Farewell, Barack Obama.

Eigentlich ist es obskur: Barack Obama ist mit seinen 55 Jahren noch in der Mitte seines Lebens, erfreut sich sichtbar guter Gesundheit und körperlicher Fitness und doch sind die letzten Wochen nicht nur für viele Amerikaner Wochen des Schwermutes und des Abschiedes. Und selbstverständlich ist Barack Obama Profi genug, das höchst diffizile Spiel der Amtsübergabe der US-Präsidentschaft so perfekt zu inszenieren, wie er seine US-Präsidentschaft schon von Anfang an plante und medial steuerte.

Barack Obama wird als mit größter Wahrscheinlichkeit den heutigen Tag der Inauguration des nächsten US-Präsidenten in bester Gesundheit überleben und faktisch lediglich Job und Wohnort wechseln. Und doch ist es wie eine Abreise eines Freundes in ein fernes Land. Man spürte es schon die vergangenen Wochen als dumpfes Klopfen, das dank seiner zig Abschiede auf Pressekonferenzen und Treffen immer stärker wurde. Vielfach multipliziert wurde dieses Gefühl durch das Chaos und den ungebändigten Zorn des „President-elect“. Der drohenden Hoffnungslosigkeit, der dunklen Vorahnungen. Der schlichten Ungewissheit, was nach Barack Obama kommt.

Eine Würdigung seines Amtes erspare ich mir. Das ist Aufgabe von Journalisten und Historikern. Ich bin dazu sicherlich zu wenig neutral, denn die Person Barack Obama faszinierte mich schon, als ich das erste Mal im Frühjahr 2008 über die Ambitionen des damaligen Senators Barack Obama aus Illinois las. Schon damals traute man ihm das zu, man traute das auch der Demokratischen Partei zu. Aber konnte man das auch dem Land zutrauen? Der erste farbige US-Präsident? Ein US-Präsident, der nicht aus den großen Familiendynastien kommt, die die meisten US-Präsidenten der letzten Jahrzehnte „stellten“?

Dass der junge Senator aus Illinois das Zeug hatte und genügend Ochsentour betrieb, liest sich aus seiner Biografie heraus. Als Rechtsanwalt kämpfte er in einer der übelsten und heruntergekommensten Ecken Chicagos namens „Altgeld“ (heißt tatsächlich so) für Gerechtigkeit so genannter einfacher Menschen. Einer, der schon in seiner Jugend kämpfen konnte, der bei seiner Oma aufwuchs und seinen Vater mit zehn Jahren zum letzten Mal sah. Einer, der sich beharrlich nach oben arbeitete, dabei aber seine Zwischenstationen als Mission verstand und nicht einfach nur als Sprossen.

Diese Geschichte brachte er schon mit, als er dann 2008 die Wahlkampfmaschinerie anwarf, darin eine Menge Geld investierte und diese Wahlkampfmaschine begann, die Geschichten zu erzählen. In einer neuen Weise, wie es eben nur im Internet und im noch sehr jungen Zeitalter der Social Media funktionieren konnte.

Natürlich kennt mich Barack Obama auch heute noch nicht und seines Zeichens nach hat er in seinen Wahlkämpfen auch nie selbst gewittert (was mich ehrlich gesagt nicht wundert), aber dennoch … wenn einem Barack Obama im Wahlkampf folgt, ist das ein starkes Zeichen in einer „social world“, auch wenn das alles selbstverständlich alles Wahlkampf ist.

Aber es war dennoch cool. Wir paar Millionen Leute auf Twitter, auch 2008 noch ein Bruchteil der US-Bevölkerung. Die „Obama for America“-Kampagne twitterte, facebookte, bloggte, was das Zeug hielt. Sie nutzten selbst gebaute Diskussionsforen, die sogar außerhalb der USA und auch in Deutschland funktionierten (z.B. mit einer Münchner Community). Sie bewarben den Bürger und Interessierten nicht einfach, sondern sie machten ihn, wenn er das wollte, zu einem sofort zusteigenden Mitglied der Grassroots-Campaign, der Graswurzelkampagne. Eine Software namens „Party Builder“, die ein gewaltig großes Wählerverzeichnis mit allerlei spannenden und datenschutzbedenklichen Inhalten trug, wurde zum festen Gesprächsthema von Social-Media-Leuten. Ausprobieren konnte man den Party Builder freilich sogar von meinem Zimmer aus, via Skype. Selten fühlte ich mich bei diesem eigentlichen Testanruf mehr von einer Kampagne verstanden, obwohl die rein gar nichts mit dem Land zu tun hatte, in dem ich lebe.

Da ich 2008 leider nur teilweise Obamas Wahlkampf analytisch verbloggt hatte, wollte ich es 2012 zu seiner Wiederwahl-Kampagne besser machen und hatte frühzeitig mein Obama-2012-Dossier begonnen – die immer noch größte Artikelserie in diesem Blog.

