Auf geht’s!

Supermarktkasse am Samstag vor einigen Wochen. Zwei Kassen waren geöffnet, die Warteschlangen erträglich und es ging ruhig zu. Die beiden geöffneten Kassen waren getrennt durch die üblichen Schokoladen- und Zigarettenregale, so dass ich das Gesicht der Person nicht mitbekam, die in der Nachbarschlange plötzlich laut und deutlich „Auf geht’s!“ rief. Und dann gleich nochmal. Auf geht’s! Kehlig, aber überzeugt, von einer vermutlich kleineren Person.

Nun ist ja das Herumstehen in einer Warteschlange einer Supermarktkasse wahrlich kein Darstellungsort für Expressionisten, so dass man auf so einen Spruch in der eher unangenehmen und indiskreten Wartesituation entweder mit Aggressivität oder peinlichem Weghören reagiert. Immerhin beleidigt man mit so einer Ansage in einer Warteschlange schnell mal jemanden, ob nun die Kassiererin, oder die Person, die vor einem wartet. Andererseits vergisst man so einen Emotionsausbruch auch schnell wieder. Man rückt auf und will ja schließlich auch irgendwann möglichst schnell bezahlen, damit der eher lästige Supermarktbesuch schnell auch wieder Geschichte wird.

„Auf geht’s!“ dann nach einigen Dutzend Sekunden nochmal, wieder laut und deutlich, diesmal hinter mir. Da ich schon direkt an der Kasse stand, riskierte ich einen Blick nach hinten. Und da sah ich, dass das „Auf geht’s!“ von einer jungen Frau mit offensichtlichem Down-Syndrom kam, die ihre zwei nicht ganz so schnellen Begleiter damit motivierte und sich ihrer Motivationskraft ziemlich sicher zu sein schien.

Als dann noch ein „Auf geht’s!“ kam, als sich die Truppe mit dem bepackten Einkaufstüten auf den Weg machte und an mir vorbeikam, drehte ich mich nochmal um zu ihr, zeigte direkt auf sie: „So isses! Gut, dass es mal jemand genau so sagt!“ Leider nicht ansatzweise so überzeugend, wie sie das kann.

Von Nichtmögen, sich auf etwas einlassen und es dann vielleicht zu lieben.

Dieser Artikel hier wird in meinem Blog etwas aus dem Rahmen fallen. Das tun zwar, der geneigte Leser kennt das ja schon, nicht gerade wenige Artikel im Blog, aber der hier noch etwas mehr. Es geht nämlich darum, wie man eigentlich weiterkommt. Und wie man eigentlich auf diese Weise nichts anderes tut, als die gesamte Menschheit ein Stückchen weiterzubringen. Gewidmet ist der Artikel einem für mich sehr wichtigen Menschen, Details dazu gehen euch nichts an.

Mein Beispiel hier ist auf den ersten Blick völlig abstrus – es ist nämlich U2. Nicht die U-Bahn-Linie in Berlin oder einer anderen Stadt, sondern die Band. Viele wissen, dass ich U2-Fan bin. Zwar nicht unbedingt so militant, dass ich alle Lieder auswendig wüsste (eigentlich weiß ich nach wie vor gar keines auswendig), aber ich kann mich von U2 und ihren Liedern vortrefflich berühren lassen, in allen Lebenslagen. Aber von vorn:

Eigentlich habe ich U2 sogar mal gehasst. Mir heute völlig unverständlich, aber bis zirka 1994 war U2 für mich eine Rockband von vielen und Rock etwas, was mir zu „unsauber“ daherkam. Ich war eingefleischter Fan von Jean-Michel Jarre und teilweise noch skurrilerer Synthie-Musik und bildete mir ein, sie gut zu finden. Jarre ist immerhin noch ein Vertreter der elektronischen Musik, die ich auch heute noch hören kann, den damaligen Mist, den ich so noch hörte, würde ich heute glatt in sehr schrägen Esoterikabteilungen suchen, wenn ich denn Bedarf danach hätte.

Aber zurück zu U2. U2 zu hassen, war eine sehr einfache Haltung. Etwas zu hassen, was man nicht kennt, ist die einfachste Haltung, die man sich als Mensch geben kann, mit den unterschiedlichsten Hintergedanken. Vielleicht mag man die Musik wirklich nicht, vielleicht stört aber auch einfach, dass die Ex-Freundin U2 besonders mochte oder vielleicht will man einfach nur dagegen sein, um sich keine aktuellen Diskussionen geben zu müssen. Hassen ist immer eine sehr persönliche Geschichte, die viel mit Abwehr zu tun hat. Und zwar vor allem dem Abwehren von anderen Meinungen.

