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De-Mail: Die Schnüffelpost ist da.

21. Juli 2010 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in Netzpolitik

Über das “De-Mail”-Projekt habe ich schon hinlänglich gebloggt, ausnahmslos vernichtend. Bescheuert und traumbehaftet.

Ich bin da weiterhin ganz offen und halte De-Mail für nichts anderes als ein kläglicher Versuch, deutsche Behörden auf modern zu trimmen. Und für einen Versuch, den Bürgern ein System aufzuschwatzen, das sie besonders einfach kontrollieren und die dort verschobenen Inhalte im Zweifelsfall sehr einfach beschnüffeln können – so als ob tatsächlich gerade die Leute, die im Internet herumgaunern, so bescheuert sind, ausgerechnet beim Staat ein Postfach zu eröffnen, um darüber andere Leute zu betrügen. Ich kann aber inzwischen wirklich nicht mehr mit gutem Gewissen ausschließen, dass es hier und da tatsächlich durchgeknallte Politiker und Beamte gibt, die auf solche fast schon obszöne Zufälle hoffen und denen so Begriffe wie Privacy kilometerweit vorbeigehen, wenn es darum geht, den eigenen Hintern durch Aktionismus abzusichern. Das machen schon genügend Spitzenpolitiker und Spitzenbeamte mit mehr oder weniger hübsch versteckten Versuchen, Gestapo-Methoden zu etablieren, vortrefflich vor. Warum sollte es da bei den weniger begabten Politikern und Beamten anders sein?

De-Mail ist daher nichts, was man als freier Bürger nutzen will. Der Sinn ist ohne vernünftige Reform des “Backends”, also den Behörden und Ämtern, die auf elektronische Anfragen reagieren soll, zweifelhaft und der Staat ist mit seiner nach wie vor nicht vorhandenen Vision über eine vernünftige Netzpolitik und genügend nicht vertrauenswürdigen Protagonisten in verantwortlichen Stellen nicht vertrauenswürdig als Diensteanbieter. Negropontes Feststellung, dass niemand im Internet wissen könne, ob du ein Mensch oder ein Hund bist, gilt in meiner Empfindung da auch für den Staat. Mit dem Unterschied, dass es dem Staat nach wie vor völlig egal ist, ob im Internet ein Mensch oder ein Hund mit ihm kommunizieren will, er antwortet so oder so nicht. Dass das jetzt mit De-Mail fundamental anders werden soll, das glaube ich sogar nicht, wenn es als Satire in der Titanic stehen würde.

Aber auch aus technischer Sicht ist De-Mail in einem Detail das, was man in der Kryptoanalyse schon aufgrund von einfachsten Informationen über die grundlegende Architektur sofort als nicht vertrauenswürdig einstufen würde: Keine funktionierende Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, über die dankenswerterweise die Frankfurter Rundschau und auch netzpolitik.org schreiben.

Zwar ist der Zugriff zum De-Mail-System verschlüsselt, so dass ein Absender tatsächlich eine Nachricht verschlüsselt von seinem Rechner zu De-Mail bekommt. Allerdings wird für den Weg von De-Mail zum Empfänger die zu übertragende Information neu verschlüsselt. Und das stört offensichtlich niemanden der Projektentwickler:

“Die Deutsche Telekom bestätigt, dass die De-Mails kurz geöffnet werden. Gert Metternich, Projektleiter der Telekom, sagte der FR: ‘Im De-Mail-System werden die Mails für den Bruchteil einer Sekunde auf den Servern der Provider entschlüsselt und sofort wieder verschlüsselt und dann weitergeschickt.’ Dies geschehe auf Servern, die staatlich überprüften Sicherheitsstandards entsprächen und abgeschottet seien. ‘Insofern haben wir überhaupt keine Bedenken, dass die De-Mails nicht sicher sind.’”

Würde man diese Vorgehensweise auf den normalen Briefdienst herunterbrechen, hieße das: Sie schreiben einen Brief an Ihre Omi. Sie packen den Brief in einen Kuvert und stecken ihn in den Briefkasten. Der Brief wird von Ihrem Briefzusteller abgeholt. Der nimmt den Brief in sein Verteilzentrum, packt den Brief aus dem Briefumschlag und steckt ihn in einen neuen, mit dem dann der Brief zu Ihrer Omi kommt.

Wer, bitteschön, hält das für eine vertrauenswürdige Kommunikation? Und wer soll bitteschön nicht glauben, dass der Kommunikationsdienstleister das niemals deswegen tun würde, um damit für den Zweifelsfall einen perfekten Zugang zum Schnüffeln zu haben? Eine nicht durchgehende Verschlüsselung ist wie gemacht für das, was man in der Fachsprache als Man-in-the-middle-Attacke versteht und wer als so genannter Projektleiter das entweder nicht versteht oder dieses Potential für unbedenklich hält, dem ist eigentlich nicht mehr zu helfen.

