„205 closing connection – goodbye!“

Ein großes Stück dessen, was ich allenthalben als “persönliche Online-Kompetenz” umfasse und damit das Gefühl beschreibe, lesbare und “internet-fähige” Texte zu schreiben und in mehrstimmigen Massenräumen aka Online-Foren etc. früh Stimmungen zu erkennen und darauf zu reagieren, hat seine Wurzeln in meiner “Online-Karriere” im Usenet. Und obwohl ich im “echten” Usenet nie geschrieben habe, sondern mich weitgehend nur in der deutschen NetNews-Hierarchie herumgetrieben habe, ist es dennoch das Usenet, das ich seit 1997 mehr oder weniger regelmäßig genutzt habe und mit einigen tausend Artikeln bestückte. Den gewisse Sarkasmus, ohne den ich gar nicht mehr durch den Tag kommen würde, hat seine fein ausgedengelten Wurzeln in diesen Artikeln, die ich übrigens alle noch als lokale Kopie in meinem jährlich archivierten Postausgang besitze.

In den letzten Jahren habe ich das Usenet immer seltener genutzt. Einfach zu sagen, “Web 2.0 ist schuld”, wäre zu einfach, denn ich bin ja nicht unbedingt der einzige, der dem Usenet nach und nach den Rücken kehrt. Es lohnt sich demnach, etwas mehr zu analysieren:

  1. Der notwendige NetNews-Client
    Gut, spätestens seit Google Groups (oder seinem Vorläufer namens “DejaNews”) war NetNews kein Dienst mehr, für den unbedingt ein eigener Client notwendig war. Bis dahin konnte man sich, wenn man unter echten Usenet-Freaks mit der Schmach leben konnte, auch mit einem Mailprogramm wie Mozilla oder Thunderbird behelfen, in allergrößten Ernstfällen auch mit Outlook Express. Spätestens im RSS-Zeitalter war aber das NetNews-Lesen richtiggehend dämlich. Tatsächlich habe ich mit Thunderbird gelesen, den allerdings nur zu Hause auf meinem PC installiert, den ich dann bei Bedarf vom Büro aus hochgefahren habe – und der dann Strom vergeudete dafür, für ein paar Minuten am Tag remote genutzt zu werden.
  2. Die Art und Weise der Wissensbeschaffung
    Noch vor zehn Jahren erforderte das Beschaffen von Wissen eine grundlegend andere Vorgehensweise als heute. Heute führt in den meisten Fällen die initiale Wissenssuche zur Wikipedia. Entweder wird hier der betreffende Wissenshunger gestillt, oder es gibt sehr einschlägige, weiterführende Verweise. In der “Vor-Wikipedia-Zeit” war Wissensvermittlung eine deutlich dezentralere Angelegenheit, in der man das Glück haben musste, per Suchmaschine einschlägige Websites zu finden. Oder man fragte eben in einschlägigen Kreisen nach und das war im Usenet eine vergleichsweise einfache und schnelle Angelegenheit.
  3. Der “Socializing”-Effekt
    Tatsächlich ist es so, dass das Usenet ein großes Stück “Socializing” ist. In den einzelnen Gruppen, in denen man sich aufhält, sind die meisten Teilnehmer Stammkunden, die also die Gruppe regelmäßig mitlesen, wenn nicht gar permanent. Gerade deshalb ist es dann so, dass man Gruppen immer weniger deshalb mitliest, weil man etwas wissen will, sondern weil man informiert bleiben will oder auch einfach mitliest, um einen Überblick über Inhalt und Leute zu haben. Dieser Socializing-Effekt ist das, was zumindest bei mir nach und nach in Richtung Facebook und vor allem in Richtung Twitter abgewandert ist.
  4. Sterbende Gruppen
    Ich bin ja nun nicht gerade der erste, der dem Usenet den Rücken kehrt. Diese Entwicklung sieht man als Nutzer und vor allem die Entwicklung, dass immer mehr Usenet-Gruppen verwaisen und sich die Kommunikation auf immer weniger Gruppen zurückzieht. Einer meiner zwei Lieblingsgruppen war de.comm.internet.misc und de.etc.finanz.misc, in denen findet man inzwischen nur noch Spam. Ich mag es ja gar nicht wirklich sagen, aber das Usenet stirbt. Nur zwei deprimierende Zahlen: Im Juni 2000 wurden 410.885 Postings im deutschsprachigen Usenet gezählt, im Juni 2010 waren es nur noch 119.977. (Statistiken finden sich auf dem FTP-Server von arcor.de.)

Tja, was nun? Es gilt das Prinzip der Personenrettung von sinkenden Schiffen: Rette sich wer kann und merke dir wenigstens noch den Namen der anderen armen Schweine, die neben dir von der Reling springen. Dann findet man einige vielleicht später in Facebook wieder, andere twittern wie die Poeten auf dem Ast und einige wenige bloggen vielleicht den alltäglichen Wahnsinn. Und was passiert, wenn so ein zentralistischer Dienst wie Facebook irgendwann einmal einfach hochgeht und mit ihm der ganze Geschwätz einer Generation? Keine Ahnung. Wir werden alle sterben.