Port mortem: rottenneighbor.com.

Nur für den Abschlussbericht: rottenneighbor.com, die Denunziantenplattform, bei der wir ahnungslose Menschen in der Blogosphäre noch darüber amüsiert lächelten, dass deren Netzwerkstörungen vielleicht ja Zensurmaßnahmen sein könnten (da gab es Zensursula ja noch nicht), ist nun wohl endgültig hinüber. Seit einigen Tagen prangt beim Ansurfen der Website folgender Hinweis, Rechtschreibfehler inklusive: “We’re sorry, we are currently down for maintanence.”

Schade drum. rottenneighbor.com hätte sicherlich mit nur wenig Phantasie auch dieses Jahr als Sommerloch-Retter für gelangweilte Journalisten dienen können, wenn gar nichts mehr geht.

Wo wir beim Thema sind: Henryk M. Broder hat mal wieder ein publizistisches Highlight ins Internet gerotzt, diesmal endlich auch auf dem Niveau, wie man es eigentlich zu erwarten hat. Auch hier bin ich mir gar nicht so sicher, ob er die Passagen, die er möglicherweise ironisch meint, auch wirklich ironisch meint. Immerhin scheint er gesund zu sein. Gut, dass wir das jetzt wissen.

rottenneighbor.com: Die Adelung.

Die Jungs bei rottenneighbor.com können sich eigentlich nicht beklagen, denn inzwischen hat so ziemlich jedes Lokalblatt über die Website geschrieben, jedes Boulevardmagazin einen Beitrag produziert und nun kam gerade die Adelung mit einem 90-Sekunden-Beitrag im Heute Journal. Inhaltlich nichts neues, außer einem nachträglichen Kommentar von Moderator Claus Kleber, der das wohl auch nicht so ganz bedauert, dass in Deutschland offenbar diverse Zugriffsprobleme zum Webserver existieren.

Und wo wir gerade bei der überaus scharfen Internetkompetenz des ZDF und des Heute Journals sind: Google Chrome hat es sogar bis in die Börsennachrichten geschafft. Wow. Fast könnte man sich wieder zurückwähnen in den besten Zeiten des Dotcom-Booms. Am meisten Spaß macht es immer dann, wenn Idioten über das Internet orakeln und das schreiben und senden, was ihnen Pressesprecher von Internet-Unternehmen in die Blöcke und Kameras diktieren.

Leise der Nebel um rottenneighbor.com sich lichtet.

Laut FOCUS und Golem.de kristallisiert sich in Sachen Verschwörungstheorien rund um rottenneighbor.com inzwischen heraus, dass der Betreiber selbst wohl bestimmte IP-Adressnetzwerke blockiert und Abrufe daraus versickern. Das will man zumindest heraushören, nachdem bekannt wurde, dass Norbert Schneider, Direktor der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Medien, Google einen Brief schrieb und sich über rottenneighbor.com beschwerte. Einfacher Weg, denn rottenneighbor.com zu erreichen, ist offensichtlich und aus nahe liegenden Gründen nicht einfach und immerhin nutzen die Jungs Google Maps für ihre Kartenbasis.

Das Blockieren ist allerdings nach wie vor stümperhaft und nicht nachvollziehbar. Ich greife von Zuhause ebenfalls durch einen Dialin-IP-Adressblock zu und der Zugriff funktioniert, wenngleich er seit einigen Tagen auf www.de.rottenneighbor.com umgeleitet wird, der dann jedoch augenscheinlich diesselben Inhalte führt. Dabei wäre es technisch überhaupt kein Problem, beispielsweise mit der GeoIP-Datenbank, Zugriffe aus Deutschland weitgehend abzublocken. Was freilich natürlich nur Schutz vor Dummen ist, denn wer einen ausländischen Proxy oder einen Anonymizer-Dienst nutzt, kann auch dann noch zugreifen.

Zensur hin oder her, that’s life. Wenn jemand seinen Dienst auf bestimmte Personengruppen beschränkt, darf er das. Wenn Google allerdings bei rottenneighbor.com nur im Bezug auf die Scharmützel in Deutschland den Zugriff auf Deutschland beschränkt sehen will, wäre das wiederum ein Zeichen, wie Google hierzulande kuscht.