Viel spannender für mich ist, was die Kampagne bei mir und vielen Leuten, die ich kenne, ausgelöst hat. Tatsächlich Hoffnung darüber, das man Dinge verändern kann, wenn man es will. Dass man jenseits der traditionellen Nachrichtenwege schreiben und publizieren kann und das man auf diesen Wegen früher oder später Gleichgesinnte erreicht. Gewissermaßen haben die Obama-Kampagnen und die Philosophien, die das Unternehmen Blue State Digital mit diesen Kampagnen verwirklicht hat, ein großes Fundament in die Arbeitsweisen gelegt, die ich als kleiner Wutz meinen Kunden verkaufe. Meine wichtigsten Kundenblogs haben viel von der Obama-Kampagnen-DNA drin, obwohl die meisten gar nichts mit politischer Kommunikation zu tun haben.Auf seiner letzten Pressekonferenz vorgestern hat Obama einen sehr schönen Satz gesagt, mit dem ich es hier bewenden lassen will. Man kann es nicht besser sagen:

„I think there’s evil in the world, but i think that at the end of the day, if we work hard and if we’re true to those things in us that feel true and feel right, that the world gets a little better each time.“
„Ich glaube, es gibt viel Teufelswerk auf der Welt, aber ich denke, dass am Ende des Tages, wenn wir hart arbeiten und an das in uns glauben, was sich gut und richtig anfühlt, die Welt ein kleines bisschen besser wird.“

Was wir unbedingt in Sachen Populismus lernen müssen.

Zum Ausgang der US-Präsidentschaftswahl muss man nicht viel hinzufügen. Die Bandbreite und Schattierungen von beschriebenen Schockzuständen ist gewaltig und höchst vielseitig. Und so schockierend die Vorstellung nun ist, dass die Vereinigten Staaten von Amerika nun von einem lupenreinen Antidemokraten, einem Großkapitalisten, einem Rassisten, einem Steuerbetrüger, einem Aufschneider, einem Sexisten, einem politischen Dilettanten [weitere Bezeichnungen hier einfügen] geführt werden – es kann kaum als überraschend bezeichnet werden, dass es soweit gekommen ist. Das Zeitalter des Populismus hat einen weiteren Höhepunkt erreicht und der bisher ungeschlagene Meister der Populisten hat seinen Tempel gefunden. Genügend Leute, die ihm nacheifern, gibt es rund um den Globus. Auch bei uns in Europa und auch bei uns in Deutschland.

Das muss für uns alle ein eindeutiges und dringendes Warnsignal sein.

  • Das Warnsignal, dass unsere Gesellschaften und Demokratien trotz aller empfundener Stabilität fragile Gewerke sind.
  • Das Warnsignal, dass Populisten keine plötzlich aufgetretenen Phänomene sind.
  • Das Warnsignal, dass Populisten auch in sehr aufgeklärten Gesellschaften mit funktionierenden Medienlandschaften offenkundig lügen, dass sich die Balken biegen und damit tatsächlich ein wichtiges erreichen können.
  • Das Warnsignal, dass wir Aussagen von Populisten unmöglich einfach als „einfache politische Meinung“ stehen, so unmöglich sie sich auch tatsächlich anhören. Wir müssen Populistenmeinungen Einhalt gebieten und sie korrigieren. Egal wo – ob in Zeitungen oder in Facebook, so müßig das auch immer ist.

Wir dürfen nicht mehr einfach darauf hoffen, dass die Selbstzweifler irgendwann mit dem Selbstzweifeln aufhören oder wenigstens weiterhin nicht wählen gehen. Populisten haben es längst geschafft, diese Zweifler, Gelangweilten und auch Dummen dazu zu bekommen, das sinnfreie Krähen als vermeintliche Hochsprache einzusetzen. Und sie haben es auch geschafft, dass dieses Fußvolk in der Illusion des Wichtigseins kostenlos und höchst effektiv Wahlkampf für extreme Parteien machen, selbst wenn diese Parteien ganz offen in ihren Programmen die Leistungen streichen wollen, die die Teilnahmslosen, Dummen und Benachteiligten am meisten betreffen. Auf der Suche nach dem Blutrausch, der Rache und dem vermeintlichen Verpassen von Denkzetteln geben die Ochsen offensichtlich problemlos ihren Schlächtern die Legislative in die Hand.

Das dürfen wir, die die Demokratie schätzen, leben und brauchen, nicht zulassen. Und es reicht nicht mehr einfach nur, wählen zu gehen, auf Unterschriftslisten von Bürgerinitiativen zu unterschreiben und im Biosupermarkt einzukaufen, sondern wir müssen aktiver werden und für unsere Demokratien einstehen. Meinungen haben und offen vertreten. Diskutieren, überzeugen und damit sehr deutlich zeigen, dass wir in der Generation Millenium/Smartphone/Playstation/Internet nicht teilnahmslos sind.

