Bundesjugendspiele – entscheidend ist, was man daraus macht.

Auch ich musste, so wie jeder Schüler in Deutschland, regelmäßig an Bundesjugendspielen teilnehmen. Ich bin ja nun die personifizierte Unsportlichkeit, Sportunterricht war für mich ein reines Unterhaltungsfach ohne jegliche Relevanz und damit auch die Bundesjugendspiele. Nicht eine Sieger- oder Ehrenurkunde habe ich jemals nach Hause getragen und gestört hat mich das eigentlich nur in der 1. Klasse, weil ich da neben zwei Mitschülern, die krankheitsbedingt nicht dabeisein konnten, der einzige war, der keine Urkunde bekam.

Es ging mir, so wie ich das einfach mal zusammenfassen möchte, schlicht am Allerwertesten vorbei. Eine langweilige, vorgedruckte Urkunde, auf der nichtssagende Punkte ein sehr gewagtes Bild von Sportlichkeit transportieren sollten. Freilich haben die Bundesjugendspiele hinter den Kulissen den Sinn, besonders sportliche Kinder statistisch im Schüler-Pool zu finden, anzusprechen und vielleicht in eine sinnvolle Sportförderung zu überführen. Kann einem vielleicht sogar Spaß machen.

Ich habe für meinen Teil schon in der Grundschule gemerkt, dass Sport nicht mein Ding ist und dass in den Bundesjugendspielen für mich nichts zu holen gibt. Besonders tief angekratzt hat das mein Selbstbewusstsein nicht. Klar, man konnte vor dem Tag tatsächlich etwas Bammel haben, weil es genügend Chancen für peinliche Szenen gibt, aber ganz ehrlich: Peinliche Szenen gibt es in der Schulzeit genügend und jeder Schüler hat es in der Hand, damit klarzukommen, natürlich immer im Zusammenspiel mit der Erziehung zu Hause, der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, dem Umgang mit Erfolg und Niederlage und blablabla.

Aber Bundesjugendspiele verbieten? Warum denn? Einer meiner schönsten Erlebnisse im Zusammenhang mit Sport hatte ich ausgerechnet mit Bundesjugendspielen.

Denn tatsächlich konnte ich einmal krankheitsbedingt nicht teilnehmen, worüber ich mich naheliegenderweise auch nicht sonderlich beklagte. Jetzt hätte ich zu Hause bleiben oder in der Schule stinklangweiligen Ersatzunterricht genießen können. Auf beides hatte ich keine Lust, so bin ich also mitgegangen auf die Bundesjugendspiele und habe mich bei den einzelnen Sportstätten freiwillig als Zeugwart meiner Kameraden dinglich gemacht, weil nun eben alle meine Kameraden ihren Krempel irgendwohin legen mussten. Irgendwann habe ich dann angefangen, meine Kameraden anzufeuern und am Ende des Tages war es dann doch irgendwie ein ganz lustiger Tag.

Eine Woche später bei der Urkundenausgabe, ich hatte ja logischerweise nichts zu erwarten, bekam ich dann aber doch etwas, nämlich eine Urkunde meines Sportlehrers für den „sozialen Einsatz“, verbunden mit – halten wir es bitte deutlich fest, weil es das noch nie gab in Besims Sportunterrichtkarriere: In Abstimmung mit der Schulleitung eine Sondernote 1 und den Hinweis meines Sportlehrers an die Klasse, dass nicht wenige Punkte erst dadurch zustandegekommen sind, weil sich der kleine, dicke Besim am Spielfeldrand bei wirklich jedem Lauf, Sprung oder Wurf der Klassenkameraden die Lungen aus dem Leib geschrien hat.

