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Das Jörg-Kachelmann-Schlachtfest.

24. März 2010 | 2 Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Das Thema Jörg Kachelmann elektrisiert die Journallie. Noch immer scheinen es die Printmedien nicht verwunden zu haben, dass ihnen das Fernsehen in Sachen Aktualität den Rang abgelaufen hat. Umso schöner ist es deshalb, wenn mal einer dieser Moderatoren in irgendeinen Verdacht gerät und man ihn in der Boulevardpresse in Ruhe reißen kann, wie das die Raubtiere in der Serengeti tun. Prominentestes Beispiel der näheren Vergangenheit ist hier der ehemaligen Moderator Andreas Türck, der im Mai 2004 ebenfalls wegen Verdachtes auf eine Vergewaltigung angeklagt wurde, 16 Monate später aber aufgrund Zweifel an der Glaubwürdigkeit des angeblichen Opfers freigesprochen wurde. Seine Karriere als Moderator war freilich hin, denn hängenbleiben tut immer etwas – man muss nur lange genug Drecks durchs Rohr schieben.

Ich muss leider, auch wenn diese Themen hier im Blog extrem unbeliebt sind, wieder einen krassen Bogen zur Lokalpresse machen, denn heute morgen war der Blick auf die Website der Pforzheimer Zeitung wieder eine bedauernswerte Bestätigung dafür, dass man in der Bedienung der Promi-Guillotine weiterhin gern schneller ist, als mit der Verwendung des durchschnittlichen Journalistenverstandes.

Zutatenliste:

  • 1 dpa-Foto Jörg Kachelmann, etwas derangiert schauend, unfriesiert
  • 1 Anreißer mit eingebauter Fragestellung, in etwa mit folgender Intention: Behalten sie ihn noch im Gefängnis und wird da vor uns geschützt oder lassen sie das gefährliche Raubtier frei und er fällt gleich hinter dem Gefängnis die nächste Deutsche an?
  • 1 Bildergalerie mit sieben Bildern aus dem dpa-Bilderarchiv (Suchwort: “jörg kachelmann”)
  • 1 Link auf den ersten Bericht über die Verhaftung, mit einem Titel, der eine glatte Vorverurteilung darstellt (“Wetter-Experte in U-Haft: Kachelmann ein Vergewaltiger”). Das Fragezeichen hinter “Vergewaltiger” wurde immerhin gegen 13 Uhr dann noch nachgereicht.
  • 1 Link auf ein offensichtlich früher geführtes Telefoninterview (“Sie rufen aus der Schweiz an.”) mit Jörg Kachelmann zum Thema Wetter in Pforzheim, immerhin aber mit griffig-universeller Überschrift.
  • 1 Leserumfrage zur Urteilsbildung

Zusammengeklickter, sensationsgeiler, Hirnfäule erregender Kloakenjournalismus für die Frühstückspause. Das ist wie wenn man als Redakteur zu einem Fahrradunfall noch ein, zwei Blutbeutel mitnimmt, damit wenigstens noch etwas Farbe ins Bild kommt und dann am Ende den Leser über die Schuldfrage entscheiden lässt. So einfach macht man Nachrichten. Defäkieren ist schwerer.

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Thomas Satinsky wird geschäftsführender Verleger der Pforzheimer Zeitung.

13. Januar 2010 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in MedienWelt

Das Personalkarussel der Pforzheimer Zeitung hat sich nach dem Weggang des Chefredakteurs Jürgen Metkemeyer eine Zeiteinheit weitergedreht. Und das fürwahr überraschender, als erwartet, denn die bisherige Interims-Chefredaktion übernimmt die Chefredaktion dauerhaft und als geschäftsführender Verleger kommt ab 1. Februar 2010 Thomas Satinsky ins Verlagsboot, was bedeutet, dass der bisherige Verleger Albert Esslinger-Kiefer die Zeichen der Zeit erkannt hat.