Bitteschön: Beginnt. Es gibt etablierte, demokratische Parteien, in die man eintreten und partizipieren kann und man kann auch neue Parteien gründen, wer das möchte. Wenn wir das alles weiterhin nicht tun und auch als Freunde der Demokratie die Politik und den Staat als etwas schmutziges, unnützes und sinnloses verstehen, von der man am besten weiten Abstand hält, dann wird das Licht irgendwann nach und nach dunkler. Und dann kommt kein spannender Spielfilm im dunklen Saal, sondern das nackte Chaos.

Obama-Wahlkampf in der Nebensaison: Organizing for Action.

Barack Obama ist nun vor fast genau einem Jahr zum zweiten und letzten Mal zum US-Präsidenten gewählt worden. Über den Online-Wahlkampf habe ich im Rahmen meines Obama-2012-Dossiers einige Monate lang in einer Reihe von Artikeln einiges zusammengetragen und eigentlich kann man dieses Dossier abschließen. Ein Wahlkampf endet mit dem Wahltag und bei Barack Obama kommt hinzu, dass US-Präsidenten nach einer zweiten Amtsperiode nicht mehr als US-Präsident wiedergewählt werden können. Obama führt also seine letzte Amtsperiode, die planmäßig im Herbst 2016 enden wird.

„Cool down“ eines Online-Wahlkampfes.

Nun hätte es Barack Obama so machen können, wie es an sich jeder Politiker nach einer erfolgreichen Wahl handhabt: Wahlkampfteam am nächsten Tag nach Hause schicken, Wahlkampfmaterialien in den Müllcontainer werfen, Kampagnen-Website abschalten und regieren gehen. So eine Vorgehensweise hat wenig mit Amtsarroganz zu tun, sondern eher monetäre Gründe, denn eine Wahlkampfmaschinerie ist teuer und zudem kann ein gewählter Politiker auf die Kommunikationsarbeit seines Hauses zurückgreifen, in dem er amtiert.

So ein kompletter Stopp jeglicher Wahlkampfaktivität ist ein regelrechter Shutdown. Von 100 auf Null in praktisch null Sekunden. Die meisten laufenden Verträge – ob nun für Telefon, Internet, Büros oder Personal – sind meist schon Monate voraus auf den Tag nach der Wahl gekündigt. Und schlagartig landen an solchen Tagen dann nicht nur mehr oder weniger gut geölte Organisationen auf der Müllhalde der Geschichte, sondern auch eine Menge an Ideen und Argumenten. Und in unserer heutigen Online-Welt auch eine mehr oder weniger gut gepflegte Basis an Befürwortern.

Die spannende Frage ist nämlich nach der Wahl, wie man mit Unterstützern umgeht, die auch noch zum Zeitpunkt der Wahl und danach der Organisation die Fahne halten. In der Vor-Web-2.0-Welt waren diese Unterstützer weitgehend unsichtbar, weil zwischen Wahlkampfteam und Unterstützer zu diesen Zeiten noch die Medien steckten. Wenn die Medien nicht mehr über ehemalige Wahlkampfaktionen berichten, dann entschwindet diese Nachrichtenlage aus der Wahrnehmung (auch heute noch) sehr schnell und es ist – vielleicht ein Stück weit auch zu Recht – eher verpöhnt, nach einer Wahl als frisch gewählter Amtsträger weiterhin offensive Wahlkampfrhetorik zu verbreiten.

Dennoch: Web 2.0 erfordert ein Umdenken – ein Shutdown bedeutet bei den allermeisten Social-Media-Kanälen einen Verlust von vielen direkten Befürwortern, die als Fans/Liker/Follower etc. ja bis dato einen direkten Kanal zum Kandidaten hatten. Wer eine erfolgreiche Facebook-Seite aus reinem Selbstzweck schließt, verliert nicht nur diese Fans, sondern verletzt eigentlich auch den eigenen Anspruch, dass nach Versprechungen auch die entsprechende Umsetzung kommen sollte. Anstatt eines Shutdowns ist daher eher ein „Cool Down“ angesagt. Irgendwie muss man mit der Verantwortung des Vertrauensvorschusses, der einem da in Social-Media-Kanälen bekundet wurde und noch wird, schließlich umgehen können. Einfach den Stecker ziehen, ist nicht.

Die fehlenden Parteistrukturen in den USA und was wir daraus lernen könnten.

