Verbitte dir deine Meinung! – Das Gummi-Publishing der BILD-Zeitung.

An den drei “T” der BILD-Zeitung – Titten, Thesen, Temperamente – zu rütteln, geht nicht. Die dicken Buchstaben gehören ebenso dazu wie reißerische Berichterstattung, Schleichwerbung, die regelmäßige Verwischung zwischen Reportagen, Kommentaren und Gossen, sowie eben die schwingenden Titten auf Seite 1. Daran lässt die BILD-Zeitung nicht rütteln, vermutlich aber auch deshalb, weil nur ein fehlendes “T” dafür sorgen würde, dass ein Drittel der Leserschaft sofort das Interesse am Blatt verliert. Es gibt ja durchaus so böse Gerüchte, dass viele Leser die BILD-Zeitung gar nicht mehr finden würde, wenn sie nicht mehr so dicke Überschriften auf Seite 1 drucken würde.

Wir sind ja jetzt im Jahr 1 des goldenen Paid-Content-Zeitalters. Der Axel-Springer-Verlag hat sein Zugpferd gesattelt und wird jetzt im Internet reich. Das heißt, fast im Internet, denn das iPhone ist Internet – zumindest für den Axel-Springer-Verlag. Für andere ist das iPhone ein Aquarium der guten Sitten und der teuren Apps, in dem ganz andere Maßstäbe gelten, als für den Rest des Internet. Das Magazin Stern bringt in seiner App eine Bilderstrecke mit Erotik-Bildern? Und hinaus aus dem App-Store! Eine andere, eher alberne App beinhaltet eine Sammlung von Kamasutra-Stellungen, dargestellt mit Fotos, in denen zwei Gummifiguren die Stellungen nachahmen? Raus!

Man muss es sehr deutlich sagen: Apple nimmt sich das Recht heraus, für Millionen von mündigen und erwachsenen Menschen zu entscheiden, was sie auf ihrem iPhone sehen und nicht sehen dürfen. Sowas nennt man für gewöhnlich einfach: Zensur.

Bei der BILD-Zeitung, dem Zentralorgan des lauten und eher schrillen Kehlkopfes, rührt das niemand und man kann sich vortrefflich mit dem Gedanken beschäftigen, ob das einen nun eher grübeln lassen sollte oder eher nicht. Es rührt zwar offiziell niemanden, dennoch ist man bei BILD bei Inhalten für die hauseigene iPhone-App korrekt, denn man “blitzt” – die erst wirklich interessanten Bereiche der leicht bekleideten Damen der BILD-Zeitung werden in den iPhone-Fassungen nämlich wegradiert und übermalt. Duckmäusertum bei der BILD? Erlebt man höchstens dann, wenn über seltsame Machenschaften von CDU-Politikern berichtet werden muss, aber bei TTT? Da wird nur geduckmäusert, wenn es um die eigene Existenz geht und da ist man dann sogar ganz kreativ und vorsorglich:

"Die Redaktionsleitung entscheidet, welche Bilder im Zweifel ‚geblitzt‘ werden müssen", erklärt der stellvertretende "Bild"-Chefredakteur Michael Paustian. "Die Regeln richten sich zum einen nach den Vorgaben von Apple – zum anderen nach dem gesunden Menschenverstand und der Einschätzung, welche Nacktdarstellungen in anderen Ländern und Kulturkreisen eventuell anstößig sein könnten. Natürlich muss man sich auch an die geltenden Spielregeln halten, um im App-Store zu erscheinen." Es gehe aber nur um die Entschärfung von Erotik, betont Paustian. Eingriffe in journalistische Inhalte seien ausgeschlossen.

