Kommissarin Lund: Die Chefin ist wieder da.

Wenn ich hier im Blog von Kommissarin Lund bzw. von Forbrydelsen, wie die Krimiserie im dänischen Original heißt, schreibe, dann schreibe ich von einem Quotenbringer. Im Fernsehen und hier im Blog. Dass sich die dritte Staffel ab dem 10. März im ZDF ankündigt, dieses Mal immerhin nur fünf Monate nach dem Start in Dänemark, habe ich schon längst am Anwachsen der Suchanfragen bemerkt. Dabei geht es hier ja nur um die Lösung der ersten Staffel.

Immerhin, die dritte Staffel zeigt vor allem mal eines: Die Dänen sind offensichtlich dabei, ihren Kampfeinsatz in Afghanistan vollständig zu verarbeiten. Zu viele Krimiserien hatten in den vergangenen Jahren mehr oder weniger verkrampfte und mitunter fast schon haarscharf rassistisch anmutende Verzweigungen in Vorurteile, die man dann auch noch gern mit der – ich sage es jetzt mal möglicherweise offensiv – implizierten terroristischen Leichtfüßigkeit in arabischen Ländern verortete. Dazu zählte Forbrydelsen, aber auch und vor allem die Serie „Protectors“, im dänischen Original „Livvagterne“. Zweifellos allesamt moderne Krimiserien mit enormer Erzählgeschwindigkeit und mindestens drei gleichzeitig laufenden Erzählsträngen, allerdings stößt eben die ziemlich einseitige Einbeziehung von hochkomplexen internationalen politischen Bewegungen schnell an seine erzählerischen Grenzen. Vieles kann man nicht gut in einem Krimi erklären, der ja in erster Linie unterhaltsam sein soll, und dann bleiben am Ende Sachlichkeit, Wahrheit und Zusammenhänge auf der Strecke. Das war so ein grundsätzliches Ding, warum mir die zweite Staffel von Forbrydelsen recht schnell zum Halse herauskam, die als Basis mehrere Morde hatte, die zunächst in einem islamistischen Hintergrund vernordet wurden, später dann aber im dänischen Militär. Sicher, man bekam die erzählerische Kurve, aber die ersten Folgen waren schon am Rande des Erträglichen. Don’t mix serious entertainment with politics.

Und das bei einer Protagonistin, die eigentlich gar nicht so recht in die Welt des Krimis passt. Wohnt in keiner hippen Wohnung, fährt kein kultiges Auto, setzt sich nicht übermäßig in Szene. Sondern ist durch und durch ein Traum eines jeden Vorgesetzten. Schafft bis zum Umfallen, sieht sich als absoluter Teamplayer und überlässt den Ruhm den Schreibtischtätern der mittleren Führungsebene. Da kann man Lund auch problemlos für die wirklich harten Fälle einsetzen, ohne jegliche Gefahr, dass da jemand ermittelt, der irgendwann den Höhenflug bekommt.

So hat man sich bei der dritten Staffel, die gleichzeitig auch die letzte der Serie werden soll, wieder auf „Bewährtes“ zurückgefunden und bleibt im Land. Das Dänemark in der Zeit der globalen Finanzkrise. Die hat unter anderem dazu geführt, dass die Dienststelle von Sarah Lund Einsparungsmaßnahmen durchführen muss und Lund überlegt, in die Verwaltung überzuwechseln. Das wird allerdings zunächst dadurch schwierig, dass ein mysteriöser Mordfall aufgeklärt werden muss, zu dem sich schon in der ersten Staffel gleich noch ein paar weitere Tote dazugesellen, deren gesellschaftliche Zugehörigkeit und deren Art des Ablebens so gar nicht zusammenpassen wollen. Von Verwicklungen bis in die höchsten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zonen darf ausgegangen werden, so dass die gewaltigen 10 Stunden dieser Staffel, die in der deutschen Fassung wieder auf fünf jeweils zweistündige Folgen portioniert sind, sehr spannend sein dürften.

Die nächsten fünf Sonntage bin ich also jeweils zwischen 22 und 24 Uhr telefonisch nicht zu sprechen, auch nicht in Notfällen.

Helle Nippel und Anal-Bleaching.

Normalerweise bin ich hier in den Pforzheimer Online-Kreisen der Chef für die unappetitlicheren Dinge und das wirklich schon seit einigen Jahren. Und würde man jemanden hier fragen, wer denn am ehesten über „helle Nippel und Anal-Bleaching“ im Web schreibt, dann würde es nicht lange dauern, bis mein Name fällt. Meinen Status als Herr der Pforzheimer Online-Kanalisation habe ich mir hart und ausdauernd erarbeitet und eigentlich will ich mir diesen Titel nicht einfach so wieder wegnehmen lassen. Ein dahingehender Kampf wäre unerbittlich, ich kann in der Anwendung von Sarkasmus wirklich ganz schlimm werden.

Ich muss aber leider mitteilen: Die obige Überschrift stammt nicht von mir. Ich habe mit helle Nippel und Anal-Bleaching nichts zu tun. Und ich habe sogar keine Ahnung, was mit hellen Nippeln und Anal-Bleaching gemeint ist. Aber dafür habe ich nun harte Konkurrenz hier in Pforzheim bekommen. Und dann auch gleich noch das Undankbarste, was mir passieren konnte: Die Pforzheimer Zeitung. Glaubstdunicht? Muhahaha … die untenstehende Überschrift ist anklickbar:

Es ist aus. Ich kann nur noch hart lachen. Ich gebe mich geschlagen und gebe die Pforzheimer Online-Kanalisation völlig entwaffnet frei. Miriam, du bist meine Heldin, du darfst mein Kanalisationschef-Perlendiadem kampflos haben. Gegen helle Nippel und Anal-Bleaching komme ich nicht an, ich kann so einen Artikel nicht mehr mit einem sarkastischen Kommentar unterlegen. Ich habe fertig, ich huldige dir.