Der Name Thomas Satinsky ist nämlich sicherlich ein Name, der in Pforzheim im Zusammenhang mit der Pforzheimer Zeitung nicht unbekannt ist, war er doch von 1998 bis 2005 Chefredakteur, bis er im Jahre 2005 zum Südkurier nach Konstanz wechselte. Dort war man mit dem Thema Online schon von Anfang an erheblich weiter und traute sich auch an größere Dinge heran, beispielsweise einem eigenen Online-Dienst, einer erheblich breiteren Berichterstattung im Web und stärkeren interaktiven Elementen. Sicherlich hinkt der Vergleich unter anderem deshalb, weil der Südkurier schon seit 1980 zur Holtzbrinck-Verlagsgruppe gehört und dahinter ganz andere Erfahrungsschätze stehen.

Wenn ich mal so die spontane Online-Konferenz der Pforzheimer Bloggeria richtig deute, schätzen nicht nur ich die Rückkehr von Thomas Satinsky zur Pforzheimer Zeitung als eine Art dringend notwendige Notbremse ein. Die IVW-Zahlen für die Auflagenstärke des vierten Quartals 2009 sind zwar noch nicht draußen, allerdings braucht es nur wenig Phantasie dazu, zu befürchten, dass die zuletzt dramatisch abstürzende Zahl der Abonnenten gerade so weitergeht. Eine sichtbare Online-Strategie lässt sich nach Jahren kaum ausmachen, von Versuchen einer Art “Online-Ausrichtung” ganz zu schweigen. Vergeudete und kaum wiedergutzumachende Jahre, denn je länger eine Zeitung sich den Tatsachen des Medienwandels verschließt und je länger Abonnenten einer Zeitung den Rücken kehren, desto schlechter.

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Zeitung lesen – und Reputation verlieren.

16. Dezember 2009 | 3 Kommentare | Veröffentlicht in SicherheitsWelt

Dass sich ein Arbeitnehmer mit allzu offensiv zelebriertem Lesen der gedruckten Tageszeitung während der Arbeitszeit nicht unbedingt Freundschaften in der Geschäftsführung stärkt, ist unschwer nachzuvollziehen.

Enterprise-Lösungen von Anti-Viren-Lösungen haben neben dem reinen Virenscannen noch zusätzliche Absicherungsfunktionen, beispielsweise das Blocken von problematischen Websites. Solche Listen kann der Administrator bestücken, in der Regel werden die Inhalte aber von den Herstellern selbst bereitgestellt. So ist es für den Administrator möglich, beispielsweise Websites mit Malware, Pornografie, Sozialen Netzwerken etc. zu filtern. Davon kann man halten, wie viel man möchte – wenn der Arbeitgeber verfügt, dass bestimmte Inhalte geblockt werden sollen und das private Surfen eh untersagt ist, ist das zu akzeptieren.

Als Administrator in unserem Netz schaue ich mir gelegentlich mal an, was unsere Anti-Viren-Lösung so meldet. Und siehe da: Sie meldet aktuell eine Bedrohung, gemeldet vom URL-Filter (Screenshot für eine Großansicht anklicken):

Bedrohungsstatusmeldung in TrendMicro Worry-Free Business Security

Unter anderem gemeldet vom TrendMicro-Client auf meinem Rechner. Das weckt natürlich meinen Fahndungsinstinkt und ich schaue mal, was mein Client so loggt. Und es überrascht auf den ersten Blick (auch hier ein Klick auf den Screenshot für eine Großansicht):

URL-Filter-Log im TrendMicro Server Security Agent

Hübsch. Offensichtlich Pornografie, abgerufen von meinem Rechner. Sowas hebt die Stimmung in einem Beschäftigungsverhältnis ungemein. Für Arbeitnehmer, die sehr strenge Regeln für die Internet-Nutzung einhalten müssen, unter Umständen ein Problem, wenn der Chef sich mal die Logs anschaut. Aber schauen wir uns mal den URL genauer an.