Eine gute IT-Landschaft ist eine, in der eine Staatsgewalt möglichst wenig selbst herumpfuscht. Es hat sich praktisch ausnahmslos gezeigt, dass staatliche Regulierungen des Internets lobbygesteuert sind und teilweise zu groben Benachteiligungen des Verbrauchers geführt haben. Das französische HADOPI ist so eine herausragende Nullnummer, die nichts anders tut, als die Staatsmacht zum Handlanger einer skrupellosen Unterhaltungsindustrie zu machen, die ihre alten Businessmodelle nicht mehr im Griff hat und zynischerweise ihre Lobbyarbeit mit dem Geld der Leute bezahlt, die sie zu knebeln versucht.

Ich bleibe nach wie vor dabei: Dem Staate ist in Sachen Internet und Netzpolitik nach wie vor schon im Ansatz nicht zu trauen. Und bei den Unternehmen, die am De-Mail-System partizipieren, kollaborieren und offenkundig gewollte Schwachstellen herunterspielen, darf sich jeder selbst Gedanken darüber machen, was er davon zu halten hat.

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“Kostenpflichtige E-Mail” reloaded.

15. Juli 2010 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in E-Mail

Bei der Deutschen Post wird es vor einiger Zeit vermutlich folgendes Gespräch gegeben haben:

Schlipsträger A: “Mensch, irgendwie müssten wir mit diesem Internet doch Geld verdienen, oder? Immer weniger Leute schicken sich noch echte Briefe, alle mailen nur noch.”

Schlipsträger B: “Dann verlangen wir doch einfach Geld für E-Mails.”

Schlipsträger A: “Super Idee, machen wir!”

Herausgekommen ist daraus bei der Deutschen Post AG ein Produkt, was der Klassiker in Sachen Produkte-Totgeburt sein dürfte: Die kostenpflichtige E-Mail namens “E-Postbrief”, die übrigens nichts mit einer anderen, staatlich geförderten Totgeburt namens “De-Mail” zu tun hat.

“E-Post”? War da nicht schon mal etwas? Ja, genau, “E-Post”! Beziehungsweise “ePost”, wie man das eingetragene Warenzeichen der Deutschen Post AG im Jahre 2000 schon mal für ein Produkt einsetzte. Einer “lebenslangen E-Mail-Adresse”, die jeder Bürger kostenlos bei der Deutschen Post AG beantragen konnte und deren Besitzer per Postident-Verfahren einmalig identifiziert wurde. Idee war, dass so jeder Besitzer einer ePost-Adresse besonders vertrauenswürdig erscheinen würde, da er ja im Gegensatz zur damaligen Freemailer-Konkurrenz eindeutig identifiziert war. Der Versand eines elektronischen Briefs war damals kostenlos und als besonderen Service gab es die Möglichkeit, ePost-E-Mails ausdrucken und per Normalpost versenden zu lassen, für 2 Deutsche Mark für die erste Seite und weiteren 50 Pfennig pro Zusatzseite.

Die Garantie auf eine “lebenslange E-Mail-Adresse” endete fünf Jahre später, als die Deutsche Post das Experiment mehr oder weniger sang- und klanglos wieder beerdigte. Weder waren die Konkurrenten namens GMX, Web.de, Yahoo oder AOL erfolgreich erledigt, Internet Service Provider gab es offensichtlich immer noch und zudem trat im Jahr 2004 Google mit einem eigenen Maildienst in den Ring. Vertrauenswürdigkeit hin oder her – offensichtlich interessierte sich niemand wirklich dafür, ob die E-Mail-Adresse eines Absenders besonders identifiziert war oder nicht und zu echten Briefeschreibern konnte die Deutsche Post ihre Kunden auch nicht erziehen.

Und nun, tataa, ist “ePost” als “E-Postbrief” wieder da. Auch jetzt ist die Anmeldung inklusive Postident-Verfahren wieder kostenlos, allerdings kostet nun der Versand Geld. “Sie zahlen nur das, was Sie auch nutzen”, so die Deutsche Post und verlangt beispielsweise für den Versand eines “E-Postbriefs 55 Cent. Wohlgemerkt: Für den elektronischen Versand, der darüber hinaus nicht größer als 20 Megabyte pro E-Mail sein darf. Und wenn der Absender eine Bestätigung für den Empfang haben möchte, werden zusätzlich 1,60 Euro fällig.

Die Deutsche Post möchte also tatsächlich nur 55 Cent für eine E-Mail haben, die bei allen Freemailern und Internet Service Providern dieses Planeten ansonsten kostenlos gesendet werden kann. Wenn schon die Briefträger verhungern müssen, sollen die Schweine, die das Internet für kostenlose Kommunikation mißbrauchen, wenigstens deren Obdachlosenhäuser bezahlen. Oder irgendwie so. Oder vielleicht auch einfach nur aus nostalgischen Gründen?

Aber hey, Deutsche Post AG, ich halte das alles für ein klasse Businessmodell! Jetzt klappt’s bestimmt, ich weiß es genau! Alles wird gut!

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“205 closing connection – goodbye!”

