sechs Jahren an Bord habe und der mir noch nie Probleme bereitet hat, jetzt noch ein Stück mehr gut leiden. Und ich habe – ich schreibe diesen Satz mit gebotenem Respekt – nun live miterlebt, wie mir mein ICD mit großer Wahrscheinlichkeit mein Leben gerettet hat. Das hätte ich auch akzeptiert, wenn es wehgetan hätte.

Vier Monate ICD.

Ich habe eigentlich nicht vor, mein zukünftiges Leben nach der Implantation meines ICD, meines implantierten Kardioverter/Defibrillator auszurichten und ich habe auch nicht vor, am 1. Mai nächsten Jahres einen weiteren Geburtstag zu feiern, aber ich denke, nach vier Monaten kann man ruhig einmal einen Zwischenbericht schreiben.

ICD und wie er eigentlich nichts macht

Die Prognose der Charité-Ärzte, die mich im Mai behandelt haben, stimmt soweit: Bisher ist nichts passiert, der ICD musste bis jetzt nicht therapieren. Sprich: Mein Herz funktioniert soweit zuverlässig. Das hat zwei größere Gründe: Betablocker und Bewegung.

Die Betablocker sorgen, grob gesagt, dafür, den Puls meines Herzens herunterzuregeln. Hatte ich vor der Medikamentation noch einen Ruhepuls von 60 bis 65 (was ein gepflegter Puls eines Erwachsenen ist, der sich regelmäßig bewegt), so ist jetzt mein Ruhepuls bei sehr sportlichen 42 bis 45. Noch viel tiefer sollte der Puls auch nicht rutschen, denn dann wird der ICD wiederum nervös, weil der ja gleichzeitig auch bradykarde Rhythmusstörungen behandelt, also wenn das Herz dauerhaft zu langsam schlägt. Da ist die eingestellte Schwelle bei 40 Schlägen pro Minute. Aber auch hier gilt: Bisher keine Therapien notwendig gewesen.

Der kopfmäßige Prozess, sich mit dem ICD als eingepflanztes Gerät zu beschäftigen, scheint ebenfalls weitgehend abgeschlossen zu sein. Sprich: Ich denke eigentlich kaum noch daran, einen ICD implantiert zu haben und spüre das Gerät auch nicht, außer wenn ich mal einen Stoß auf die linke Brustseite bekomme. Ich hoffe ja, dass der ICD, wenn er dann irgendwann explantiert werden muss, nicht völlig verbeult ist. 😉

Das Wohlbefinden im allgemeinen

Da gibt es inzwischen auch nicht mehr viel zu meckern. Nach der Implantation fiel ich konditionstechnisch erst einmal in ein hübsches Loch, was zum einen an den Betablockern lag, aber auch am so genannten myokarden Trauma. Das ist die Reaktion des Herzmuskels auf den ganzen Spaß, der da auf das arme Stück Fleisch niederging, inklusive Katheteruntersuchungen, Gewebeentnahme, Ablationsversuch und Implantation zweier Elektroden. Es ist ja nicht so, dass sich das Herz nach so Eingriffen einmal in Ruhe aufs Ohr legen kann – es soll ja bitteschön weiterpumpen.

Dass meine Kondition mal so richtig weg war, merkte ich schon bei sehr einfachen Dingen, nämlich beim Treppensteigen. Der zweite Stock war schon eine Hürde, bei der ich aus der Puste kam und ab dem vierten Stock war eine Verschnaufpause fällig. So eine deutlich erkennbare Herzinsuffizienz macht einem ordentlich zu schaffen und das nicht nur in Sachen Kondition, sondern auch mental. Der Kardiologe bestätigte dann auch, dass mein Herz durchaus auf die Behandlungen auf seine Weise reagierte. Unschön, wenn man solche Botschaften zu vernehmen hat. Immerhin ist es aber so, dass in meinem Fall mit einer Regeneration zu rechnen war, die dann auch nach und nach zustande kam. Ergotraining und Spaziergänge sorgten spürbar dafür, dass die Pumpe wieder Arbeit zu verrichten hatte und Bewegung ist nun einmal eine sehr wichtige Therapie.

