Virales Marketing, made by Siemens… *gähn*

Was Microsoft kann, kann Siemens schon lange. Wird man sich wohl so bei Siemens gedacht haben, als man dieses Machwerk fabriziert hat. Eine Art Spiderman, der allein mit der Kraft eines Staubsaugers eine Staumauer hochklettern möchte und das natürlich schafft.

Das war es. Nur dieser eine Film. Wir fragen uns, ob es vielleicht ein (ebenfalls gefaktes) Filmchen über die Vorbereitung gibt? Oder wenigstens eine Microsite, die es dem Besucher ermöglicht, den beworbenen Staubsauger nicht unter www.siemens.de suchen zu müssen? Vielleicht wenigstes unter Facebook eine kleine Seite? Oder dann wenigstens eine auf die Kampagne abgestimmte YouTube-Sonderseite? Oder wenigstens eine Anzeige? Pustekuchen.

Nur dieser eine Film. Und ich nöhle ja nicht wirklich über die Realitäten: Wie würde ein halbwegs tragbare Akku aussehen, mit dem man einen 1.200-Watt-Staubsauger mindestens eine halbe Stunde lang betreiben will. Und der dann die 1.200 Watt Leistung auf vier Rohre verteilen soll. Und wie man auf einer Staumauer, die ja nicht glatt wie ein Babypo ist, sondern eine eher unregelmäßige Oberfläche aufweist, mit einer Saugvorrichtung hochklettern will. Wolfgang, das wäre alles in einem Gedankenexperiment eine Berechnung wert. Und das wäre dann das hochwertigste an der ganzen Kampagne.

Robodino.

Unglaublich, was Kinder heutzutage an Spielzeug haben. Bei mir hat einst ein analoger Teddybär gereicht, mit dem ich stundenlang meine Erlebnisse austauschen konnte, heute geht ohne vernünftiges Force Feedback gar nichts mehr:

Ich hätte gern so ein Ding mit Guido-Westerwelle-Antlitz. In Sachen Töne kann man ruhig das Gejaule des grünen Wichtes übernehmen, gibt auch nicht mehr Sinn.

Ukulelen-Overdrive.

Zum Wochenende gibt es ein ganz erstaunliches Stück YouTube-Video, in dem der Ukulelenspieler Jake Shimabukuro eindrucksvoll zeigt, wie man es im New Yorker Central Park korrekt einer ordinäre Ukulele so besorgt, dass das Ding am Ende vermutlich raucht und glüht. Vermutlich nutzt Jake seine Ukulele auch als Spätzlesbrett und zum Haarekämmen. Unbedingt das Filmchen bis zum Ende anschauen und staunen, vor allem ab 2:40 min:

[Durch Zufall gefunden beim Blogger-Kollegen Mario, der das zweifellose Vergnügen hatte, diesen Teufelszupfer live gesehen zu haben.]

Eric Whitacres virtueller Chor.

Der Vorspann sagt eigentlich fast alles: 185 Stimmen, 243 Aufnahmen, Sänger aus 12 Ländern und alle singen gemeinsam unter dem US-amerikanischen Dirigenten Eric Whitacre. Die Kleinigkeit dabei ist, dass all diese Sänger nicht in einem echten, sondern in einem virtuellen Raum singen. Muss man sich angeschaut haben:

Wer einen größeren Bildschirm und eine höhere Bandbreite sein eigen nennt, kann mit einem Klick auf den Film das Ding auf der Website von YouTube auch in HD und in Full-HD anschauen.

[via Mario Sixtus]

Staatsfolklore.

Das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan ist, sagen wir es mal aus der Sicht eines Optimisten, ausbaufähig. Das könnte daran liegen, dass beide Staaten gewaltige gesellschaftliche Potentiale haben, beide Staaten Atommächte sind – oder beide Staaten auch miteinander im Bereich der Staatsfolklore konkurrieren.

Sehr schön sieht man das am Grenzübergang zwischen dem pakistanischen Wahga und dem indischen Atari an der allabendlichen Zeremonie der Grenzschließung. Ein süddeutsches Kammertheater ist nichts dagegen:

Ich weiß jetzt ehrlich nicht, über was ich am lautesten lachen muss: Über die Bärte? Den Stechschritt der Grenzbeamten? Die ganze Show an sich? Oder bei dem Gedanken, wie das wohl alles aussehen würde, wenn deutsche und österreichische Grenzbeamte am gemeinsamen Grenzübergang in, sagen wir, Kiefersfelden, so eine Show tagtäglich morgens und abends veranstalten.

