Warum deutscher Sport und Web 2.0 nicht funktionieren.

Im ganzen Olympia-Trubel stellt Thomas Knüwer in seinem Blog eine interessante Frage auf, die da lautet, warum Web 2.0 im deutschen Sport nicht funktioniert.

Die Antwort dürfte eigentlich sehr naheliegend sein: Es gibt offensichtlich keine Notwendigkeit dafür. Und in der Tat trifft es diese zunächst subjektiv aufgestellte These weitgehend auf den Kopf, denn der deutsche Profisport kommt im Internet – wenn überhaupt – quasi ausschließlich in Web 1.0 daher. Aber woran liegt’s eigentlich?

Professioneller Sport außerhalb der großen, voll durchkommerzialisierten Sportarten wie eigenverwaltetem Ligasport von Fußball, Handball, Eishockey oder solchen Werbeverkaufsveranstaltungen mit angeschlossenem Sportevent wie die Formel 1 etc. ist ein zutiefst verbandsorientierter und staatlich subventionierter Sport. Das fängt schon in den unteren Ligen der großen Sportarten an und wird immer trister, je tiefer und regionaler es wird. Wenn ein Verein und ein Sportler nicht zuschaut, seinen Enthusiasmus zu vermarkten, dem bleibt am Ende nur noch das Joggen mit selbstbezahlten Turnschuhen.

Verbandssport bedeutet im Idealfall: “Das Team ist alles, das Individuum gehört dazu.” Gern ist es aber auch mal: “Der Verband ist alles, das Team ist viel und das Individuum ist nun mal da.” Und irgendwann, wenn es dann professionell werden soll und das alles nicht mehr in den Verbandsrahmen passt, ist plötzlich der Staat da, in Form des Beamtentums. Da sind dann auf der Loipe Sporter unterwegs, die von Beruf Soldat sind, Polizist oder Zöllner. Die sicherlich auch irgendwann mal eine Grundausbildung im Schnelldurchlauf durchziehen, aber ansonsten sich auf ihren Sport konzentrieren und Ihr Gehalt fortan bis zu ihrem Ausscheiden vom Staat erhalten.

Es gehört bei jeglicher Art von Unterordnung (das ist jetzt per se noch gar nicht böse gemeint) dazu, ein Stück des eigenen Individualismus aufzugeben. Und das sieht man dann sehr schön in den Internet-Auftritten und in den weitgehend abgestellten Selbstvermarktungsaktivitäten.

Eine eigene Sportler-Homepage ist da noch das größte, was man zu sehen bekommt. Die direkte Ansprache der Besucher in den in der Regel äußerst homöopathisch veröffentlichten Nachrichten ist dabei der einzig wirkliche Versuch, eine Art von Dialog vorzugaukeln, der Rest ist dann eher erschütternd. Die wenigen Fotos kommen aus dem professionellen Shooting, das Gästebuch ist nun mal ein Gästebuch im Einbahnstraßenverkehr, die Biografie stammt vom Berater. Von so einfachsten Sachen wie einem RSS-Feed ist weit und breit nichts zu sehen.

Solche Art von Fan-Versorgung mag zwar Mainstream sein, entspricht aber in etwa einer handkopierten Mitgliederzeitung des fiktiven Manta-Clubs Nordschwarzwald. Müffelt etwas nach Schweiß, sieht aus wie die grundsätzlich grauen Anzüge der bundesdeutschen Wintersport-Nationalmannschaften mit Bundesadler und spricht meist mit bayerischem Akzent.