Wir brauchen vielleicht doch das Leistungsschutzrecht, damit so Suchmaschinen wie Google zukünftig Lizenzgebühren zahlen müssen, um solche publizistischen Schätze aufführen zu dürfen. Was täten wir ohne sie?

Long Tail in Sachen Krimiauflösung im Fernsehen.

Hier im Blog gibt es einige Evergreen-Artikel. Dazu gehören die Artikel, in denen beschrieben ist, wie dem iPhone die Synchronisation mit dem Google Kalender und Adressbuch beizubringen ist, die allein weit über 50 % der Suchanfragen für sich beanspruchen. Gleich danach kommt aber ein Artikel, der anfangs praktisch gar keine Relevanz hatte: Der Artikel mit der Lösung der ersten Staffel der dänischen Krimiserie Forbrydelsen, in Deutschland bekannt unter dem Namen „Kommissarin Lund“. Das liegt vor allem daran, dass Forbrydelsen zu den skandinavischen Krimiserien gehört, die sehr komplex daherkommen. Immerhin dauert die erste Staffel, die im Original aus 20 Folgen besteht, schlappe 1.100 Minuten. Wohlgemerkt: Die Staffel ist ein einziger Fall mit mehreren, ineinander verwobenen Geschichtssträngen. Die komplexe Geschichte führt dazu, dass die Auflösung ebenfalls komplex ist. Zudem überschlagen sich in der letzten Folge die Ereignisse dermaßen, dass ich damals nach der Erstausstrahlung im ZDF die Auflösung nochmal komplett gebloggt habe.

So ein Artikel, der ein sehr spezifisches Thema behandelt aber prinzipiell dauerhaft interessant ist, ist ein klassischer Fall für das Long-Tail-Phänomen. Kurze, relativ hohe Peaks umrahmen ein Thema, das die meiste Zeit jedoch kaum von Interesse ist. Und die kurzen Peaks sehen aus Sicht des Webstatistikprogramms Piwik, das mein Weblog permanent untersucht, folgendermaßen aus (Klick für die Großansicht):

Beachtet werden muss zunächst, dass die Statistikauswertung erst ab dem 1. April 2012 beginnt. Das normale, tägliche Grundrauschen bewegt sich zwischen 0 und 8 Seitenabrufen, die auf diesem Blog-Artikel landen, allesamt mit Begrifflichkeiten um „kommissarin lund“ etc. Auffallend sind zwei dicke Ausreißer, genau am 17. August 2012 mit 89 Abrufen und am 1. September 2012 mit 125 Abrufen. Ferner noch der 24. September mit 21 und der 21. Oktober mit 16 Seitenabrufen.

Und das hat seine genau definierbaren Gründe, denn in diesen Zeiträumen wurde die erste Staffel von Forbrydelsen laut fernsehserien.de im deutschsprachigen Raum im Fernsehen auf arte wiederholt:

  • Am Donnerstag, 16. und Freitag, 17. August die Folgen 1 bis 6
  • Am Donnerstag, 23. und Freitag, 24. August die Folgen 7 bis 13
  • Am Donnerstag, 30. und Freitag, 31. August die Folgen 14 bis 20

Und mit diesen Informationen passen die Peaks nun auch. Die Anfragenspitze am 17. August passt zum ersten Block der Folgen 1 bis 6, weil die letzte Folge noch am 17. August um 23:10 Uhr endete und sich dann genügend Zuschauer im Web auf die Suche nach der Lösung machten. Der zweite Block der Folgen 7 bis 13 fällt nicht besonders groß auf, dafür jedoch der dritte Block der Folgen 14 bis 20. Und dass der Peak dieses dritten Blocks erst am 1. September zu messen ist, liegt daran, dass das Ende der letzten Folge an diesem Tag um 0:10 Uhr lag und damit im nächsten Tag.

Von den Besuchern, die in den Peak-Zeiten aufgrund der Suche nach der Lösung auf das Blog kamen, habe ich allerdings verhältnismäßig wenig, was in der folgenden Auswertung, ebenfalls aus Piwik, ersichtlich ist:

Dort ist auf der linken Seite eingeblendet, mit welchen hauptsächlichen Begrifflichkeiten in dem gesamten Zeitraum der vergangenen Monate die Besucher von Suchmaschinen aus auf den Artikel gekommen sind. Auf der rechten Seite eingeblendet ist der Weg, den die Besucher auf meinem Blog dann danach gegangen sind. In der Mitte der Grafik findet sich die eigentliche Auswertung.

Im Klartext interpretiert bedeutet das, dass die insgesamt 1.347 Seitenabrufe von 993 Suchmaschinenanfragen initiiert wurden und 1.193 dieser Seitenabrufe auch direkt nach dem Lesen des Artikels wieder zum Ausstieg führten. Nur 35 Anfragen führten zu weiteren Seitenabrufen im Blog – eine Ausstiegsrate von fast 89 %, das allerdings bei diesem sehr spezifischen Spezialthema so auch zu erwarten ist.

Sind wir in Deutschland zu „krimigeil“?

Ich hatte einmal eine recht interessante Diskussion in einer Kneipe am Start, bei der es um das Fernsehprogramm ging. Und zwar im Detail darum, warum US-amerikanische Serien in Deutschland (und nicht nur dort) so gut funktionieren und deutsche Serien so gar nicht – außer Krimis. So Serien wie Derrick, die vor allem dadurch glänzen, dass sie im Prinzip furchtbar langweilig sind und vollkommen ohne Action und und Glamour daherkommen, sind in der Welt überaus begehrt. Und wenn man sich die Physiognomie näher anschaut, bekommt man auch die passende Antwort.

