Aus dem Auge, aus dem Sinn – vom Unsinn der CO2-Einlagerungen.

Ich bin kein Fan der Zeitungen, die man als kostenloses Beiwerk zu einer Parteimitgliedschaft bekommt, völlig unabhängig davon, welche Partei das ist. Bei der SPD ist diese Parteizeitung der „Vorwärts“. Eigentlich eine Zeitung, die eine 134 Jahre alte Tradition aufzuweisen hat und sich lange Zeit als vordenkende Zeitung verstand, die die Sozialdemokratie intellektuell begleitete. Heute ist der Vorwärts freilich nur noch ein müder Abklatsch davon, der sich als applausflankierendes Jubelblatt versteht. Beiwerk eben. Steckt jeden Monat im Briefkasten, hat mitunter interessante Aufsätze, ist gestalterisch gut gemacht, aber der überwiegende Rest ist eben Hühnerragout, genau gemixt für die Parteibasis.

Was mich am meisten stört, sind die Anzeigen im Vorwärts. Man kann ungefähr einen Leitsatz aus der Beobachtung basteln, dass jede Anzeige, die mindestens eine halbe Seite groß ist, für jemanden wirbt, mit dem die Sozialdemokratie einen Diskurs hat. Nun gilt der Grundsatz, dass der journalistische Teil wenig mit den Anzeigen zu tun hat und ich unterstelle keinesfalls der Vorwärts-Redaktion, dass sie im Sinne ihrer Anzeigenkunden schreibt, aber die Werbetreibenden wissen schon sehr genau, welche Sprache sie setzen müssen, ob das nun Anzeigen von Tabakherstellern sind, Privatversicherer oder Energieversorger. Vattenfall zum Beispiel. Vattenfall hat sich in der aktuellen Vorwärts-Ausgabe die letzte Seite gesichert und schreibt folgendes in ihrer Anzeige, gesetzt auf einem überdimensionalen Erdglobus:

Um hier oben etwas zu bewirken, gehen wir in die Tiefe.
Für unseren Planeten wäre es das Beste, wenn kein zusätzliches CO2 mehr in die Atmosphäre gelangt. Genau dafür hat Vattenfall eine zukunftsweisende Technologie für die Energieerzeugung entwickelt: CCS (Carbon Capture and Storage). Dabei wird das CO2 im Kraftwerk abgeschieden, verdichtet und dauerhaft gespeichert – tief unter der Erde.“

Klarer Fall von dem klassischen Versuch, das Phänomen „Aus dem Auge, aus dem Sinn“ als Lösung zu verkaufen, die Stromerzeugung durch fossile Brennstoffe weiter zu forcieren.

Warum es Quatsch ist, CO2 in die Erde zu verlagern.

Eigentlich gibt es ja alles. Endlager, genügend Kohlendioxid, Energiehunger, den Neubau von zig Kohlekraftwerken. Also warum nicht?

