Albumkritik: Heino mit „Mit freundlichen Grüßen“.

Hätte mir jemand von ein paar Wochen gesagt, dass ich mir demnächst ein Heino-Album kaufen würde, hätte ich ihn herzhaft ausgelacht. Heino? Der blonde Barde mit schwarzer Sonnenbrille, der praktisch nicht altert und die ideale menschliche Inkarnation des Duracell-Hasens ist? Ein Album von ihm kaufen? Noch nicht mal geschenkt hätte ich es genommen …

Und doch ist es geschehen – ich habe mir „Mit freundlichen Grüßen“ gekauft. Gleich nach Veröffentlichung am 1. Februar um 0:30 Uhr als MP3-Download bei Amazon.de. Und was soll ich sagen: Ich bin begeistert. 😉

Über was kann man eigentlich bei Heino begeistert sein? Über seine 50 Jahre Bühnenpräsenz? Kein Kriterium. Über 50 Millionen verkaufte Alben? Haut mich nicht um. Nein, der Wahnsinn kommt viergliedrig daher:

  1. Heino muss man nicht kennenlernen, Heino kennt man. Und zwar Jung und Alt, egal ob geliebt oder gehasst. Er hat es als einer der wenigen Künstler geschafft, in 50 Jahren Bühnenpräsenz ohne jeden Skandal auszukommen und immer, wenn es um Biederkeit, Konservatismus, „alte, heile Welt“ geht, läuft im Hintergrund entweder Udo Jürgens – oder eben Heino. Jeder kennt mindestens eine Person, die gern (oder ungern) aus ihrer Kindheit erzählt, dass sie im Auto auf der Rückbank sitzend mit Heino-Liedern gequält wurde auf dem Weg nach Italien. Der Hass oder die Liebe eint uns auf seltene Weise. 🙂
  2. Heino bastelt um sein Album „Mit freundlichen Grüßen“ sehr geschickt eine interessante Geschichte. Ihr, die Musiker der modernen Musik habt euch jahrelang über mich, meine Musik und meine Fans lustiggemacht und jetzt zahle ich es euch zurück. Gewaltlos (das werden eingefleischte Metaler oder Punker möglicherweise anders sehen), kreativ und vor allem völlig überraschend. Auch wenn sich das Management von z.B. Rammstein bemüht, möglichst lustlos auf den Heino-Hype zu schauen – hätte die vor ein paar Monaten gefragt, ob sie ein Lied zum Covern durch Heino freigeben würden, wären die durchgedreht. Allein die Vorstellung … was erlaube Heino? 😀
  3. Heino kennt offenkundig keine Schamgrenzen, wenn es darum geht, populäre Musik einfach so nachzusingen, wie sie eigentlich auch im Original gesungen wird. Und dabei tut er nichts anderes, als einen Spiegel hoch halten, denn letztendlich sind viele Texte der heutig modernen Populärmusik mit unendlich doofen Texten ausgestattet, die auch Heino so hätte schreiben können. Selbst so Texte wie von „Sonne“ von Rammstein sind dämlich und wenn Rammstein nicht so laute Musik dazu spielen würde, kämen sicherlich auch die Reisebusse mit den Fans jenseits der Sechziger dazu.
  4. Wenn Heino singt, singt Vati. Das hängt mit Punkt 1 und 3 zusammen, gibt aber den geschickt ausgesuchten Liedern einen ganz anderen Drive und dreht sie schon fast ins Sarkastische. Das Paradebeispiel ist „Junge“, ehemals eingespielt von den Ärzten. Die Toten Hosen machen sich mit dem Text lustig über die ältere Generation, die auf ihre Kinder und ihren Lebensstil schimpft – Heino ist die ältere Generation, verkehrt den Text durch seine implizierte Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit um und dreht ihn damit gänzlich in den Sarkasmus. Und weil Heino eben der ewig grinsende Barde ist, den man schon aus Hygienegründen erheblich eher zum Kaffeekränzchen einladen würde, als z.B. die Ärzte oder Rammstein. Heino macht keine Flecken auf den Teppich und ist sicherlich auch noch beim Beladen der Spülmaschine behilflich, während er der Mutti noch schnell ein Liedchen singt.

Mit Mut hat Heinos Album daher relativ wenig zu tun, schon eher mit guter Kalkulation. Das Album kommt mit herzlich einfacher Promotion daher, baut auf bestes Guerillamarketing und ist sicherlich auch nicht brutalst hochwertig produziert, was leider an der allzu synthetisch klingenden Musik auch in langen Strecken hörbar ist. „Junge“, „Haus am See“, „Sonne“ und „Was soll das“ (Bonustrack im Album bei Amazon.de) sind solide Werke, bei „Haus am See“ oder „MfG“ kommt Heino trotz der tadellosen Aussprache dennoch ins Straucheln, wenn er sich an Rap probiert. Das kann man ihm allerdings entschuldigen, andere so genannte Musiker nuscheln sich mit ganz anderen Gebisskonstellationen durch die Charts.

Und: Heino seiert uns nicht die Ohren voll von den bösen Geschichten der ach so schlimmen Raubkopierer, teilt hübsch brav seine Einnahmen mit den gecoverten Künstlern und verkauft sein Album in den gängigen Downloadstores dennoch für einen anfänglichen Kampfpreis von 5 bis 7 Euro und wird sicherlich mit seinem Album nicht draufzahlen. Das muss man erst einmal machen, bevor man meckern darf. Letzteres ist aber auch nach wie vor  bei Heino nicht zu erwarten. Er grinst uns einfach alle weg und nimmt sich auch weiterhin nicht ansatzweise so ernst, wie wir ihn in unserer Verzweiflung mitunter nehmen.

Tatsächlich kauft man also mit „Mit freundlichen Grüßen“ wieder einmal einen Lebensstil von Heino mit. Von, ich wiederhole mich da gern, jemandem, dem man eigentlich schon immer Sturheit und Ewiggestrigkeit vorgeworfen hat und seine Musik vielleicht sogar hasst. Irgendwann bekommt Heino sie alle. Und das gute dabei ist, dass er es wohl kaum mit Rachegefühlen erklären würde, sondern einfach mit seiner vielleicht einfach aussehenden Welt, die er in seinen früheren Alben immer wieder bis zum Erbrechen verkörperte. Und damit ist das alte Schlitzohr aus Münstereifel moderner, als die halbe Musikwelt zusammen und seine Album die beste Anschaffung in Sachen Unterhaltungsmusik seit Monaten.