Schule ist, sagen wir es deutlich, Strebertum, Anpassung und Vergleich vom ersten bis zum letzten Tag. Das hat nichtindividuelle Beschulung in einem großen System so an sich, sonst hätten wir auch keine Noten. Darüber kann man jetzt streiten, bis das Jahr rum ist. Es gilt aber auch: Schule ist immer das, was man als Schüler daraus macht. Wenn man merkt, dass einem ein Fach überhaupt nicht geradekommen kann, schaut man zu, dass man es irgendwie gerade mal gehüpft bekommt wie ein Sprintspezialist bei der Bergetappe. Dann gibt es in Sport eben keine Eins im Zeugnis, sondern eine Dauer-Vier. Und wenn die Bundesjugendspiele tatsächlich dazu dienen sollen, besondere Begabungen bei Einzelnen zu fördern, dann soll es meinetwegen so sein. Zwischen dem Peinlichkeitsempfinden von Schülern und von Erwachsenen gibt es bei der Betrachtung solcher Veranstaltungen so dermaßen viele Unterschiede, dass man sich mal eher darüber unterhalten sollte, was für erbärmlicher Fraß an vielen Schulen mittags auf den Tisch kommt und wie erschreckend wenig Geld uns das wert ist.

„It’s complicated“ 2.0.

Ein Lehrstück darüber, wie aktive Sportler, die inmitten ihrer Sportlerkarriere stehen, sich unmittelbar auf Olympische Spiele vorbereiten und logischerweise kaum Ressourcen und Nerven dafür verschwenden wollen, ihr Privatleben in der Öffentlichkeit auszubreiten, zeigen gerade die US-Skiläuferin Julia Mancuso und der norwegische Skiläufer Aksel Lund Svindal, mit dem sie bis vor 16 Stunden noch offiziell liiert war. Denn das ist offensichtlich vorbei. Und es täte mich auch nicht wirklich interessieren, wenn diese Trennung nicht nahezu perfekt in Facebook inszeniert würde, hier auf der Facebook-Seite von Julia Mancusco gegenüber aktuell 174.000 Fans:

Und weil eine Partnerschaft aus zwei Personen besteht, gibt es auch ein Statement von der anderen Seite, das mindestens genauso professionell und freundlich daherkommt und zufälligerweise auch fast zur gleichen Zeit auf der Facebook-Seite von Aksel Lund Svindal, der immerhin 105.000 Fans hat, veröffentlicht wurde:

Aktive Sportler leben in einer sehr speziellen Welt. Um erfolgreich zu sein, müssen sie gute sportliche Leistungen bringen. Mit guten sportlichen Leistungen und einer genau bemessenen Portion an Nachrichten aus dem privaten Leben begeistert man Fans und Sponsoren und im Idealfall lassen sich durch eine gute Stimmung und durch gute Ergebnisse die Fans dazu bringen, sich für die Produkte und Dienstleistungen der Sponsoren zu interessieren. Diesen Reaktor zum Laufen zu bekommen, dann auch in Betrieb zu halten und vor allem niemals richtig kritisch werden zu lassen, beschäftigt global eine ganze Horde von gut verdienenden PR-Agenturen, die beratend dafür sorgen, dass das richtige Gewicht zwischen Sport, Business und Privatleben seine Wirkung zeigt.

Vor 30 Jahren: Der „Marathon of Hope“ von Terry Fox.

Terry Fox beim "Marathon of Hope" (aus en.wikipedia.org)

Genau heute vor 30 Jahren begann der Kanadier Terry Fox seinen „Marathon of Hope“, bei dem er quer durch Kanada von Osten nach Westen laufen wollte. Am 12. April startete er in St. John’s in Neufundland und hat sich vorgenommen, jeden Tag 42 Kilometer zu laufen, also genau die Strecke eines Marathons.

Das Bild rechts zeigt schon auf den ersten Blick, was die Besonderheit dieses Terry Fox war. Aber nur auf den ersten Blick, denn sein rechtes Bein verlor er im Jahr 1977, als bei ihm im rechten Knie Knochenkrebs diagnostiziert wurde und ihm das Bein 15 Zentimeter über dem betroffenen Knie amputiert werden musste. In dieser Zeit entschied er im Krankenhaus für sich, dass er ein Zeichen setzen muss und Gelder für die Krebsforschung sammeln möchte – eben durch einen Marathonlauf durch Kanada.