— aus “Zensur-Vorwürfe gegen Apple” im Heise-Newsticker

Was tut man nicht alles, um sein Gesicht zu wahren und die Mautstation nicht zu beleidigen, nämlich im Ernstfall sogar vorsorglich zensieren, zum vorgeblichen Schutze “anderer Länder und Kulturkreise” – im deutschen App-Store. So viel peinliches Herumgekrieche und Teppichgelecke, im Namen der Sitten und des Anstandes, definiert vom heiligen Rat der silbernen Apfelfrucht, ist der BILD-Redaktion vermutlich richtig neu. Steht ihr aber erstaunlicherweise gar nicht so schlecht, denn es passt richtig gut in das bisherige Bild der BILD.

Zensur im Zusammenhang mit Paid Content und den dazwischenliegenden, redaktionsfremden Abnahmestellen – darüber wird noch zu diskutieren sein.

Der laue Furz der Diskussion um eine “Tagesschau-App”.

Entweder haben die Verantwortlichen beim Axel-Springer-Verlag das Gerät immer noch nicht so recht verstanden, mit dem sie jetzt auch plötzlich den vermeintlich rollenden Rubel ins Haus gespült bekommen haben wollen oder sie verwenden mal wieder ihr größtes Bumsblatt, die BILD-Zeitung, wieder für die eigene Lobbyarbeit. Ich befürchte beides. Der schmerzende Todeskampf der alten Verlagsstrukturen erreicht zweifellos inzwischen schrille und bizarre Wasserstände.

Die kranke Aktion der gestrigen BILD-Zeitung, das alte Spülwasser der Fernsehgebühren in die Spüle hochzudrücken und da mit den Ideen kollidieren zu lassen, dass bei der ARD offenbar nächstes Jahr eine eigene “Tagesschau-App” auf der Agenda steht. Erwünschter Effekt: “Ja spinnen die denn bei der ARD, mit meinen Gebühren!”

Der Axel-Springer-Verlag und auch die Journalisten der BILD-Zeitung, die in Ostdeutschland übrigens zehn Cent billiger ist, als in den westlichen Bundesländern, wissen selbstverständlich genau, dass die Medienbrüche immer mehr zuwachsen. Das Fernsehen hat sein Bewegtbild, dass auch in einer zukünftigen Online-Welt seinen Stellenwert behalten wird. Verlage, die schon vor Jahren begonnen haben, mit der Online-Materie zu arbeiten, haben ebenfalls beste Chancen, auch die Zukunft gemeistert zu bekommen. Verlage, die, sagen wir mal so, eher laute Zeitungen schreiben als vernünftige, die werden immer stärker eiern. Nicht, weil man sie nicht lesen würde, sondern weil das Internet entlarvt, dass es zu viele laute Zeitungen gibt, als vernünftige. Das so am Rande. Nur: Zum Weg in die Online-Welt verdammt sind sie alle, egal ob Fernsehen, Radio, Zeitung, Zeitschrift, Videothek, Pornokino.

Und siehe da, die Tagesschau ist schon längst auf dem iPhone angekommen, so wie übrigens auch schon länger die BILD-Zeitung und das alles auch ohne App:

Das Zauberwort nennt sich „Widget“, ist im Endeffekt bei Nachrichten ähnlich effektiv, wie eine eigene App und hat letztendlich nur den Nachteil, dass es keinen so hübschen Münzeinwurf gibt, wie mit einer App und dem App-Store. Das aber wird der Weg sein. Wer sich den Weg mit Werbeeinnahmen finanziert, könnte davon sogar profitieren. Dem Rest bleibt dann wohl weiterhin die Aufgabe zuteil, die eigenen Rotationsmaschinen weiter abzuschreiben. Am Ende kann man ja immer noch Klopapier bedrucken.

Lobbyisten gegen Opportunisten gegen Protektionisten gegen Kommunisten.