  • Emissionen nicht zu verwerten bzw. zu vermeiden, sondern wegzusperren, hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun. Vor allem nicht, wenn sich die weggelagerten Stoffe bei der Lagerung nicht zersetzen. Im Prinzip sind wir bei der CO2-Einlagerungen daher keinen Deut weiter, als bei der Art und Weise, wie wir seit Jahrzehnten mit dem Atommüll verfahren: „Schaun mer mal.“
  • Die Einlagerungsstätten für CO2 sind endlich. Überschaubar endlich. Zwar gibt es auch auf deutschem Gebiet grundsätzlich brauchbare Stätten, bedingt durch früheren Bergbau bzw. Rohstoffförderung auf hoher See und es stimmt auch, dass man bei der Lagerung von Gasen in solchen Lagerstätten Erfahrungen hat, da solche Minen schon für die Zwischenlagerung von Erdgas eingesetzt wird. Allerdings reichen diese Lagerstätten logischerweise nur für einen begrenzten Zeitraum. Von 20 bis 60 Jahren spricht man hier, dann sind die bestehenden, potentiellen Lager voll – wenn die Energieerzeugung durch fossile Brennstoffe auf dem jetzigen Level bleibt.
  • Die Trennung von Kohlendioxid aus den Emissionen von Kraftwerken kostet selbst Energie und zwar richtig messbar – um rund 10 % sinkt die Energieeffizienz von Kraftwerken, die CO2 aus ihren Emissionen filtern. Und wir reden bei der Energieerzeugung nicht von einer Basis von 100 %, sondern von etwa 40 % bei einem durchschnittlichen Kohlekraftwerk. Der große Rest, der bei der Stromerzeugung anfällt, ist Wärme, die man bei modernen Kraftwerken durch Kraft-Wärme-Kopplung teilweise noch nutzen kann, ansonsten aber in die Atmosphäre und in das Kühlwasser geht. Kohlekraftwerke heizen also vornehmlich ihre Umgebung und erzeugen nebenbei noch etwas Strom. Bei Gaskraftwerken sieht es etwas besser aus, hier liegt die Energieeffizienz zwischen 50 und 60 %, zudem besitzen Gaskraftwerke den Vorteil, dass sie verhältnismäßig wenig Vorlauf brauchen, das kann man für gewöhnlich in so eine Rechnung einrechnen.
  • Niemand weiß, was das CO2 im Erdboden langfristig macht. Sorgt der hohe Druck für Bergbewegungen? Was passiert, wenn es unterirdische Einstürze gibt? Was passiert, wenn oben schlicht der Schachtdeckel abfliegt? Es wird hier suggeriert, dass eine quasi fertig entwickelte und mutmaßlich sichere Technik nur noch darauf wartet, eingesetzt zu werden.

Nein, ist es alles nicht. Das Einlagern von Kohlendioxid in die letzten Löcher ist nichts anderes, als wenn man dort Atommüll hineinstopft und darauf hofft, dass die nächsten Generationen keine Fragen stellen. Mit Nachhaltigkeit hat das alles nichts zu tun, noch nicht mal ansatzweise.

450 wichtige Gründe für den Atomausstieg.

Für die so genannte „Ethik-Kommission“, die von der Bundesregierung zur Bewertung der Atomkraft eingesetzt wurde und kaum mehr als ein Schaumschlacht darstellen, habe ich einmal aufwendige Vorarbeit geleistet und 450 wichtige Gründe zusammengetragen, warum wir es uns eigentlich keinen Tag länger erlauben können, weiter auf die Atomkraft zu setzen:

  1. Atommüll
  2. Atommüll
  3. Atommüll
  4. Atommüll
  5. Atommüll
  6. Atommüll
  7. Atommüll
  8. Atommüll
  9. Atommüll
  10. Atommüll
  11. Atommüll
  12. Atommüll
  13. Atommüll
  14. Atommüll
  15. Atommüll
  16. Atommüll
  17. Atommüll
  18. Atommüll
  19. Atommüll
  20. Atommüll
  21. Atommüll
  22. Atommüll
  23. Atommüll
  24. Atommüll
  25. Atommüll
  26. Atommüll
  27. Atommüll
  28. Atommüll
  29. Atommüll
  30. Atommüll
  31. Atommüll
  32. Atommüll
  33. Atommüll
  34. Atommüll
  35. Atommüll
  36. Atommüll
  37. Atommüll
  38. Atommüll
  39. Atommüll
  40. Atommüll
  41. Atommüll
  42. Atommüll
  43. Atommüll
  44. Atommüll
  45. Atommüll
  46. Atommüll
  47. Atommüll
  48. Atommüll
  49. Atommüll
  50. Atommüll
  51. Atommüll
  52. Atommüll
  53. Atommüll
  54. Atommüll
  55. Atommüll
  56. Atommüll
  57. Atommüll
  58. Atommüll
  59. Atommüll
  60. Atommüll
  61. Atommüll
  62. Atommüll
  63. Atommüll
  64. Atommüll
  65. Atommüll
  66. Atommüll
  67. Atommüll
  68. Atommüll
  69. Atommüll
  70. Atommüll
  71. Atommüll
  72. Atommüll
  73. Atommüll
  74. Atommüll
  75. Atommüll
  76. Atommüll
  77. Atommüll
  78. Atommüll
  79. Atommüll
  80. Atommüll
  81. Atommüll
  82. Atommüll
  83. Atommüll
  84. Atommüll
  85. Atommüll
  86. Atommüll
  87. Atommüll
  88. Atommüll
  89. Atommüll
  90. Atommüll
  91. Atommüll
  92. Atommüll
  93. Atommüll
  94. Atommüll
  95. Atommüll
  96. Atommüll
  97. Atommüll
  98. Atommüll
  99. Atommüll
  100. Atommüll
  101. Atommüll
  102. Atommüll
  103. Atommüll
  104. Atommüll
  105. Atommüll
  106. Atommüll
  107. Atommüll
  108. Atommüll
  109. Atommüll
  110. Atommüll
  111. Atommüll
  112. Atommüll
  113. Atommüll
  114. Atommüll
  115. Atommüll
  116. Atommüll
  117. Atommüll
  118. Atommüll
  119. Atommüll
  120. Atommüll
  121. Atommüll
  122. Atommüll
  123. Atommüll
  124. Atommüll
  125. Atommüll
  126. Atommüll
  127. Atommüll
  128. Atommüll
  129. Atommüll
  130. Atommüll
  131. Atommüll
  132. Atommüll
  133. Atommüll
  134. Atommüll
  135. Atommüll
  136. Atommüll
  137. Atommüll
  138. Atommüll
  139. Atommüll
  140. Atommüll
  141. Atommüll
  142. Atommüll
  143. Atommüll
  144. Atommüll
  145. Atommüll
  146. Atommüll
  147. Atommüll
  148. Atommüll
  149. Atommüll
  150. Atommüll
  151. Atommüll
  152. Atommüll
  153. Atommüll
  154. Atommüll
  155. Atommüll
  156. Atommüll
  157. Atommüll
  158. Atommüll
  159. Atommüll
  160. Atommüll
  161. Atommüll
  162. Atommüll
  163. Atommüll
  164. Atommüll
  165. Atommüll
  166. Atommüll
  167. Atommüll
  168. Atommüll
  169. Atommüll
  170. Atommüll
  171. Atommüll
  172. Atommüll
  173. Atommüll
  174. Atommüll
  175. Atommüll
  176. Atommüll
  177. Atommüll
  178. Atommüll
  179. Atommüll
  180. Atommüll
  181. Atommüll
  182. Atommüll
  183. Atommüll
  184. Atommüll
  185. Atommüll
  186. Atommüll
  187. Atommüll
  188. Atommüll
  189. Atommüll
  190. Atommüll
  191. Atommüll
  192. Atommüll
  193. Atommüll
  194. Atommüll
  195. Atommüll
  196. Atommüll
  197. Atommüll
  198. Atommüll
  199. Atommüll
  200. Atommüll
  201. Atommüll
  202. Atommüll
  203. Atommüll
  204. Atommüll
  205. Atommüll
  206. Atommüll
  207. Atommüll
  208. Atommüll
  209. Atommüll
  210. Atommüll
  211. Atommüll
  212. Atommüll
  213. Atommüll
  214. Atommüll
  215. Atommüll
  216. Atommüll
  217. Atommüll
  218. Atommüll
  219. Atommüll
  220. Atommüll
  221. Atommüll
  222. Atommüll
  223. Atommüll
  224. Atommüll
  225. Atommüll
  226. Atommüll
  227. Atommüll
  228. Atommüll