5. Juli 2010 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in Netzleben

Ein großes Stück dessen, was ich allenthalben als “persönliche Online-Kompetenz” umfasse und damit das Gefühl beschreibe, lesbare und “internet-fähige” Texte zu schreiben und in mehrstimmigen Massenräumen aka Online-Foren etc. früh Stimmungen zu erkennen und darauf zu reagieren, hat seine Wurzeln in meiner “Online-Karriere” im Usenet. Und obwohl ich im “echten” Usenet nie geschrieben habe, sondern mich weitgehend nur in der deutschen NetNews-Hierarchie herumgetrieben habe, ist es dennoch das Usenet, das ich seit 1997 mehr oder weniger regelmäßig genutzt habe und mit einigen tausend Artikeln bestückte. Den gewisse Sarkasmus, ohne den ich gar nicht mehr durch den Tag kommen würde, hat seine fein ausgedengelten Wurzeln in diesen Artikeln, die ich übrigens alle noch als lokale Kopie in meinem jährlich archivierten Postausgang besitze.

In den letzten Jahren habe ich das Usenet immer seltener genutzt. Einfach zu sagen, “Web 2.0 ist schuld”, wäre zu einfach, denn ich bin ja nicht unbedingt der einzige, der dem Usenet nach und nach den Rücken kehrt. Es lohnt sich demnach, etwas mehr zu analysieren:

  1. Der notwendige NetNews-Client
    Gut, spätestens seit Google Groups (oder seinem Vorläufer namens “DejaNews”) war NetNews kein Dienst mehr, für den unbedingt ein eigener Client notwendig war. Bis dahin konnte man sich, wenn man unter echten Usenet-Freaks mit der Schmach leben konnte, auch mit einem Mailprogramm wie Mozilla oder Thunderbird behelfen, in allergrößten Ernstfällen auch mit Outlook Express. Spätestens im RSS-Zeitalter war aber das NetNews-Lesen richtiggehend dämlich. Tatsächlich habe ich mit Thunderbird gelesen, den allerdings nur zu Hause auf meinem PC installiert, den ich dann bei Bedarf vom Büro aus hochgefahren habe – und der dann Strom vergeudete dafür, für ein paar Minuten am Tag remote genutzt zu werden.
  2. Die Art und Weise der Wissensbeschaffung
    Noch vor zehn Jahren erforderte das Beschaffen von Wissen eine grundlegend andere Vorgehensweise als heute. Heute führt in den meisten Fällen die initiale Wissenssuche zur Wikipedia. Entweder wird hier der betreffende Wissenshunger gestillt, oder es gibt sehr einschlägige, weiterführende Verweise. In der “Vor-Wikipedia-Zeit” war Wissensvermittlung eine deutlich dezentralere Angelegenheit, in der man das Glück haben musste, per Suchmaschine einschlägige Websites zu finden. Oder man fragte eben in einschlägigen Kreisen nach und das war im Usenet eine vergleichsweise einfache und schnelle Angelegenheit.
  3. Der “Socializing”-Effekt
    Tatsächlich ist es so, dass das Usenet ein großes Stück “Socializing” ist. In den einzelnen Gruppen, in denen man sich aufhält, sind die meisten Teilnehmer Stammkunden, die also die Gruppe regelmäßig mitlesen, wenn nicht gar permanent. Gerade deshalb ist es dann so, dass man Gruppen immer weniger deshalb mitliest, weil man etwas wissen will, sondern weil man informiert bleiben will oder auch einfach mitliest, um einen Überblick über Inhalt und Leute zu haben. Dieser Socializing-Effekt ist das, was zumindest bei mir nach und nach in Richtung Facebook und vor allem in Richtung Twitter abgewandert ist.
  4. Sterbende Gruppen
    Ich bin ja nun nicht gerade der erste, der dem Usenet den Rücken kehrt. Diese Entwicklung sieht man als Nutzer und vor allem die Entwicklung, dass immer mehr Usenet-Gruppen verwaisen und sich die Kommunikation auf immer weniger Gruppen zurückzieht. Einer meiner zwei Lieblingsgruppen war de.comm.internet.misc und de.etc.finanz.misc, in denen findet man inzwischen nur noch Spam. Ich mag es ja gar nicht wirklich sagen, aber das Usenet stirbt. Nur zwei deprimierende Zahlen: Im Juni 2000 wurden 410.885 Postings im deutschsprachigen Usenet gezählt, im Juni 2010 waren es nur noch 119.977. (Statistiken finden sich auf dem FTP-Server von arcor.de.)

Tja, was nun? Es gilt das Prinzip der Personenrettung von sinkenden Schiffen: Rette sich wer kann und merke dir wenigstens noch den Namen der anderen armen Schweine, die neben dir von der Reling springen. Dann findet man einige vielleicht später in Facebook wieder, andere twittern wie die Poeten auf dem Ast und einige wenige bloggen vielleicht den alltäglichen Wahnsinn. Und was passiert, wenn so ein zentralistischer Dienst wie Facebook irgendwann einmal einfach hochgeht und mit ihm der ganze Geschwätz einer Generation? Keine Ahnung. Wir werden alle sterben.

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Wo fängt Netzneutralität an und wo hört sie auf?

2. Juni 2010 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in Netzpolitik

In den Blogs netzwertig.com (“Verletzt Skype die Netzneutralität?”) und neunetz.com (“Verletzt Skype die Netzneutralität? Nein.”) ist mein Artikel mit meiner gestellten Frage, ob Skype auf dem iPhone die Netzneutralität verletzt, mit eigenen Fragestellungen aufgeschlagen, die ich hochinteressant finde. Im Artikel auf netzwertig.com hat sich dazu ein größerer Kommentarbaum entwickelt, bei dem dann irgendwann dem Artikelautor Martin Weigert die Hutschnur platzte (was ich nachvollziehen kann). Ich hole deshalb nochmal an dieser Stelle aus und erläutere, was mich an der Netzneutralitätsdebatte, wie sie im Mainstream geführt wird, ernsthaft quält.

