Raritäten.

Okay, ich gebe zu, ich bin derzeit etwas unter Druck in Sachen Bloggen und mache mich gerade etwas rar. Um präziser zu sein: Etwas unter Druck in Sachen privatem Bloggen. Wir sind nämlich hier in Baden-Württemberg und im speziellen in Pforzheim in der nun heißen Wahlkampfphase zur Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl. Für beide Wahlkämpfe laufen zwei Kampagnenplattformen im Web, wobei der derzeitige Arbeitsschwerpunkt derzeit eindeutig auf der Website des OB-Kandidaten Gert Hager liegt. Das Ding hatte ich ja Anfang Januar gestartet, flankierend zur Ankündigung von Gert Hager, als Oberbürgermeister in Pforzheim zu kandidieren.

Ich gebe zu, meine damalige These, dass kommunale Wahlkämpfe das eigentliche Zuhause von Politik 2.0 sind, war damals gewagt und hatte mehr mit dem Prinzip Hoffnung zu tun, als mit den Tatsachen, die es nach wie vor kaum gibt. In der Zwischenzeit habe ich meine Lektionen gelernt und alle, wirklich ausnahmslos alle Lektionen bestätigen meine Thesen dermaßen deutlich, dass ich Respekt vor meiner Kühnheit habe, die ich da vor rund fünf Monaten an den Tag gelegt habe.

Politik 2.0 ist in der Kommunalpolitik ein hochspannendes Werkzeug, das problemlos einige Dinge massiv auf den Kopf stellen kann, wenn man es vom Kopf aus beginnt. Gerade in der Kommunalpolitik herrscht auch nach wie vor die Arbeitsweise vor, dass man vornehmlich eine Pressemeldung schreiben und adäquat in der Lokalpolitik unterbringen muss, um publik zu werden – mit allen daraus resultierenden Vor- und Nachteilen.

Politik 2.0 mit dem Paradigma der engen Wahlkampfbegleitung sprengt diese Fesseln auf eine schwer widerstehliche Art, wenn man sich darauf einläßt. Man kann als Politiker im Web das ausdrücken, was man tatsächlich tut bzw. gemacht hat und der Wähler kann sich darauf einlassen, Aspekte von politischer Arbeit aus direkten Quellen zu erfahren. Das hört sich oft genug gestelzt an und eben auch nach „Wahlkampf“, aber auch genau da sind wir ja auch. Es müssen in der Politik zuvorderst Menschen überzeugt werden und Politik 2.0 bietet genau hier eine ultraschnelle Verbindung zum Wähler und das in direktester Luftlinie.

Es fängt träge an, man zweifelt am Anfang durchaus und bekommt vor allem von den beteiligten Wahlkampfmanagern fast schon mit ein wenig Mitleid Terminankündigungen und ein paar Bilder zur Zweitverwertung auf der Website. Da aber Politik 2.0 und vor allem ein Weblog nicht nur von aktuellen Nachrichten, sondern auch von allen anderen, bis dato dort veröffentlichten Texten und Bildern lebt, kommt der Punkt der „kritischen Masse“ zwar gemächlich, dafür dann aber mit Warp 8. So deutlich, dass  sich sogar die Kampagnenleiter, die sich schon im gesetzteren Alter befinden und eine Menge traditioneller Wahlkampferfahrung an den Tisch bringen, dabei von mir erwischen lassen, dass sie die Wahlkampfaktivitäten plötzlich so mehrgleisig medial planen, wie man es ein paar Ebenen höher kennt. Plötzlich sind Bilder bereit, Stichworte geliefert, der Kandidat bloggt zwischen Tür und Angel einen Entwurf, der Terminkalender wird zentral mit Google Calendar verwaltet und fallweise ins Weblog importiert. Die Masse an Content erzeugt den Wunsch, noch mehr Content zu liefern und genau damit läuft der Reaktor.

Da geht was, Folks. Was genau, ist schwierig zu definieren und auch die Frage steht noch unbeantwortbar im Raum, wohin uns das alles hinführt. Aber wir haben mit der Kampagnenseite im Januar bei genau Nullkommanull angefangen und haben jetzt mehr Visits, als mein gar nicht ganz so selten gelesenes Blog. Wer sich dahinterklemmt und seine Aufgabe in der Kommunalpolitik als „Aufgabe“ erkennt, die er immer im Konsenz mit anderen angehen muss und die er gern mit der interessierten Bevölkerung diskutieren möchte, der ist immerhin schon mal da, wo wir im Januar angefangen haben.