So auch hier: Mit Jochen, einem meiner engsten Freunde, hatte und habe ich jemanden, der durch und durch U2-Enthusiast ist, seitdem ich ihn kenne. Bestens über U2 informiert und Besitzer einer U2-spezifischen Sammlung, die unglaublich gut sortiert ist. (Jochen ist übrigens nicht der oben erwähnte Mensch, dem dieser Artikel gewidmet ist, auch wenn er es eigentlich auch verdient hätte. :-))

Jochen hat sich irgendwann 1994 die Mühe gemacht, nicht einfach auf meine Hasstiraden zu U2 zu reagieren, sondern mich reinhören zu lassen in eine Welt, die ihm viel bedeutet. Einige sehr tiefgehende Lieder mit jeweils einer ganzen Geschichte, fein säuberlich in Ton und Text ausgedengelt und aufgenommen und Jochen ließ mich hören, was ihn bei diesen Liedern bewegte. Und es bewegte mich auch. Manchmal, oder so.

Es entstanden zwei legendäre Cassetten von ihm, mit einer Auswahl von U2-Songs und handgeschriebenen Playlists. Ein Berg voll Arbeit, selbstlos. Noch nicht mal U2 hatte etwas davon und die Cassetten hat Jochen ja auch noch selbst bezahlt. Beide Cassetten liefen bei mir so lange, bis sie nach Jahren kaputtgegangen sind. Ich habe beide Cassetten auch heute noch im Besitz, obwohl sie nicht mehr funktionieren und ich auch gar keinen Cassettenplayer mehr habe. Die dazugehörigen Alben, aus denen die Lieder stammten, die habe ich inzwischen aber alle.

Worauf ich hinaus will: Hassen und Dinge nicht mögen, das ist alles sehr einfach. Sich als „Hasser“ auf eine andere, konträre Meinung einzulassen, schwierig und wenn man nicht das Glück hat, auf jemanden zu treffen, der selbstlos und ohne Vorurteile gegenüber „Hassern“ einem seine eigene Meinung darlegt, fast unmöglich.

Wenn man aber über seinen Schatten springt und sich als „Hasser“ auf eine andere Meinung einlässt, dann erschließen sich möglicherweise Welten, die man bis dato gar nicht kannte und die man heute gar nicht mehr missen mag. Oder gar nicht mehr missen kann. Viele Lieder von U2 sind, wie bei vielen Menschen, fest mit Ereignissen meines Lebens verbunden, weil ich sie damals hörte oder ich einzelne Liedtexte mit ihnen verbinden konnte. Und viele Lieder erzeugen mir heute, fast 20 Jahre, nachdem ich sie zum ersten Mal gehört habe, ausnahmslos immer noch jedes Mal eine Gänsehaut. Zum Beispiel „The First Time“, wenn inmitten von Bonos Gesang das Piano einsetzt und den Gegenpol bildet. Unfassbare, musikalische Magie.

Einschneidende Erlebnisse im Leben leben zum einen von dem, was wir „Schicksal“ nennen (davon haben wir es im diesem Artikel eher nicht). Oder zum anderen davon, sich auf Dinge einzulassen, die einem vielleicht noch kurz davor völlig unmöglich vorkamen. Das selbstgesteuerte Einlassen auf andere Meinungen und damit die Möglichkeit, sich eine andere Meinung bilden zu können, tut vielleicht weh, kostet Mühen und man kann sich dabei bei Leuten, deren Horizont ebenso klein ist, auch lächerlich machen.

Aber wer sich einlässt auf fremde Meinungen, profitiert allein schon von diesem Umstand selbst. Macht sich offener. Findet heraus, dass das Ziel eines Weges nicht unbedingt am Ende das vielleicht gar nicht erreichbare Wirtshaus oder die Sackgasse ist, sondern das Ziel eines Weges möglicherweise auch der Weg selbst ist. Oder die schöne Bank am Wegesrand mit dem tollen Ausblick. Oder ein Wandersmann, mit dem man ein paar Schritte mitgehen darf und der einem eine andere Sicht – vielleicht auch auf den Weg selbst – geben kann.