Ich muss zugeben, dass mich von Anfang an, als der Begriff “Netzneutralität” den Boden der großflächigeren Diskussion erreicht hat, die Nutzung des Begriffes irritiert hat. Wirklich bewusst geworden ist mir das dann dieses Jahr auf der re:publica 2010, auf der es einen ganzen Thementag dazu gab und an dem mir dann klar wurde, dass es bei der Begriffsdefinition offensichtlich Unterschiede zwischen Netztechnikern – zu denen ich mich nach wie vor zähle – und dem Rest der Online-Welt gibt. Wir reden auf sehr hoher und sehr komplex-abstrakter Ebene teilweise wirklich aneinander vorbei, was Gegner der Netzneutralität treffend verstanden haben.

Netzneutralität aus Sicht des “normalen” Onliners

Die Netzneutralität aus Sicht des “normalen” Onliners ist meiner Meinung nach beschränkt auf einen Aspekt einer übergeordneten Entität, die Netzneutralität darstellt. Für den normalen Onliner besteht Netzneutralität darin, dass der Zugang zum Internet frei von jeglichen Reglementierungen des Internet-Providers sein muss, die nur dazu dienen, bestimmte, nicht technisch bedingte Servicelevels zu etablieren. Also eine Art “AOL-isierung” des Internets – die Websites einiger Websites von zahlenden Inhaltsanbietern sind kostenlos, für den Zugriff anderer Websites, von denen der Internet-Provider vorgibt, dass deren Datenaufkommen sie zu viel kostet, muss dann entweder eine Art “Maut” bezahlt werden, ansonsten gibt es diese Inhalte entweder gar nicht oder äußerst langsam.

In meinen und in vielen anderen Augen ist das ein Versuch der Provider-Branche, Geld mit verlockenden Angeboten zu generieren, die sie gar nicht erzeugen und für deren Qualität sie auch gar nichts beitragen. Die immer wieder gern genommene Mär, dass Provider Netze ohne Aufhebung der Netzneutralität irgendwann nicht mehr bezahlen könnten, ist ein hausgemachtes Thema, denn irgendwo kommt ja der Traffic, der zum Konsumenten geliefert wird, ja herein. Wer dort rabattiert und wer auch beim Konsumenten rabattiert, weil er an beiden Enden zweifellos im harten Wettbewerb steht, muss halt zuschauen, wie er das regelt oder eben auch nicht. Dann aber bitte gänzlich und nicht auf die Art und Weise, besonders interessante Angebote künstlich abzubremsen und ein Kassenhäuschen aufzustellen.

Netzneutralität aus Sicht der Netztechnik

Aus Sicht eines Netztechnikers sehe ich das Thema Internet von Hause aus nüchterner und unbunter – das Maß der Dinge ist das Schichtenmodell. Und das Schichtenmodell besagt, dass nur die unterste Ebene wirklich die physikalische Unterscheidung darstellt, wie die darin eingekapselte Nutzlast übertragen wird. Das eigentliche IP bzw. das darin eingekapselte TCP bzw. die darin eingekapselte Nutzlast in Form von darauf basierenden Protokollnutzlasten, das ist davon unabhängig, ob es in Ethernet, PPP over Ethernet, per WLAN, per 3G, per GSM oder per Brieftaube übertragen wird.

Per Brieftaube ist es sicherlich teurer (und langsamer) als per 3G und das wiederum teurer als per WLAN, aber das bezahle ich als Konsument ja schon durch die Gelder, die ich an den jeweiligen Provider bezahle.

Wenn jetzt aber jemand daherkommt wie eben beispielsweise der VoIP-Anbieter Skype, der zukünftig möglicherweise von iPhone-Nutzern Geld verlangen möchte, wenn sie an sich kostenlose skype-interne Gespräche über 3G führen möchten, dann verzerrt eben Skype an dieser Stelle diese gebotene Netz-Neutralität und suggeriert, dass der Skype-Datenverkehr über 3G in irgendeiner Form teurer sein soll, als per WLAN, was aus Sicht von Skype als Inhaltslieferant, der in der Regel mit keinem Netz wirklich direkt zu tun hat, das den Internet-Zugriff zu seinen Endkunden realisiert, Nonsens ist.

Für mich als Netztechniker ist hier demnach ebenfalls eine Netzneutralität verletzt. Hier eben nicht von einem Internet Provider, sondern von einem Inhaltsanbieter, der hierzu seinen Client auf bestimmten Endgeräten modifiziert und einen diesbezüglichen Schalter einbaut – der im übrigen dadurch umgangen werden kann, wenn das Endgerät dem Client vorgaukelt, nicht per 3G verbunden zu sein, sondern per WLAN. Solche Software lässt Apple selbstverständlich nicht als offizielle Anwendung zu, mit bestimmter Software aus dem Jailbreak-Depository Cydia ist das aber schon seit längerem möglich und das war bisher auch die einzig funktionierende Möglichkeit, mit dem Skype-Client per 3G überhaupt zu telefonieren.