Nun haben alle US-Parteien immer noch vor allem ein delikates Problem: Sie haben immer noch keine wirklich guten und tragfähigen Parteistrukturen ins Land. Zum einen sind die USA ein wirklich sehr großes Land und zum anderen wurden Parteistrukturen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer weiter zurückgefahren. Eine sichtbare Partei bis in die letzte Ecke eines Landes ist ein teures Gebilde und die in den 1970er- und 1980er-Jahren immer stärker aufgekommenen Fernsehmärkte haben in den Hauptquartieren der großen US-Parteien die Illusion blühen lassen, dass das Fernsehen und der allmächtige Werbemarkt die effektivere Form der Wählerkommunikation ist und Parteistrukturen ersetzen könnte, die bis dato die Botschaften ins Land trugen.

Das führte im Laufe der Jahre dazu, dass zwar tatsächlich Botschaften per Werbefernsehen sehr schnell verbreitet werden können, allerdings Parteien, Kandidaten und Wahlkämpfe dadurch vor allem darunter leiden, dass sie hüllen- und substanzlos wirken. Was ausschließlich nur noch in den Medien existiert, ist für die meisten Menschen „draußen“ – und zwar nicht nur draußen aus dem eigenen Haus, sondern „richtig draußen“, auch außerhalb der eigenen Stadt. In Falle der USA im fernen Washington D.C. Dieses „die da in Washington“ kennen wir hier in Deutschland auch allzugut, nämlich mit dem Thema Europa. Im Verhältnis zu Bundestagsabgeordneten gibt es in Deutschland erheblich weniger Europaparlamentsabgeordnete, die quasi gar keine echte Reichweite in den deutschen Medien haben, wenn sie nicht zufälligerweise EU-Kommissare sind. Die im Europaparlament vertretenen Parteien versuchen zwar redlich, ihre Abgeordneten politisch mit den Parteistrukturen zu unterstützen, aber das funktioniert tatsächlich doch eher nur sehr mäßig. Europa ist für die meisten Menschen in Deutschland ebenfalls nur ein diffuses „die da in Brüssel und Straßburg“.

Wenn wir wieder zurück in die USA schauen, sehen wir da zwei sehr grundsätzliche Strategien, wie mit diesem Phänomen der immer stärker erodierenden Beziehung zwischen Parteien und Wählern umgegangen wird. Die Republikaner versuchen es nämlich vor allem mit Kehlkopf und Aktionismus.

Die Tea-Party-Bewegung als Parteienersatz?

Das brillanteste (und auch weitgehend einzige) Beispiel ist das so genannte Tea Party Movement; das Bündnis konservativer Menschen in den USA. Tatsächlich ist nämlich die Tea-Party-Bewegung nicht eine Abteilung der republikanischen Partei, sondern eine dezentrale Bewegung, in der sehr viele Organisationen, Verbände, einzelne Bürger und auch mehrere Parteien involviert sind, von denen die republikanische Partei die größte ist.

Die Tea-Party-Bewegung ist aufgrund dieser Dezentralität und der Nichtzugehörigkeit zu einer Organisation/Partei interessant und gefährlich zugleich. Deren Argumentationen werden nämlich vor allem von den einflussreichen und finanzkräftigen Protagonisten geprägt, die sich so eine Kampagne auch leisten können. So vertretene Meinungen sind in erster Linie nicht aufrichtig, sondern vor allem erst einmal deren Verbreitung bezahlt, wenn diese Meinungen tatsächlich in einer gesellschaftlichen Diskussion ankommen. Das führt dazu, dass im Gebilde der Tea-Party-Bewegung nicht nur kommunizierbare konservative Haltungen existieren – die, die man dann tatsächlich in der gesellschaftlichen Diskussion ab und an wiederfindet – sondern auch teilweise richtig extreme Haltungen und Meinungen in jeglichem Couleur, das man erwartet, wenn man sehr, sehr weit rechts in die politische Prärie schaut.

Sprich: Das, was bei den US-Republikanern die Tea Party ist, ist in Wirklichkeit eine Reihe von republikanischen Politikern, die sich der Tea-Party-Bewegung nahe fühlen, mit Gleichgesinnten kollaborieren und sich vielleicht auch von Organisationen, die ebenfalls der Tea-Party-Bewegung huldigen, bezahlen lassen. Das macht die Tea-Party-Bewegung schrill und in den Medien auch durchaus sichtbar, ist aber im Prinzip eine Angelegenheit, die allen nur schaden kann: Die republikanische Partei hat wenig Einfluss auf die Bewegung und die Bewegung selbst hat keine Kontrollinstanz, die darüber wachen könnte, was eigentlich Tea-Party-Konsenz ist oder nicht. Meinung ist eben das, was in die Medien lanciert wird, ob nun nachrichtlich oder per Werbefernsehen. Vom Prinzip her ist die Tea-Party-Bewegung daher politisch ebenso bedenklich wie sektenartig organisierte Geheimbünde, in denen dann vielleicht Spitzenpolitiker hängen und sich hier und da in ihrer Meinungsbildung führen lassen.

