DER SPIEGEL erstmals mit einer Titelgeschichte auf Deutsch und Türkisch.

SPIEGEL-Titel 26/2013 - "Boyun Egme - Beugt euch nicht"Darf ich mal kurz Werbung betreiben für den nächsten gedruckten SPIEGEL für die Woche 26, der nächsten Montag erscheint? Danke. Bitte. Denn diese Ausgabe ist eine echte Premiere: Zum ersten Mal in seiner Geschichte veröffentlicht der SPIEGEL eine Titelgeschichte, die gleichzeitig auf Deutsch und auf Türkisch erscheinen wird – in einem Heft. Der Inhalt sind natürlich die derzeitigen Proteste in Istanbul und der restlichen Türkei, die sich längst von einem einstigen Protest aufgrund des Gezi-Parks zu einem landesweiten Protest gegen die autoritäre Politik des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan aufgeschaukelt haben.

Laut der Pressemitteilung der SPIEGEL-Gruppe soll diese Ausgabe des SPIEGEL auch in der Türkei beworben werden, was ebenfalls eine Neuerung ist. Zwar gibt es den SPIEGEL schon seit Jahrzehnten auch in gedruckter Fassung in der Türkei zu kaufen, beworben werden internationale Zeitungen jedoch im Ausland kaum. Das hat sicherlich nichts damit zu tun, dass der SPIEGEL auch in der Türkei in intellektuellen Kreisen Gewicht hat, sondern damit, dass ein deutschsprachiges Magazin in der Türkei eben eine Randerscheinung in der Medienwelt ist.

Gerade das ist in der Türkei in den vergangenen Jahren zu einem Problem gewachsen, denn türkische Medien sind schlicht nicht mehr in der Lage, über Proteste gegen Erdogans Gurkentruppe frei zu berichten. In den vergangenen Jahren wurden kritische Journalisten perfide und sehr effektiv an den Rand gedrängt, aus Redaktionen herausgeworfen, mit Berufsverboten bedacht oder gleich um die Ecke gebracht. Die einst gar nicht so schlechte Nachrichtenlandschaft der Türkei ist heute nur noch ein Schatten ihrer.

Ich bin gespannt, wie der nun kommende SPIEGEL in der Türkei einschlägt. Berufsverbote gegen SPIEGEL-Journalisten werden kaum dem Regime nützen und selbst eine Zensur der in die Türkei importierten Hefte (hat auch eine „gute“ Tradition) wird im Zeitalter des Internets kaum helfen. Auch wenn ich die Titelgeschichte noch gar nicht gelesen habe: Danke, SPIEGEL. Eine echte und wichtige Geste. Und ich würde als jahrelanger Abonnent für diese Ausgabe sehr gern das Doppelte bezahlen.

Finale Warnung.

Die Mediatheken von ARD und ZDF gehören zu meinen Lieblings-Downloadstationen. Alles schön legal (weil tatsächlich von mir sogar bezahlt) und mit dem Programm MediathekView ist das Herunterladen auch superbequem, auch wenn MediathekView leider in Java programmiert und der einzige Grund ist, dass Java noch auf meinem Rechner installiert ist.

Beim Herunterladen heute wurde ich allerdings in einer Art und Weise um Bestätigung gefragt, die mir dann doch kurz Sorgen bereitete:

Warnmeldung im Programm "MediathekView" - "Warnung: Das ZDF kann tödlich sein"

Die Lösung war dann relativ einfach: Die Sendung, die ich herunterlud, hieß „Warnung: Das ZDF kann tödlich sein“. Darauf muss man erst einmal kommen, so oder so. 😉

Kommissarin Lund: Die Chefin ist wieder da.

Wenn ich hier im Blog von Kommissarin Lund bzw. von Forbrydelsen, wie die Krimiserie im dänischen Original heißt, schreibe, dann schreibe ich von einem Quotenbringer. Im Fernsehen und hier im Blog. Dass sich die dritte Staffel ab dem 10. März im ZDF ankündigt, dieses Mal immerhin nur fünf Monate nach dem Start in Dänemark, habe ich schon längst am Anwachsen der Suchanfragen bemerkt. Dabei geht es hier ja nur um die Lösung der ersten Staffel.

Immerhin, die dritte Staffel zeigt vor allem mal eines: Die Dänen sind offensichtlich dabei, ihren Kampfeinsatz in Afghanistan vollständig zu verarbeiten. Zu viele Krimiserien hatten in den vergangenen Jahren mehr oder weniger verkrampfte und mitunter fast schon haarscharf rassistisch anmutende Verzweigungen in Vorurteile, die man dann auch noch gern mit der – ich sage es jetzt mal möglicherweise offensiv – implizierten terroristischen Leichtfüßigkeit in arabischen Ländern verortete. Dazu zählte Forbrydelsen, aber auch und vor allem die Serie „Protectors“, im dänischen Original „Livvagterne“. Zweifellos allesamt moderne Krimiserien mit enormer Erzählgeschwindigkeit und mindestens drei gleichzeitig laufenden Erzählsträngen, allerdings stößt eben die ziemlich einseitige Einbeziehung von hochkomplexen internationalen politischen Bewegungen schnell an seine erzählerischen Grenzen. Vieles kann man nicht gut in einem Krimi erklären, der ja in erster Linie unterhaltsam sein soll, und dann bleiben am Ende Sachlichkeit, Wahrheit und Zusammenhänge auf der Strecke. Das war so ein grundsätzliches Ding, warum mir die zweite Staffel von Forbrydelsen recht schnell zum Halse herauskam, die als Basis mehrere Morde hatte, die zunächst in einem islamistischen Hintergrund vernordet wurden, später dann aber im dänischen Militär. Sicher, man bekam die erzählerische Kurve, aber die ersten Folgen waren schon am Rande des Erträglichen. Don’t mix serious entertainment with politics.