  229. Atommüll
  230. Atommüll
  231. Atommüll
  232. Atommüll
  233. Atommüll
  234. Atommüll
  235. Atommüll
  236. Atommüll
  237. Atommüll
  238. Atommüll
  239. Atommüll
  240. Atommüll
  241. Atommüll
  242. Atommüll
  243. Atommüll
  244. Atommüll
  245. Atommüll
  246. Atommüll
  247. Atommüll
  248. Atommüll
  249. Atommüll
  250. Atommüll
  251. Atommüll
  252. Atommüll
  253. Atommüll
  254. Atommüll
  255. Atommüll
  256. Atommüll
  257. Atommüll
  258. Atommüll
  259. Atommüll
  260. Atommüll
  261. Atommüll
  262. Atommüll
  263. Atommüll
  264. Atommüll
  265. Atommüll
  266. Atommüll
  267. Atommüll
  268. Atommüll
  269. Atommüll
  270. Atommüll
  271. Atommüll
  272. Atommüll
  273. Atommüll
  274. Atommüll
  275. Atommüll
  276. Atommüll
  277. Atommüll
  278. Atommüll
  279. Atommüll
  280. Atommüll
  281. Atommüll
  282. Atommüll
  283. Atommüll
  284. Atommüll
  285. Atommüll
  286. Atommüll
  287. Atommüll
  288. Atommüll
  289. Atommüll
  290. Atommüll
  291. Atommüll
  292. Atommüll
  293. Atommüll
  294. Atommüll
  295. Atommüll
  296. Atommüll
  297. Atommüll
  298. Atommüll
  299. Atommüll
  300. Atommüll
  301. Atommüll
  302. Atommüll
  303. Atommüll
  304. Atommüll
  305. Atommüll
  306. Atommüll
  307. Atommüll
  308. Atommüll
  309. Atommüll
  310. Atommüll
  311. Atommüll
  312. Atommüll
  313. Atommüll
  314. Atommüll
  315. Atommüll
  316. Atommüll
  317. Atommüll
  318. Atommüll
  319. Atommüll
  320. Atommüll
  321. Atommüll
  322. Atommüll
  323. Atommüll
  324. Atommüll
  325. Atommüll
  326. Atommüll
  327. Atommüll
  328. Atommüll
  329. Atommüll
  330. Atommüll
  331. Atommüll
  332. Atommüll
  333. Atommüll
  334. Atommüll
  335. Atommüll
  336. Atommüll
  337. Atommüll
  338. Atommüll
  339. Atommüll
  340. Atommüll
  341. Atommüll
  342. Atommüll
  343. Atommüll
  344. Atommüll
  345. Atommüll
  346. Atommüll
  347. Atommüll
  348. Atommüll
  349. Atommüll
  350. Atommüll
  351. Atommüll
  352. Atommüll
  353. Atommüll
  354. Atommüll
  355. Atommüll
  356. Atommüll
  357. Atommüll
  358. Atommüll
  359. Atommüll
  360. Atommüll
  361. Atommüll
  362. Atommüll
  363. Atommüll
  364. Atommüll
  365. Atommüll
  366. Atommüll
  367. Atommüll
  368. Atommüll
  369. Atommüll
  370. Atommüll
  371. Atommüll
  372. Atommüll
  373. Atommüll
  374. Atommüll
  375. Atommüll
  376. Atommüll
  377. Atommüll
  378. Atommüll
  379. Atommüll
  380. Atommüll
  381. Atommüll
  382. Atommüll
  383. Atommüll
  384. Atommüll
  385. Atommüll
  386. Atommüll
  387. Atommüll
  388. Atommüll
  389. Atommüll
  390. Atommüll
  391. Atommüll
  392. Atommüll
  393. Atommüll
  394. Atommüll
  395. Atommüll
  396. Atommüll
  397. Atommüll
  398. Atommüll
  399. Atommüll
  400. Atommüll
  401. Atommüll
  402. Atommüll
  403. Atommüll
  404. Atommüll
  405. Atommüll
  406. Atommüll
  407. Atommüll
  408. Atommüll
  409. Atommüll
  410. Atommüll
  411. Atommüll
  412. Atommüll
  413. Atommüll
  414. Atommüll
  415. Atommüll
  416. Atommüll
  417. Atommüll
  418. Atommüll
  419. Atommüll
  420. Atommüll
  421. Atommüll
  422. Atommüll
  423. Atommüll
  424. Atommüll
  425. Atommüll
  426. Atommüll
  427. Atommüll
  428. Atommüll
  429. Atommüll
  430. Atommüll
  431. Atommüll
  432. Atommüll
  433. Atommüll
  434. Atommüll
  435. Atommüll
  436. Atommüll
  437. Atommüll
  438. Atommüll
  439. Atommüll
  440. Atommüll
  441. Atommüll
  442. Atommüll
  443. Atommüll
  444. Atommüll
  445. Atommüll
  446. Atommüll
  447. Atommüll
  448. Atommüll
  449. Atommüll
  450. Atommüll