Glamour? Starkult? Glamour “made in Germany” sieht folgendermaßen aus: Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg fährt zu seinen Untergebenen nach Whistler, lässt sich mit ihnen im Sparkassen-Viererbob (der so aufgrund des Werbeaufdrucks gar nicht fahren darf) fotografieren, sitzt im völlig albernen quietschgelben Anorak im Publikum einer Veranstaltung und diktiert so denkwürdige Sätze in die Notizblöcke der Journalisten, wie als dass er Magdalena Neuner seine Handynummer gegeben habe und sie ihn jederzeit anrufen könne. Ideales Popcorn für das unter fortschreitender Gehirnfäule leidende BILD-Publikum. Goldhäschen trifft Star-Minister! Und wenn man dann wieder zurück im heimischen Lande ist, geht es zum nächsten Knietätscheltermin von “Wetten dass” und wieder zurück ins Arbeitslager.

Zugegeben, eine überzogene Zeichnung, die ich hier male. Aber warum finden wir es aufregend, was die Amerikaner so tun? Mein bestes Beispiel ist hier die US-Skiläuferin Julia Mancuso (deren Homepage derzeit allerdings nur gelegentlich funktioniert), der ich seit einer Weile in Twitter followe, neben den derzeit 14.131 anderen Followern. Mancuso gilt selbst in den USA als Sportlerin mit durchwachsenem Privatleben, in dem sie es auch durchaus auch mal krachen lässt. Mancuso in kurzen Hosen beim Skifahren, Mancuso im Whirlpool, an die Brüste fassen lassend. Dazu noch hier ein Alkoholexzess, da noch irgendwelche Männerbegleitungen, von denen Väter grundsätzlich warnen und so weiter und so fort.

Sicherlich sind Julia Mancusos Twitter-Beiträge in den seltensten Fällen Beiträge, mit denen man im ZDF-Nachtjournal die Philosophennacht zum leuchtenden Tage umdefiniert bekommt. Allerdings ist es eines: Authentisch. Man muss es als Sportler sicherlich nicht bis zum Anschlag übertreiben, aber wann finden wir einen anderen Menschen interessant? Wenn er etwas tut, was man selbst nicht tut und wenn uns dieser Mensch daran teilhaben lässt.

Selbstvermarktung ist etwas, was jeder Freiberufler, jeder Autor, jeder Handwerker, jeder Jungunternehmer tun muss. Selbstvermarktung im Sport ist aber nach wie vor etwas, was im bundesdeutschen Sport grundsätzlich pfui ist, obwohl es, und da sind wir beim Web-2.0-Paradigma, ein zentrales Ding wäre, Sport zu einem Gemeinschaftserlebnis zu machen. Und spätestens da sind wir dann auch dort, wo auch das Interesse potentieller Sponsoren beginnt.

Ich bin jetzt sicher keiner, der die totale Kommerzialisierung der Sportförderung (!) oder das Entblättern jeglicher Privatsphäre fordert. Es ist schon schlimm genug, anzusehen, wie manch Sportler nach seiner Karriere auf äußerst peinliche Weise seinen zweiten Frühling auslebt und das dummerweise auch noch öffentlich im Fernsehen. So Tiefflieger wie Katarina Witt, die offensichtlich tatsächlich jedem Menschen auf dem Planeten erzählen und auf der Olympia-Website der ARD gar bloggen und twittern muss, was für ein furchtbar tolles Leben sie hat und dabei gern auch mal der Geschichtsverklärung unterliegt – das tut dem Zuschauer weh.

Olympia in ARD und ZDF.

Mit Sportübertragungen im Fernsehen konnte ich die letzten 15 Jahre wirklich nicht sehr viel anfangen. Das liegt vermutlich an meinen traumatischen Erfahrungen als Kameraassistent mit Kameraeinsätzen bei der Eintracht Frankfurt, Mainz 05 und dem VfB Stuttgart. Für Fernsehleute ist Sport das härteste Arbeitsumfeld, die der Enthusiasmus zu bieten hat und das fällt vor allem dann auf, wenn man sieht, dass es unter Kameraleuten auffallend wenig eingefleischte Fußballfans gibt.

