Verbitte dir deine Meinung! – Das Gummi-Publishing der BILD-Zeitung.

An den drei “T” der BILD-Zeitung – Titten, Thesen, Temperamente – zu rütteln, geht nicht. Die dicken Buchstaben gehören ebenso dazu wie reißerische Berichterstattung, Schleichwerbung, die regelmäßige Verwischung zwischen Reportagen, Kommentaren und Gossen, sowie eben die schwingenden Titten auf Seite 1. Daran lässt die BILD-Zeitung nicht rütteln, vermutlich aber auch deshalb, weil nur ein fehlendes “T” dafür sorgen würde, dass ein Drittel der Leserschaft sofort das Interesse am Blatt verliert. Es gibt ja durchaus so böse Gerüchte, dass viele Leser die BILD-Zeitung gar nicht mehr finden würde, wenn sie nicht mehr so dicke Überschriften auf Seite 1 drucken würde.

Wir sind ja jetzt im Jahr 1 des goldenen Paid-Content-Zeitalters. Der Axel-Springer-Verlag hat sein Zugpferd gesattelt und wird jetzt im Internet reich. Das heißt, fast im Internet, denn das iPhone ist Internet – zumindest für den Axel-Springer-Verlag. Für andere ist das iPhone ein Aquarium der guten Sitten und der teuren Apps, in dem ganz andere Maßstäbe gelten, als für den Rest des Internet. Das Magazin Stern bringt in seiner App eine Bilderstrecke mit Erotik-Bildern? Und hinaus aus dem App-Store! Eine andere, eher alberne App beinhaltet eine Sammlung von Kamasutra-Stellungen, dargestellt mit Fotos, in denen zwei Gummifiguren die Stellungen nachahmen? Raus!

Man muss es sehr deutlich sagen: Apple nimmt sich das Recht heraus, für Millionen von mündigen und erwachsenen Menschen zu entscheiden, was sie auf ihrem iPhone sehen und nicht sehen dürfen. Sowas nennt man für gewöhnlich einfach: Zensur.

Bei der BILD-Zeitung, dem Zentralorgan des lauten und eher schrillen Kehlkopfes, rührt das niemand und man kann sich vortrefflich mit dem Gedanken beschäftigen, ob das einen nun eher grübeln lassen sollte oder eher nicht. Es rührt zwar offiziell niemanden, dennoch ist man bei BILD bei Inhalten für die hauseigene iPhone-App korrekt, denn man “blitzt” – die erst wirklich interessanten Bereiche der leicht bekleideten Damen der BILD-Zeitung werden in den iPhone-Fassungen nämlich wegradiert und übermalt. Duckmäusertum bei der BILD? Erlebt man höchstens dann, wenn über seltsame Machenschaften von CDU-Politikern berichtet werden muss, aber bei TTT? Da wird nur geduckmäusert, wenn es um die eigene Existenz geht und da ist man dann sogar ganz kreativ und vorsorglich:

"Die Redaktionsleitung entscheidet, welche Bilder im Zweifel ‚geblitzt‘ werden müssen", erklärt der stellvertretende "Bild"-Chefredakteur Michael Paustian. "Die Regeln richten sich zum einen nach den Vorgaben von Apple – zum anderen nach dem gesunden Menschenverstand und der Einschätzung, welche Nacktdarstellungen in anderen Ländern und Kulturkreisen eventuell anstößig sein könnten. Natürlich muss man sich auch an die geltenden Spielregeln halten, um im App-Store zu erscheinen." Es gehe aber nur um die Entschärfung von Erotik, betont Paustian. Eingriffe in journalistische Inhalte seien ausgeschlossen.

— aus “Zensur-Vorwürfe gegen Apple” im Heise-Newsticker

Was tut man nicht alles, um sein Gesicht zu wahren und die Mautstation nicht zu beleidigen, nämlich im Ernstfall sogar vorsorglich zensieren, zum vorgeblichen Schutze “anderer Länder und Kulturkreise” – im deutschen App-Store. So viel peinliches Herumgekrieche und Teppichgelecke, im Namen der Sitten und des Anstandes, definiert vom heiligen Rat der silbernen Apfelfrucht, ist der BILD-Redaktion vermutlich richtig neu. Steht ihr aber erstaunlicherweise gar nicht so schlecht, denn es passt richtig gut in das bisherige Bild der BILD.

Zensur im Zusammenhang mit Paid Content und den dazwischenliegenden, redaktionsfremden Abnahmestellen – darüber wird noch zu diskutieren sein.

Der laue Furz der Diskussion um eine “Tagesschau-App”.