Krimis im Fernsehen – eine Nahbetrachtung des Fernsehprogramms

Der subjektive Eindruck, das Fernsehen sei voll mit Krimiserien und „krimiähnlichen“ Programmen wollte einmal mit verlässlichen Zahlen untermauert werden. Also habe ich mir mal das Fernsehprogramm einer Woche im September (von Samstag bis Freitag) geschnappt und ausgewertet. Und der subjektive Eindruck wird plötzlich sehr objektiv. In den Zahlen eingerechnet sind Polizeiserien wie das „Großstadtrevier“ und als Spezialfall auch die Fahndungssendung „Aktenzeichen XY“:

  • ARD: 5 Stunden, 45 Minuten
  • ZDF: 14 Stunden, 15 Minuten
  • RTL: 1 Stunde
  • Sat 1: 0 Stunden
  • Pro Sieben: 0 Stunden

Tatsächlich ist das ZDF absoluter Krimikanal. Neben den Freitags-, Samstags- und Sonntagskrimis gibt es eine ganze Phalanx an SOKO-Serien im Vorabendprogramm, so dass das ZDF pro Tag durchschnittlich auf über zwei Stunden Kriminalität kommt. Und betrachtet sind hier nur Krimiserien, also keine Spielfilme. Das ist eine ganze Menge Elend.

Warum Krimiserien?

Man sollte nun einmal hinterfragen, warum wir eigentlich so viele Krimiserien am Start haben. Zuerst käme man vielleicht auf die These, dass wir in Deutschland einfach gern Krimis anschauen. Gegenfrage: Tun wir das wirklich? Denn wenn wir allein nur einmal anschauen, dass die oben gezählten 21 Stunden Kriminalität auf gerade einmal drei Programme verteilt sind und von diesen drei Programmen das eine Programm nur 1 Stunde zählt, dann ist das nicht sehr homogen. Noch inhomogener wird das, wenn man berücksichtigt, dass ARD und ZDF in der so genannte „werberelevanten Zielgruppe“ deutlich auf verlorenem Posten steht. Und dazu kommt dann auch noch, dass eine ganze Latte dieser Krimiserien nicht in der Primetime laufen, wie beispielsweise ein Teil der SOKO-Serien und auch „Großstadtrevier“ der ARD, die allesamt im Vorabendprogramm gesendet werden und eher zur seichten Kost gehört.

Vielmehr gehören Krimis zu einer der ersten Unterhaltungsformen des Fernsehens und prägen das Fernsehen von Anfang an. Während in den USA das klassische Crime-TV in den 1970ern sein All-Time-High hatte und seitdem – mit Ausnahmen – auf dem absteigenden Ast ist, ist im deutschen Fernsehen von einem absteigenden Ast kaum etwas zu sehen, zumindest in Sachen Quantität.

Das liegt mitunter an zwei zentralen Eigenschaften von Krimiserien, zählen wir sie mal zu „Fernsehen 1.0“:

  • Vergleichsweise einfach strukturierte Drehbücher
  • Keine aufwendigen Studioproduktionen
  • Keine Spezialeffekte und damit günstige Postproduktion
  • In der Regel streng episodisch abgeschlossene Erzählformen
  • Krimis sind „ernste“, internationale und überparteiliche Kost, ohne die Gefahr, irgendwo größer anzuecken, wenn man es nicht darauf ankommen lässt

Fernsehen im Zeitalter des Multikanals

Das Ende des Fernsehens ist demnächst sicherlich nicht zu erwarten. Sehr wohl aber eine grundlegende Änderung des Sehverhaltens der Fernsehzuschauer. Fernsehen ist immer weniger eine Geschichte, die man jeden Abend einschaltet, um dann x Stunden bis zum Einschlafen darin in ein Programm hineinzuschauen. Es ist schon heute so, dass Fernsehen eine selektive und immer selektiver werdende Geschichte ist. Fiktionale Unterhaltung muss daher extrem professionell daherkommen, um überhaupt als unterhaltend erkannt und akzeptiert zu werden.

Das ist der Grund, weshalb amerikanische Produzenten von hochklassigen Fernsehserien schallend über die Kosten von 1 bis 1,5 Millionen Euro einer mittelmäßigen Tatort-Folge lachen können. Eine aktuelle Folge der Simpsons wird beispielsweise mit 1 Million US-Dollar veranschlagt, wobei zu berücksichtigen ist, dass es Trickfilm ist und die Trickarbeiten in Billiglohnländern produziert werden. Eine Folge „Dr. House“ gibt es, wenn man diversen Quellen glauben darf, gar erst ab 3 Millionen US-Dollar pro Folge und das ist für eine Serie, die quasi komplett in einem Studio produziert wird, nur 45 Minuten dauert und pro Staffel mindestens 20 Folgen aufweist, eine gewaltige Zahl.

Die Budgets allein sind es aber nicht, denn das würde beispielsweise nicht den Erfolg der vielen Sitcoms erklären, die in den USA produziert werden und es hier in Deutschland teilweise noch nicht mal auf die Programmtafeln schaffen. Hier gilt immer noch der Gedanke, dass Sitcoms eigentlich im „ernstne“, deutschen Fernsehen nichts zu tun haben und eher zu Klamauk gezählt werden. Ein grober Kardinalfehler, denn auch wenn Sitcoms oftmals eher unterhaltenden Charakter haben, haben Sie einen großen Vorteil: In ihnen lässt sich das normale Leben (soweit man davon sprechen mag) immer noch am besten verarbeiten.