Und das bei einer Protagonistin, die eigentlich gar nicht so recht in die Welt des Krimis passt. Wohnt in keiner hippen Wohnung, fährt kein kultiges Auto, setzt sich nicht übermäßig in Szene. Sondern ist durch und durch ein Traum eines jeden Vorgesetzten. Schafft bis zum Umfallen, sieht sich als absoluter Teamplayer und überlässt den Ruhm den Schreibtischtätern der mittleren Führungsebene. Da kann man Lund auch problemlos für die wirklich harten Fälle einsetzen, ohne jegliche Gefahr, dass da jemand ermittelt, der irgendwann den Höhenflug bekommt.

So hat man sich bei der dritten Staffel, die gleichzeitig auch die letzte der Serie werden soll, wieder auf „Bewährtes“ zurückgefunden und bleibt im Land. Das Dänemark in der Zeit der globalen Finanzkrise. Die hat unter anderem dazu geführt, dass die Dienststelle von Sarah Lund Einsparungsmaßnahmen durchführen muss und Lund überlegt, in die Verwaltung überzuwechseln. Das wird allerdings zunächst dadurch schwierig, dass ein mysteriöser Mordfall aufgeklärt werden muss, zu dem sich schon in der ersten Staffel gleich noch ein paar weitere Tote dazugesellen, deren gesellschaftliche Zugehörigkeit und deren Art des Ablebens so gar nicht zusammenpassen wollen. Von Verwicklungen bis in die höchsten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zonen darf ausgegangen werden, so dass die gewaltigen 10 Stunden dieser Staffel, die in der deutschen Fassung wieder auf fünf jeweils zweistündige Folgen portioniert sind, sehr spannend sein dürften.

Die nächsten fünf Sonntage bin ich also jeweils zwischen 22 und 24 Uhr telefonisch nicht zu sprechen, auch nicht in Notfällen.

Das „bisschen“ Schleichwerbung im ZDF.

Man darf getrost sagen: Der morgige SPIEGEL offenbart mit ziemlicher Sicherheit einen deftigen Skandal im ZDF, wenn nicht gar den größten, den man da fabriziert hat in der 50jährigen Geschichte des Senders. Es geht dabei und niemanden geringeren als den jahrelangen Quotengarant Thomas Gottschalk, längst in den Annalen der Fernsehgeschichte eingebrannt.

Eine kleine Kurzfassung der höchst lesenswerten Titelgeschichte: Ein Unternehmen namens „Dolce Media“, das Thomas Gottschalks Bruder Christoph gehört, hat offenkundig jahrelang emsig dafür gesorgt, dass Großunternehmen ihre Produkte in einem höchst interessanten Werbeumfeld – nämlich der Wetten-dass-Sendung – platzieren konnten, nebst passender und sekundengenauer Moderation von Thomas Gottschalk. Entsprechende Verträge lägen dem SPIEGEL vor, aus dem dann auch munter zitiert wurde, teilweise mit erschreckenden Details. Unter anderem dem Hinweis, dass die Art der Produktplatzierung den staatsvertraglichen Regelungen des ZDF entsprechen würden, das ZDF aber nun behauptet, von alldem nichts gewusst zu haben. Und das obwohl das ZDF bis 2003 über seine Tochter ZDF Enterprises mit 15 % an der Dolce Media beteiligt war. Man nehme erstaunt zur Kenntnis, dass der SPIEGEL in seinem Artikel mit Begriffen wie „krumme Geschäfte“, „dubios“ etc. nicht spart.

Richtig brutal wird der Skandal dann nach dem Artikel mit dem nächsten. Denn dort wird die Frage aufgeworfen, wie der Audi A8 in die Sendung kam, über den im Dezember 2010 Samuel Koch in seiner spektakulären Wette mit Stelzen sprang und sich dabei schwer verletzte. Denn dieses Auto – man ahnt es – war anfangs nicht von Samuel Koch als Übersprungobjekt vorgesehen … genügend Raum für schwerwiegende Fragen. Und vor allem erscheint der Abgang Thomas Gottschalks nun in einem ganz anderen, sehr bösen Licht.

Wie gesagt: Lesenswerter, diskussionswürdiger Artikel. Dringende Kaufempfehlung, für die Sonntagabendlektüre auch schon jetzt als ePaper.

Und ich finde mich jetzt tatsächlich wieder als immer stärkerer Befürworter eines totalen Werbeverbotes in allen öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsendern. Kommerzielle Werbung und Sponsoring tun Unternehmen, die größtenteils von Gebührengeldern leben, einfach nicht gut.

Update: Inzwischen hat SPIEGEL Online auch einen Artikel online, der mal im Groben erklärt, um was es geht.

Helle Nippel und Anal-Bleaching.