Und nun, Netzneutralität, was machen wir mit dir?

Wir müssen sie weiter thematisieren, keine Frage. Und zwar müssen wir tatsächlich jeden darauf hinweisen, sich an die normalen und bisherigen Spielregeln der Netzneutralität zu halten, der auf irgendeine Weise versucht, bestimmte Übertragungswege im Internet zu drosseln oder davor Kassenhäuschen zu setzen, der im Grunde genommen mit diesem Übertragungsweg überhaupt nichts zu tun hat, also ihn entweder nicht bezahlen muss (wie eben Inhaltsanbieter) oder ihn nicht mehr bezahlen kann, weil er vorne beim Inhaltslieferanten oder hinten beim Endkunden zu wenig Geld verlangt, um das Backbone zu finanzieren.

So einfach und doch so schwierig. Doch wenn hier die Dämme reißen und wir die Netzneutralitätsthematik nicht so umfassend anpacken, wie es geboten wäre, dann wird das Internet zukünftig nicht mehr das, was es heute darstellt. Genügend bedenkliche und negative Entwicklungen gibt es dazu zuhauf.

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Das Ende der Netzneutralität bei Skype.

30. Mai 2010 | 3 Kommentare | Veröffentlicht in InternetWelt

Skype gibt es seit wenigen Stunden auf dem iPhone nun in der Version 2.0.0. Neben den vielen GUI-Schlampigkeitsfehlern, die immer noch ungefixt auch in der neuen Version existieren, funktioniert nun aber endlich das Telefonieren auch dann, wenn das Telefon per Mobilfunknetz ins Internet kommt, also keine WLAN-Verbindung existiert.

Schön, wird man sich bei Skype wohl gedacht haben, machen wir doch aus der Funktion gleich mal eine Sparbüchse und werfen eine eherne Regel über Bord, die besagt, dass Skype-zu-Skype-Gespräche nämlich kostenlos sind. Im Update-Hinweis steht nämlich, dass das Skype-Telefonieren “mindestens bis August” kostenlos bleiben soll und man danach eine “geringe Gebühr” verlangen könnte.

Das wirft eine interessante Frage auf: Was passiert, wenn nicht nur Internet-Provider die Netzneutralität bedrohen könnten, sondern auch App-Entwickler? Wie wollen wir als Konsumenten darauf reagieren? Wir wollen zu Hause am heimischen PC unseren Internet-Provider nicht extra dafür bezahlen müssen, damit wir Google-Dienste in gewohnter Geschwindigkeit nutzen können und nun stellt sich diese Frage in Form einer App, die Geld dafür sehen will, wenn man deren Übertragungspakete über eine bestimmte Anbindung laufen lassen möchte.

Das ist aus meiner Sicht höchst problematisch und eine Geschichte, die binnen kürzester Zeit kartellrechtliche Dimensionen erreichen könnte. In erster Linie müssen wir als Skype-Konsumenten hier sehr deutlich kommunizieren, dass es so einfach nicht gehen kann.

Spread the word.

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Don’t use IE6 anymore!

14. Mai 2010 | 3 Kommentare | Veröffentlicht in World Wide Web

Genau das. Bitte, falls ihr tatsächlich noch den Internet Explorer 6 nutzen solltet und die Installationsgewalt über euren Computer habt: Werdet den Browser los und aktualisiert ihn! Dafür sprechen gleich eine Reihe von Gründen:

  1. Der Internet Explorer 6 ist uralt, veröffentlicht wurde er tatsächlich im August 2001, ist also fast neun Jahre alt. Tatsächlich kommt er also noch aus einer Zeit, in der Windows 2000 und Windows ME (wer erinnert sich tatsächlich noch an Windows ME?) als Betriebssysteme aktuell waren. Okay, Windows 2000 war für damalige Verhältnisse gar nicht so schlecht, aber pardon, lieber Leser: Danach kamen Windows XP, Windows Vista und jetzt haben wir Windows 7.
  2. Der Internet Explorer 6 hielt sich damals schon an einige Standards, war aber auch schon damals weit davon entfernt, sich großflächig an HTML- oder CSS-Konventionen zu halten. Logischerweise ist er das heute immer noch und das Problem hat sich im Laufe der Zeit erheblich verschlimmert, da die Entwicklung im Bereich von HTML, CSS, aber auch dem Document Object Model (DOM) und anderen Bereich weitergegangen ist.
  3. Der Patchsupport für den Internet Explorer 6 ist eingestellt, Microsoft pflegt dieses Ding nicht mehr. Man könnte da im ersten Moment auf Microsoft schimpfen, allerdings ist das unberechtigt, denn kein Browserhersteller pflegt alte Versionen ewig. Firefox
  4. Für den Internet Explorer gibt es aktuell mit dem Internet Explorer 8 einen würdigen Nachfolger, der viele Dinge kann, die man dem Internet Explorer 6 nur mit viel Einsatz von externen Tools beibringen konnte. Denken wir da nur mal an das Tabbed Browsing, dem Lesezeichenmanagement, den verbesserten Sicherheitseinstellungen etc. Und ja, der Internet Explorer 8 lässt sich auch problemlos unter Windows XP installieren.