Ein weiterer Punkt betrifft praktisch die gesamte Unterhaltung: Sie wird nicht von einem Drehbuchautor geschrieben, sondern von einer ganzen Batterie von gleichberechtigten Autoren, in der Regel auch mit mehreren Autoren pro Folge. Das gibt schon allein dadurch, dass mehrere Augenpaare mehr sehen, als nur eines, den großen Vorteil, dass eine Serie deutlich vielfältiger ist, als z.B. 20 Jahre Derrick. In vielen Ländern wird die fast schon maschinell wirkende Konstanz von Derrick hochgelobt und als „typisch deutsch“ eingeschätzt, aber das ist eigentlich kein Vorteil, das ist ein großes Dilemma, das man auflösen müsste.

Neue Formen, Formate, Experimente

Eigentlich mangelt es im deutschen Fernsehbetrieb an nichts: Es gibt eine gut entwickelte öffentlich-rechtliche Senderstruktur, es gibt große Privatsenderketten, es gibt etabliertes Pay-TV und es gibt eine umfangreiche Landschaft von privaten Produktionsgesellschaften, die Auftragsarbeit verrichten können, wenn der Etat stimmt. Man könnte loslegen – wenn man wollte.

Aber will man? Wenn man sich gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehmilieu anschaut, darf man getrost daran zweifeln. Experimentielle Formate finden keinen Platz, bei der ARD zudem keine echte Geduld mit der Intendantenriege. Das ZDF probiert sich wenigstens mit dem Digitalkanal ZDF Neo, hier fehlt es aber meiner Meinung nach am richtigen „Tritt“, auch mal etwas größeres zu produzieren und auszuprobieren. Der Raum dazu wäre da und noch nie gab es wirksamere Möglichkeiten der Begleitberichterstattung, wie im Internet- und Facebook-Zeitalter.

Man müsste wollen. Mut zur Lücke haben. Leuten die Luft zum Experimentieren lassen. Mal das Publikum fragen, was es sehen möchte und vielleicht das Publikum auch einmal mitarbeiten lassen an der Entwicklung eines neuen Formates. Man will nicht. Und versteht nicht, dass auf die „klassische“ Weise das moderne Fernsehen von morgen nicht funktionieren wird.

Das Anzeigenblatt als Sargnagel der Tageszeitung.

Wer im Raum Pforzheim auf seinem Briefkasten kein Verbot für den Einwurf von Werbung kleben hat, durfte an diesem Wochenende einen Neuzugang in Sachen Totholz-Publishing empfangen und ein neues Anzeigenblatt namens „Pforzheimer Woche“ bewundern. Ein gar nicht so dünnes Blatt mit zwei Heften, das eine genauere Betrachtung verdient. Es ist nämlich ein hochinteressantes Anzeigenblatt, obwohl es eigentlich einen Informationsgehalt von nahe Null hat.

Nahblick in die „Pforzheimer Woche“

Das Blatt stammt aus dem Mutterhaus der „Pforzheimer Zeitung“, dem Noch-Lokalmatador in Sachen Lokalzeitung. Und allein schon deshalb ist die „Pforzheimer Woche“ auf den ersten Blick ein Anachronismus, denn aus dem gleichen Verlag erscheint schon jeden Donnerstag ein Anzeigenblatt namens „PZ-Extra“, das deutlich umfangreicher ist.

Schaut man sich die „Pforzheimer Woche“ näher an, konkretisiert sich der Eindruck in Sachen „Anzeigenblatt“ in praktisch allen Kernpunkten, die eine Zeitung ausmachen:

  • Der „Nachrichtenteil“ beschränkt sich auf jeweils drei halbe Seiten, die jeweils mit einem Agenturtext inklusive Agenturbild gefüllt sind. Netterweise wird der Hinweis auf die Agentursherkunft „vergessen“, stattdessen wird der Korrespondent benannt und mit dem Standorthinweis Berlin. So kann man es natürlich auch machen.
  • Im ersten Heft des Blattes findet sich ein Immobilien- und ein Kfz-Teil, sowie die Kleinanzeigen. Zumindest letztere sind identisch mit den Anzeigen in der Samstagsausgabe der Pforzheimer Zeitung. Das zweite Blatt ist vollständig dem Stellenmarkt gewidmet und enthält ab Seite 2 Stellenanzeigen, ebenfalls zu einem großen Teil der Inhalt, der auch in der Samstagsausgabe der Pforzheimer Zeitung erscheint.
  • Anzeigen in der „Pforzheimer Woche“ sind nur mit einer regulären Anzeige in der „Pforzheimer Zeitung“ möglich.
  • Im Impressum findet sich keine Redaktion und kein einziger aufgezählter Redakteur.
  • Es gibt – zumindest derzeit – keine offzielle IVW-Auflagenzählung, die Selbstangabe von einer Auflagenzahl von 125.000 ist mit der gebotenen Vorsicht zu genießen.

Der Untergang der Zeitungsanzeigen

Schon allein aus diesen Kernpunkten ist der Sinn und Unsinn der „Pforzheimer Woche“ weitgehend klar und es zeichnet sich der Teufelskreis ab, in den vor einigen Jahren schon der Zeitungsmarkt in den USA heftigst gezogen wurde und eine Reihe von Zeitungen hat eingehen lassen:

  1. Die Zahl der Abonnenten und Verkäufe sinkt, ebenso demnach die Auflagenzahlen und damit die Reichweite.
  2. Fehlende Verkaufserlöse müssen durch steigende Anzeigenpreise aufgefangen werden.
  3. Es werden weniger Anzeigen geschaltet.
  4. Sinkende Verkaufs- und Anzeigenerlöse sorgen für noch weniger Einnahmen und haben Einsparungen und Personalabbau zur Folge.
  5. Weniger Personal kann auch nur deutlich weniger uniquen Inhalt machen = Teufelskreis, der bei Punkt 1 wieder beginnt.