Normalerweise bin ich hier in den Pforzheimer Online-Kreisen der Chef für die unappetitlicheren Dinge und das wirklich schon seit einigen Jahren. Und würde man jemanden hier fragen, wer denn am ehesten über „helle Nippel und Anal-Bleaching“ im Web schreibt, dann würde es nicht lange dauern, bis mein Name fällt. Meinen Status als Herr der Pforzheimer Online-Kanalisation habe ich mir hart und ausdauernd erarbeitet und eigentlich will ich mir diesen Titel nicht einfach so wieder wegnehmen lassen. Ein dahingehender Kampf wäre unerbittlich, ich kann in der Anwendung von Sarkasmus wirklich ganz schlimm werden.

Ich muss aber leider mitteilen: Die obige Überschrift stammt nicht von mir. Ich habe mit helle Nippel und Anal-Bleaching nichts zu tun. Und ich habe sogar keine Ahnung, was mit hellen Nippeln und Anal-Bleaching gemeint ist. Aber dafür habe ich nun harte Konkurrenz hier in Pforzheim bekommen. Und dann auch gleich noch das Undankbarste, was mir passieren konnte: Die Pforzheimer Zeitung. Glaubstdunicht? Muhahaha … die untenstehende Überschrift ist anklickbar:

Es ist aus. Ich kann nur noch hart lachen. Ich gebe mich geschlagen und gebe die Pforzheimer Online-Kanalisation völlig entwaffnet frei. Miriam, du bist meine Heldin, du darfst mein Kanalisationschef-Perlendiadem kampflos haben. Gegen helle Nippel und Anal-Bleaching komme ich nicht an, ich kann so einen Artikel nicht mehr mit einem sarkastischen Kommentar unterlegen. Ich habe fertig, ich huldige dir.

Wir brauchen vielleicht doch das Leistungsschutzrecht, damit so Suchmaschinen wie Google zukünftig Lizenzgebühren zahlen müssen, um solche publizistischen Schätze aufführen zu dürfen. Was täten wir ohne sie?

Long Tail in Sachen Krimiauflösung im Fernsehen.

Hier im Blog gibt es einige Evergreen-Artikel. Dazu gehören die Artikel, in denen beschrieben ist, wie dem iPhone die Synchronisation mit dem Google Kalender und Adressbuch beizubringen ist, die allein weit über 50 % der Suchanfragen für sich beanspruchen. Gleich danach kommt aber ein Artikel, der anfangs praktisch gar keine Relevanz hatte: Der Artikel mit der Lösung der ersten Staffel der dänischen Krimiserie Forbrydelsen, in Deutschland bekannt unter dem Namen „Kommissarin Lund“. Das liegt vor allem daran, dass Forbrydelsen zu den skandinavischen Krimiserien gehört, die sehr komplex daherkommen. Immerhin dauert die erste Staffel, die im Original aus 20 Folgen besteht, schlappe 1.100 Minuten. Wohlgemerkt: Die Staffel ist ein einziger Fall mit mehreren, ineinander verwobenen Geschichtssträngen. Die komplexe Geschichte führt dazu, dass die Auflösung ebenfalls komplex ist. Zudem überschlagen sich in der letzten Folge die Ereignisse dermaßen, dass ich damals nach der Erstausstrahlung im ZDF die Auflösung nochmal komplett gebloggt habe.

So ein Artikel, der ein sehr spezifisches Thema behandelt aber prinzipiell dauerhaft interessant ist, ist ein klassischer Fall für das Long-Tail-Phänomen. Kurze, relativ hohe Peaks umrahmen ein Thema, das die meiste Zeit jedoch kaum von Interesse ist. Und die kurzen Peaks sehen aus Sicht des Webstatistikprogramms Piwik, das mein Weblog permanent untersucht, folgendermaßen aus (Klick für die Großansicht):

Beachtet werden muss zunächst, dass die Statistikauswertung erst ab dem 1. April 2012 beginnt. Das normale, tägliche Grundrauschen bewegt sich zwischen 0 und 8 Seitenabrufen, die auf diesem Blog-Artikel landen, allesamt mit Begrifflichkeiten um „kommissarin lund“ etc. Auffallend sind zwei dicke Ausreißer, genau am 17. August 2012 mit 89 Abrufen und am 1. September 2012 mit 125 Abrufen. Ferner noch der 24. September mit 21 und der 21. Oktober mit 16 Seitenabrufen.

Und das hat seine genau definierbaren Gründe, denn in diesen Zeiträumen wurde die erste Staffel von Forbrydelsen laut fernsehserien.de im deutschsprachigen Raum im Fernsehen auf arte wiederholt:

  • Am Donnerstag, 16. und Freitag, 17. August die Folgen 1 bis 6
  • Am Donnerstag, 23. und Freitag, 24. August die Folgen 7 bis 13
  • Am Donnerstag, 30. und Freitag, 31. August die Folgen 14 bis 20

Und mit diesen Informationen passen die Peaks nun auch. Die Anfragenspitze am 17. August passt zum ersten Block der Folgen 1 bis 6, weil die letzte Folge noch am 17. August um 23:10 Uhr endete und sich dann genügend Zuschauer im Web auf die Suche nach der Lösung machten. Der zweite Block der Folgen 7 bis 13 fällt nicht besonders groß auf, dafür jedoch der dritte Block der Folgen 14 bis 20. Und dass der Peak dieses dritten Blocks erst am 1. September zu messen ist, liegt daran, dass das Ende der letzten Folge an diesem Tag um 0:10 Uhr lag und damit im nächsten Tag.