Wir Menschen sind, nach heutigem Wissen, die einzigen Lebewesen weit und breit, die sich eine eigene Meinung auf Basis von rationalen und emotionalen Vorgängen im Kopf bilden können und dazu braucht es die Notwendigkeit, sich auf andere Meinungen einzulassen. Man muss nichts von diesen Meinungen sofort glauben oder sich sofort dazu äußern – man muss sich nur erst einmal darauf einlassen. Das ist der erste, vielleicht anfänglich schmerzhafte, aber dennoch wichtigste Schritt.

Wer das tut, bringt sich nicht nur selbst Äonen weiter im Leben, sondern macht Wege frei für andere Menschen, um ihnen das auch zu ermöglichen oder findet eine(n) Partner(in), mit dem er/sie glücklich wird. Und unter diesen schon lebenden oder dem vielleicht noch zu gebärenden Menschen wird vielleicht mal einer sein, der eine bis dato unheilbare Krankheit heilt oder den goldenen Weg zur Klimarettung findet, weil er/sie den Kopf für neue Ideen frei hat oder vielleicht auch nur das richtige Lied in der richtigen Situation hört.

Ist es nicht schön, wie einfach es im Grundsatz funktionieren kann? Man muss sich nur den Ruck geben, sich auf andere Meinungen und Menschen einzulassen. Den Rest mit Wohlbefinden und Sympathie macht dann die ausgezeichnete Biochemie unserer Körper.

Lieber Mensch, dem ich diesen Artikel widme: An nichts anderes glaube ich und ich habe gelernt, dass diese Lektion damals für mich und meine Mitmenschen nicht falsch war, sondern sehr wichtig. Hätte ich das nicht gelernt und wäre es für mich nicht einer der wichtigsten Regeln und Maßgaben meines Lebens geworden, hättest du es gar nicht geschafft, für mich zu einem sehr wichtigen Menschen zu werden. So long.

Das wird unser Jahr!

Ja, ich nerve heute wirklich jeden damit, dass dieses Jahr unser Jahr wird. Und offenbar verstehen noch nicht mal alle, dass ich mit „unser“ nicht die Leute meine, mit denen ich herumhänge, sondern genau denjenigen, dem ich das sage, egal ob Arbeitskollege, Freund, Verwandter, Parteifreund, Gegner, Idiot: Das wird unser Jahr, meines und deines! Ich habe wirklich vor, dass dieses Jahr im Gedächtnis bleibt, denn das letzte Quartal bestand quasi nur daraus, das Jahr 2009 dunkel zu reden. Es wird aber nicht dunkel, es wird so hell wie die Sonne – wenn wir wollen, dass es unser Jahr wird.

Also ran an die Buletten und nicht erst auf das erste, warme Märzwochenende warten, das im Normalfall immer als Startsignal gedeutet wird. Wir starten einfach jetzt schon den Motor, nehmen die Vorzeichen der Graswurzelbewegungen des letzten Jahres als Kühlerfigur und lassen diese dorthin zeigen, wo es weitergeht, ohne wirklich zu wissen, wohin uns das führt. Völlig egal. Wir haben keine Businesspläne zu erfüllen und müssen nicht Lobbyisten und Politiker pflegen, von deren Anzeigen und Vitaminen wir abhängig sind.

Unsere Musik ist nicht die, die fest eingebrannt auf der CD daherkommt, sondern wir machen unsere eigenen Playlists, so wie es uns gefällt. Das Leben da draußen, weitab von den Betriebsbremsern, Madigrednern, Weltuntergangsherbeiphilosophierern und Dummschwätzern ist so riesig und hell, dass es alle dunklen Flecken wegleuchten kann, wenn uns das ein festes Motto für dieses Jahr wird.

Es wird. Alles wird gut. Wir können das. Und wir können auch vieles mehr, was andere uns gar nicht zutrauen würden. Denn genau das ist der Ansporn. Also packt eure Träume aus, schreibt sie auf, hängt sie euch an die Pinnwand oder über den Bildschirm und staunt über diesen ersten Schritt, der vermutlich der kühnste und derjenige ist, von dem ihr am meisten Angst hattet. Und lasst danach die Turbinen an. Sie haben uns lange Zeit belächelt und karikiert, sie haben über uns gelacht und uns für die Deppen des Jahrzehnts gehalten, aber die von Gestern leiden und kämpfen ums Überleben.

Wir, das sind diejenigen mit Träumen, Ideen und Idealen und wir holen den Pott vor dem Wettbewerber mit seinen alten Konzepten und wir werden erstaunt sein, dass wir uns gar nicht so anstrengen mussten, wie zunächst befürchtet.

Es wird unser Jahr!