Mit der „Pforzheimer Woche“ scheint man also das zu machen, was immer noch am einfachsten aus dem Blick eines traditionellen Papierbedruckers scheint: Reichweite aufzufangen, die durch das Bezahlblatt verlorengeht. Und das ist ein böses Vabanque-Spiel, weil es der Konkurrenz in die Hände spielt.

Denn die zweite, große Tageszeitung in Pforzheim, der „Pforzheimer Kurier“, spielt im hiesigen Anzeigenmarkt quasi gar nicht mit, was am Naturell des Blattes liegt. Sie ist nur eine Lokalausgabe der „Badischen Neuesten Nachrichten“ und hat in der Pforzheimer Lokalausgabe mit einer derzeitigen Auflage von etwa 4.500 Exemplaren gerade mal etwas über 10 % von dem, was aktuell die Pforzheimer Zeitung aus ihren Druckerpressen wirft.

Während der Lokalteil des „Pforzheimer Kuriers“ in den letzten Monaten sichtbar an Qualität gewonnen hat, leidet die Qualität des Blattes immer noch darunter, dass es relativ wenig Anzeigen aus Wirtschaft, Stellenmarkt und Kleinanzeigenbereich gibt. Es fehlt dem Kurier-Leser nicht wirklich (immerhin ist das Abo rund 10 % günstiger, als das der großen Konkurrenz), aber es wäre eigentlich nicht schlecht, wenn es das auch noch gäbe, weil diese Teile einen großen Teil des lokalen Informationswesens ausmachen. Und mit der „Pforzheimer Woche“ kommen diese Teile nun samstags kostenlos von der Konkurrenz daher und ergänzen den „Pforzheimer Kuriers“ ironischerweise fast ideal.

Willkommen in der nächsten Stufe der Zeitungskrise

Und diese nächste Stufe muss man gar nicht mehr ankündigen, die „Pforzheimer Woche“ ist das Ergebnis dieser Stufe. Es geht in Sachen papierne Zeitung ums Eingemachte. Und das, was ich mal vor über zwei Jahren skizziert hatte, tritt nun ein. Es wird eng und eigentlich ist die letzte Gelegenheit, einen fast schon unmenschlich Akt zu vollbringen und die Veröffentlichungsstrategie zum schnellstmöglichen Zeitpunkt auf Online zu schwenken, schon fast verpasst.

Denn wer glaubt, die Pforzheimer Zeitung hätte sich im Internet schon ein veritables und festes Standbein geschaffen, irrt auch hier. Auch hier sind seit einigen Monaten die Zugriffszahlen im Abwärtstrend, allenfalls stagniert es. Käme man hier endlich mal zur Erkenntnis, die Leser der Website nicht nur mit Dünnschiss-Nachrichten abzuspeisen, sondern eben mit zumindest einem größeren Teil des echten Contents, dann könnte man hier zumindest einen Teil der Reichweite herüberretten, der im Printbereich verlorengeht.

Könnte. Wenn man wollte. Aber das glaube ich inzwischen nicht mehr.

Gottschalk Live – war was?

Vielleicht hätte man zur ersten Sendung von Thomas Gottschalk einen anderen Gast als Bully Herbig eingeladen, einem der wenigen Menschen mit der seltenen Begabung, sehr schnell sehr viel sehr wenig inhaltliches zu sagen. Vielleicht hätte man es mit etwas weniger jugendlich anmutendem Hipp probiert. Vielleicht hätte man Thomas Gottschalk vielleicht mal ein vernünftiges Einstiegsthema gegeben. Oder vielleicht die Studioeinführung etwas umfassender machen lassen. Keine Ahnung. Die „ARD-Standardkrawatte“ ist jedenfalls kein echter Hammer, denn wenn es einen Sender gibt, bei dem man fest davon überzeugt sein könnte, dass es Standardkrawatten geben könnte, dann ist es genau die ARD.

So war die Premiere von „Gottschalk Live“ eine Veranstaltung, die so durchgelaufen ist, wie normalerweise das normale ARD-Vorabendprogramm bisher durchgelaufen ist. Nach zehn Minuten hielt Thomas Gottschalk das hohe Tempo der Moderation nicht mehr durch und es ist seiner großen Moderationserfahrung zu verdanken, dass man sich dabei als Zuschauer nicht fremdschämen musste. Was war gleich noch? Wir haben „Social-Media-Frau“ Caro kennengelernt. Und einen ganz hippen Menschen mit gegelten Haaren und einem Drang, etwas sagen zu wollen, aber nicht zu dürfen. Und dann haben wir gelernt, dass Gottschalk keinen Cousin in Polen hat, sondern in Leipzig. Bully Herbig und die erste Werbepause kamen dann genau zur richtigen Zeit. Und dann noch einen Blick auf die Bild-Zeitung und dem heutigen Aufmacher, dass Seal und Heidi oder Heidi und Seal nun nicht mehr zusammenbleiben wollen. Nachricht von gestern. Auch wenn Thomas angeblich mit Heidis Vater telefoniert hat – die so deutlich beworbenen Menschen mit Twitter- & Facebook-Account haut so ein Thema nicht vom Hocker

Apropos Werbung und Zielgruppe: Immerhin gab es hier Vorschusslorbeeren, am deutlichsten zu sehen mit der Werbung von BMW. Tatsächlich war für so ein Unternehmen wie BMW die Zeit vor der Tagesschau eher kein Zeitraum, um dort einen Spot für die übliche Zielgruppe der 3er-Fahrer zu platzieren. Und es störte noch nicht mal der obligatorische Spot für die samstägliche Tagesschau, obwohl man die ja nun nicht wirklich bewerben muss.