Die Olympischen Winterspiele von Vancouver haben das aber nun gedreht, was aber vor allem an der überzeugenden Berichterstattung liegt. Und als alte Fernsehproduktionssau begeistert mich vor allem, wie nun endlich auch die Technik mit dem „Journalistenwillen“ Schritt halten kann:

High Definition

Ganz klar, HD ist der zentrale Meilenstein im Sport. Produziert werden die Bilder im Mutter aller Formate, nämlich in Full-HD mit 1080 Linien und 60 Vollbildern pro Sekunde. Von ARD und ZDF werden die Bilder auf das „kleine HD“ mit 720 Linien heruntergerechnet und darüber hinaus auf 50 Vollbilder reduziert, denn dieses „720p50“ ist das Hausformat der European Broadcasting Union (EBU).

Das „kleine HD“ tut dem Spektakel jedoch keinen Abbruch, denn es ist weniger die Linienzahl, die das Bild macht, sondern die Zahl der Bilder pro Sekunde: Mit normalem PAL lassen sich nur 25 Bilder pro Sekunde übertragen, die dann in einer Mogelpackung als 50 Halbbilder pro Sekunde übertragen werden; zuerst das Halbbild mit ungerader Zeilenzahl, danach das nächste Halbbild mit gerader Zeilenzahl und so weiter. Übertragungsformate mit 50 Halbbildern führt zwar zu flüssigeren Bewegungen als mit 25 Halbbilder (man denke bei letzteres an das Kino, das mit 24 Vollbildern arbeitet), allerdings sehen Bewegungen von Hause aus “verwaschen” aus, Details kommen einfach nicht gut herüber, als mit 50 Vollbildern.

Was ARD und ZDF da also an Bildern von den Sportstätten mit 720p50 liefern, ist wirklich Bewegtbild in High End, erste Sahne.

Kinoton

Früher waren Sportübertragungen einfach und schrecklich. Man hatte das Bewegtbild, man hatte mehr oder weniger guten Ton von der Veranstaltung und man hatte den Ton des Kommentators in telefonhörerartiger Qualität. Und das trifft es schon genau, denn früher kamen von Sportstätten das “Weltsignal”, also Bild und Ton ohne jeglichen Kommentar. In den Kommentatorkabinen, die unmittelbar an den Sportstätten liegen, saßen dann die Kommentatoren am Telefon, das zur jeweiligen Sendezentrale verbunden war und kommentierten tatsächlich über das Telefon. Das sorgte zwar für den typischen “fernen” Eindruck von Livekommentaren, allerdings ist ein “schöner” Ton nicht zu unterschätzen.

Ironischerweise glauben auch heute noch viele Fernsehzuschauer, dass der “schöne” Ton der heutigen Livekommentare so schön ist im Gegensatz zum Telefongenuschel von früher, dass der Kommentator unmöglich vor Ort sein kann, sondern möglicherweise im warmen Sendezentrum in Deutschland sitzt. Das ist aber tatsächlich nicht so, die Kommentatorkabinen an den Sportstätten gibt es immer noch, nur gibt es inzwischen für die Tonübertragungen vernünftige und bezahlbare Bandbreiten.

Im übrigen sei angemerkt, dass Raumklang inzwischen der Normalfall ist. Wer also zu Hause eine vernünftige Surround-Soundanlage hat, kann die auch einsetzen.

Entfesselte Kamera

Die entfesselte Kamera halte ich für die eigentliche Revolution in der Sportübertragung. Das hat man sehr schön bei den Biathlon- und Langlaufwettbewerben gesehen. Dort gibt es das übliche “Weltbild”, aber unmittelbar vor den eigentlichen Wettbewerben noch Kommentare vor Ort von einem Moderator und einer/einem Expertin/Experte. Dieses Bild wird schon von einem eigenen Produktionsteam der jeweiligen Fernsehanstalt produziert, ist aber inzwischen auch nicht mehr unüblich.

Was allerdings dann schon richtig neu war, war die schnelle Schaltung zum jeweiligen Bundestrainer während den Wettbewerben, um so ein brandaktuelles Stimmungsbild einzuholen. Gerade die so eingefangenen Livekommentare von Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle waren mehr als “live” und wirklich mitten aus dem Geschehen heraus. Der Begriff “geil” trifft es für diese Art der Liveberichterstattung gerade noch so.