Der Internet Explorer 6 war nie wirklich gut, er war nur zufällig bei Windows XP von Hause aus dabei. Und nun lasst ihn bitte gehen. Echt jetzt. Hier geht es zum Internet Explorer 8.

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DNS-Ausfall beim DENIC und das DENIC selbst.

12. Mai 2010 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in DNS

Dass Technik ausfallen kann, passiert, keine Frage. Computer werden von Menschen programmiert und Computer haben genügend Innereien, die einem Verschleiß oder höheren Gewalten unterliegen, ob das nun die Festplatte, ein defekter Kondensator, die zuzuführende Energie, die Klimatisierung oder die Putzkolonne ist. Alle Störungen sind ärgerlich, aber Störungen sind, wenn man fair sein will, im Grunde genommen unvermeidlich.

Aber: Es ist nun 17:50 Uhr und auf der DENIC-Website findet sich zu den heutigen Problemen mit den autoritativen Nameservern für die “.de”-Zone – nichts. Kein Hinweis auf eine außerordentliche Störung, keine Pressemitteilung, auch nichts im Neuigkeitenbereich. Einfach gar nichts. Der geneigte Nutzer, aber auch der geneigte Systemadministrator, der heute am Vormittag vermutlich stark schwitzend einen Fehler in seiner DNS-Infrastruktur suchen musste, durfte sich – wenn überhaupt – über die einschlägigen Medien im Internet darüber informieren, dass irgendetwas beim DENIC kaputt war.

Das ist leider entsetzlich schlecht, denn das Problem, das heute passierte, ist nicht einfach ein Problem, sondern der Super-GAU im DNS: Nichterreichbarkeit einer kompletten Top-Level-Domain-Zone, weil die dafür zuständigen Nameserver mit fehlerhaften Zoneninformationen bestückt wurden und diese bei Auskünften nach einzelnen .de-Domains mit NXDOMAIN-Auskünfte erteilten. Sprich: Die gesuchte Domain ist vermeintlich nicht vorhanden. Das mag bei der Suche nach einer Website noch verschmerzbar sein, da aber auf für E-Mail das DNS gebraucht wird, ist so ein Ausfall hochfatal und gebietet zumindest eine sehr gut funktionierende Krisenkommunikation.

Die Website des DENIC ist nicht nur über www.nic.de oder www.denic.de, sondern auch über www.denic.net zu erreichen. Man hätte also schon sehr, sehr frühzeitig mit einem dringenden Hinweis auf der Website dafür sorgen können, ein offizielles Statement zu veröffentlichen. Wenn man sich dann noch etwas bemüht, diese alternative Adresse mit anderem Inhalt zu bestücken und getrennt zu propagieren, als die offizielle Website, hätte man auch die Möglichkeit, diese alternative Adresse als eine Art Notfall-Infoboard einzusetzen.

In Sachen Krisenkommunikation, liebes DENIC, liegt Arbeit für euch auf dem Tisch. Und das bitte bald, bevor weitere durchgeknallte Politiker mit Profilneurose auf die Idee kommen, die Vergabe von .de-Domains zu verstaatlichen, weil dann alles besonders sicher sei.

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AVM Fritzbox 7270 mit neuer (Beta-)Firmware.

4. Mai 2010 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in Netztechnik

Seit gestern gibt es für die recht beliebte AVM Fritzbox 7270 nun die erste Vorabversion der kommenden Firmware-Version xx.04.85 im Fritz-Labor. Vorabversionen von Fritzbox-Firmwares sind quasi das, was in der Softwarewelt “beta” ist, während die Laborversionen nur einzelne Features für zukünftige Firmwares behandeln und quasi “alpha” sind. Allerdings “quasi”, denn auch die Laborversionen sind meist immer schon recht stabil, wenngleich AVM immer davor warnt, Laborversionen in Produktionsumgebungen einzusetzen.

Die Vorabversion zeigt aber nun sehr anschaulich, was in das nächste offizielle Update kommen wird:

  • Erweiterungen in Sachen USB und NAS
    Unter einer einheitlichen Adresse wird die Fritzbox einen angeschlossenen USB-Speicher als Network Attached Storage bereithalten, der, und das ist der Clou, auch per geschütztem FTP-Zugang nach außen hin geöffnet werden kann. Mit einer angeschlossenen USB-Festplatte ist ein Mediaserver oder schlicht ein Netzwerkspeicher nun also überhaupt kein Problem mehr. Ein integrierter Browser sorgt auf der Fritzbox-Oberfläche auch noch für ein bequemes Hochladen.
  • Funktionserweiterungen der DECT-Telefonie
    An der DECT-Basis-Funktionalität wurde ebenfalls geschraubt, die AVM-DECT-Mobilteile MT-D und MT-F bekommen ebenfalls Firmware-Updates und danken das mit einer erheblich verbesserten Klangqualität und das auch im Eco-Mode und bei Grenzreichweiten. Zwar kommen die Mobilteile bei grenzwertigen Reichweiten immer noch nicht an der überlegenen Gesprächsqualität von Gigaset-Gerätschaften heran, aber die “Knack-Rate” ist schon deutlich gesunken. So Leute wie ich, die während dem Telefonieren gern durchs Haus laufen, wissen das zu schätzen.
  • Endlich eine offizielle IPv6-Unterstützung
    Die nun offizielle IPv6-Unterstützung, das Internet-Protokoll der Zukunft, ist nun endlich da und auch schon einige Jahre überfällig, denn eine Beta-Firmware gab es schon einige Jahre, es gab aber von Seiten von AVM bisher leider nie ein Commitment dafür, wann denn eine offizielle IPv6-Unterstützung zu erwarten ist. Das passiert nun wohl endlich. Die IPv6-Optionen sind, je nach vorhandenem Zugang, entweder nativ oder mit einem IPv6-Tunnelprovider. Erschöpfende Dokumentation dazu wird es, so wie ich AVM kenne, demnächst im Supportbereich der Fritzbox 7270 geben.
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Wer braucht eigentlich noch … ICQ?