Die Nonprofit-Organisation als Parteienersatz?

Die US-Demokraten gehen aktuell einen gegensätzlichen Weg und haben hierzu einen Pakt, der für US-Verhältnisse unglaublich ist: Die US-Demokraten nutzen die ehemaligen Wahlkampfstrukturen ihres US-Präsidenten. Wenn man weiß, dass US-Präsidentschaftswahlkämpfe vor allem vom jeweiligen Kandidaten finanziert wird (bzw. von dessen Gönnern und Spendern), kann man ahnen, wie wenig Motivation bisherige US-Präsidenten aufbrachten, ihrer Partei den Zugriff auf die Datenbanken zu gewähren, die die Informationen und Kontaktdaten der Präsidentschaftsunterstützer enthalten. Diese gesammelten Informationen sind ebenfalls teuer und bedeuten in jedem Wahlkampf richtig viel und keiner schenkt so einen Schatz einfach mal seiner Partei, die in den USA traditionell nur sehr wenig Unterstützung für ihre Kandidaten bietet.

Die Strategie der Obama-Kampagne trifft sich aber hier mit der Strategie der US-Demokraten. Barack Obama will seine viele Millionen Befürworter im Internet nicht verlieren und sie auch nach dem Wahlkampf als Multiplikatoren für die eigene Politik verstanden wissen, die zu großen Teilen eben auch die Politik der US-Demokraten in Senat und Kongress ist. Und so erlebte der ehemalige Wahlkampfexpress Obamas eine wundersame Wandlung im Laufe der Jahre:

  • 2007-2008: Obama for America, Wahlkampf-Organisation Obamas zur US-Präsidentschaftswahl 2008
  • 2009-2011: Organizing for America, Organisation des Democratic National Comittees (DNC), der nationalen Organisation der Demokratischen Partei
  • 2011-2012: Obama for America, Wahlkampf-Organisation Obamas zur US-Präsidentschaftswahl 2012
  • ab 2013: Organizing for Action, Nonprofit-Organisation mit dem Ziel der Verwaltung einer Community, die jedoch „enge inhaltliche Übereinstimmungen mit der Arbeit der Demokratischen Partei und von US-Präsident Obama teilt“.

Alle diese Organisationen haben die Gemeinsamkeit, dass sie letztendlich um das Herzstück aller Obama-Kampagnen gebaut sind: Die Datenbasis der US-Wähler, der politischen Befürworter seiner Parteizugehörigkeit und politischen Arbeit und die vielen Millionen E-Mail-Adressen in diesen Datenbeständen. Die schärfste Waffe aus den Obama-Wahlkämpfen, der schnelle Versand von Argumenten per E-Mail an viele Millionen E-Mail-Empfänger, ist die zentrale Basis. Dass alle die obigen Organisationen als „OFA“ abgekürzt werden können, immer unter http://www.barackobama.com/ erreichbar sind und sie alle das ehemalige Kampagnenlogo Barack Obamas im Schilde führen, sind natürlich keine Zufälle, sondern feste Signalisation und Mission.

Obama 2012 – Waiting for Godot.

So laut, wie die Obama-2012-Kampagne vor einigen Wochen angesprungen war, so auffällig leise ist sie wieder geworden. Man hört, selbst wenn man ein angemeldeter Campagnero ist, derzeit schlicht nichts. Kein Mailing, auf dem Kampagnen-Weblog ein eher leises Artikelgrundrauschen mit Zitaten aus dem Twitter-Stream und der Vorstellung von neuen Mitgliedern der Kampagnenführung. Kurzum: Belanglos. Man könnte glauben, dass da der Dampf heraus sei.

Diese Zeit ist natürlich nur augenscheinlich ruhig, denn im Hintergrund wird die Planungsmaschinerie wohl genau zu diesem Zeitpunkt so kräftig laufen, wie während der gesamten restlichen Kampagne nicht. Und dabei wird es weniger um das Thema Online gehen, sondern um die „echten“ Wahlkampfstrukturen.

Der Vorteil des Amtsbonus.

Selbst wenn man ein völlig unbegabter Politiker wäre und gar nichts zustande bringen würde (was man Barack Obama sicherlich nicht vorhalten kann), dann bleibt vor der nächsten Wahl immer noch der Amtsbonus, mit dem sich pfründen lässt. Der Amtsbonus ermöglicht es einem amtierenden Politiker, sich in der politischen Arbeit in Szene zu setzen und subtilen Wahlkampf zu betreiben, ohne dass es tatsächlich etwas kostet. Und wenn sich der Politiker geschickt dabei anstellt, können selbst die größten Kritik diese Aktivitäten zwar als billige Wahlkampfrhetorik abstempeln, diese Einschläge kann der Politiker jedoch ganz locker an sich abprallen lassen.