Von den Besuchern, die in den Peak-Zeiten aufgrund der Suche nach der Lösung auf das Blog kamen, habe ich allerdings verhältnismäßig wenig, was in der folgenden Auswertung, ebenfalls aus Piwik, ersichtlich ist:

Dort ist auf der linken Seite eingeblendet, mit welchen hauptsächlichen Begrifflichkeiten in dem gesamten Zeitraum der vergangenen Monate die Besucher von Suchmaschinen aus auf den Artikel gekommen sind. Auf der rechten Seite eingeblendet ist der Weg, den die Besucher auf meinem Blog dann danach gegangen sind. In der Mitte der Grafik findet sich die eigentliche Auswertung.

Im Klartext interpretiert bedeutet das, dass die insgesamt 1.347 Seitenabrufe von 993 Suchmaschinenanfragen initiiert wurden und 1.193 dieser Seitenabrufe auch direkt nach dem Lesen des Artikels wieder zum Ausstieg führten. Nur 35 Anfragen führten zu weiteren Seitenabrufen im Blog – eine Ausstiegsrate von fast 89 %, das allerdings bei diesem sehr spezifischen Spezialthema so auch zu erwarten ist.

Sind wir in Deutschland zu „krimigeil“?

Ich hatte einmal eine recht interessante Diskussion in einer Kneipe am Start, bei der es um das Fernsehprogramm ging. Und zwar im Detail darum, warum US-amerikanische Serien in Deutschland (und nicht nur dort) so gut funktionieren und deutsche Serien so gar nicht – außer Krimis. So Serien wie Derrick, die vor allem dadurch glänzen, dass sie im Prinzip furchtbar langweilig sind und vollkommen ohne Action und und Glamour daherkommen, sind in der Welt überaus begehrt. Und wenn man sich die Physiognomie näher anschaut, bekommt man auch die passende Antwort.

Krimis im Fernsehen – eine Nahbetrachtung des Fernsehprogramms

Der subjektive Eindruck, das Fernsehen sei voll mit Krimiserien und „krimiähnlichen“ Programmen wollte einmal mit verlässlichen Zahlen untermauert werden. Also habe ich mir mal das Fernsehprogramm einer Woche im September (von Samstag bis Freitag) geschnappt und ausgewertet. Und der subjektive Eindruck wird plötzlich sehr objektiv. In den Zahlen eingerechnet sind Polizeiserien wie das „Großstadtrevier“ und als Spezialfall auch die Fahndungssendung „Aktenzeichen XY“:

  • ARD: 5 Stunden, 45 Minuten
  • ZDF: 14 Stunden, 15 Minuten
  • RTL: 1 Stunde
  • Sat 1: 0 Stunden
  • Pro Sieben: 0 Stunden

Tatsächlich ist das ZDF absoluter Krimikanal. Neben den Freitags-, Samstags- und Sonntagskrimis gibt es eine ganze Phalanx an SOKO-Serien im Vorabendprogramm, so dass das ZDF pro Tag durchschnittlich auf über zwei Stunden Kriminalität kommt. Und betrachtet sind hier nur Krimiserien, also keine Spielfilme. Das ist eine ganze Menge Elend.

Warum Krimiserien?

Man sollte nun einmal hinterfragen, warum wir eigentlich so viele Krimiserien am Start haben. Zuerst käme man vielleicht auf die These, dass wir in Deutschland einfach gern Krimis anschauen. Gegenfrage: Tun wir das wirklich? Denn wenn wir allein nur einmal anschauen, dass die oben gezählten 21 Stunden Kriminalität auf gerade einmal drei Programme verteilt sind und von diesen drei Programmen das eine Programm nur 1 Stunde zählt, dann ist das nicht sehr homogen. Noch inhomogener wird das, wenn man berücksichtigt, dass ARD und ZDF in der so genannte „werberelevanten Zielgruppe“ deutlich auf verlorenem Posten steht. Und dazu kommt dann auch noch, dass eine ganze Latte dieser Krimiserien nicht in der Primetime laufen, wie beispielsweise ein Teil der SOKO-Serien und auch „Großstadtrevier“ der ARD, die allesamt im Vorabendprogramm gesendet werden und eher zur seichten Kost gehört.

Vielmehr gehören Krimis zu einer der ersten Unterhaltungsformen des Fernsehens und prägen das Fernsehen von Anfang an. Während in den USA das klassische Crime-TV in den 1970ern sein All-Time-High hatte und seitdem – mit Ausnahmen – auf dem absteigenden Ast ist, ist im deutschen Fernsehen von einem absteigenden Ast kaum etwas zu sehen, zumindest in Sachen Quantität.

Das liegt mitunter an zwei zentralen Eigenschaften von Krimiserien, zählen wir sie mal zu „Fernsehen 1.0“:

  • Vergleichsweise einfach strukturierte Drehbücher
  • Keine aufwendigen Studioproduktionen
  • Keine Spezialeffekte und damit günstige Postproduktion
  • In der Regel streng episodisch abgeschlossene Erzählformen
  • Krimis sind „ernste“, internationale und überparteiliche Kost, ohne die Gefahr, irgendwo größer anzuecken, wenn man es nicht darauf ankommen lässt

Fernsehen im Zeitalter des Multikanals

Das Ende des Fernsehens ist demnächst sicherlich nicht zu erwarten. Sehr wohl aber eine grundlegende Änderung des Sehverhaltens der Fernsehzuschauer. Fernsehen ist immer weniger eine Geschichte, die man jeden Abend einschaltet, um dann x Stunden bis zum Einschlafen darin in ein Programm hineinzuschauen. Es ist schon heute so, dass Fernsehen eine selektive und immer selektiver werdende Geschichte ist. Fiktionale Unterhaltung muss daher extrem professionell daherkommen, um überhaupt als unterhaltend erkannt und akzeptiert zu werden.