1. Mai 2010 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in Chat & Messaging

Der Instant Messenger ICQ, ich kann mich noch relativ gut daran erinnern, war mal Kult. Weniger der offizielle ICQ-Client, der schon immer eine Usability-Katastrophe war und mit Werbebanner überhäuft war, sondern die Möglichkeit des Echtzeitquatschens für Nichttechniker. Bis dato, also bevor ICQ ab 1997 die Elektrokommunikation revolutionierte, mailte man oder drückte sich im IRC herum – wenn man wusste, wie man dahin kam. ICQ hatte einen Client, den installierte man, registrierte sich, bekam eine ICQ-Kennung und die gab man herum.

Nach gut zwei Jahren verkauften die vier israelischen ICQ-Erfinder ihr Unternehmen namens Mirabilis 1998 an niemand geringeres als AOL. AOL selbst hatte mit seinen internen AOL-Chats die Chat-Hoheit im Privatmarkt, aber eben nur intern. ICQ störte sich an solchen Dingen nicht und obwohl AOL mit seinem eiligst aufgebauten AOL Instant Messaging (AIM) versuchte, ICQ Paroli zu bieten, tat man das, was man mit aufstrebenden Konkurrenten macht, so lange sie noch klein sind: Man kauft sie auf.

Dem Erfolg von ICQ tat das freilich kein Abbruch. Eine halbe Milliarde ICQ-Kennungen soll es geben, wovon vermutlich nicht wenige schlicht inaktiv sein dürften. Instant Messaging ist in der “Online-Karriere” der meisten Internet-Nutzer ein vorübergehendes Kapitel. Für ICQ und AOL war es vermutlich ebenso, denn AOL hat so ziemlich alle Trends verpasst, die man mit einer so wertvollen User-Basis hätte machen können. Die Online-Konkurrenten Yahoo und Microsoft bauten für ihre bestehenden Communitys ebenfalls mit verhältnismäßig wenig Aufwand Instant Messenger und ein paar Jungs aus Estland bastelten 2002 mit Skype eine Software, die das Telefonieren im Internet revolutionierte und die Instant Messaging quasi noch als Abfallprodukt beherrschte.

ICQ blieb der Instant Messenger der Kinder und der Unverbesserlichen. Unglaublich groß, laut, spam-überlaufen und mitunter sehr nervend. Im Business-Umfeld, in dem man eh schon genug damit zu tun hatte, Instant Messaging als Kommunikationsform zu etablieren, war die Nutzung so empfehlenswert, wie das Mitnehmen der Bild-Zeitung als Frühstückslektüre in den Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft. Zwar konnte man sich als Profi damit behelfen, alternative Clients einzusetzen, deren Nutzung von ICQ/AOL zwar untersagt war, aber dennoch funktionierte.

Und dann kam das Web 2.0. Twitter, Facebook, studiVZ und Konsorten schafften völlig neue Community-Welten, die den schnellen Aufbau von sozialen Netzwerken innerhalb kürzester Zeit ermöglichten. Während in Social Networks wie Facebook eben auch einfach eine Chat-Funktion integriert wurde, betraten Micro-Blogging-Dienste wie Twitter einen ganz neuen Pfad, nämlich das Grenzgebiet zwischen Echtzeitkommunikation, Mailen und Chatten. Man kann Twitter als Nachrichtenfeed nutzen, aber auch zum Chatten oder zur Direktkommunikation mit einem Kommunikationspartner. Während ich beim Chatten ständig “auf Sendung” sein muss, lässt Twitter hier Freiräume und ermöglicht es, eine an sich stringent geführte Kommunikation zu strecken. Das geht sicherlich auf Kosten der Verbindlichkeit einer “echten” Direktkommunikation, flexibler ist es aber allemal.

Nun ist ICQ als einer der wichtigeren Werte von AOL versilbert worden, was vermutlich kaum noch zu vermeiden war. Während AOL in seinen besten Zeiten in den USA über 25 Millionen Kunden hat, bewegt man sich heute hart an der 5-Millionen-Grenze, Tendenz weiter fallend. Andere Märkte außerhalb der USA gab man lieber gleich ganz auf, beispielsweise auch AOL Deutschland. Dass ICQ nun einem russischen Investor gehört, macht die Zukunft sicherlich nicht rosiger.