Aktuell ist es so, dass ich mich nun nach vier Monaten wieder richtig gut fühle. Mein ehemals durchaus gefühltes Herzstolpern ist für mich nicht mehr zu spüren und die Kondition ist auch wieder fast so da, wie vor den Behandlungen. Das, was mir jetzt noch an Kondition fehlt (gefühlte 10 %), geht auf das Konto meines heruntergeregelten Pulses und der Notwendigkeit, dass man nicht ganz so schnell auf starke Bewegungen reagieren kann und dem Kreislauf ein paar Sekunden mehr Zeit geben sollte, wenn Action angesagt ist. Das ist jedoch kein echtes Hindernis, es gibt schlimmeres.

Nachsorge

In Sachen Nachsorge geht es schon relativ schnell relativ großzügig. Die ICD-Kontrollen sind halbjährlich, eine Herzkontrolle findet alle vier Monate statt. Und auch die Pause vom Autofahren dauerte nicht ganz so lange, so dass ich nach zweieinhalb Monaten wieder ans Steuer durfte. Ein übrigens sehr krasses Gefühl, wenn man nach Wochen wieder am Steuer eines Autos sitzen darf und der Begriff „Mobilität“ sehr greifbar wird.

Weiter geht es nun wie bisher. So lange das Gerät funktioniert und so lange es so bleibt, wie jetzt, ist erst in rund zehn Jahren damit zu rechnen, dass die Batterie des ICD so weit herunter ist, dass man sich über einen Austausch des Gerätes Gedanken machen muss.

Explantation?

Eine sehr häufig gestellte Frage ist die, ob der ICD eigentlich irgendwann wieder „raus darf“. Darauf gibt es eine ganz einfache Antwort: Im Prinzip ja, aber will man das?

Aus technischer Sicht ist alles, was aktuell verbaut ist, also ICD und die beiden Elektroden, wieder explantierbar. Und das im Normalfall auch über den Weg, wie alles hineingekommen ist, also ohne Brustkorb öffnen. Die Verankerungen für die Elektroden sind von den Enden, die am ICD angeschlossen sind, wieder lösbar und dann werden sie im Prinzip einfach herausgezogen und der ICD danach entfernt.

Aus medizinischer Sicht löst aber das Entfernen des ICD die Grundproblematik nicht. Das, was mir im Mai passiert ist, kann eine einmalige Episode bleiben, kann aber auch nochmal in meinem Leben passieren. Jedes Herz wird älter und statistisch gesehen häufen sich im Laufe des Lebens die Probleme, die man mit seinen Organen bekommen kann. Der ICD ist hier zumindest eine Art Lebensversicherung für den Fall, wenn es wieder zu Tachykardien oder gar zum Kammerflimmern kommen sollte. Die Chance also, dass ich an einem Plötzlichen Herztod versterbe, ist durch den ICD sehr deutlich verringert. Ob Tachykardien und/oder Kammerflimmern je auftreten werden, das kann so einfach niemand beantworten, das ist tatsächlich ein Stück weit Mutter Naturs Thema.

Tatsächlich ist die Implantation eines ICD eine eher langfristige Sache, durchaus bis zum Ende eines Lebens. An diese Gedankenwelt muss man sich als junger Mensch tatsächlich einen Moment lang gewöhnen.

Dass sich das Tragen eines ICD schlimmer anhört, als es tatsächlich ist, kann ich jedoch bestätigen. Die heutigen Geräte sind wartungsarm, funktionieren, sind stromsparend und nach wenigen Monaten spürt man schlicht nichts mehr von ihnen, wenn sie nicht gerade akut therapieren müssen. Müsste ich also heute die gleiche Frage im gleichen Kontext beantworten, wie im Mai, ich würde mich nochmal für eine ICD-Implantation entscheiden. Sicher ist sicher.

Die Notwendigkeit externer Defibrillatoren.

Meine Schwester meinte vor einigen Wochen, dass sie inzwischen externe Defibrillatoren, wie sie an öffentlichen Orten hängen, inzwischen ganz anders sieht, als vorher. Ich muss zugeben, ich tue das auch. Und andere auch, mit denen ich über mein „kleines Maleur“ spreche und die dann gern darauf verweisen, dass es ja eben so externe Defibrillatoren für so Leute wie mich gibt. Ich antworte dann gern so zurück: „Nene, die Defibrillatoren, die da draußen hängen, die sind nicht für mich, die sind für euch!“

Im Fall der Fälle brauche ich keinen externen Defibrillator, denn den habe ich als ICD-Träger ja jetzt praktischerweise immer dabei. Das macht aber externe Defibrillatoren an öffentlichen Orten nicht weniger sinnvoll, denn ein Kammerflimmern kann bis dato kerngesunde Menschen treffen und Kammerflimmern ist immer ein zu behandelnder Notfall. Das Herz schlägt zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr und „wabert“ herum, der Blutdruck fällt schlagartig ab und der Mensch fällt in Bewusstlosigkeit. Wenn hier nicht innerhalb von 5 bis 10 Minuten geholfen wird und der Mensch stirbt, dann ist dies genau das, was man landläufig unter „Plötzlichem Herztod“ versteht. Und das passiert nicht nur gebrechlichen und herzkranken Menschen, sondern eben Menschen in allen Lebenslagen und Altersgruppen.