Das ist der Grund, weshalb amerikanische Produzenten von hochklassigen Fernsehserien schallend über die Kosten von 1 bis 1,5 Millionen Euro einer mittelmäßigen Tatort-Folge lachen können. Eine aktuelle Folge der Simpsons wird beispielsweise mit 1 Million US-Dollar veranschlagt, wobei zu berücksichtigen ist, dass es Trickfilm ist und die Trickarbeiten in Billiglohnländern produziert werden. Eine Folge „Dr. House“ gibt es, wenn man diversen Quellen glauben darf, gar erst ab 3 Millionen US-Dollar pro Folge und das ist für eine Serie, die quasi komplett in einem Studio produziert wird, nur 45 Minuten dauert und pro Staffel mindestens 20 Folgen aufweist, eine gewaltige Zahl.

Die Budgets allein sind es aber nicht, denn das würde beispielsweise nicht den Erfolg der vielen Sitcoms erklären, die in den USA produziert werden und es hier in Deutschland teilweise noch nicht mal auf die Programmtafeln schaffen. Hier gilt immer noch der Gedanke, dass Sitcoms eigentlich im „ernstne“, deutschen Fernsehen nichts zu tun haben und eher zu Klamauk gezählt werden. Ein grober Kardinalfehler, denn auch wenn Sitcoms oftmals eher unterhaltenden Charakter haben, haben Sie einen großen Vorteil: In ihnen lässt sich das normale Leben (soweit man davon sprechen mag) immer noch am besten verarbeiten.

Ein weiterer Punkt betrifft praktisch die gesamte Unterhaltung: Sie wird nicht von einem Drehbuchautor geschrieben, sondern von einer ganzen Batterie von gleichberechtigten Autoren, in der Regel auch mit mehreren Autoren pro Folge. Das gibt schon allein dadurch, dass mehrere Augenpaare mehr sehen, als nur eines, den großen Vorteil, dass eine Serie deutlich vielfältiger ist, als z.B. 20 Jahre Derrick. In vielen Ländern wird die fast schon maschinell wirkende Konstanz von Derrick hochgelobt und als „typisch deutsch“ eingeschätzt, aber das ist eigentlich kein Vorteil, das ist ein großes Dilemma, das man auflösen müsste.

Neue Formen, Formate, Experimente

Eigentlich mangelt es im deutschen Fernsehbetrieb an nichts: Es gibt eine gut entwickelte öffentlich-rechtliche Senderstruktur, es gibt große Privatsenderketten, es gibt etabliertes Pay-TV und es gibt eine umfangreiche Landschaft von privaten Produktionsgesellschaften, die Auftragsarbeit verrichten können, wenn der Etat stimmt. Man könnte loslegen – wenn man wollte.

Aber will man? Wenn man sich gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehmilieu anschaut, darf man getrost daran zweifeln. Experimentielle Formate finden keinen Platz, bei der ARD zudem keine echte Geduld mit der Intendantenriege. Das ZDF probiert sich wenigstens mit dem Digitalkanal ZDF Neo, hier fehlt es aber meiner Meinung nach am richtigen „Tritt“, auch mal etwas größeres zu produzieren und auszuprobieren. Der Raum dazu wäre da und noch nie gab es wirksamere Möglichkeiten der Begleitberichterstattung, wie im Internet- und Facebook-Zeitalter.

Man müsste wollen. Mut zur Lücke haben. Leuten die Luft zum Experimentieren lassen. Mal das Publikum fragen, was es sehen möchte und vielleicht das Publikum auch einmal mitarbeiten lassen an der Entwicklung eines neuen Formates. Man will nicht. Und versteht nicht, dass auf die „klassische“ Weise das moderne Fernsehen von morgen nicht funktionieren wird.

Eine Analyse des Wetten-dass-Deals aus einer anderen Sicht.

Wie muss man eigentlich den Deal zwischen dem ZDF und Markus Lanz, der nun auch offiziell der nächste Moderator von „Wetten, dass…?“ bewerten? Ob er ein guter oder schlechter Moderator ist, ist kaum bewertbar, gute Moderatoren moderieren alles weg und brauchen in der Regel ein paar Grundbedingungen, um wirklich gut zu sein. Das beste Beispiel ist da Thomas Gottschalk, der in seiner neuen Talkshow nicht wirklich anders moderiert, als früher, aber eben ein paar Dinge fehlen, die ihn bei „Wetten, dass…?“ unverwechselbar machten, an erster Stelle die direkte Interaktion mit dem Studiopublikum, das ironischerweise ja jetzt auch in „Gottschalk live“ wieder eingeführt werden soll.