Es stellt sich bei einem amtierenden Politiker also nicht die Frage, ob er zu seiner Wiederwahl einen Amtsbonus hat oder nicht, sondern eher, wie hoch dieser Amtsbonus ist und was er daraus macht.

Wer steigt zuerst in den Ring?

In wirklich jedem Wahlkampf ist die Frage, wer zuerst in den Ring steigt, die Frage aller Fragen. Für gewöhnlich gilt das „silent agreement“, dass die Herausforderer möglichst früh ihre Ambitionen erklären (und damit in die Vorphase des Wahlkampfes einsteigen) und der Amtsinhaber – da er ja den Amtsbonus trägt – möglichst lange wartet und die Ankündigung seiner Kandidatur möglichst lässig in einem Nebensatz einer Rede fallen lässt.

Soweit zur Theorie, denn natürlich ist das alles auch eine Frage darüber, wer als erster das Heft in die Hand nimmt und danach auch in der Hand behält. Im Falle von Obama 2012 war tatsächlich Obama derjenige, der als erster erklärt hat, dass er wieder in den Ring steigen wird. Das ist zwar so absehbar wie der Umstand, dass auch morgen wieder die Sonne aufgehen wird, aber es ist vor allem ein deutliches Statement gewesen, dass gegen die Konkurrenz ging.

Die Republikaner haben nämlich bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2012 den Vor-/Nachteil, dass sie ihren Kandidaten erst einmal küren müssen. Während wir Europäer es eigentlich gewohnt sind, dass bei solchen internen Vorwahlkämpfen zumindest halbwegs kundige Menschen kandidieren, ist das in den USA eher so eine Art von „Mr.-und-Ms.-Universe-Wahlen“. Neben einigen Platzhirschen, die bereits in der US-Politik mehr oder weniger agieren, gesellen sich eine Reihe von Menschen dazu, die teilweise krude Weltbilder an den Tag legen, außer Showeinlagen nicht viel mehr beherrschen und eher an zweitklassische Schauspieler erinnern. Und darüber hinaus auch noch so hochalberne Geschichten, dass eine nationale Agrarmesse im Bundesstaat Iowa der Ort einer viel beachteten Vor-Vor-Vorwahl ist, in deren Rahmen ein nicht wirklich objektives Stimmungsbild schon für die ersten Verlierer in der Kandidatenriege sorgt. Und dann gibt es noch so querlaufende Politiker vom Kaliber Sarah Palin, die so beschränkt sind in ihren mentalen Fähigkeiten, dass es einem politischen Menschen fröstelnd die Fußnägel aufrollt.

Unsicherheit, Albernheit, fehlende Vertrauenswürdigkeit. Das sind die (selbstverständlich niemals direkt ausgesprochenen) Schlagworte, die den Amtsinhaber bei so einem Spektakel dann dazu bringen, als erster öffentlich zu vermitteln: „Schaut her, ich bin euer Präsident, ich mache den Job nochmal, als bin ich die Messlatte für den ganzen Kindergarten da.“

Messen am „Chef“.

Und auch wenn Barack Obama den obigen Satz niemals so aussprechen würde – so steht er im Raum. Und zwar in jedem, in dem ein Mensch, der auf die Idee kommt, zur US-Präsidentschaftswahl 2012 zu kandidieren, steht und irgnedeine Rede hält. Das sorgt neben den üblichen Ausschlusskriterien wie abgeschmolzenem Wahlkampfetat, fehlender Sympathie und Mangel an politischem Profil (in genau dieser Reihenfolge) für einen zusätzlichen Druck im gegnerischen Lager.

Mit der frühestmöglichen Bekundung auf Kandidatur bei der nächsten Präsidentschaftswahl spielt Obama den Amtsbonus demnach schon ganz am Anfang aus. Ein durchaus nicht ganz ungefährliches Spiel, was aber dadurch kalkulierbar ist, dass ein absoluter Traumkandidat bei den Republikanern auch heute noch nicht in Sicht ist. Man muss in den internationalen Nachrichten schon ganz gehörig tief suchen, um überhaupt einige Kandidaten nachrichtentechnisch verfolgt zu bekommen.

Abwarten und Tee trinken.

Innen agieren, nach außen Ruhe ausstrahlen. Das dürfte derzeit das Motto von Obama 2012 sein. Es besteht überhaupt kein Grund, in sichtbare Wahlkampfrhetorik einzusteigen, weil es aktuell niemanden gibt, gegen den man sinnvoll Wahlkampf führen könnte, ohne wirklich grundlos Geld zu verblasen.