Für all diese Spielereien braucht man eine “entfesselte Kamera”, die einerseits ohne groß verlegte Kabel auskommen muss, andererseits aber live ihre Bilder in die Produktion übertragen kann. Das macht man inzwischen mit an den Spielstätten vorhandenen Funknetzen und für Fernsehsender reservierte Funkkanäle, in die sich die jeweiligen Kameras einfach einschalten, egal wo sie gerade in der “Funkwolke” stehen.

Wer das miterleben möchte: Heute Abend gibt es ab 20:30 Uhr den Biathlon-Wettbewerb 4×7,5 km Staffel Herren. Ab 20 Uhr einschalten und miterleben. Auch für absolute Sportmuffel ideal zum Staunen.

Das Studio an den Sportstätten

Was die entfesselte Kamera von ARD/ZDF direkt vor Ort an den Sportstätten im Olympiaort Whistler produziert, landet nicht direkt im so genannten “International Broadcast Center” in Vancouver, in dem praktisch alle Fernsehsender kostengünstig produzieren können, sondern im eigens eingerichteten Produktionsstandort in Whistler, wo auch das “Panoramastudio” der beiden Sender steht, das man auf das Hilton Hotel von Whistler aufgebaut hat. (An dieser Stelle Dank an ARD-Redakteur Dirk Hofmeister, der mir via Twitter den Tipp gegeben hat, da ich in Google Earth partout nicht das passende Dach finden konnte. Auch diese Art der Interaktion per Web 2.0 – Respekt. Man muss es nur tun.)

Diese Zwischenstelle in der Produktion mag zwar nicht gerade wenig Geld kosten, allerdings ist das ein Schlüsselelement in der gesamten Berichterstattung, denn nur so hat man die Sportler, die ihre Wettbewerbe in Whistler absolvieren, direkt in einer heimeligen Atmosphäre für die Nachberichterstattung und zudem kann man auch hier eben verhältnismäßig einfach mit den Teams in den Sportstätten live – und eben wirklich “live” – interagieren.

Ich, der Olympia-Fanboy.

Das letzte Mal, dass ich länger die Berichterstattung von Olympischen Spielen verfolgt habe, war 1994 bei den Winterspielen in Lillehammer. Zugegeben, da war ich auch noch Schüler und hatte die Zeit dafür, nachmittags während dem Nichtmachens der Hausaufgaben anderen Leuten dabei zuzuschauen, wie sie sich die Lungen aus dem Leibe pusten. Als Arbeitnehmer hat man nur abends Zeit, aber da spielt wiederum die Zeitverschiebung mit, so dass man abends gleich mittendrin im Vormittag von Vancouver ist.

Das Wochenende war ich dann also wieder mittendrin im Olympiafieber. Winterspiele sind einfach die schöneren Olympischen Spiele, auch wenn natürlich die Kommerzmaschine inzwischen überhaupt keine Unterschiede mehr zwischen Winter- und Sommerspiele macht. Dennoch finde ich Winterspiele „familiärer“ und vor allem erheblich spannender. Dass das nun alles bei ARD und ZDF in HD daherkommt, macht das alles erheblich sehenswerter. Das merkt man vor allem dann, wenn man einfach mal kurz bei Eurosport schaut, wie ätzend die Normalauflösung dann aussieht.

Richtig genial: Die Snowboarder und hier das so genannte Boardercross, bei dem mehrere Snowboarder gleichzeitig auf der Piste stehen. So viel Action ist man von Winterspielen gar nicht gewohnt und unterstrichen wird das von wirklich außergewöhnlichen Kameraeinstellungen, beispielsweise die Helmkamera oder einer Kamera, die auf einer Seilbahn talwärts fährt, während die Snowboarder den Berg nehmen. Starke Bilder!