Warum 450 Gründe? Weil es rund 450 Tonnen Atommüll sind, die jedes Jahr frisch zu den bereits bestehenden 30.000 Tonnen Atommüll hinzukommen. Deutscher Atommüll, versteht sich. Für den es nach wie vor kein Endlager gibt, der in so genannten „Erkundungsbergwerken“ teilweise auf haarsträubende Weise verklappt wurde und der allesamt noch Jahrtausende so strahlen wird, dass wir Dutzende nachfolgende Generationen davor bewahren müssen, das Zeug auch nur aus der Nähe anzuschauen.

Wäre die „Ethik-Kommission“ tatsächlich fair und offen und würde sie tatsächlich nach ethischen Maßstäben messen und nicht nach dem, was die Bundesregierung als Ergebnis weitgehend vorgibt, wäre ihre Entscheidung über den sofortigen Ausstieg innerhalb von 10 Minuten gefällt. Inklusive der notwendigen Zeit, noch schnell einen Kaffee auf Bundeskosten zu leeren und ein Küchlein zu verdrücken. Und mit einer einmaligen Veranstaltungen könnte man sich wenigstens die Anreisekosten der Kommissionäre für die nächsten Sitzungen sparen.

Darf man gegen Atomkraft sein? Man muss.

Ganz ehrlich: Ich habe ein paar Wahlkämpfe erlebt, aber noch nie so einen, bei dem man praktisch an drei Wochenenden am Stück eine neue Hiobsbotschaft im Wahlkampf berücksichtigen muss. Das Erdbeben und der dadurch entstandene Tsunami haben am Freitag eigentlich vollkommen für eine große Katastrophe gereicht. Dass dadurch auch gleich noch zwei (oder drei?) Kernkraftwerke einige schwere Störfälle erlitten und man auch durch eine extrem befremdlich wirkende (aber leider zu erwartende) Informationspolitik gar nicht so richtig weiß, was da eigentlich geschieht, das war nicht wirklich noch erforderlich, wenn man so trocken sein darf. Dass sich dadurch in Deutschland auch gleich noch die Atomkraftdebatte entzündet, das ist eine Geschichte, über die man jubeln könnte. Oder auch nicht. Ich sage das als jemand, der gegen Atomkraft ist.

Ach damals, 1986 …

… da war die Welt noch in Ordnung. Da ging im Mai 1986 in der Sowjetunion – beim glasklar definierten Feind – ein Kernkraftwerk hoch. Das bekamen wir später mit, denn zunächst dachte man in Skandinavien, dass dort ein Kernkraftwerk hochgegangen sein muss, weil dort erhöhte Strahlungsmesswerte auftraten. Dass irgendwo der Wurm sein musste, erkannte man dadurch, dass draußen die Strahlung höher war als in den Kernkraftwerken und irgendwann eierten dann die Sowjets herum, dass da ein kleines Missgeschick passiert war.

Jahaha, da schimpften wir auf die Sowjets. Aber eigentlich war die Regierung Kohl ebenfalls sehr lange danach damit unterwegs, alles herunterzuspielen. Alles völlig problemlos, die Strahlung völlig ungefährlich und unsere Kernkraftwerke hier in Deutschland, aber Hallo! Gerade die supersicher, weil eben deutsche Technik und nicht so verlottertes Zeug, wie die Sowjets da verbauen.