Eigentlich ist es zum Brüllen komisch, wenn es nicht gerade um die öffentliche Meinungsbildung der Republik ginge. Wir nehmen drei Spieler für unser Spiel:

  1. Lobbyisten, in diesem Spiel der Axel-Springer-Verlag mit seiner eher einfältigen Paid-Content-Strategie, die sich weitgehend auf die Pflege zweier iPhone-Apps für die beiden größten Springerblätter BILD und WELT beschränkt und einer stümperhaften Zugriffssperre für iPhones auf die Websites der beiden Blätter.
  2. Opportunisten, der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland, in diesem Spiel insbesondere die ARD, die auch auf die Idee gekommen ist, eine eigene iPhone-App zu entwickelt, die immerhin kostenlosen Zugriff auf Inhalte der Tagesschau ermöglichen soll.
  3. Protektionisten, in Form von Politikern, die Dies und Das protektionieren.
  4. Kommunisten, in diesem Spiel die bösen Internet-Nutzer, die, aus Sicht so manch Herausgebers, schmarotzend durch das Web vagabundieren und  den Inhaltsanbietern alles vom Teller klauen.

Und nun dürfen wir seit den letzten Tagen ein bizarres Schauspiel erleben. Name des Spiels: „Alle gegen einen und alle diese irgendwie auch gegeneinander.“

Der Axel-Springer-Verlag hat im Spiel den ersten Zug getan und beschlossen, jetzt im Internet Geld zu verdienen. Irgendwie. Vielleicht hat einer der Verantwortlichen ein iPhone und entdeckt, dass dort ein fürwahr netter Verkaufsladen eingebaut ist, mit dem man seine Inhalte irgendwie verscherbelt bekommt. Da iPhones auch eher zur höheren Konsumklasse gehören, muss da auch Geld verdient werden können.

Also flux zwei Apps programmieren lassen und rein in den App-Store. Achso, das iPhone hat einen Webbrowser? Okay, kein Problem, sperren wir einfach die Websites der betreffenden Zeitungen, die nur noch kostenpflichtig per App betrachtet werden sollen, für Zugriffe des iPhone-Webbrowsers. Und los geht es! Die Apps kosten jeweils 79 Cents und es ist auch nicht so ganz deutlich, dass mit diesen 79 Cents nur ein Abo für die ersten 30 Tage verbunden. Aber egal, die Apps schieben sich sofort auf die Hitlisten und allein das ist doch schon mal ein paar Flaschen Champagner wert.

Funktioniert das alles? Letztendlich egal, denn die flankierenden Töne aus dem Axel-Springer-Verlag lassen nachdenklich werden. Die Internet-Nutzer sind weiterhin „Kommunisten“, die alles kostenlos haben wollen. Selbstverständlich ist nicht der Content schuld, dass immer weniger Menschen Zeitungen lesen wollen und man redet natürlich auch nicht so gern darüber, dass man online sicherlich eine erkleckliche Summe Geld durch Werbeeinnahmen verdient, aber brüllen ist nun mal einfacher, als ernsthaft zu diskutieren.

Sprich: Würden diese beiden Apps funktionieren und genügend Menschen zu kostenpflichtigen BILD- und WELT-Abonnenten werden, wäre alles in Ordnung für den Verlag. Würden nicht genügend Menschen Abonnenten werden, wäre es aus der Sicht des Axel-Springer-Verlages eine Bestätigung über die Kommunisten, die eben nichts zahlen, sondern schmarotzen wollen.

Nächster Zug, man sollte es nicht glauben, die alte Tante ARD. ARD-Verantwortliche denken laut darüber nach, auch eine iPhone-App zu schreiben, diesmal für die gute, alte Tagesschau. Bekanntlicherweise gibt es auf dem iPhone ja nicht eine einzige Nachrichten-App und dummerweise mit der App der Deutschen Welle… na gut, die Deutsche Welle ist ja auch eher fürs Ausland gedacht. Egal, das iPhone ist irgendwie hipp und selbst wird man hipp, wenn man auf hippen Wellen mitreitet.

Huch, denkt sich jetzt der Axel-Springer-Verlag, wer fährt uns denn da in die Parade. Nachrichten-Apps, das haben wir doch im Programm und eigentlich wollen wir damit doch Geld verdienen. Wie aber Geld verdienen, wenn andere Leute ihr Zeug ebenfalls als App ins iPhone stellen? Nun gut, das kann man in einer freien Marktwirtschaft nicht wirklich verbieten, aber Moment – die ARD ist ja eben öffentlich-rechtlich. Höchste Eisenbahn, mal ein paar Telefonate zu führen.