Die zwei Werbepausen und das eingebettete Wetter (auf so ein Ding muss man auch erst einmal kommen) zersägten dann Gottschalk Einstand gänzlich. Einen entgleitendenden Dialog mit einem Schnellsprecher nach drei Unterbrechungen aufzufangen und in den paar Minuten dann auch noch halbwegs sinnvoll die Produktwerbung für Herbigs Film einzufriemeln, gelingt noch nicht mal Thomas Gottschalk. Zumindest lernt der Zuschauer, dass er immer noch ein Mensch ist und kein Moderationsroboter.

Und so beschlich mich nach 20 Minuten die gleiche, fast schon vergessene Angst und Ratlosigkeit darüber, wie Thomas Gottschalk diese Sendung, die für ihn eigentlich völlig nichtig und albern ist, zu retten vermag, ähnlich wie vor gefühlten 20 Jahren bei Gottschalks Ausflug in die RTL-Latenight. Nichts passiert, nichts haften geblieben und wenn ich die Sendung nicht aufgezeichnet hätte, hätte ich einige Punkte in diesem Artikel kaum noch zusammenbekommen.

Wird ein hartes Stück Arbeit, Thomas.

Danke, Thommy!

Ich muss schon wirklich sehr lange zurückdenken, wenn ich mich daran erinnern will, wann ich „Wetten, dass..?“ das letzte Mal wirklich in voller Länge angeschaut habe. Das muss irgendwann in den Neunzigern gewesen sein. Heute war eine Ausnahme, ich habe kurzfristig tatsächlich Termine sausen lassen, die das überschnitten hätten. Aber es musste sein, mein „interner Besim“ sagte mir, dass „Wetten, dass..?“ heute anzuschauen sei. Weil ein guter Freund heute Abschied feiert.

Vor einem Jahr habe ich einmal über das „Thomas-Gottschalk-Syndrom“ gebloggt. Dieses von mir frei so benannte Syndrom, das eigentlich ja gar keine Krankheit ist, habe ich als Überbegriff für ein Phänomen genommen, das in unserer Medienwelt auftritt: Als Zuschauer entwickelt man zu einem Prominenten – wenn man ihn gut leiden mag – ein seltsames Gefühl der Zuneigung und Freundschaft. Man hat das Gefühl, den Menschen gut zu kennen, er ist pünktlich, immer freundlich, gut zur Familie, unterhaltsam, spannend und doch etwas durchtrieben. Und obwohl wir fast schon glauben, ihn so gut zu kennen zu, kennt er uns nicht. Er unterhält uns nach dem One-to-many-Prinzip, absolut anonym. Vor der Kamera ist er, hinter der Kamera zig Millionen Menschen und die allerwenigsten dieser Menschen kennen ihn persönlich. Dennoch, für die meisten Menschen ist es „der Thommy“. Ein guter Freund des Hauses, der bei vielen Menschen einmal im Monat eintreten darf und zwei, drei Stunden Frohsinn mitbringt. Dem aber sicherlich auch genügend Menschen sofort und selbstlos bei einer Autopanne helfen würde.

Das besondere am Menschen Thomas Gottschalk ist, dass er nur bedingt ein guter Schauspieler ist. Gottschalk ist Gottschalk und „Wetten, dass..?“ lebte immer davon, dass es eine sehr authentische Show um die Idee des Kräftemessens ist. Sehr schwer vorstellbar, dass in so einer Show jemand persönlich verulkt, wissentlich um seinen Sieg gebracht, denunziert, betrogen oder gedemütigt wird. Diese Grundregeln des Anstandes verkörpert Thomas Gottschalk wie kein anderer und arbeitet auch genau so. Das Verstellen ist nicht sein Ding und wenn schon verstellt werden muss, dann bitteschön so überzeichnet, dass es als Klamauk ausdrücklichst gekennzeichnet ist. Eine Art und Weise der Unterhaltung, wie ich es nur von so Menschen wie Hans Rosenthal, Peter Alexander, Frank Elstner, Carmen Nebel und auch vom einst leider viel gescholtenen Wolfgang Lippert nachhaltig kenne.

Wenn ein Freund einen Abschied feiert, geht man hin und verabschiedet ihn. Und wenn man so einen Abschied einer Person feiert, feiert man gleichzeitig auch immer einen eigenen Abschied von dieser Person. Jeder hat da seine eigenen Erinnerungen, nach 23 Jahren Gottschalksche „Wetten, dass..?“-Fernsehunterhaltung ist bei mir als 36 Jahre alter Mensch natürlich das Gefühl präsent, dass ein Stück Kindheit endet, denn auch ich habe in meiner Schulzeit montags an Gesprächen über unglaubliche Wetten teilgenommen. Später auch in der Berufsschule, auch bei der Arbeit (und ironischerweise am kontroversesten in meiner Fernsehzeit). Alles so wie der Rest der Republik ebenfalls.

Der größere Schmerz, den ich bei diesem Abschied jedoch empfinde, ist ein Verlust meiner Fernsehwelt, wie ich sie mal beruflich kennenlernte. Die drei Jahre Fernsehen zwischen 1995 und 1998, die ich als Kameraassistent begehen durfte, waren noch „alte“ Fernsehwelt, die sich schon damals nach und nach verabschiedete. Ich gebe zu, dass ich nach dieser Fernsehzeit meinen Spaß an Fernsehunterhaltung immer stärker verlor und so Juwelen wie „Wetten, dass..?“ eine Zeitlang kaum ertragen konnte, weil sie mich so an meine unbeschwerte Fernsehzeit in meiner Kindheit und an meine Fernsehzeit selbst so erinnerten. Das kann man kaum erklären, so abstrus muss sich das anhören: Kein Fernsehen schauen wollen, weil es nicht unterhält, sondern unangenehm belastet. Und ich rede da gar nicht von den wirklich verabscheuungswürdigen Formaten aus dem Privatfernsehen, das ich gänzlich nicht schaue.