Nein, Markus Lanz kann man nur unterschätzen, wenn man versucht, ihn aus seiner bisherigen Arbeit als Gute-Nacht-Moderator zu bewerten. Auch wenn er seine Zuschauer gern mal dadurch peinigt, sehr belanglose Fragen an seine Gäste zu stellen: Man kann ihm kaum nachsagen, dass er sich nicht gut vorbereitet und dass er nicht schlagfertig sei. Der Rest ist eine Sache der Vorbereitung und der Selbstdarstellung. Markus Lanz hält sich da, wo er gerade ist, also wird es an beidem nicht mangeln.

Spannender ist das, was hinter den Kulissen passiert. Denn „Wetten, dass…?“ ist nicht ohne Grund einer der letzten großen Unterhaltungsdampfer in deutschen Fernsehen geblieben: Es ist eine der letzten Samstagabend-Unterhaltungsshows, die noch vollständig vom Sender produziert wurden, also vom ZDF. So eine Eigenproduktion bedeutet, dass der Sender die Produktionsleitung hat und Redaktion und Produktion aus eigenem Hause kommen.

Der Handschlagdeal zwischen Markus Lanz und der neuen ZDF-Verwaltungsspitze um Thomas Bellut beinhaltet offenbar eine Vereinbarung, dass Lanz‘ Produktionsfirma „mhoch2“ einen Teil mitproduzieren darf. Darüber kann man jetzt vortrefflich diskutieren, welcher Teil das ist, aber ich tippe darauf, dass es vor allem der redaktionelle Teil ist, denn das ist bei allen Produktionsfirmen der große „Kreativposten“, während die eigentliche Produktion (also Kulisse, Studio, Technikpersonal) als Dienstleistungen dazugekauft werden. Zu dieser Vermutung passt auch eine andere Personalie, nämlich der Ausstieg von Michelle Hunziker vor einigen Wochen. Bei diesem Job des Co-Moderators wird sich sicherlich die Frage gestellt hat, ob zum einen ein neuer Moderator damit klarkommt, eine sehr gut vorbereitete Hunziker an der Seite zu haben und zum anderen auch, bei wem sie eigentlich dann genau arbeitet.

Die Frage der Zukunft wird aber genau da weitergehen, im Spannungsfeld zwischen externer Redaktion und eigener Produktion. Einen Vorgeschmack dazu gab es schon mit dem Eurovision Song Contest letztes Jahr, den ja eigentlich die ARD ausrichtete, aber von Stefan Raabs Produktionsfirma Brainpool produziert wurde. ARD-Mitarbeiter beschwerten sich im Vorfeld der Contest dann darüber, dass sie zwar Pressekonferenzen filmen durften, bei der eigentlichen Produktion der Show jedoch außen vor blieben. Die sehr gut gewerkschaftlich organisierten Stammbelegschaften öffentlich-rechtlicher Sender reagieren auf solche Wetterlagen.

In der eh schon angeheizten Stimmung auf dem Mainzer Lerchenberg dürfte die Transformation der jahrzehntelang selbstproduzierten, größten Unterhaltungsshow Europas zu einer teilweise privatwirtschaftlich produzierten Sendung für Misstöne sorgen, bei der ich gespannt darüber bin, wie das ZDF-Management das in den Griff bekommt, ohne dass „Wetten, dass…?“ inhaltlich so ausblutet wie andere ehemalige Samstagabend-Unterhaltungsdampfer.

Das wird ein hartes Geschäft für alle Beteiligten.

ZDF-Mitarbeiter, Protest bitte!

Und weil immer noch ein steter Durchlauf an Zugriffen vom ZDF-Netzwerk (hierzu gibt es noch ein Addendum am Ende dieses Artikels) auf mein Blog vorherrscht, hier ein kleiner Aufruf an ZDF-Mitarbeiter, sozusagen vom engagierten Zuschauer. Ich darf das.

Hey, ZDF-Mitarbeiter!

Bekommt euren Hintern hoch! CARTA hat heute ein kleines Interview mit der Gruppe „Freiheit für das Zweite“ geführt, in dem herauszulesen ist, dass sich der Mut von Mitarbeitern, einen sichtbaren Protest gegen den schleichenden Programmabbau und der immer noch extrem stark parteilich durchgefärbten Personalpolitik in den höheren Stockwerken des Verwaltungsbaus anzuzetteln, in bescheidenen Grenzen hält. Das ist von mir als Außenstehender nicht zu bewerten.

Was jedoch von mir als Zuschauer durchaus zu bewerten ist: Ich zahle Rundfunkgebühren und ich zahle sie, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, ohne größeres Murren. Ich zahle Rundfunkgebühren für ein umfassendes Programmangebot und ich zahle auch dafür, Meinungsvielfalt zu bekommen, die möglicherweise nicht jedem Verantwortlichen gefällt. Ich zahle aber nicht dafür, dass Meinungsvielfalt produziert und am Ende nicht abgesegnet und gesendet wird, weil es Partei X oder Y nicht so ganz gefällt.

Das ZDF ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts und keine Parteiveranstaltung. Ihr seid nicht der Bundes- oder einer Landesregierung unterstellt und bezieht auch von diesen Gruppierungen kein Geld. Ihr bekommt das Geld von der Gesellschaft und nur dieser Gesellschaft seid ihr verpflichtet. Und ich hätte es sehr gern, wenn sich eine Anstalt des öffentlichen Rechts und deren Mitarbeiter dieser Verpflichtung (!) bewusst sind und sie diese auch selbstbewusst vertreten. Und das zählt doppelt, wenn es eine Anstalt ist, für die Meinungsfreiheit zum allerwichtigsten Gut überhaupt gehört.