Nächster Zug: Politik. Die Anrufe fruchten und es finden sich Politiker über die Weihnachtszeit, die nicht nur ihre Wunden lecken oder einfach ein paar freie Tage genießen, sondern auch etwas zu sagen haben. Mit dem Kulturstaatsminister Bernd Neumann sogar einen Politiker aus der zweiten Reihe! Nein, es kann ja nun wirklich gar nicht sein, dass die ARD bzw. der öffentlich-rechtliche Rundfunk den privaten Nachrichtenlieferanten Konkurrenz macht. Die Argumentation ist zwar stark fragwürdig und eigentlich völliger Nonsens, weil alle Beteiligten im Internet (also dem App-losen Ding) schon längst eine weitgehend friedliche Koexistenz pflegen.

Weiter im Spiel: Im die ARD ausschimpfenden Artikel, der sinnigerweise auch noch in der WELT erschienen ist, dürfen Politiker gleich die ganze Munition gegen die ARD verschossen, darunter das zentrale K.O.-Argument, das CDU-Medienfachmann Wolfgang Börnsen in die „BILD“ diktierte, dass nämlich eine Nachrichten-App der ARD die Brüsseler Behilfeentscheidung gefährden könnte. Und das wäre dann der richtige Super-GAU, denn diese Beihilfeentscheidung stellt grundlegend in Frage, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk denn eigentlich so machen darf und was nicht. Sie dürfen Rundfunk machen, aber während beispielsweise die GEZ nicht so wirklich zwischen Rundfunk, Internet und vermutlich auch nicht zwischen Waffeleisen und singenden Kochtöpfen unterscheiden kann, kann es die EU sehr wohl.

Die Lobbyisten haben also Angst um ihre Argumentation, die von den Opportunisten konterkariert wurde und aus diesem Grund werden die Protektionisten von den Lobbyisten gegen die Opportunisten in Stellung gebracht.

Manchmal kann es, zumindest zeitweilig, sehr lustig sein, Kommunist zu sein.

Also, Zeitungen, ran ans Eingemachte.

Wie angesagt fangen wir jetzt im 4. Teil mal an mit Ansätzen, wie ich mir als aufmüpfiger Leser und Beobachter eine Zeitung in der Zukunft vorstellen könnte.

Paid Content?

Kurzum: Ich glaube nicht, dass Paid Content der Dukatenesel der Zeitungsindustrie wird, dazu gibt es mehrere Gründe:

  • Eine normale Tageszeitung ist bei weitem nicht exklusiv, sondern konkurriert in vielen Teilen unmittelbar mit Nachrichten, die von anderen Anbietern nach wie vor kostenlos im Web angeboten werden und die für diesen Teil der Nachrichten schon seit Jahren eine Kompetenz haben. Bestes Beispiel ist hier der “Welt-Teil” einer Tageszeitung, also Nachrichten aus der Welt, dem Bundesland, der Wirtschaft, dem überregionalen Sport. Hier sind die Nachrichten, die ich heute in der Tageszeitung lese, schon gestern passiert und in der Regel auch schon gestern in SPIEGEL Online & Konsorten durchgelaufen.
  • Viele Zeitungen probieren sich durchaus schon am Paid Content, nämlich in Form von elektronischen Versionen ihrer Ausgabe als PDF, das abonniert werden kann. Die durch die IVW messbaren Erfolge sind dabei bescheiden, wenn nicht gar desaströs, denn sie fangen nicht ansatzweise das auf, was an normalen Abonnenten abfließt. Hier spielen sicherlich eine Vielzahl von Aspekten ein, einige seien hier genannt:
    • Das Layout, das auf Bildschirmen nicht gut lesbar ist
    • Der Computer als Medienbruch (wer hat schon einen Computer auf dem Küchentisch?)
    • Die fehlende Mobilität der elektronischen Ausgabe (wenn ich sie von zu Hause nicht ins Büro maile, habe ich sie nicht dabei)
    • Der fehlende “Geselligkeitsfaktor”, eine papierne Tageszeitung macht normalerweise eine Runde durch die Familie bzw. die Kollegenschaft
    • Nachrichten haben eine sehr schnelle Verfallszeit und so bleiben für ein kostenpflichtiges, tagesaktuelles Nachrichtenangebot nur wenige Stunden, maximal ein Vormittag
    • Das Preisgefüge, da viele Abonnenten nicht bereit sind, fast gleichviel für die elektronische Ausgabe zu bezahlen, die elektronische Ausgabe den Verlag aber dank des hohen Layoutaufwands praktisch ebenso viel kostet, wie wenn sie auf Papier gedruckt wäre
  • Eine besondere Illusion stellt Paid Content auf mobilen Geräten dar, wie sie beispielsweise der Vorstandschef des Axel-Springer-Verlages sieht. Was in all diesen Visionen fehlt, ist die Frage, warum ein Besitzer eines Mobiltelefones ausgerechnet auf seinem Mobiltelefon regelmäßig eine Zeitung lesen sollte? Wenn ich meinen Mobilkonsum anschaue, dann ist das ein morgentlicher Überflug über zwei Nachrichten-Websites, aus denen ich maximal ein oder zwei Artikel in Gänze lese. Eine ganze Zeitung am Handy lesen? Das können nur Leute fordern, die das noch nie probiert haben.

Ich glaube deshalb, dass man zunächst darüber sprechen muss, wie Tageszeitungen wieder zu ihren Wurzeln kommen und wie sie das schon seit geraumer Zeit tun, ohne wirklich groß darüber zu sprechen:

Back to the roots

Wer sich näher mit der Thematik beschäftigt, wird schon unlängst bemerkt haben, dass Verlage schon geraume Zeit damit beschäftigt sind, an der Kostenschraube zu drehen. Sie stampfen, wenn sie ein Großverlag sind, nicht gut laufende Publikationen ein, hängen kostenlose Anzeigenblätter an den Nagel, legen Redaktionen zusammen, schließen Regionalbüros und –redaktionen oder fusionieren mit anderen Verlagshäusern. Die großen Zeitungsverlage, die keine Zeitschriften verlegen, sind schon seit längerem auf dem Zug und kaufen sich gerade bei kleinen und sehr kleinen Verlagshäusern ein oder übernehmen diese gleich ganz. Einerseits, weil man in schlechten Zeiten auf Einkaufstour geht, aber andererseits auch deshalb, weil auch sie zuschauen müssen, wie sie ihre eigenen Rückläufe einigermaßen sinnvoll kompensieren. Und da sind andere Blätter als zusätzliche Abspielstationen zunächst eine Rettung, um Reichweiten zu sichern und Synergieeffekte zu nutzen.

Solche Synergieeffekte werden, meiner Meinung nach, nur der Anfang sein, denn mittelfristig wird sich schon die Frage stellen, ob jedes Regionalblatt auch einen vollständigen Newsroom braucht. Zwar ist es heute schon Normalität, dass man komplette Agenturreportagen auch in größeren Zeitungen findet, dennoch leistet sich praktisch auch jedes Regionalblatt Redakteure für überregionale Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wirtschaft. Hier Kooperationen zu schaffen und letztendlich einen dezentralen Newsroom zu bilden, wird sich kaum vermeiden lassen – wenn man dies nicht als Chance begreift. Gleichberechtigte Syndikate schaffen, ohne Unabhängigkeiten zu verlieren. Das macht der US-Fernsehindustrie seit Jahrzehnten erfolgreich vor.