Wenn man einmal beim Fernsehen gearbeitet hat und gesehen hat, wie Show produziert wird, geht viel Illusion kaputt, die man vorher noch hatte. Ich glaube, dass ein Großteil meines gepflegten Zynismus auch da herrührt. Show ist Kampf, kostet irrsinnig viel Aufwand, Geld und Nerven und dieser Kampf muss geführt werden, gelegentlich auch ohne klare Zeilführung. Wenn dann ein Thomas Gottschalk das dennoch so gut und freundlich verpackt, dass man ihn eigentlich auch gern mal persönlich im Wohnzimmer empfangen würde, dann weiß man, was echte Fernsehunterhaltung ist. Und wenn so einer sein fast schon angestammtes Boot verlässt, dann verstehe ich sehr, sehr gut, was für Klöße viele Menschen gestern um kurz nach 23 Uhr im Hals und Tränen in den Augen hatten.

Das war pure Magie im Fernsehen. Davon wird es nicht mehr viel geben.

Die gepfefferten IVW-Auflagezahlen der Regionalpresse.

Zu meiner quartalsweisen Lieblingslektüre gehören eine Reihe von trockenen Zahlen: Die IVW-Auflagezahlen für die Lokalpresse im und um Pforzheim herum. Und die haben es für den 3. Quartal in sich. Es geht nämlich konsequent abwärts.

Pforzheimer Zeitung

  • Auflagezahl von 42.418 auf 41.424 Exemplare (ein Minus von 2,34 Prozent)
  • Abonnentenzahl von 35.872 auf 35.303 (ein Minus von 1,59 Prozent)

Pforzheimer Kurier (Regionalausgabe der Badischen Neuesten Nachrichten)

  • Auflagezahl von 5,920 auf 5,747 Exemplare (ein Minus von 2,92 Prozent)
  • Abonnentenzahl von 4.004 auf 3.937 (ein Minus von 1,67 Prozent)

Und wer jetzt glaubt, dass hier vielleicht die elektronischen Abos die Zahlen verfälschen könnten – nada. Das E-Paper der Pforzheimer Zeitung hat ebenfalls verloren, nämlich einen Abonnent: Von 124 Abonnenten im zweiten Quartal blieben im dritten Quartal genau 123 (ein Minus von 0,81 Prozent).

Macht sich noch jemand anderes da draußen die quartalsweise Arbeit, seine Lokalblätter in Sachen Auflagezahlen zu messen? Ruhig mal schauen.

Zur deutschen „Wired“.

Natürlich hätte ich es besser wissen können. Die deutsche Ausgabe von „Wired“ kann nicht eine grundlegend andere „Wired“ sein, wie das amerikanische Original. Ein Magazin, das von vielen so genannten Geeks geschrieben wird und sich an Wannabe-Geeks richten soll. An die Kategorie von Möchte-gern-Geeks, die vom neuesten Nippes und Gadget in den üblichen Kanälen noch nichts mitbekommen haben und im Gegensatz zu den echten Geeks den Krempel, der da angeboten wird, potentiell auch viel eher kaufen geht. Demzufolge überrascht es überhaupt nicht, dass die Erstausgabe der deutschen „Wired“ nicht im Einzelverkauf erhältlich ist, sondern als Beilage zur Zeitschrift „GQ“ erscheint, einem der bunten und glücklicherweise völlig belanglosen Magazine für so genannte Männer.

So überraschen die Artikel, die nichts mit Netzkultur zu tun haben, auch überhaupt nicht. Von einem „Wissenschaftler, der in einem 140 Jahre alten Labor versucht, den besten Gin der Welt zu brennen“. Oder einem Artikel, der in gefühlten fünf Sätzen erklären möchte, wie „nasse Hunde, Ratten und Bären helfen, die perfekte Waschmaschine zu konstruieren“. Das ist DMAX-Niveau, wobei glücklicherweise (noch) die American Chopper und die ganz furchtbaren Ludolfs fehlen.

Die wirklich interessanten Geschichten erkennt man sehr einfach: Es sind allsamt bereits in der Blogosphäre bekannte Gesichter, die auch in der „Wired“ keine grundsätzlich andere Haltung darlegen und deren „Wired“-Artikel vermutlich zu den kürzesten Artikeln gehören, die sie je geschrieben haben. Die einzig wirklich interessante Rubrik, die „Fünf Stimmen“, in denen fünf Kolumnisten über „eine neue Zeit und ihre Menschen“ philosophieren, hat einen guten Ansatz, der allerdings nicht über die reicht berichterstattende Erklärweise hinausreicht. Doch halt: An einer Stelle wird es dann doch fast philosophisch: Bei einer Vorstellung von Menschen, die mutmaßlich die Welt verändern wollen und offenkundig daher als Geeks tituliert werden und denen das Magazin in bester Schlagzeilenmanier die Welt geben möchte.

Der Rest der elektronischen Ausgabe auf dem iPad, die ich gekauft habe, ist hochgradig nerviges Geklickere, Gezapple und akustisch nervtötendes Generve, das das Ding auf schlappe 660 Megabyte aufbläht. Und penetrante BMW-Werbung mit Autos, die es nicht zu kaufen gibt. Aber das ist dann schon wieder für viele Menschen geekig genug.

Die deutsche „Wired“ braucht, so wie das amerikanische Original, schlicht kein Mensch, weil sie trotz vieler Seiten, bunten Bildern und einem hier und da recht kreativen Layout eigentlich nichts sagt, was man als die vermeintliche Zielgruppe nicht schon mal im Web irgendwo gelesen hätte. Und daher ist die „Wired“ eher ein Magazin für Menschen, die sich dazugehörig fühlen, aber möglichst keinen Aufwand betreiben wollen oder von alldem keine Ahnung haben, aber etwas hippes Papier auf dem Interlübke-Regal ausgelegt sehen wollen.

iPad, Zeitungen und ein paar Erfahrungen mit der älteren Generation.