Es fällt daher mehr als deutlich auf, dass derzeit in der gesamten Obama-2012-Kommunikation aktuelle politische Entwicklungen großflächig ausgeklammert und umgangen werden. Beispielsweise die Occupy-Bewegung. Eigentlich stünden viele Ansätze dieser Occupy-Bewegung durchaus in der politischen Grundausrichtung der Demokraten und es wäre für die Wahlkampfstrategen und die Spindoctors vermutlich einer der einfachsten Handgriffe, hier den Turn der Bewegung in die Kampagne einzubauen. Aber man tut es nicht. Nichts. No actual politics. Zumindest keine wirklich handgreiflichen. Alles, was an „Wall Street Reforms“ zu lesen ist, sind Dinge, die Barack Obama machen würde, wenn er denn nächstes Jahr gewählt würde. Ich bemerke: Wäre das echte Wahlkampfrhetorik, würde er jetzt reagieren und nicht erst Thesen aufstellen, was er bei einer erfolgreichen Wiederwahl ändern würde, denn die würden, rein rechnerisch, erst ab Januar 2013 umgesetzt werden können, wenn die nächste Legislaturperiode beginnt.


Alle Teile meines Dossiers zu Obama 2012 unter dem Stichwort „Obama 2012“.

Die Air Force macht Witze und keiner lacht.

Wenn da mal am Ende keine Köpfe rollen: Die US Air Force hat es doch tatsächlich fertiggebracht, in New York eine skurrile Szenerie in den Himmel zu gravieren, in der die US-Präsidentenmaschine (immerhin ein Reserveflugzeug zu der Air Force One, die der US-Präsident derzeit am Start hat) waghalsige Flugmanöver über die Stadt zog und von einem Kampfflugzeug verfolgt wurde. Das hat logischerweise dazu geführt, dass genügend Menschen in Panik aus den Gebäuden flohen, sich an 9/11 erinnert fühlten und sich gar die New Yorker Aktienmärkte kurzfristig sturzflugartig nach unten bewegten.

Und die Auflösung? War nur Spaß! Eine „Luftfotomission für das Weiße Haus“. Und das beste an dieser Posse ist, dass die New Yorker Polizei offenbar sogar vorher darüber informiert war, aber nichts sagen und auch nicht vorher auf das Manöver hinweisen durfte.

Ob sie bescheuert sind, die Amerikaner? Absolut.

Nach der Wahl – ist was genau?

Nun ist Barack Obama als der nächste US-Präsident gewählt. Herzliche Glückwünsche, ehrlich! Ein hartes Stück Arbeit liegt hinter ihm und seinem Team und nach rund zwei Jahren Wahlkampf (wenn man die Vorwahlkämpfe mit einbezieht) kann man wirklich sagen, dass das eine Menge Arbeit war.

Muss man jetzt dann pathetisch sein und Barack Obama schon in die Ahnengalerie stellen? Nein, muss man nicht. Ein solches Amt besteht aus zwei fundamental unterschiedlichen Teilen, dem Wahlkampf und der Amtsperiode. Wahlkampf ist Werbung, Marketing und Verkaufen, Amtsperiode ist dann die Produktion und Abwicklung. Das Erstere ist bunt, mächtig und illustrativ, das Letztere dann mitunter trocken, unangenehm und ernüchternd. Es wird die wahre Kunst sein, dass dann dem Volk zu verkaufen.

Sprich: Nun hat er erst einmal sein Amt, geerntet mit zugegeben sehr aufopferungsvoller und disziplinierter Arbeit und dafür gebührt ihm zweifellos hoher Respekt. Ab Januar 2009 muss er sich dann aber erst einmal beweisen und das wird bei den grauenvollen Trümmerfeld, dass George W. Bush auf praktisch allen Schlachtfeldern hinterlässt, eine entsetzlich komplexe Arbeit. Und nach den ersten 100 Tagen, nach dem ersten Jahr, da reden wir dann nochmal. Das maximale, was ich an Vorschusslorbeeren geben kann: Ich kann mir gut vorstellen, dass er das packt.

Ich weiß, ich sehe das sehr trocken – vielleicht auch etwas zu trocken. Aber das ist nun einmal Wahlkampf. Am ehesten erträglich für ehemalige Fernsehleute, abgebrühte Systemadministratoren und Projektmanager. 😉

Barack versus Sarah.

Es geht also wieder los, das Gezittere und die schale, latente Angst im Hinterkopf, wer denn nun am nächsten Dienstag als nächster US-Präsident gewählt wird. Während sich der Planet Erde außerhalb der USA weitgehend darüber einig ist, dass Barack Obama derjenige ist, der am ehesten die Zügel anpacken sollte, ist das in den USA wieder einmal eine Zitterpartie. Und dabei geht es nur auf den ersten Blick um Barack Obama und John McCain, denn mit 72 Jahren und einer erschreckend umfangreichen Krankenakte ist die Gefahr, dass McCain während der Präsidentschaft abtritt, verhältnismäßig hoch. Und dann wäre Sarah Palin am Steuer.