Denn über eines muss man sich im Klaren sein: “Zurück zu den Wurzeln” heißt in erster Linie auch, die eigenen Kompetenzen zu stärken und andere Dinge zur Not unterzuordnen. Die Kompetenz der Lokalzeitung ist der Anspruch, in der Region gut informiert zu sein und gut informieren zu können. Die bisherige Monopolstellung oder gar eine Meinungsführerschaft hierfür ist mit dem Aufkommen des Internets allerdings nicht mehr vorhanden.

Folgt Online Print oder Print Online?

Das wird sicherlich einer der spannendsten Themen im Wandel der Medien sein: Werden es die bisherigen Publikationen schaffen, sich im Wandel bei Bedarf vollständig neu auszurichten oder werden sie weiterhin den bisher eher kläglichen Versuch wagen, weiterhin das Alte als Standard zu beschwören, komme was wolle? Und das ist weit mehr als nur die Kardinalfrage, ob morgen noch eine papierne Ausgabe der Zeitung erscheinen soll oder nicht.

Das Thema ist nämlich insofern vielschichtig, dass man sich irgendwann als Redaktion die Frage stellen muss, ob man gleichzeitig zwei Arten der Nachrichtenproduktion pflegen kann, nämlich die ausgabenbasierte Produktion für die Zeitung und die permanente Produktion für Online. Oder frei nach dem Motto von Rivva.de: Kann man mit dem täglichen Aufstauen und kontrollierten Ablassens des Sees auch gleichzeitig einen Fluss bewirtschaften?

Eine spannende Lösung könnte das Abschneiden eines sehr alten Zopfes sein: Abkehr der täglichen Erscheinungsweise und Auffüllen der Lücke durch ein Online-Nachrichtenangebot. Das hätte den Vorteil, dass für die Tage, an denen keine Printausgabe erscheint, die Online-Ausgabe der Mittelpunkt wird und die auch ganz anders vermarktet werden kann. Die Printausgaben (die durchaus zwei, dreimal in der Woche erscheinen könnten) hätten dann Raum für deutlich mehr Hintergrundberichte und Magazinteile und zudem könnte man erheblich unbeschwerter an das Thema gehen, Online und Print zu verzahnen, ohne die Angst zu haben, dass mit einem Link der Leser auch sofort verschwindet.

Solche radikalen Ansätze wären auch anderweitig ein Befreiungsschlag, nämlich beim Anzeigenmarkt, der durch die so sehr kraftvolle Stärkung der Online-Aktivitäten ganz andere Vermarktungsstrategien ermöglicht, da der gesamte Anzeigenmarkt nicht mehr nur einmal erscheint, sondern für Zeiträume gebucht werden kann, bis hin zur Flexibilität, eine Anzeige so lange buchen zu können, bis das Anzeigenziel erreicht ist.

Und hier ist dann auch die tatsächliche Waffe gegen Google & Konsorten. Die Zeitungen können endlich sinnvoll online vermarkten und haben dazu den Inhalt. Und wenn man genau den Worten von Google & Konsorten zugehört hat, wird man erstaunt konstatieren, dass Google & Konsorten niemals etwas anderes gewollt haben, denn sie würden vom ersten Tage an, bei so einem Strategiewechsel, die Bälle noch zielgerichteter in die Hände der Verlage spielen.

Die bisherigen Teile:

      Der nächste Teil geht darauf ein, wie Zeitungen mit dem so genannten Graswurzeljournalismus nicht konkurrierend, sondern richtiggehend partnerschaftlich umgehen können, ohne das jemandem dabei ein Zacken abbricht.

      Schweinerei! bild.de wird nur für iPhones gesperrt.

      Der Axel-Springer-Verlag will sich jetzt also wirklich blamieren und das Heil über die Holzhammer-Methode suchen. Nicht dass es schon albern genug ist, dass man beim Axel-Springer-Verlag tatsächlich glaubt, dass iPhone-Besitzer tatsächlich bereit sind, signifikante Geldsummen an den Verlag für die Lektüre der BILD oder der WELT zu bezahlen, nein, man steigert die Kakophonie noch dadurch, dass man zukünftig die an sich frei zugänglichen Websites für iPhone-Zugriffe sperren möchte. Das stand schon im SPIEGEL diese Woche, das Medienmagazin DWDL.de hat sich das auch nochmal von einem Sprecher des Axel-Springer-Verlags bestätigen lassen.