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Die Christdemokratie und das Internet.

27. April 2010 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in Netzpolitik

Eines muss ich endlich mal klarstellen und etwas jammern: Das ständige Ankämpfen gegen die fehlende Fähigkeit bzw. gegen die Renitenz von konservativen Politikern, Wertewandel grundsätzlich zu verdammen und zu bekämpfen, ist eine entsetzliche Qual, die an der Substanz zehrt. Ich ertappe mich ständig dabei, dass ich mich über so Begrifflichkeiten wie “Wertebewusstsein” ärgern kann, vor allem, wenn diese Begrifflichkeiten von Menschen kommen, die von sich behaupten, mehr oder fundiertere Werte zu besitzen, als andere (wobei es hier ausdrücklich dahingestellt bleiben soll, ob das nun moralische oder vielleicht eher monetäre sind).

Ich bin da recht undogmatisch und sage: So bald der Mensch auf die Idee kommt, sich seiner Werte bewusst zu werden und weitergehend dem Irrglauben verfällt, dass die nun erreichten Werte gut genug sein, dann ist allein schon diese Erkenntnis ein gewaltiger Rückschritt. Wir mögen ja eine durchaus hochentwickelte Spezies sein und leben sicherlich auch in einer Zeit, die voll ist mit hochentwickelten Techniken – das Problem hierbei ist jedoch, dass dies der moderne Mensch zu jeder Zeit seiner Existenz so gesehen hat. Niemand wird wirklich darüber streiten wollen, dass beispielsweise das Operieren ohne vernünftige Narkose etwas ist, dem man besonders nachtrauern müsste. Nur weil die meisten Menschen nicht weiterhin an Verbesserungen arbeiten müssen oder wollen, heißt das ja noch lange nicht, dass wir tatsächlich auch “vollkommen” sind.

Und genau hier müssen wir aufpassen, wenn nun Menschen daherkommen und versuchen, dies so darzustellen. Denn hier besteht die Gefahr, dass die Ureigenschaft des Konservatismus, Bestehendes erst dann zu ersetzen, wenn etwas Besseres existiert, ausgetauscht wird mit programmatischem Stillstand, weil das Bestehende vermeintlich eben schon gut sei oder, noch viel perfider, das Neue vermeintlich gefährlich ist und reglementiert oder bekämpft werden muss.

Darauf ruht die ständig dahergepredigte Formel von CDU/CSU, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein dürfe. Ob das Internet oder der Cyberspace an sich einen Raum darstellt, in dem man eventuell Rechtsverstöße begehen könnte, ist ein Thema, das Gelehrte schon seit Anfang an beschäftigt, wohingehend es schon feststeht, dass dieser schwer definierbare Raum keinesfalls rechtsfrei ist. Wird auf einem Server Mist gebaut, dann existiert zweifelsfrei ein Konstrukt einer Aktion, auf die eine Reaktion folgt; es gibt also jemanden, der eine Aktion startete und jemanden, der die Reaktion dazu lieferte. Beide Kommunikationspartner stehen logischerweise irgendwo auf diesem Planeten in einem Land, in dem in der Regel auch ein Rechtssystem existiert, das bestimmte Dinge unter Strafe stellt.

Wie auch immer: Während es eher nicht erstaunlich ist, dass der Konservatismus mit einer Sache wie dem Internet eher wenig anfangen kann, weil es dazu führt, dass Wertabgrenzungen nicht mehr ganz so einfach sind, wie früher (Schallplatten kann nicht jeder pressen, MP3-Dateien erzeugen und verschicken jedoch jeder), ist es umso erstaunlicher, dass christdemokratische Parteien einen derartig ungelenken Umgang mit dem Internet an den Tag legen, wo doch die Christdemokratie als größten Unterschied zum klassischen Konservatismus eine ehemals deutlich ausgeprägte Technologie- und Wissenschaftsfreundlichkeit trug. Davon ist im Bezug zum Internet rein gar nichts zu sehen – ganz im Gegenteil.

Es sind vor allem konservative Politiker, die besonders auf das Internet einschlagen, freilich mit unterschiedlicher Qualität. Während Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner verzweifelt versucht, das Thema Internet mit einer einigermaßen nachhaltigen Argumentation anzupacken und es schon ausgesprochen bezeichnend ist, dass es dabei nur zu so Lächerlichkeiten wie einer Androhung, den eigenen Facebook-Account zu löschen, reicht, sind andere Politiker da schon mutiger. Bundesinnenminister Thomas De Maiziere fährt nun mit seiner Forderung nach Neuauflage von Online-Sperren einen Frontalangriff auf die vor einigen Tagen geschickt lancierte Nachricht, dass von Seiten des Bundesjustizministeriums, dem die FDP-Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger vorsteht, ein Gesetzesentwurf fertiggestellt sei, der ausschließlich das Löschen von kinderpornografischen Inhalten vorsieht und nicht das Sperren der Adressen bei hiesigen Zugangsprovidern.

Der möglicherweise sehr schrill werdende Showdown in Sachen Online-Sperren steht unmittelbar bevor, zumindest in der Bundespolitik.

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