Für den nächsten Schritt muss man entweder experimentieren und durchaus auch Spass dabei haben. Oder bald zwei Leute fragen, die sich damit auskennen und tragfähige Konzepte liefern. 😉

Einfallslosigkeiten beim Wahlkampf-Claim.

Ich bin nun wirklich keiner, der kleineren Wahlkampfscharmützeln ständig aus dem Weg gehen muss – ganz im Gegenteil: Wahlkämpfe beinhalten das Wort “Kampf” und wenn man hierbei streng bei verbalen Kämpfen bleibt, kann klug und fair geführter, verbaler Wahlkampf für alle Beteiligten und auch für den Wähler sehr spannend sein. Politik lebt vom Wort und von Argumenten und wenn man das noch mit einer Prise Witz würzen kann, kann auch der eher ungeliebte Teil des Wahlkampfes, das richtige Wording, noch richtig Spaß machen.

Unsere SPD-Liste für die Gemeinderatswahl in Pforzheim läuft unter dem Motto “Kluge Köpfe für Pforzheim”. Das hat sich schon vor einigen Monaten unser Kreisvorsitzende ausgedacht und das wurde auch – weil es ein wirklich guter Claim ist – sehr schnell von den Entscheidungsgremien der Parteiführung angenommen und frühzeitig in die Wahlkampfstrategie gegeben.

Umso erstaunter war ich, als ich heute morgen das erste Mal eine Zeitungsanzeige der CDU Pforzheim gesehen habe und nun tatsächlich einmal das Presswerk der Konkurrenz sehen konnte, über das sich die Genossen schon seit einigen Tagen lustig machen. Denn dort grinsen doch tatsächlich die CDU-Kollegen mit dem Slogan “Helle Köpfe für Pforzheim” aus der Zeitung, obwohl der eigentliche CDU-Slogan superbrillant unter dem Slogan “Team40” läuft. (Dass man die offenbar besonderen Teamfähigkeiten der CDU immer wieder besonders herausstreichen muss, hat mich ja schon vor einer Weile bei der Analyse des Claiming der Bundes-CDU amüsiert.)

Nichts gegen Ironie im Nahkampf! Ich hätte noch Verständnis gehabt und der Konkurrenz die Schadenfreude gegönnt, wenn sie unseren Claim irgendwie zugespitzt hätten und das noch halbwegs sinnvoll klingt, also beispielsweise “Noch klügere Köpfe für Pforzheim” oder sowas ähnliches. Aber einfach unseren Claim zu nehmen, ein praktisch gleichwertiges Synonym für “klug” zu nehmen und bei der Umsetzung jegliche Ironie vermissen zu lassen, das ist nicht mehr sonderlich originell, das ist schlicht plump geklaut.

Und wenn man das dann noch im Rahmen dessen sieht, dass die CDU Pforzheim auf ihrer Kampagnenseite ihr Wahlprogramm hübsch in verschiedene Themen eingeteilt hat, dabei jedoch ein Drittel der Themen noch in Bearbeitung sind und fehlen, dann muss ich konstatieren, dass die Kollegen da gewisse Mängel an Kreativität und Fleiß an den Tag legen und das offensichtlich noch nicht mal mehr gut verstecken. So macht das wirklich keinen Spaß, Freunde.

Wahlkampfprojekt Nummer 2.

Man kann sagen, was man will: Wer den Wahlkampf zu einer Kommunalwahl unterschätzt, hat schon verloren. Eigentlich dachte ich, dass die Website für den Kommunalwahlkampf eher mittlere Arbeitskategorie ist, dieses Denken habe ich jedoch sehr schnell verloren. Ist auch ziemlich logisch, denn während in den meisten Wahlkämpfen ein einzelner Kandidat zur Wahl steht, sind es bei Kommunalwahlen eine ganze Reihe von Kandidaten.

Bei uns in Pforzheim sind es vierzig Kandidaten. Und damit vierzig Fotos, vierzig Steckbriefe, vierzig Menschen. Und all das muss auf eine Website. Ein Wunder, wenn das alles dann fertig ist.