Terry Fox trainierte 18 Monate lang und lief in dieser Zeit über 5.000 Kilometer, bevor er dann am 12. April 1980 startete. Begleitet wurde er von seinem Bruder und einem guten Freund, die mit einem Begleitfahrzeug hinter ihm her fuhren, während Fox vornehmlich auf den Seitenstreifen von Highways lief. Und lief.

Während anfänglich die mediale Berichterstattung eher mager war, änderte sich das im Laufe seines Laufes komplett. In allen Orten, die Terry Fox durchlief, erwarteten ihn Menschenmassen und feuerten ihn frenetisch an. Während dem Sommer 1980 lief sich Terry Fox in die Herzen der Kanadier und wurde zu einem „Compagnion“ der Gesellschaft, ein wahrer Held der Gesellschaft.

Sein Marathonziel schaffte Terry Fox nicht mehr, er musste am 1. September 1980 nach rund 5.300 Kilometern kurz vor dem Ort Thunder Bay aufgeben. Eine Untersuchung ergab, dass der Krebs wieder zurückgekehrt war und unheilbar seine Lungen angegriffen hat. Am 28. Juni 1981 starb er mit nur 22 Jahren. Dass sein Engagement und sein Schicksal eine ganze Nation erschüttert und berührt hat, zeigen zwei sehr emotionale Filme:

Die Bedeutung von Terry Fox in der kanadischen Gesellschaft kann man noch an einem anderen Umstand messen: Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele von Vancouver bildete sich in Facebook eine Gruppe, die das Organisationskomitee bat, dass Betty Fox, die Mutter von Terry Fox, eine der Personen sein solle, die in der Eröffnungsfeier die olympische Flagge in das Stadion tragen. Über 100.000 Teilnehmer überzeugten das Komitee offensichtlich so eindrücklich, so dass Betty Fox diese Ehre auch zuteil kam.

Paralympics.

Ich kann nicht Ski fahren. Nie gelernt, aber auch nie wirklich gebraucht, weder beruflich, noch als Freizeitbeschäftigung. Geschweige denn, als Berufssport. Als “Couchpotato”, die Wintersport vor allem aus dem Wohnzimmer heraus anschaut, macht man sich kaum einen wirklichen Eindruck davon, was es heißt, beispielsweise beim Ski Alpin von einem Berg in einem Höllentempo herunterzustürzen und sich am Ende mit den Wettbewerbern um Hundertstelsekunden zu streiten. Ich käme nicht im entferntesten auf die Idee, von so einem Berg mit Skiern herunterzufahren oder einfach mal direkt herunterzurennen. Ich habe durchaus Nerven, aber mein Himmelfahrtskommando-Gen ist nicht sehr ausgeprägt.

Aber dann so Sachen zu sehen, die bei den Paralympics in Vancouver geboten werden, das lässt dann einen so richtig klein werden: Blinde Sportler, die ohne jegliches Sehvermögen und mit akustischen Signalen eines vorausfahrenden Guides Slalom fahren, also rein auf Ansage links und rechts durch die Tore fahren, unten ankommen, natürlich gegen die Sportler mit geringeren Sehbehinderungen keine Chance haben, aber trotzdem mehr können, als unsereiner, der alle “Sinne beisammen” hat.

Oder die Landläuferin und Biathletin Andrea Eskau: Sie fährt diese Saison das erste Mal Langlauf, schießt erst seit drei Monaten und macht nebenbei etwas, was nur die wenigsten Sportler schaffen – Teilnahme an Sommer- und Winterspielen. 2008 hat sie in Peking Gold im Handbiking gewonnen und nun fährt sie unter anderem mal eben 10 Kilometer Langlauf und da auf Platz 8 und nur knapp 3 Minuten später als die Goldmedaillengewinnerin.