Nun denn, abwarten und Tee trinken. Irgendein prominenter Rechts- oder Staatsanwalt wird sich in den USA schon irgendwann auf den Schlips getreten fühlen und rottenneighbor.com auf seine Weise melken.

"Zensur? Na klar!"

Die Spekulationen über die vorübergehende Nichterreichbarkeit von rottenneighbor.com sprießen wie die Blüten meines Kaktus, ein Bruchteil (Überlegungen von Holger Koepke, von mir) der Orakeleien sind technisch fundiert, aber natürlich hat jeder eine Meinung. Und die ist in einigen Fällen gar erstaunlich, wenn nicht erschreckend. Kleiner Auszug:

„Ich bin prinzipiell zwar gegen Zensur im Internet, China geht dabei mal wieder mit “bestem” Beispiel voran, indem jede Website, die dem Staat negativ gesonnen ist, einfach von den Providern gesperrt wird (..werden muss?), aber wenn es sich um eine Plattform zum Verbreiten von Gerüchten und Beleidigungen handelt, finde ich die Entscheidung durchaus gerechtfertigt. Als Opfer einer Beleidigung auf dieser Website ist man einfach hilflos, Gerüchte können sich negativ auf die soziale und berufliche Karriere auswirken. Also: Hoffentlich ist Schluss mit Rottenneighbor.“
— „Schluss mit Lästern 2.0?“ – „MR“

„Was ist denn da daran so schlimm? Da ist ein Dienst in den USA, der es ungeniert ermöglicht, andere Menschen in jeder Form in den Dreck zu ziehen. Ist das nicht klar, wenn das den meisten Menschen nicht gefällt? Die Provider nutzen halt einfach ihre Macht aus – ist nicht das erste Mal, oder? Ist für mich keine Zensur, denn es werden ja keine Informationen zensiert, sondern der Weg zu einem Internetangebot dicht gemacht.“
— Kommentar von „Frank“ in „RottenNeighbor nicht erreichbar: Internetzensur in Deutschland?“ – Handelskraft

Lesen wir da richtig? Zensur, klar, ist was ganz schlimmes, China und so, alles seeeeehr böse, darf man einfach nicht tun, wir sind ja alle schrecklich aufgeklärt und kommen mit den paar Schwarzen Schafen im Internet früher oder später klar. Aber rottenneighbor.com, klar, das ist etwas anderes, das ist Schmutz, das darf dann schon weg.

Pah.. wenn es darum geht, Schmutzfinken loszuwerden, haben offensichtlich genügend Leute, Blogger und sogar selbst so genannte (oder eher selbst ernannte) Journalisten dann doch durchaus kein Problem und keine Skrupel damit, ohne wirkliche Rechtsgrundlage Websites von ISP einfach mal so aus dem eigenen Suppentellerhorizont verschwinden zu lassen. Super Sache! Was brauchen wir den Rechtsstaat, wenn es darum geht, Unbequemliches aus dem Internet still und leise abtreiben zu lassen? Natürlich, der ISP muss das tun, der sitzt ja immerhin auch am Hebel und ist natürlich irgendwo für den ganzen Quatsch auch verantwortlich, nicht?!

Pardon, Folks, das ist billigster Opportunismus. Wir wollen genau das nicht, das leichtfertige Obrigkeitsdenken, das nur aus staatlich verordnetem Wegschauen besteht. Damit helfen wir uns nicht, damit schaden wir uns, den es gibt eine Menge Leute da draußen, die solche Forderungen liebend gern als Zitate von angeblich fordernden Bürgern in ihre Gesetzesvorlagen stempeln würden und ganz andere Dinge damit anstellen.

Wenn ihr mit rottenneighbor.com Probleme habt, dann beschwert euch bei denen, schreibt ihnen eine E-Mail, verklagt sie, sendet dem Provider Complaints oder beschwert euch bei Google darüber, dass sie ihren Mapping-Dienst dafür zur Verfügung stellen. Aber bitte nicht auf der falschen Seite nach Hilfe rufen und im gleichen Atemzug auf das böse China schimpfen. Denn wirklich besser sind eure Ansichten gelegentlich offenbar auch nicht wirklich. Fordert Filter und ihr werdet gefiltert.