Immerhin: Der pakistanische und der indische Oberschnösel schütteln sich die Hand, bevor sie die Schotten dicht machen. Diese Symbolik lässt hoffen.

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Ich habe keine Ahnung, ob der oben geschriebene Titel wirklich korrekt rezitiert ist. Ich habe noch nicht mal eine leise Ahnung, ob das chinesisch, japanisch oder koreanisch ist, aber das spielt hier auch absolut keine Rolle:

http://www.youtube.com/watch?v=KtkSVCd4JSo

Der schräge Numa-Numa-Boy hat einen wahren Nachfolger bekommen, das wird der Renner in 2010.

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Meisterwerke aus einem Guss: One-Shot-Videos.

One-Shot-Videos sind in der Medienwelt eine ganz besondere Kategorie von Machwerken: Ein Film, aufgenommen von einer einzigen Kamera, in einer einzigen Aufnahme, also ohne jegliche Schnitte. Das hört sich zwar filmtechnisch sehr einfach an, ist dafür aber in Sachen Inszenierung eine Klasse für sich, denn jeder, wirklich jeder Schritt muss zunächst perfekt geplant werden und später beim Filmen dann auch perfekt getroffen werden. Eine Zeitverzögerung, ein Stolperer, ein falscher Schwenk und schon ist die Kontinuität hinüber und weil man eben nicht schneiden darf, darf man wieder von vorn beginnen.

Dieses Korsett an streng einzuhaltender Kontinuität und Dramaturgie ist das Eine; das Andere ist der Umstand, dass man One-Shot-Videos nur mit einem absoluten Mindestmaß an Personal machen kann, denn es müssen ja alle Beteiligten mitlaufen und da man aus Sicherheitsgründen eher weitwinkelig dreht, besteht bei vielen Personen immer die Gefahr, dass dann doch noch einer ins Bild latscht. Bei Musikvideos hat man also in der Regel tatsächlich nur den filmenden Kameramann, den kameramann-führenden Kameraassistenten, den anweisungen-rufenden Regisseur und jemanden, der die Beatbox mit der Musik trägt. Das geht nur mit einem perfekt eingespielten Team.

Der Klassiker des Genres ist zweifellos Bob Dylans Subterrenean Homesick Blues aus dem Jahre 1965, in dem Dylan eine Reihe von Plakaten mit Begrifflichkeiten in die Kamera hält, die gerade synchron im Song gesprochen werden:

http://www.youtube.com/watch?v=AQaDUD-a_EE
Bob Dylan – Subterrenean Homesick Blues

Das war zu der Zeit schon einer Art Skandal für sich, für die so Charaktere wie Bob Dylan immer zu haben waren. Niemand bewegt im Video seinen Mund synchron zum Song oder tanzt. Andererseits hatte Dylan es mit einer Länge von etwas über zwei Minuten, einer stehenden Kamera und einer einfachen Choreografie verhältnismäßig einfach.

Anders sieht es dann schon aus, wenn der Kameramann längere Strecken ablaufen muss oder gar auf einem Podest einschwebend beginnt. Ohne Steadicam und ohne einer gehörigen Portion Selbstvertrauen läuft da beim Kameramann gar nichts, zumal er hier praktisch vier Minuten rückwärts gelaufen ist, gut und gerne 30 Kilogramm Ausrüstung schleppte und als Sucher einen kleinen grünen Bildschirm hatte:

Massive Attack – Unfinished Sympathy

Ähnlich hyperaktiv geht es bei den Spice Girls zu, die Wannabe als One-Shot-Video produziert haben. Würde ich euch gern verlinken, geht aber nicht, weil EMI ein Scheißladen ist und Videos auf YouTube derzeit nicht duldet. Haben sie eben Pech gehabt.

Als Meister des Faches gilt Michel Gondry. Zwei seiner Meisterwerke:

Lucas – Lucas with the lid off

Gary Jules – Mad World

Auch U2 hat sich an One-Shot-Videos probiert und gleich zwei Musikvideos produziert:

U2 – Numb (aus dem Album „Zooropa“)

U2 – The Sweetest Thing

Als One-Shot-Video kann man Musikvideos produzieren, aber auch Werbespots. Ein äußerst beeindruckendes Werk kommt hier vom Autohersteller Honda, der mit diesem Werbespot den Accord bewarb:

Mit dem Genre beschäftigt haben sich auch 172 Studenten der Kommunikationswissenschaft an der Universität Montreal, die im Sommer 2009 ein alternatives und ebenso außergewöhnliches Musikvideo zu I Gotta Feeling von den Black Eyed Peas produziert haben:

Die Idee, dass One-Shot-Videos besonders authentisch wirken können, wenn man es gut genug inszeniert, hat sich auch David Copperfield mit seinem legendären „Zaubertrick“ zunutze gemacht, aus einem Tresor in einem zu sprengenden Haus auszubrechen (hier sieht man übrigens am Anfang auch kurz den Kameramann mit einer Steadicam, die die „fliegenden“ Bilder ermöglicht):

Kurze Auflösung, wie er das gemacht hat: Er hat sich tatsächlich in den Tresor einschließen lassen, aus dem er jedoch, als die Hauptkamera nach dem Start des Countdowns aus dem Raum verschwindet, von unten oder oben her aussteigt. Das kleine Bild der Überwachungskamera zeigt jedenfalls nicht das Livebild, was man durch die Kette auf der rechten Seite erkennen kann, denn auf dem Überwachungsbild hängt sie tiefer, als auf dem Livebild. Während das Sprengteam so tut, als ob es fluchtartig das Haus verlässt, mischt sich Copperfield darunter und steigt, kurz bevor die Kamera am Zielort die Platte ins Bild nimmt, darunter. Aus dieser Platte steigt er dann theatralisch empor, nachdem jemand, unabhängig von irgendeinem Countdown, das Gebäude hochgejagt hat. Illusion is everything, auch in One-Shot-Videos. 😉

Das One-Shot-Video-Meisterwerk schlechthin ist der Film Russian Ark von Alexander Sokurow und Kameramann Tilman Büttner. Dieses 92-minütige (!) Werk ist tatsächlich in einem einzigen Stück gedreht und zeigt einen Gang durch die St. Petersburger Eremitage mit eingebauten Szenen aus der russischen Geschichte, dargestellt mit über 2.000 Statisten.

Die Tablet-Vision von Microsoft: Courier.

Glaubt man Analysten, die in Firmen arbeiten, die nichts anderes wie Analysieren der Wirtschaft tun, dann wird das Jahr 2010 nicht das Jahr, in dem die Russen die Leonov hoch zum Jupiter schicken, um den die Discovery kreist, sondern das Jahr der Tablets. Während Analysten begeistert von Apples Tablet schwadronieren und es zu diesem Gerät weder ein Statement von Apple gibt, geschweige denn Bilder, haben andere da schon länger Erfahrung. Man denke da an den höchst legendären Compaq TC 1000, einem Gerät, das an sich recht schmuck aussah, die Leistung eines kleinen Notebooks hatte, mit Akku gut drei Stunden lief und eben schon 2003 mit Gestik zu bedienen war, wenn auch mit Stift. Das Ding anno 2002 zu besitzen, hat mich ein Heidengeld gekostet, aber es war einfach cool und es funktionierte.

Die Vision, die hinter “Courier” steckt, schlägt jedoch alles bisher gesehene und macht den Tablettcomputer haus-, hof- und taschenfähig. Die Idee dabei ist, dass „Courier“ nicht als wirkliches Tablett daherkommt, sondern als aufklappbares Buch, dessen zwei innere Seiten jeweils aus einem Bildschirm besteht:

Auf der Website von Gizmodo.de/PC Professionell, die die Materialien zu „Courier“ angeblich zugespielt bekommen haben wollen (ich glaube bei solchen Projekten allerdings nicht an Leaks, sondern glaube, dass das bewusst zugespielt wurde), gibt es auch noch eine Reihe von Fotos der Studie, die den Kleincomputer unter anderem in zugeklapptem Zustand zeigen.

Die Idee hinter „Courier“ hat dabei eine andere, höchst faszinierende Geschichte, sie kommt nämlich aus dem Projekt „Codex“, in dem die Macher folgenden, durchaus etwas unförmigen Klumpen gebaut haben:

Wer jedoch genau hinschaut, weiß, warum das so ein Apparat ist, denn beide Hälften des Prototyps bestehen aus jeweils einem eigenständigen Taschencomputer des Herstellers OQO, auf dem nicht irgendein heruntergestripptes Not-Betriebssystem arbeitet, sondern ein vollständiges Windows, in dem seit Windows XP die Tablettfähigkeiten fest eingebaut sind.

2010 wird spannend in den Taschen – und nicht nur dort. Denn im Gegensatz zu Apple wird Microsoft zeigen müssen, wie sie mit solchen Hardwarekonzepten dann in der Produktionsphase umgehen, denn wenn es aus der Tablet-PC-Geschichte eine Sache zu lernen gab, dann den Umstand, dass das Projekt von der Idee über den Prototypen bis zum fertigen TabletPC eine kleine Ewigkeit dauerte, weil zu viele beteiligte Hersteller mit unterschiedlichem Engagement an das Thema herangingen.