Wir, die “Laufenden” und “Sehenden”, wir haben Probleme und stehen vor scheinbar unlösbaren Problemen? Machen wir erst mal die Hälfte von dem, was so genannte Behinderte treiben und überleben das mal.

Warum deutscher Sport und Web 2.0 nicht funktionieren.

Im ganzen Olympia-Trubel stellt Thomas Knüwer in seinem Blog eine interessante Frage auf, die da lautet, warum Web 2.0 im deutschen Sport nicht funktioniert.

Die Antwort dürfte eigentlich sehr naheliegend sein: Es gibt offensichtlich keine Notwendigkeit dafür. Und in der Tat trifft es diese zunächst subjektiv aufgestellte These weitgehend auf den Kopf, denn der deutsche Profisport kommt im Internet – wenn überhaupt – quasi ausschließlich in Web 1.0 daher. Aber woran liegt’s eigentlich?

Professioneller Sport außerhalb der großen, voll durchkommerzialisierten Sportarten wie eigenverwaltetem Ligasport von Fußball, Handball, Eishockey oder solchen Werbeverkaufsveranstaltungen mit angeschlossenem Sportevent wie die Formel 1 etc. ist ein zutiefst verbandsorientierter und staatlich subventionierter Sport. Das fängt schon in den unteren Ligen der großen Sportarten an und wird immer trister, je tiefer und regionaler es wird. Wenn ein Verein und ein Sportler nicht zuschaut, seinen Enthusiasmus zu vermarkten, dem bleibt am Ende nur noch das Joggen mit selbstbezahlten Turnschuhen.

Verbandssport bedeutet im Idealfall: “Das Team ist alles, das Individuum gehört dazu.” Gern ist es aber auch mal: “Der Verband ist alles, das Team ist viel und das Individuum ist nun mal da.” Und irgendwann, wenn es dann professionell werden soll und das alles nicht mehr in den Verbandsrahmen passt, ist plötzlich der Staat da, in Form des Beamtentums. Da sind dann auf der Loipe Sporter unterwegs, die von Beruf Soldat sind, Polizist oder Zöllner. Die sicherlich auch irgendwann mal eine Grundausbildung im Schnelldurchlauf durchziehen, aber ansonsten sich auf ihren Sport konzentrieren und Ihr Gehalt fortan bis zu ihrem Ausscheiden vom Staat erhalten.

Es gehört bei jeglicher Art von Unterordnung (das ist jetzt per se noch gar nicht böse gemeint) dazu, ein Stück des eigenen Individualismus aufzugeben. Und das sieht man dann sehr schön in den Internet-Auftritten und in den weitgehend abgestellten Selbstvermarktungsaktivitäten.

Eine eigene Sportler-Homepage ist da noch das größte, was man zu sehen bekommt. Die direkte Ansprache der Besucher in den in der Regel äußerst homöopathisch veröffentlichten Nachrichten ist dabei der einzig wirkliche Versuch, eine Art von Dialog vorzugaukeln, der Rest ist dann eher erschütternd. Die wenigen Fotos kommen aus dem professionellen Shooting, das Gästebuch ist nun mal ein Gästebuch im Einbahnstraßenverkehr, die Biografie stammt vom Berater. Von so einfachsten Sachen wie einem RSS-Feed ist weit und breit nichts zu sehen.

Solche Art von Fan-Versorgung mag zwar Mainstream sein, entspricht aber in etwa einer handkopierten Mitgliederzeitung des fiktiven Manta-Clubs Nordschwarzwald. Müffelt etwas nach Schweiß, sieht aus wie die grundsätzlich grauen Anzüge der bundesdeutschen Wintersport-Nationalmannschaften mit Bundesadler und spricht meist mit bayerischem Akzent.