Vor vier Wochen kam ich auf die fatale Idee, im iPad-AppStore nachzuschauen, was es denn dort an türkischen Zeitungen so gibt. Gefunden habe ich unter anderem die Hürriyet, das ist die Tageszeitung, die mein Vater seit Jahrzehnten täglich kauft und liest. Der Fehler bestand darin, das meinem Vater zu zeigen, mit dem Hinweis, dass die iPad-Version (vorerst) nichts kostet.

Seitdem sehe ich mein iPad nur noch dann, wenn die Batterie leer ist und die leert mein Vater problemlos in drei Tagen. Mein Vater, dessen jahrelange Abneigung gegen Computer darin bestand, dass er es für komplette Verblödung hält, mehr als zehn Minuten in einen Computerbildschirm zu schauen, schaut nun problemlos drei Stunden am Stück (!) ins iPad zum Zeitunglesen. Das alles hat eine Reihe von Nebenwirkungen, die ich mal punktweise als Erfahrungssplitter aufführen möchte. Wir Onliner tun uns ja bekanntlicherweise etwas schwer damit, die Leute „da draußen“ zu verstehen:

  • Die Hürriyet macht es verhältnismäßig einfach: Der Verlag hat eine App gebaut, die die jeweils aktuelle Ausgabe in voller Gänze einbindet. Man hat also, ähnlich wie eine PDF-Datei, die gesamte Zeitung und kann in sie hineinzoomen. Das heften wir „Digital Natives“ vielleicht als „old school“ ab, für so Herrschaften wie mein inzwischen siebzigjähriger Vater ist das die einfachste Art, die Zeitung zu lesen.
  • Weiterhin macht der Verlag einen weitere, clevere Geschichte: Die Hürriyet gibt es nämlich in verschiedenen Ausgaben und die sind allesamt in der iPad-App verfügbar. In der Türkei gibt es diverse Regionalausgaben, für Europa zudem eine europäische Version. Da mein Vater sich vor allem für die türkische Innenpolitik interessiert, ist die türkische Ausgabe die interessantere für ihn.
  • Einen auf diese Weise zeitunglesenden Menschen für das Web zu begeistern, ist übrigens ein hoffnungsloses Unterfangen. Selbst der Hinweis darauf, dass er mit einigen extra von mir auf den Home-Screen positionierten Web-Apps auf Websites wie z.B. eben Hürriyet Online oder gar auf mein Blog käme, verhallt. Alles uninteressant. Der Zeitungsleser liest auf dem iPad eben seine Zeitung.
  • Ein Nebeneffekt: Mein Vater liest keine Bild-Zeitung mehr. Die kaufte er zwar auch schon seit Jahrzehnten, aber die war nur das „Anhängsel“ zur Hürriyet. Wird die Hürriyet nicht gekauft, wird auch die Bild-Zeitung nicht mehr eingeholt. Dass es die Bild-Zeitung als App gibt, interessierte meinen Vater spätestens dann nicht mehr, als ich ihm mitteilte, dass das aber Geld kostet.
  • Die spannende Frage: Würde mein Vater die Hürriyet auch weiterhin auf dem iPad lesen, wenn sie Geld kosten würde? Auf die Frage weiß er akut keine Antwort, was eigentlich kein so wirklich gutes Zeichen ist, denn so zieht offenbar die elektronische Version gar nicht so sehr, wie man sich möglicherweise von Verlagsseite erhofft. Dass man die Zeitung so schon frühmorgens lesen kann, das ist gar nicht so sehr das Killerargument für ihn. Und die Frage, dass ein iPad ja richtig Schotter kostet und das Internet ja nicht einfach so in der Luft liegt, wie es den Anschein macht, ist da auch noch nicht beantwortet. Wer das Internet an sich kaum benutzt, sondern nur Zeitung lesen möchte, zahlt so massiv drauf, dass selbst die elektronische Zeitung als Geschenk ein teurer Spaß bleibt.
  • Multimediale Werbung in der elektronischen Zeitung ist meinem Vater bisher gar nicht aufgefallen, obwohl die Hürriyet da durchaus fortschrittlich Rich-Media-Anzeigen einbettet, beispielsweise Videosequenzen. Die sind alle durch ein Wiedergabesymbol gekennzeichnet und ich habe das meinem Vater auch mal gezeigt, aber empfänglich ist er dafür noch nicht mal ansatzweise.
Ein paar niedliche Nebeneffekte:
  • Früher „hörte“ man meinen Vater beim Zeitunglesen, nämlich am Papierrascheln. Heute muss man tatsächlich nachschauen, was er treibt.
  • Mein Vater musste sich abgewöhnen, sich ständig beim Zeitunglesen an die Stirn zu fassen. Stirn hat naturgemäß Fett und wenn man da herumpult, bekommt man fettige Finger und fettige Finger sorgen dafür, dass man den Touchscreen alle halbe Stunde putzen darf. 😉
  • Für „technische Unzulänglichkeiten“ hat mein Vater kaum Verständnis. Wie, der Akku ist nach doch schon 11 Stunden Dauerbetrieb leer? Wie erkennt man das? Am „Flaschensymbol“ (das Batteriesymbol…)? Warum funktioniert das Laden der Zeitung nicht, wenn das Haus wegen vorübergehenden Arbeiten an der Spannungsversorgung ohne Strom ist (das zum Thema: „Das Internet kommt aus der Luft“). Das iPad hat schon eine hohe Idiotensicherheit, aber es gibt für Hersteller von Tablets noch viel, viel zu tun. Die Leute, von denen man noch lernen könnte, was noch fehlt, die haben meist noch keines.