Eure Kollegen vom österreichischen ORF machen es vor und mucken auf. Sichtbar im Internet. Das ist gut und wichtig und das funktioniert genauso gut auch in Deutschland und beim ZDF. Und zwar unabhängig davon, ob es Festangestellte sind, „Feste Freie“ oder freie Mitarbeiter. Denn wenn es hart auf hart kommt und sich Medien und Politik darauf einschießen, das ZDF zu privatisieren (das böse, böse P-Wort darf ich ja als Nicht-ZDF-Mitarbeiter problemlos sagen), dann verlieren alle: Mitarbeiter, Produktionen, Programm, Gesellschaft. Niemand kann dies wollen und niemand darf dies wollen.

Damit Protest funktioniert, sind Protestierer gefordert. Protestierer stehen immer in der Gefahr, für ihren Protest bestraft zu werden. Protest ist aber wichtig, um Änderung herbeizuführen. Und wenn es viele Protestierer gibt, die kreativ und sachlich ihren Protest darlegen, dann droht keine Gefahr, sondern es gibt Akzeptanz. Es gibt auch eine Welt jenseits des Boulevards und der Bild-Zeitung und es gibt Menschen in diesem Land, die den Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und des ZDF schätzen. Und sich einem Protest auch anschließen und Solidarität bekunden, wenn es notwendig ist.

Es darf nicht sein, dass eine sehr kleine Führungsriege im ZDF, der ich ausdrücklich keine Parteilichkeit unterstellen mag, deren Jobs jedoch mit realistisch beurteilbarer Sicherheit von Parteien-Goodwill abgesichert sind, die mediale Zukunft auf dem Verhandlungstisch mit privaten Medienunternehmen verschachert, nur damit es keinen Krawall gibt. Das geht so nicht und es darf nicht sein.

Dialogfähigkeit ist das, was ich von einer modernen Anstalt des öffentlichen Rechts erwarte und erst recht von einer Unternehmung wie dem ZDF, in dem überproportional viele Menschen zusammenkommen, die wissen, wie Medien und Meinung funktionieren. Gelegentlich muss man auch für seine eigene Meinung einstehen und auch kämpfen.

Diese Zeit ist nun gekommen. Es gibt Dinge zu sagen, die jetzt gesagt werden müssen. Wie stellen wir uns Fernsehen in Zukunft vor? Wie stellen wir uns Fernsehen im Internet vor? Wie stellen wir uns Journalismus im Internet und im Fernsehen vor? Fragen, die private Unternehmen nur beantworten, wenn sie sich ordentlich vermarkten lassen, jederzeit auf Kosten der Meinungsfreiheit, wenn es unbequem wird. Die öffentlich-rechtlichen Medien dürfen und müssen sich solchen Diktaten widersetzen.

Ein Addendum wg. einer berechtigten Rückfrage: In der Einleitung schreibe ich, dass ich die Zugriffe vom ZDF-Netzwerk sehe. Das ist erklärungsbedürftig. Natürlich sehe ich diese Zugriffe nur in der Form, dass sie über einen Proxyserver laufen, die zum IP-Adressnetzwerk des ZDF gehören. Dieses Netzwerk beschränkt sich auf öffentliche IP-Adressen von 91.197.28.0 bis 91.197.31.255 (alles recherchierbar beim RIPE). Alles, was aus dem ZDF-Netzwerk nach außen muss, bekommt irgendwann von einem Proxyserver eine öffentliche IP-Adresse aus dem obigen Netzbereich und lässt keine Rückschlüsse auf den tatsächlichen Rechner innerhalb des ZDF-Netzwerkes zu. Um es vereinfacht zu sagen: Ich sehe nicht, wer genau aus dem ZDF-Netzwerk diesen Artikel gelesen hat und kann demzufolge auch solche nicht vorhandenen Informationen auch nicht speichern.

Das Anzeigenblatt als Sargnagel der Tageszeitung.

Wer im Raum Pforzheim auf seinem Briefkasten kein Verbot für den Einwurf von Werbung kleben hat, durfte an diesem Wochenende einen Neuzugang in Sachen Totholz-Publishing empfangen und ein neues Anzeigenblatt namens „Pforzheimer Woche“ bewundern. Ein gar nicht so dünnes Blatt mit zwei Heften, das eine genauere Betrachtung verdient. Es ist nämlich ein hochinteressantes Anzeigenblatt, obwohl es eigentlich einen Informationsgehalt von nahe Null hat.

Nahblick in die „Pforzheimer Woche“

Das Blatt stammt aus dem Mutterhaus der „Pforzheimer Zeitung“, dem Noch-Lokalmatador in Sachen Lokalzeitung. Und allein schon deshalb ist die „Pforzheimer Woche“ auf den ersten Blick ein Anachronismus, denn aus dem gleichen Verlag erscheint schon jeden Donnerstag ein Anzeigenblatt namens „PZ-Extra“, das deutlich umfangreicher ist.