Glamour? Starkult? Glamour “made in Germany” sieht folgendermaßen aus: Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg fährt zu seinen Untergebenen nach Whistler, lässt sich mit ihnen im Sparkassen-Viererbob (der so aufgrund des Werbeaufdrucks gar nicht fahren darf) fotografieren, sitzt im völlig albernen quietschgelben Anorak im Publikum einer Veranstaltung und diktiert so denkwürdige Sätze in die Notizblöcke der Journalisten, wie als dass er Magdalena Neuner seine Handynummer gegeben habe und sie ihn jederzeit anrufen könne. Ideales Popcorn für das unter fortschreitender Gehirnfäule leidende BILD-Publikum. Goldhäschen trifft Star-Minister! Und wenn man dann wieder zurück im heimischen Lande ist, geht es zum nächsten Knietätscheltermin von “Wetten dass” und wieder zurück ins Arbeitslager.

Zugegeben, eine überzogene Zeichnung, die ich hier male. Aber warum finden wir es aufregend, was die Amerikaner so tun? Mein bestes Beispiel ist hier die US-Skiläuferin Julia Mancuso (deren Homepage derzeit allerdings nur gelegentlich funktioniert), der ich seit einer Weile in Twitter followe, neben den derzeit 14.131 anderen Followern. Mancuso gilt selbst in den USA als Sportlerin mit durchwachsenem Privatleben, in dem sie es auch durchaus auch mal krachen lässt. Mancuso in kurzen Hosen beim Skifahren, Mancuso im Whirlpool, an die Brüste fassen lassend. Dazu noch hier ein Alkoholexzess, da noch irgendwelche Männerbegleitungen, von denen Väter grundsätzlich warnen und so weiter und so fort.

Sicherlich sind Julia Mancusos Twitter-Beiträge in den seltensten Fällen Beiträge, mit denen man im ZDF-Nachtjournal die Philosophennacht zum leuchtenden Tage umdefiniert bekommt. Allerdings ist es eines: Authentisch. Man muss es als Sportler sicherlich nicht bis zum Anschlag übertreiben, aber wann finden wir einen anderen Menschen interessant? Wenn er etwas tut, was man selbst nicht tut und wenn uns dieser Mensch daran teilhaben lässt.

Selbstvermarktung ist etwas, was jeder Freiberufler, jeder Autor, jeder Handwerker, jeder Jungunternehmer tun muss. Selbstvermarktung im Sport ist aber nach wie vor etwas, was im bundesdeutschen Sport grundsätzlich pfui ist, obwohl es, und da sind wir beim Web-2.0-Paradigma, ein zentrales Ding wäre, Sport zu einem Gemeinschaftserlebnis zu machen. Und spätestens da sind wir dann auch dort, wo auch das Interesse potentieller Sponsoren beginnt.

Ich bin jetzt sicher keiner, der die totale Kommerzialisierung der Sportförderung (!) oder das Entblättern jeglicher Privatsphäre fordert. Es ist schon schlimm genug, anzusehen, wie manch Sportler nach seiner Karriere auf äußerst peinliche Weise seinen zweiten Frühling auslebt und das dummerweise auch noch öffentlich im Fernsehen. So Tiefflieger wie Katarina Witt, die offensichtlich tatsächlich jedem Menschen auf dem Planeten erzählen und auf der Olympia-Website der ARD gar bloggen und twittern muss, was für ein furchtbar tolles Leben sie hat und dabei gern auch mal der Geschichtsverklärung unterliegt – das tut dem Zuschauer weh.

Olympia in ARD und ZDF.

Mit Sportübertragungen im Fernsehen konnte ich die letzten 15 Jahre wirklich nicht sehr viel anfangen. Das liegt vermutlich an meinen traumatischen Erfahrungen als Kameraassistent mit Kameraeinsätzen bei der Eintracht Frankfurt, Mainz 05 und dem VfB Stuttgart. Für Fernsehleute ist Sport das härteste Arbeitsumfeld, die der Enthusiasmus zu bieten hat und das fällt vor allem dann auf, wenn man sieht, dass es unter Kameraleuten auffallend wenig eingefleischte Fußballfans gibt.