Externe Defibrillatoren sind genau für diese Notfälle gedacht. Die Geräte, die für die Nutzung von Laien konzipiert sind, sind dabei sehr einfach zu bedienen, haben eine verständliche Anleitung dabei und man kann mit ihnen nicht sonderlich viel falsch machen: Nach dem Aufkleben der Elektroden messen sie den Herzschlag und geben die Schockfreigabe auch nur dann frei, wenn es tatsächlich indiziert ist. Und dem Patienten kann man da auch nicht sehr verletzen, denn Kammerflimmern geht sowieso in den meisten Fällen mit einer tiefen Bewusstlosigkeit einher, so dass der Patient nichts vom Schock spürt, außer dass er nach der Schockabgabe, dem wieder einsetzenden Puls und der wieder erwachenden Blutversorgung meist spontan wieder aufwacht und sich fragt, was eigentlich los ist.

Ohne externen Defibrillator gibt es nur zwei Möglichkeiten: Eine sofortige und engagierte Herzdruckmassage, die allerdings meist das Herz nicht wieder in den Takt bringt und ein möglichst zügiger Notruf mit der Hoffnung, dass der Notarzt auch innerhalb der 5 bis 10 lebensrettenden Minuten vor Ort ist. Jeder, der weiß, was zehn Minuten in Notsituationen bedeuten können, weiß, was für eine heiße Nummer das ist.

Externer Defibrillator als echte, angewandte Nächstenliebe?

Die Überschrift hört sich kitschig an und das ist auch so gewollt – aber der Sinn ist genau der. Mit kaum einem anderen Instrument kann mal als Unternehmen, Vermieter oder Veranstalter sehr deutlich darstellen, dass einem da eine Sache buchstäblich sehr am Herzen liegt. Der obligatorische Verbandskasten macht da deutlich weniger Eindruck als ein Defibrillator, der da meist auch hinblinkend für sich selbst und für den Gedanken der Verantwortlichen Werbung macht. Die investierten 800 bis 1.500 Euro sind nichts, wenn man das im Verhältnis zur Außenwirkung oder gar einem vielleicht durch den Defibrillator geretteten Leben stellt.

Und selbst der § 5 Absatz 1 der Medizinprodukte-Betreiberverordnung, der vorsieht, dass der Betreiber „die beauftragte Person anhand der Gebrauchsanweisung sowie beigefügter sicherheitsbezogener Informationen und Instandhaltungshinweise in die sachgerechte Handhabung, Anwendung und den Betrieb des Medizinproduktes sowie in die zulässige Verbindung mit anderen Medizinprodukten, Gegenständen und Zubehör eingewiesen hat“, ist kein Hexenwerk. Dass für den Einsatz eines Defibrillators eigentlich kein Fachpersonal notwendig ist, passt in diese Verordnung (noch) nicht hinein.

Ein Defibrillator in jedem Haushalt? Das muss man für sich entscheiden und abwägen. Ein Defibrillator gehört zu einem Gerät, das, wenn man es mal mit der schnöden Mammon-Sprache sagen will, keine „regelmäßige Rendite abwirft“. Man sollte es also als eine Art „Versicherung“ verstehen, die man sich da ins Haus holt. Für einen Haushalt mag das zu teuer sein, aber schon ein Vermieter oder eine Eigentümergesellschaft eines Wohnhauses kann hier tätig werden und bricht sich keinen ab.

Findet es einfach gut, wenn ihr so einen Defibrillator irgendwo hängen seht und sagt das auch ruhig so den Verantwortlichen. Denn es hat einer mitgedacht.