Schaut man sich die „Pforzheimer Woche“ näher an, konkretisiert sich der Eindruck in Sachen „Anzeigenblatt“ in praktisch allen Kernpunkten, die eine Zeitung ausmachen:

  • Der „Nachrichtenteil“ beschränkt sich auf jeweils drei halbe Seiten, die jeweils mit einem Agenturtext inklusive Agenturbild gefüllt sind. Netterweise wird der Hinweis auf die Agentursherkunft „vergessen“, stattdessen wird der Korrespondent benannt und mit dem Standorthinweis Berlin. So kann man es natürlich auch machen.
  • Im ersten Heft des Blattes findet sich ein Immobilien- und ein Kfz-Teil, sowie die Kleinanzeigen. Zumindest letztere sind identisch mit den Anzeigen in der Samstagsausgabe der Pforzheimer Zeitung. Das zweite Blatt ist vollständig dem Stellenmarkt gewidmet und enthält ab Seite 2 Stellenanzeigen, ebenfalls zu einem großen Teil der Inhalt, der auch in der Samstagsausgabe der Pforzheimer Zeitung erscheint.
  • Anzeigen in der „Pforzheimer Woche“ sind nur mit einer regulären Anzeige in der „Pforzheimer Zeitung“ möglich.
  • Im Impressum findet sich keine Redaktion und kein einziger aufgezählter Redakteur.
  • Es gibt – zumindest derzeit – keine offzielle IVW-Auflagenzählung, die Selbstangabe von einer Auflagenzahl von 125.000 ist mit der gebotenen Vorsicht zu genießen.

Der Untergang der Zeitungsanzeigen

Schon allein aus diesen Kernpunkten ist der Sinn und Unsinn der „Pforzheimer Woche“ weitgehend klar und es zeichnet sich der Teufelskreis ab, in den vor einigen Jahren schon der Zeitungsmarkt in den USA heftigst gezogen wurde und eine Reihe von Zeitungen hat eingehen lassen:

  1. Die Zahl der Abonnenten und Verkäufe sinkt, ebenso demnach die Auflagenzahlen und damit die Reichweite.
  2. Fehlende Verkaufserlöse müssen durch steigende Anzeigenpreise aufgefangen werden.
  3. Es werden weniger Anzeigen geschaltet.
  4. Sinkende Verkaufs- und Anzeigenerlöse sorgen für noch weniger Einnahmen und haben Einsparungen und Personalabbau zur Folge.
  5. Weniger Personal kann auch nur deutlich weniger uniquen Inhalt machen = Teufelskreis, der bei Punkt 1 wieder beginnt.

Mit der „Pforzheimer Woche“ scheint man also das zu machen, was immer noch am einfachsten aus dem Blick eines traditionellen Papierbedruckers scheint: Reichweite aufzufangen, die durch das Bezahlblatt verlorengeht. Und das ist ein böses Vabanque-Spiel, weil es der Konkurrenz in die Hände spielt.

Denn die zweite, große Tageszeitung in Pforzheim, der „Pforzheimer Kurier“, spielt im hiesigen Anzeigenmarkt quasi gar nicht mit, was am Naturell des Blattes liegt. Sie ist nur eine Lokalausgabe der „Badischen Neuesten Nachrichten“ und hat in der Pforzheimer Lokalausgabe mit einer derzeitigen Auflage von etwa 4.500 Exemplaren gerade mal etwas über 10 % von dem, was aktuell die Pforzheimer Zeitung aus ihren Druckerpressen wirft.

Während der Lokalteil des „Pforzheimer Kuriers“ in den letzten Monaten sichtbar an Qualität gewonnen hat, leidet die Qualität des Blattes immer noch darunter, dass es relativ wenig Anzeigen aus Wirtschaft, Stellenmarkt und Kleinanzeigenbereich gibt. Es fehlt dem Kurier-Leser nicht wirklich (immerhin ist das Abo rund 10 % günstiger, als das der großen Konkurrenz), aber es wäre eigentlich nicht schlecht, wenn es das auch noch gäbe, weil diese Teile einen großen Teil des lokalen Informationswesens ausmachen. Und mit der „Pforzheimer Woche“ kommen diese Teile nun samstags kostenlos von der Konkurrenz daher und ergänzen den „Pforzheimer Kuriers“ ironischerweise fast ideal.

Willkommen in der nächsten Stufe der Zeitungskrise

Und diese nächste Stufe muss man gar nicht mehr ankündigen, die „Pforzheimer Woche“ ist das Ergebnis dieser Stufe. Es geht in Sachen papierne Zeitung ums Eingemachte. Und das, was ich mal vor über zwei Jahren skizziert hatte, tritt nun ein. Es wird eng und eigentlich ist die letzte Gelegenheit, einen fast schon unmenschlich Akt zu vollbringen und die Veröffentlichungsstrategie zum schnellstmöglichen Zeitpunkt auf Online zu schwenken, schon fast verpasst.

Denn wer glaubt, die Pforzheimer Zeitung hätte sich im Internet schon ein veritables und festes Standbein geschaffen, irrt auch hier. Auch hier sind seit einigen Monaten die Zugriffszahlen im Abwärtstrend, allenfalls stagniert es. Käme man hier endlich mal zur Erkenntnis, die Leser der Website nicht nur mit Dünnschiss-Nachrichten abzuspeisen, sondern eben mit zumindest einem größeren Teil des echten Contents, dann könnte man hier zumindest einen Teil der Reichweite herüberretten, der im Printbereich verlorengeht.

Könnte. Wenn man wollte. Aber das glaube ich inzwischen nicht mehr.