Die Olympischen Winterspiele von Vancouver haben das aber nun gedreht, was aber vor allem an der überzeugenden Berichterstattung liegt. Und als alte Fernsehproduktionssau begeistert mich vor allem, wie nun endlich auch die Technik mit dem „Journalistenwillen“ Schritt halten kann:

High Definition

Ganz klar, HD ist der zentrale Meilenstein im Sport. Produziert werden die Bilder im Mutter aller Formate, nämlich in Full-HD mit 1080 Linien und 60 Vollbildern pro Sekunde. Von ARD und ZDF werden die Bilder auf das „kleine HD“ mit 720 Linien heruntergerechnet und darüber hinaus auf 50 Vollbilder reduziert, denn dieses „720p50“ ist das Hausformat der European Broadcasting Union (EBU).

Das „kleine HD“ tut dem Spektakel jedoch keinen Abbruch, denn es ist weniger die Linienzahl, die das Bild macht, sondern die Zahl der Bilder pro Sekunde: Mit normalem PAL lassen sich nur 25 Bilder pro Sekunde übertragen, die dann in einer Mogelpackung als 50 Halbbilder pro Sekunde übertragen werden; zuerst das Halbbild mit ungerader Zeilenzahl, danach das nächste Halbbild mit gerader Zeilenzahl und so weiter. Übertragungsformate mit 50 Halbbildern führt zwar zu flüssigeren Bewegungen als mit 25 Halbbilder (man denke bei letzteres an das Kino, das mit 24 Vollbildern arbeitet), allerdings sehen Bewegungen von Hause aus “verwaschen” aus, Details kommen einfach nicht gut herüber, als mit 50 Vollbildern.

Was ARD und ZDF da also an Bildern von den Sportstätten mit 720p50 liefern, ist wirklich Bewegtbild in High End, erste Sahne.

Kinoton

Früher waren Sportübertragungen einfach und schrecklich. Man hatte das Bewegtbild, man hatte mehr oder weniger guten Ton von der Veranstaltung und man hatte den Ton des Kommentators in telefonhörerartiger Qualität. Und das trifft es schon genau, denn früher kamen von Sportstätten das “Weltsignal”, also Bild und Ton ohne jeglichen Kommentar. In den Kommentatorkabinen, die unmittelbar an den Sportstätten liegen, saßen dann die Kommentatoren am Telefon, das zur jeweiligen Sendezentrale verbunden war und kommentierten tatsächlich über das Telefon. Das sorgte zwar für den typischen “fernen” Eindruck von Livekommentaren, allerdings ist ein “schöner” Ton nicht zu unterschätzen.

Ironischerweise glauben auch heute noch viele Fernsehzuschauer, dass der “schöne” Ton der heutigen Livekommentare so schön ist im Gegensatz zum Telefongenuschel von früher, dass der Kommentator unmöglich vor Ort sein kann, sondern möglicherweise im warmen Sendezentrum in Deutschland sitzt. Das ist aber tatsächlich nicht so, die Kommentatorkabinen an den Sportstätten gibt es immer noch, nur gibt es inzwischen für die Tonübertragungen vernünftige und bezahlbare Bandbreiten.

Im übrigen sei angemerkt, dass Raumklang inzwischen der Normalfall ist. Wer also zu Hause eine vernünftige Surround-Soundanlage hat, kann die auch einsetzen.

Entfesselte Kamera

Die entfesselte Kamera halte ich für die eigentliche Revolution in der Sportübertragung. Das hat man sehr schön bei den Biathlon- und Langlaufwettbewerben gesehen. Dort gibt es das übliche “Weltbild”, aber unmittelbar vor den eigentlichen Wettbewerben noch Kommentare vor Ort von einem Moderator und einer/einem Expertin/Experte. Dieses Bild wird schon von einem eigenen Produktionsteam der jeweiligen Fernsehanstalt produziert, ist aber inzwischen auch nicht mehr unüblich.