Eine Frau, bei der jeder ausgesprochene Satz Abgründe über ihren Intellekt darlegt, die ihren ersten Reisepass erst weit in ihrer fünften Lebensdekade beantragt hat, deren Haltung zum so genannten Intelligent Design derart krass abstrus sind, die nachweislich korrupt ist und die schlicht und einfach nur deshalb die Menschen anspricht, weil sie für ihr Alter im aufgebrezelten Zustand verhältnismäßig gut aussieht und der lebende Beweis dafür ist, dass man auch mit bescheidenem Intelligenzquotienten verhältnismäßig weit hoch kann, wenn man die richtigen Zapfen krault. Und darüber hinaus entsetzlich humorlos ist, was das größte Warnzeichen ist, wenn man mit einem Politiker zu tun hat.

So eine Person an einem Tisch, an dem davor schon acht Jahre lang zuvor ein George W. Bush, dem ewig ungeliebten Sohn einer mächtigen Familie, dessen Mission es war, es ausgerechnet durch die US-Präsidentschaft allen zeigen zu wollen, die Welt unsicher gemacht hat, kann nur haarsträubend sein. Ein US-Präsident John McCain/Sarah Palin wäre der Beweis dafür, dass es der Mehrheit der US-Bevölkerung schlicht scheißegal ist, wen sie da als Bodenpersonal in das Weiße Haus installiert.

Sarah Palin.

Wenn ich mir die Kandidatin für die US-Vizepräsidentschaft im McCain-Team, Sarah Palin so anschaue.. Gouveneur im Metropolstaat Alaska, erzkonservative Haltung nach außen, lasche Haltung in die Familie selbst, erste Rede gleich schon gespickt mit Lügen, politisch auf der Weltbühne peinlich unerfahren, macht Wahlkampf mit einem Yahoo-Mailaccount, das abgesichert ist mit durchschaubaren Sicherheitsabfragen und damit knackbar für die halbe Weltbevölkerung.. dann wird mit sehr bange. Am Ende notiert sie die Codes für die Atomraketen noch in ihren Google-Account und lässt die kontextbezogene Werbung verbieten – so zur Sicherheit.

Palin hätte gute Chancen, bei einer Wahl McCains ihn irgendwann zu beerben. Und ich glaube nicht, dass das irgendwie gut für die Welt wäre, wenn solche politischen Blindgänger und Ja-Sager an eine Macht kommen, denen sie nicht gewachsen sind.

Hoffentlich denken die Amerikaner mit, wenn sie im November wählen. Wenigstens ein einziges Mal.

Online-Welten ein Hort des Terrors.

Na das hat jetzt aber gedauert, dass die US-Geheimdienste nun endlich einmal darauf gekommen sind, dass Terroristen Online-Rollenspiele zur Planung von Anschlägen nutzen könnten. Ich dachte schon, dass diese Landspielplatte niemals mehr aufgelegt wird und dabei sind doch gerade diese Krisengebiete besonders terroristisch und gefährlich.

Die ganz schale Begründung: Terroristen hätten es immer schwerer, ungestört zu kommunizieren und würden sich möglicherweise in Online-Spielewelten wie World of Warcraft oder Second Life zurückziehen. Ein Vorfall sei zwar noch nicht bekannt geworden, aber man stört sich offenkundig an den Möglichkeiten der ungestörten Rudelbildung fernab von staatlicher Kontrollmöglichkeit.

Um es deutlich von mir zu kommentieren: Klassische, konservative Denkscheiße nach der alten Masche, dass man unangenehme Einrichtungen einfach zu terroristischen Rekrutierungszonen erklären muss, um sie zu reglementieren. Da eine sinnvolle Reglementierung allerdings auch hier nicht möglich ist, dient diese Reglementierung lediglich zu dem Zweck, dass man später, wenn dann die Bombe hochgeht, wenigstens sagen kann, man hätte etwas getan. Und damit dient diese Reglementierung in erster Linie zur Absicherung des Politikerjobs. Netterweise kann man damit auch gleich die konservative Klientel beruhigen, denen solche Sündenpfuhle ja sowieso völlig suspekt sind – auch wenn sie sie nie selbst gesehen haben.

Generell gilt aber: Strategisches Denken könnte schon bald gefährlich sein, zumindest verdächtig. Also aufpassen beim Kauf folgender Spiele:

  • Scotland Yard (Ausbildung von kollaborativen und polizeilichen Fahnungsstrategien)
  • Risiko (kriegerische Handlungen, Weltkriege, Allmachtsphantasien)
  • Malefiz (Morde aus niederen Beweggründen, Widerstand gegen die Staatsgewalt)
  • Monopoly (Habgier)