„Willst du mal mein Gerät anfassen?“

Ich gehöre ja zu den Anhängern des Schwarzen Humors und je trockener der Witz, desto besser. So gehört zu meinen absoluten Lieblingssprüchen gegenüber Freunden und Freundinnen die spontan eingeworfene Frage, ob sie mal mein Gerät anfassen wollen. Gemeint ist damit natürlich ausschließlich mein implantierter ICD

Tatsächlich ist der ICD zwar von außen kaum sicht-, aber dafür fühlbar, wenn man oberhalb meiner (von mir aus gesehenen) linken Brust etwas herumtastet. Das, was sich dahinter verbirgt, ist nämlich kein Knochen, sondern der ICD, der sich in einer Hauttasche hinter dem Brustmuskel befindet. Er hängt also auch nicht einfach nur hinter der Haut, sondern ist gut geschützt eingebettet, so dass ich inzwischen mit meinem linken Arm weitgehend alles machen kann und nur Dinge dauerhaft unterlassen soll, die den Arm übermäßig beanspruchen wie z.B. Tennis. Ein verschmerzbares Verbot. 🙂

Mit dem Thema, dass ich nun ein bionisches Upgrade erfahren habe, gehe ich im übrigen immer noch so vor, wie in meinem obigen Blog-Artikel. Ich sage, dass ich im Krankenhaus war und ich beantworte die Frage, was ich dort getan habe, auch mit der Offenheit, dass mir dort aus Gründen der Sicherheit ein ICD implantiert wurde, der genau genommen eigentlich die meiste Zeit gar nichts macht, außer auf den Puls aufpassen. Ich sage das mit einer gewissen Lockerheit, jedoch durchaus nicht ohne den gebotenen Respekt davor, dass ich immer noch nicht weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Teil mal im Ernstfall mein Herz wieder in den richtigen Rhythmus bringen soll. Die Erfahrungsberichte dazu sind weit gefasst, zudem haben moderne ICD eine ganze Reihe von Therapieansätzen, um Rhythmusstörungen zu bewerten und die entsprechende Therapie auszulösen. Die Chance also, dass ich sofort mit einem 30-Joule-Schock „versorgt“ werde (was die Maximaldosis wäre), ist absehbar geringer, als man sich in dunkleren Momenten ausmalt, zumal die Behandlung mit medikamentöser Antiarrhythmika flankiert wird, die ihren im wahrsten Sinne des Wortes beruhigenden Teil tut.

Meine bisherigen Erfahrungen sind die, dass die meisten Zuhörer zuerst einmal sehr erschrocken darüber sind, was mir widerfahren ist – und, sehr interessant, sich dann alle unbewusst und ausnahmslos an die eigene Brust fassen. Sich mit dem Herzen zu beschäftigen, ist – ebenfalls zu Recht – kein angenehmes Thema und ich versuche dann auch, zu erklären, was es mit dem ICD eigentlich auf sich hat und wo meine Rhythmusstörungen auch zu verorten sind. Man muss ja nicht unbedingt alle Menschen mit Fakten schockieren, die nur bei einigen Menschen auftreten.

Meine behandelnden Ärzte hatten auch mit einem weiteren Phänomen Recht: Es reden unglaublich viele Menschen über ICD, Kardioversion und Elektroschocks, die sowas noch nie selbst mitgemacht haben, es nur sehr falsch dargestellt aus dem Fernsehen kennen, selbst keinen ICD tragen und vermutlich auch noch nie beim Kardiologen waren. Das ist tatsächlich eine Sache, die mich richtiggehend stört, denn was da in Erzählungen übrigbleibt, ist immer nur das Schlimme und völlig Übertriebene. Ich brauche tatsächlich keine Märchenerzählungen über Menschen, die einen gefühlten halben Meter aus dem Bett springen bei einem Elektroschock – weil es nicht stimmt und auch nichts zur Sache bei mir tut, weil ich im Ernstfall keinen Schock von außen brauche, sondern den „Luxus genieße“, den vielleicht notwendigen Defibrillator schon direkt am Einsatzort zu haben und mit viel weniger Energie therapiert werde und das auch noch automatisch.

Natürlich würde ich, wenn ich die freie Wahl hätte, auch gern auf den ICD in mir verzichten. Allerdings ist auch Mitleid fehl am Platze, denn ein ICD und selbst der größte Schock ist im absoluten Ernstfall immer noch besser, als ein möglicher Exitus wegen unbehandelten Kammerflimmerns. Dazu besteht zwar bei mir auch bei der ursprünglichen Indikation kein besonders schweres Risiko, aber so wie es jetzt ist, lebt es sich unbeschwerter. Sicherer. Und kaum schlechter. Das kann man mir glauben. Und deshalb darf man auch gern mal mein Gerät anfassen.