Was allerdings dann schon richtig neu war, war die schnelle Schaltung zum jeweiligen Bundestrainer während den Wettbewerben, um so ein brandaktuelles Stimmungsbild einzuholen. Gerade die so eingefangenen Livekommentare von Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle waren mehr als “live” und wirklich mitten aus dem Geschehen heraus. Der Begriff “geil” trifft es für diese Art der Liveberichterstattung gerade noch so.

Für all diese Spielereien braucht man eine “entfesselte Kamera”, die einerseits ohne groß verlegte Kabel auskommen muss, andererseits aber live ihre Bilder in die Produktion übertragen kann. Das macht man inzwischen mit an den Spielstätten vorhandenen Funknetzen und für Fernsehsender reservierte Funkkanäle, in die sich die jeweiligen Kameras einfach einschalten, egal wo sie gerade in der “Funkwolke” stehen.

Wer das miterleben möchte: Heute Abend gibt es ab 20:30 Uhr den Biathlon-Wettbewerb 4×7,5 km Staffel Herren. Ab 20 Uhr einschalten und miterleben. Auch für absolute Sportmuffel ideal zum Staunen.

Das Studio an den Sportstätten

Was die entfesselte Kamera von ARD/ZDF direkt vor Ort an den Sportstätten im Olympiaort Whistler produziert, landet nicht direkt im so genannten “International Broadcast Center” in Vancouver, in dem praktisch alle Fernsehsender kostengünstig produzieren können, sondern im eigens eingerichteten Produktionsstandort in Whistler, wo auch das “Panoramastudio” der beiden Sender steht, das man auf das Hilton Hotel von Whistler aufgebaut hat. (An dieser Stelle Dank an ARD-Redakteur Dirk Hofmeister, der mir via Twitter den Tipp gegeben hat, da ich in Google Earth partout nicht das passende Dach finden konnte. Auch diese Art der Interaktion per Web 2.0 – Respekt. Man muss es nur tun.)

Diese Zwischenstelle in der Produktion mag zwar nicht gerade wenig Geld kosten, allerdings ist das ein Schlüsselelement in der gesamten Berichterstattung, denn nur so hat man die Sportler, die ihre Wettbewerbe in Whistler absolvieren, direkt in einer heimeligen Atmosphäre für die Nachberichterstattung und zudem kann man auch hier eben verhältnismäßig einfach mit den Teams in den Sportstätten live – und eben wirklich “live” – interagieren.

Ich, der Olympia-Fanboy.

Das letzte Mal, dass ich länger die Berichterstattung von Olympischen Spielen verfolgt habe, war 1994 bei den Winterspielen in Lillehammer. Zugegeben, da war ich auch noch Schüler und hatte die Zeit dafür, nachmittags während dem Nichtmachens der Hausaufgaben anderen Leuten dabei zuzuschauen, wie sie sich die Lungen aus dem Leibe pusten. Als Arbeitnehmer hat man nur abends Zeit, aber da spielt wiederum die Zeitverschiebung mit, so dass man abends gleich mittendrin im Vormittag von Vancouver ist.

Das Wochenende war ich dann also wieder mittendrin im Olympiafieber. Winterspiele sind einfach die schöneren Olympischen Spiele, auch wenn natürlich die Kommerzmaschine inzwischen überhaupt keine Unterschiede mehr zwischen Winter- und Sommerspiele macht. Dennoch finde ich Winterspiele „familiärer“ und vor allem erheblich spannender. Dass das nun alles bei ARD und ZDF in HD daherkommt, macht das alles erheblich sehenswerter. Das merkt man vor allem dann, wenn man einfach mal kurz bei Eurosport schaut, wie ätzend die Normalauflösung dann aussieht.

Richtig genial: Die Snowboarder und hier das so genannte Boardercross, bei dem mehrere Snowboarder gleichzeitig auf der Piste stehen. So viel Action ist man von Winterspielen gar nicht gewohnt und unterstrichen wird das von wirklich außergewöhnlichen Kameraeinstellungen, beispielsweise die Helmkamera oder einer Kamera, die auf einer Seilbahn talwärts fährt, während die Snowboarder den Berg nehmen. Starke Bilder!