Und weil es zu dieser Zeit in Deutschland energietechnisch auch nicht sonderlich viele Alternativen gab – warum auch, Energiekonzerne gehörten da noch zu einem Großteil dem Staat – und „Atom“ einfach noch sexy klang, ließen sich diejenigen, die gegen Atomkraft sein wollten, auch sehr einfach abkanzeln und jagen. Ja, „jagen“. Was gab es nicht alles … eine Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, eine Uranaufbereitungsfirma namens Transnuklear, die in schwere Nöte wegen nicht korrekter Lagerung von radioaktiven Stoffen kam, ein Forschungsbergwerk namens „Asse“, dass, wie sich inzwischen herausstellt, von wahren Schmutzfinken für jede Art von Einlagerungsschweinerei missbraucht wurde und nicht zuletzt ein Endlager in Gorleben, das immer noch kein Endlager ist und die dorthin gelieferten Castor-Behälter allesamt noch in einer schwerbewachten Halle im Wald herumstehen.

25 Jahre später …

… hat sich eigentlich nichts geändert in Sachen Atomenergie. Die Atomkraftwerke in Deutschland sind immer noch die gleichen, inzwischen eben 25 Jahre älter. Autos, die in den 1970er Jahren gebaut wurden und bei denen es Kopfstützen und Sicherheitsgurte nur – wenn überhaupt – gegen Aufpreis gab, sind heutzutage ohne Historienkennzeichen gar nicht mehr zulassungsfähig. 40 Jahre alte Kernkraftwerke – offensichtlich kein Problem, so dass Atomstrom wird immer noch produziert wird, inzwischen nun eben aus weitgehend abgeschriebenen Anlagen.

Atommüll wird übrigens auch noch produziert und zwar nicht zu knapp, nämlich rund 450 Tonnen pro Jahr. Und das hinsichtlich einem Endlager, Gorleben, das immer noch kein Endlager ist. Wir wissen also immer noch nicht, wohin wir den Dreck, den wir ständig erzeugen und den wir schon erzeugt haben, eigentlich hinstellen sollen. Und aus dem „Forschungsbergwerk“ Asse, da müssen jetzt irgendwann demnächst an die 125.000 Fässer mit radioaktivem Material herausgeholt und auch irgendwo hingestellt werden. Wir erinnern uns – ein „Forschungsbergwerk“. Mit 125.000 Fässern zum „Testen“. Testen Sie mal das Einlagern von, sagen wir, 125.000 Autoreifen in Ihrem Garten. Wenn sie die 125.000 Autoreifen bei einer mutmaßlichen Breite von 20 Zentimetern alle aufeinanderstapeln, haben sie mit 25 Kilometern Höhe immerhin den größten Turm der Welt.

Was sich sehr wohl in den 25 Jahren geändert hat, ist die politische Landschaft. Zwar sind aktuell gerade wieder die gleichen Betonköpfe an der Bundesmacht, wie damals vor 25 Jahren. Aber sie haben starken Gegenwind von einer Gesellschaft, die vieles gelernt hat in den 25 Jahren:

  • Atomstrom ist endlich, weil es nicht unendlich viel Uran gibt.
  • Atomstrom ist nicht billig, weil trotz der abgeschriebenen Kernkraftwerke Strom nicht billiger geworden ist, als vor 25 Jahren.
  • Es gibt inzwischen Nachfolgetechnologien, die zumindest als Brückentechnologien in Sachen Stromerzeugung dienen können.
  • Das Volk (zumindest ein Teil davon) glaubt inzwischen nicht mehr jeden Mist, sondern informiert sich erheblich differenzierter.
  • Die damals noch als subversiv abkanzelbare „grüne“ Politik ist haus- und hoffähig geworden.
  • Die Alten von heute lassen sich nicht so einfach auf die Jungen hetzen, weil viele der Alten von heute die Jungen von vor 25 Jahren waren.