Entweder haben die Verantwortlichen beim Axel-Springer-Verlag das Gerät immer noch nicht so recht verstanden, mit dem sie jetzt auch plötzlich den vermeintlich rollenden Rubel ins Haus gespült bekommen haben wollen oder sie verwenden mal wieder ihr größtes Bumsblatt, die BILD-Zeitung, wieder für die eigene Lobbyarbeit. Ich befürchte beides. Der schmerzende Todeskampf der alten Verlagsstrukturen erreicht zweifellos inzwischen schrille und bizarre Wasserstände.

Die kranke Aktion der gestrigen BILD-Zeitung, das alte Spülwasser der Fernsehgebühren in die Spüle hochzudrücken und da mit den Ideen kollidieren zu lassen, dass bei der ARD offenbar nächstes Jahr eine eigene “Tagesschau-App” auf der Agenda steht. Erwünschter Effekt: “Ja spinnen die denn bei der ARD, mit meinen Gebühren!”

Der Axel-Springer-Verlag und auch die Journalisten der BILD-Zeitung, die in Ostdeutschland übrigens zehn Cent billiger ist, als in den westlichen Bundesländern, wissen selbstverständlich genau, dass die Medienbrüche immer mehr zuwachsen. Das Fernsehen hat sein Bewegtbild, dass auch in einer zukünftigen Online-Welt seinen Stellenwert behalten wird. Verlage, die schon vor Jahren begonnen haben, mit der Online-Materie zu arbeiten, haben ebenfalls beste Chancen, auch die Zukunft gemeistert zu bekommen. Verlage, die, sagen wir mal so, eher laute Zeitungen schreiben als vernünftige, die werden immer stärker eiern. Nicht, weil man sie nicht lesen würde, sondern weil das Internet entlarvt, dass es zu viele laute Zeitungen gibt, als vernünftige. Das so am Rande. Nur: Zum Weg in die Online-Welt verdammt sind sie alle, egal ob Fernsehen, Radio, Zeitung, Zeitschrift, Videothek, Pornokino.

Und siehe da, die Tagesschau ist schon längst auf dem iPhone angekommen, so wie übrigens auch schon länger die BILD-Zeitung und das alles auch ohne App:

Das Zauberwort nennt sich „Widget“, ist im Endeffekt bei Nachrichten ähnlich effektiv, wie eine eigene App und hat letztendlich nur den Nachteil, dass es keinen so hübschen Münzeinwurf gibt, wie mit einer App und dem App-Store. Das aber wird der Weg sein. Wer sich den Weg mit Werbeeinnahmen finanziert, könnte davon sogar profitieren. Dem Rest bleibt dann wohl weiterhin die Aufgabe zuteil, die eigenen Rotationsmaschinen weiter abzuschreiben. Am Ende kann man ja immer noch Klopapier bedrucken.

Der Axel-Springer-Verlag kündigt dem Internet.

So, nun ist endgültig Schluss mit Lustig: Der Axel-Springer-Verlag ist beleidigt mit den Internet-Nutzern und deren asoziales Verhalten, bisher beim Besuch von Axel-Springer-Websites nicht unaufgefordert Geld an den Verlag überwiesen zu haben und bestraft jetzt die Netcommunity damit, dass Content der Redaktionen zukünftig weggesperrt wird und nur noch nach Eintritt bezogen werden darf.

“Für das iPhone von Apple entwickeln wir so genannte Apps, also kostenpflichtige Angebote, über die man dann bild.mobil oder computerbild.mobil bezahlt und quasi abonniert”, so der Springer-Chef Mathias Döpfner zur FAZ. Und offenbar möchte man auch die Veröffentlichungen auf Websites einschränken und “Premiuminhalte” für Springersche Regionalzeitungen einführen.

Ich kann Mathias Döpfner zu diesem mutigen Schritt nur gratulieren. Endlich wird man als Netizen nun endlich von Verlagsseite aus davor bewahrt, durchs Links auf Springer-Scheiße verwiesen zu werden. Hoffentlich machen sie die Preise auch richtig schön hoch und das alles auch richtig konsequent, damit diejenigen, die den täglichen Mist auch Suchtgründen benötigen, dann wieder auf die normale, gedruckte Bild-Zeitung zurückwechseln können. Dann braucht man die Springer-Presse ja eigentlich auch nicht mehr im Internet.

Siehst du, Ursula, das mit den Selbstverpflichtungserklärungen von den Inhaltsanbietern funktioniert im Internet doch wunderbar. Man muss es nur wollen!