      Das wiederum finde ich eigentlich höchst sinnvoll, denn wenn jemand das Business nicht versteht, soll er einfach die Finger davon lassen.

      Lieber Axel-Springer-Verlag, ein Vorschlag: Einfach bild.de und welt.de komplett sperren. Auffallen würde es den Menschen, die noch einen funktionsfähigen Verstand haben, quasi nicht und der Rest schaltet dann halt einfach wieder zu den Privatsendern der Gehirntoten und holt sich dort die tägliche Portion Maulfäule.

      Das Konzept der Zeitungsmacher ist da.

      Und ich habe mir wirklich an den Kopf machen müssen. Dass ausgerechnet auch noch die Rhein-Zeitung im Kreise der Planer ist, lässt mich erschüttern, denn immerhin ist die Rhein-Zeitung aus Koblenz einer der Zeitungen im Land, die das Thema Internet sehr früh und pragmatisch angepackt haben.

      Also, wie sieht der Plan aus? In Augsburg trafen sich eine Reihe von Vertretern von Zeitungen, die sich von einem Unternehmen namens Marktwert IT ein Konzept haben vorstellen lassen. Marktwert IT ist, laut der Beschreibung auf der eigenen Homepage, offenbar unter anderem spezialisiert auf Anwendungen auf Smartphones.

      Sich bei der Augsburger Allgemeinen zu treffen, lässt übrigens auch tief blicken, denn die Augsburger Allgemeine – bzw. ein Unternehmen namens “Newsfactory” aus dem Umfeld der Augsburger Allgemeinen – ist Dienstleister für andere Zeitungen und Lieferant eines Content Management Systems namens “redFACT”, das von vielen kleineren Zeitungen eingesetzt wird.

      Jedenfalls trifft man sich so da und berät ein Konzeptpapier, das W&V vorliegt und das folgende Eckpunkte hat:

      • Das iPhone sei mit vier Millionen Stück das meistverkaufte Handy [Anmerk. des Autors: Huh?] und 98 Prozent der Nutzer würden mit diesem Gerät im Internet surfen. Durchschnittlich geben iPhone-Nutzer nach einer Studio von AdMob 9 Euro monatlich für iPhone-Apps aus.
      • Marktwert IT habe eine eigene App namens “NewsPush” (Bilder von der App gibt es im Blog von Marian Semm), in der die teilnehmenden Verlage Artikel in ihrem Namen anbieten können sollen, selbstverständlich nicht kostenlos. Der Kauf eines einzelnen Artikels solle 79 Cent kosten, darüber hinaus gäbe es dann Möglichkeiten, eine vertretene Zeitung in der App auch wochen- oder monatsweise zu abonnieren. Laut den Screenshots stellt man sich für ein Wochenabo 1,59 Euro vor, für ein Monatsabo 7,99 bis 8,99 Euro. (Kann freilich viel, muss aber auch nichts heißen.)
      • Die Einnahmen werden geteilt, 30 % erhält Apple, 20 % der Anbieter der App, also Marktwert IT, und 50 % der Verlag, von dem der Artikel bzw. das Abo stammt.
      • Pro Verlag stellt man sich einen TKP (Tausender-Kontakt-Preis, also Umsatz pro eintausend Kontakte) von 320 Euro vor und hält eine Zahl von eine Million Downloads bis Ende 2010 für machbar.

      Ich lasse das mal alles so dahingestellt und verkneife mir jeden weiteren Kommentar, um die Partystimmung nicht zu stören. Ich habe mir ja schon an den Kopf gefasst. Thomas Knüwer hat herzlich gelacht, aber ich kann über sowas nicht mehr lachen. Sehen die denn alle tatsächlich den Eisberg nicht, auf den sie schon längst draufgefahren sind?