Die Atomkraftgegner von heute einfach wieder als „Spaßbremsen“ abzusondern und mit gerümpften Nasen auf ihre Sandalen zu zeigen, in denen sie barfüßig herumliefen, das funktioniert nicht mehr. Und nun ist am Freitag auch noch das letzte Kapitel des Atomkraftmärchens gefallen, in dem ein hochmodernes und hochtechnisiertes Land wie Japan zeigen musste, dass ein Atomkraftwerk offensichtlich also doch nicht so idiotensicher zu bedienen ist, wie ein Wählscheibentelefon, auch wenn es praktisch gleich alt sein kann. (Ironie am Rande: Das deutsche Wörterbuch von Firefox kennt den Begriff „Wählscheibentelefon“ nicht.)

Das gestrige „Für Atomkraft“ ist das heutige „Gegen Atomkraft“.

Eine steile These, die aber gar nicht mehr so steil ist, wenn man anschaut, wie es läuft. Wir verbrauchen immer mehr Energie und gerade in den Schwellenländern ist diese ansteigende Kurve keine Kurve mehr, sondern eine Steilwand, die diese Länder vor allem mit katastrophal viel Kohle- und Gaskraftwerken bewältigen. Die etwas besseren Nationen, denen man Uran zumindest so in die Hand geben kann, dass sie es nicht gleich in den Bombenbau stecken, bauen Atomkraftwerke, obwohl alle wissen, dass die Uranvorräte auf diesem Planeten so endlich sind wie Kohle und Gas und dass man mit einem platzenden, weil falsch bedientem Atomkraftwerk sich so richtig viel Ärger ins Land holen kann.

Sprich: Wer heute umsteigt auf regenerative Energieerzeugung, der muss morgen weniger bangen und hat auch noch den netten und entscheidenden Wettbewerbsvorteil, dass er einen Know-How-Vorsprung hat. Gut für ein Land wie Deutschland, das von Know-How bis zum heutigen Tage lebt.

Wer also für Zukunft ist, der kann gar nicht anders, als gegen Atomkraft zu sein. Nicht heute, sondern eigentlich gestern.

Das Märchen der „Brückentechnologie Atomkraft“ und der Ausstieg aus dem Atomausstieg.

Unsere CDU/CSU/FDP-Bundesregierung meint es ja ach so gut mit uns. Nur 12 Jahre länger unsere Atomkraftwerke betreiben, das ist doch kein Problem. Das Geld, was sie erwirtschaften, geht echt voll in die Entwicklung von regenerativen Energieformen und überhaupt und so – kein Problem! Es hat doch alles so lange schon funktioniert, da werden diese 12 Jahre auch noch gut gehen.

Doch, es ist ein Problem. In den 12 Jahren Laufzeitverlängerung passiert nichts, außer dass der Strompreis weiter steigen wird, ebenso der Shareholder Value der Stromkonzerne, diese wiederum nur einen verhältnismäßig geringen Teil ihrer Gewinne in die Entwicklung von regenerativen Energieformen stecken müssen und diese zudem auch noch zu einem großen Teil von ihnen selbst kontrolliert werden. Jedes Jahr länger ohne akuten Zwang, dass hiesige Atomkraftwerke, die eh schon längst in einem nicht mehr akzeptablen Alter sind, kurz vor ihrem Ende stehen, ist ein verlorenes Jahr für die Energiepolitik dieses Landes und vor allem für die Wirtschaftspolitik der Zukunft. Zugegeben: Das ist Wirtschaftspolitik gemessen in so Zeiträumen, dass man dazu mehrere Legislaturperioden braucht und die somit in unserer grundsätzlich nur in Vier- bzw. Fünfjahresschritten gemachten Politik nicht besonders viel Spaß macht.