Berlin-Motto 2012 – „Benjamin Franklin“.

Jeder meiner bisherigen Berlin-Besuche steht unter einem Motto, das sich normalerweise im Laufe des Aufenthaltes findet. Man besucht irgendetwas, sieht irgendjemanden, macht eine Erfahrung und so weiter und so fort. So auch dieses Jahr, als ich am 30. April eigentlich zur re:publica 2012 anreisen wollte. Alles war gebucht, ich fand mit einem unfreiwilligen Zwischenstopp nach dem zweiten Anlauf sogar den richtigen ICE in die richtige Richtung und kam gegen 22 Uhr auch in Berlin an, wo mich mein alter Freund Timo abholte. Ein kurzer Besuch bei einem Schnellimbiss sollte eigentlich danach bei ihm zu Hause in der WG mit einem kühlen Bier zu einem versöhnlichen Abschluss des Tages führen. Allerdings ging es dann erst so richtig los.

Denn kurz vor Mitternacht merkte ich, wie mein Blutdruck einen gewaltigen Sturzflug machte. Ein kurzes Überprüfen mit einem Blutdruckgerät ergab irgendeinen recht niedrigen Wert, vor allem aber einen nicht mehr so richtig messbaren Puls. Das kam mir dann nach etwa 10 Minuten so merkwürdig vor, dass ich mich selbst in das nahegelegende Krankenhaus Waldfriede einlieferte. Und das war auch nicht sonderlich falsch, denn der Rettungsassistent diagnostizierte nach dem ersten EKG einen Puls von über 200 und die diensthabende Ärztin verfrachtete mich in der Notaufnahme auf eine Liege. Dort empfing ich in einer Stunde über zwei eiligst gelegte Zugänge erst einmal drei Spritzen Betablocker, die jedoch allesamt nicht halfen. Mein Herz flatterte munter vor sich hin und wollte sich nicht beruhigen lassen.

Das wurde dann der Ärztin zu bunt und sie empfahl mir, dass sie jetzt einen Notarzt ruft, der mich dann – und hier kommen wir zum Motto – in das Benjamin-Franklin-Klinikum der Charité in Steglitz transportieren würde, wo eine gut ausgestattete Kardiologie weitere Schritte unternehmen könne. Gesagt, getan, nach wenigen Minuten lag ich in einem Rettungswagen und wir fuhren mit Blaulicht und Tatütata nach Steglitz. Bzw. rumpelten dahin, die Erfahrung einer Rettungswagenfahrt muss man nicht machen. Geschüttel, Druck in der Brust, Martinshorn, besorgte Gesichter, Gepiepse und ein leichter Anflug von Panik sind eine ziemlich unangenehme Mischung.

Im Benjamin-Franklin-Klinikum landete ich in der Intensivstation der Kardiologie. Auch hier wurde nochmals Betablocker verabreicht und allerlei Flüssigkeiten, die jedoch ebenfalls alle nicht halfen. In der Zwischenzeit zeigte die Uhr 3 Uhr und der Notarzt kündigte mir in bemerkenswert ruhigen Worten an, dass er jetzt folgendes machen wolle: Eine Kurznarkose von ein paar Minuten und einen kleinen Elektroschock, um meine Pumpe mit einem externen Impuls wieder auf Takt zu bringen. Da mir die fast vier Stunden Flattern schon sichtlich zusetzten und ein Herzflattern gar nicht ganz so ungefährlich ist, weil es auch ganz zügig in gefährliches Kammerflimmern überwechseln kann, stimmte ich dem zu. Fünf Minuten später wachte ich auf und sowohl Puls, als auch Blutdruck waren wieder da, wo sie normalerweise sind. Ich sah als erstes den Notarzt, der auf den Überwachungsmonitor schaute und meinte: „Als ob nichts gewesen wäre.“