Wer also heute tatsächlich für Atomkraft ist und mit den alten Schlagern daherkommt, dass wir ohne Atomkraft zukünftig auf Bäumen sitzen werden und was weiß ich noch alles, den sollte sich fragen, ob er nicht auch Sandalen der Kategorie „Jesus-Latschen“ zu Hause hat. Die sind nämlich in der Zwischenzeit modern geworden.

Willkommen zurück, ein strahlender Tag!

Da sind wir wieder, im Atomzeitalter. Das, was praktisch nie vorkommen kann, nicht in einemillion Jahren, ist mal wieder passiert, fast genau 25 Jahre nach dem GAU in Tschernobyl. Dummerweise nun nicht in der rückständigen Sowjetunion, sondern im modernen Japan, einem Land, das, wie man wohl konstatieren muss, wissen dürfte, wie man Kernkraftwerke baut, gesellschaftlich (noch) voll und ganz hinter der Atomenergie steht und auch mächtig daran arbeitet, weiterhin eine Atomnation zu bleiben. Und nun das. Ein japanisches Atomkraftwerk geht hoch, Radioaktivität tritt offensichtlich aus und nach bester, sowjetischer Machart weiß A nicht, ob B schon eingetreten ist oder doch schon C und der Rest der atomlobbyistischen Welt wird sich damit begnügen, wieder zu beteuern, dass sowas im eigenen Land ja mal überhaupt nicht passieren kann. Und überhaupt… „snafu“ – Situation normal, all fucked up“.

Doch. Kann. Immer und jederzeit. Die Atomkraft ist eine komplexe Technologie, die schwer zu bändigen ist und nur auf Basis verschiedener Kontrollsysteme einigermaßen kontrolliert funktioniert. Bricht ein Rohr, läuft kontaminiertes Wasser aus. Fällt die kraftwerkeigene Stromversorgung aus, sind Notkühlsysteme betroffen. Alles funktioniert in den hübsch animierten Diagrammen in den Informationszentren der Kernkraftwerke immer wunderbar – wenn eben nichts passiert. Wenn aber etwas passiert, geht das Ding nicht einfach aus, sondern läuft erst richtig heiß. Das ist der große Unterschied zu allen anderen Energieerzeugungsformen, bis hin zu der Frage, wohin eigentlich am Ende der strahlende Müll hinkommt.

Und da fängt es dann an, richtig obszön zu werden, weil kein Bundesbürger und kein Unternehmen in Deutschland so mit hochgefährlichem Müll herumhantieren dürfte, wie die Atomenergie es mit Atommüll tut. Für das ständig in neuen Mengen anfallende Zeug gibt es seit mehreren Jahrzehnten immer noch kein Endlager und der Müll stapelt sich entweder in einer Lagerhalle im Wendland, wohin die Castor-Behälter in großen, kreuzzugartigen Spektakeln getragen werden oder in so genannten „Abklingbecken“ bei Kernkraftwerken. Machen Sie das doch auch einfach mal für ein paar Jahre. Werfen Sie Ihren Müll nicht in die Mülltonne, sondern in Tüten verpackt in den Garten, mit dem Hinweis, dass sie zur Zeit ein Endlager auf ihrem Gelände planen. Wenn Sie damit durchkommen, gebe ich Ihnen eine Runde Mülltüten aus.

Die Atomkraft ist so out, es geht gar nicht mehr. Und wenn ich mir das alles anschaue, wie sich derzeit die Wählergunst im ganzen Land in Bewegung befindet, kann ich mir nicht vorstellen, dass selbst die Atomparteien CDU, CSU und FDP noch sonderlich viel „Restlaufzeiten“ aus der Atomkraft herausgedrückt bekommen, wie das die Atomlobby es mit ihren weitgehend abgewirtschafteten und abgewrackten Atommeilern noch geschafft haben.

Aber immerhin: Die vor 25 Jahren gekauften Geigerzähler dürfen wieder aus dem Speicher geholt werden. Und keine Sorge, auch wenn Japan auf der anderen Seite des Globus liegt, der Dreck kommt auch hierher, früher oder später. Genuss hat keine Grenzen.