Doch, da war was. Und die nächsten 14 Tage bis einschließlich gestern verbrachte ich in Berlin im Benjamin-Franklin-Klinikum, abwechselnd in der Intensiv- und der Normalstation der Kardiologie. Drei Herzkatheter, unendlich viele Blutproben und EKG später bin ich nun seit letzten Donnerstag Besitzer eines so genannten Implantierbaren Kardioverter/Defibrillators (ICD), der nun in meiner Brust ständig und rund um die Uhr darauf aufpasst, ob mein Herz „richtig“ schlägt“ und im Falle des Falles mit entsprechenden Impulsen darauf zu reagieren und wieder den Normalstand einzustellen. Dieser kleine ICD sieht im Röntgenbild, das mir die Charité auf meine Nachfrage hin freundlich zur Verfügung stellte, so aus (Ansicht von vorn):

Wichtig sind die zwei abgehenden Elektroden, die führen nämlich per Vene zu meinem Herzen. Das andere Drahtgedöhns gehört primär nicht dazu, die gehören zu den vorübergehend während der OP aufgeklebten EKG-Pads auf meiner Brust. Die jetzt auf Schulterhöhe eine ca. 5 Zentimeter große, tatsächlich schöne Narbe hat (meine erste Narbe!) und dank diverser Unverträglichkeiten gegenüber EKG-Pads und Pflaster aussieht wie mitten in der Pubertät. Dafür war die ICD-Implantierung eine derart lässige Operation unter lokaler Anästhesie, dass ich sie fast schon in gechillter Atmosphäre in Erinnerung habe, inklusive nettem Plausch mit der Chirurgin.

Der ICD macht tatsächlich die meiste Zeit – nichts. Ich spüre ihn nicht und das aktuell noch vorhandene, leichte Druckgefühl kommt wohl davon, dass der kleine Kollege hinter dem Brustmuskel platziert ist. Wie es sich anfühlen wird, wenn es tatsächlich einmal zum Fall der Fälle kommt und der ICD stimulierend auf mein Herz einwirken muss, wird sich zeigen, wobei dieses hübsche Gerät eine ganze Reihe von Programmen intus hat und sehr individuell therapieren kann. Die Sorge darüber, wie sich das anfühlt, ersetzt jedoch die Sorge, dass ich so eine Show wie vor zwei Wochen nicht mehr wirklich haben möchte. Und schon gar nicht dann, wenn ich nicht zufällig in der Nähe von einer der besten Kliniken zu diesem Thema verweile.

Was war nun los?

Das ist eine spannende Frage, die sich die Charité noch stellt, denn eigentlich ist mein Herz soweit recht gesund. Es pumpt ordentlich, hat eine weitgehend normale Größe und ist in einem alterstypischen Zustand. Was genau die Rhythmusstörungen auslöst, wird nun in den nächsten Wochen anhand der Gewebeproben, die völlig schmerzlos per Katheter gezogen wurden, untersucht.

Zumindest ist es nichts akutes, so dass ich gestern, vier Tage nach Einsetzen des ICD, schon wieder entlassen wurde und inzwischen auch wieder in Pforzheim am Tisch sitze und blogge. Der Rest wird sich zeigen.

Privatsphäre? Warum so offen?

Das ist übrigens eine Frage, die mir ein Arzt stellte, als ich ihn um Röntgenbilder bat. Die habe ich ihm folgendermaßen beantwortet:

So ein Gerät kann ich zwar verheimlichen, seine Wirkung jedoch im Ernstfall nicht verstecken. Dazu kommt, dass ich meinem Freundeskreis an dieser Stelle nichts zu verheimlichen habe, so wie es beispielsweise viele Diabetiker ebenfalls tun. Meine Krankenversicherung weiß dank der gewaltigen Rechnung, die da kommen wird, ebenfalls Bescheid und allen anderen Versicherungen muss ich vor einem eventuellen Abschluss eines relevanten Vertrages sowieso Auskunft geben. So what?

Viele Menschen haben Herzstolpern und in den allermeisten Fällen ist dieses Stolpern auch ungefährlich und bleibt folgenlos. Es ist jedoch immer sehr sinnvoll, alle atypischen Herzrhythmusstörungen untersuchen zu lassen. Das ist oftmals komplett schmerzlos und selbst eine Herzkatheteruntersuchung ist kein großer Eingriff.

Aber: Geht zum Arzt, wenn euch irgendetwas an eurem Herz (oder natürlich auch sonstwo in eurem Körper) nicht gefällt. Ein EKG ist sehr schnell gemacht, aus Symptomen können Ärzte eingrenzen, ob man weiter untersuchen sollte und das Risiko, dass etwas passiert, ist schon deutlich kleiner. Und wenn euch danach ein Stein vom Herzen fällt, wisst ihr auch, warum die Redewendung genau so lautet.