Vom Aufbau her sind das API-Aufrufe, also vermutlich Aufrufe, die von externen Websites initiiert werden. So was hat man schon, wenn man Badges von Anbietern auf seine Homepage pappt, Suchboxen von Suchmaschinenanbietern, eine Facebook-Meldungsbox usw. Und wenn man sich den Anbieter, der da im Log geblockt ist, anschaut (Vorsicht, wenn ein Virenscanner läuft…), so sieht das schon weniger dramatisch aus, handelt es sich doch um eine eher mäßige Singlebörse. Dennoch, verniedlichen wir nichts: Wenn ein Arbeitgeber unbedarft an das Thema herangeht oder einen Mitarbeiter, der in die Falle getreten, auf dem Kieker hat, könnte das Ärger geben.

So, und wer verbrockt mir den untergejubelten Reputationsverlust? Wer sich im obigen Screenshot den URL näher anschaut, sieht recht schnell, wer die Lorbeeren für die Vermittlung kassiert, nämlich in diesem Fall die Pforzheimer Zeitung, die auf ihrer Website rechts im unsäglich langen Werbeblock ganz unten, gefühlte 40.000 Pixel tief, “Singles aus der Region” feilbietet (die Gesichter habe ich ausradiert):

Screenshot einer eingebundenen Singlebörsen-Website

Wohlgemerkt: Man muss gar nicht das Formular ausfüllen und eine Suchanfrage nach Singles auslösen, um im Scanner-Radar aufzufallen, es genügt schon vollkommen, einfach mal ahnungslos die Tageszeitung anzusurfen. Die Voreinstellung des API-Aufrufes suggeriert sogar auch noch sexuelle Vorlieben, nämlich dass ich angeblich Männer oder Frauen suche, die zwischen 20 und 44 Jahre alt sind.

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Personalien bei der Pforzheimer Zeitung.

1. November 2009 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Wenn Zeitungsverlage Personalien in eigener Sache zu vermelden haben, sind sie erstaunlich einsilbig. So einsilbig, dass man quasi nicht aus der am Freitagabend veröffentlichten Meldung zitieren kann, ohne Gefahr zu laufen, den gesamten Artikel, der aus geschlagenen zwei Sätzen besteht, zu übernehmen.

Die “Verlagsleitung” verkündet, dass Jürgen Metkemeyer, Chefredakteur der Pforzheimer Zeitung seit Juli 2005, “aus den Diensten des Verlages ausgeschieden ist”. “Interimsweise” übernommen wird die Chefredaktion vom bisherigen, stellvertretenden Chefredakteur und dem Chef vom Dienst.

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Lokalpresse trifft Realität.

25. Oktober 2009 | 4 Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Einer der wirklich schönen Aspekte der Presselandschaft in Deutschland sind die IVW-Verbreitungszahlen. Jede Publikation, die etwas auf sich hält, meldet die Verbreitungszahlen ihrer Druckwaren quartalsweise an die IVW, so dass man als Werbetreibender oder als interessierter Laie sehr anschaulich sehen kann, wie die Branche unter Druck gerät. Richtig unter Druck.

Eindrücklich ist das an der Auflagen- und Abonnentenzahl der Pforzheimer Zeitung zu beobachten (die beiden oberen Graphen, wobei die oberste Linie die Druckauflage angibt, die gepunktete Linie darunter die Abonnentenzahl). Vom Hoch im 4. Quartal 2003 mit einer Druckauflage von 48.443 Exemplaren pro Tag ist man im dritten Quartal diesen Jahres mit 42.685 Exemplaren pro Tag inzwischen über 12 Prozent entfernt. Das wäre ja nicht unbedingt das große Problem, denn das ist die fallende Tendenz:

Diagramm IVW-Zahlen für Pforzheimer Zeitung und Pforzheimer Kurier

Der Pforzheimer Kurier als Lokalausgabe der Badischen Neuesten Nachrichten scheint inzwischen eine Art Sockel erreicht zu haben, wenn auch auf sehr niedrigem Niveau (im dritten Quartal eine Auflage von 6.179 Exemplaren pro Tag bei 4.069 Abonnenten).

Die Quasi-Nulllinie ganz unten bei der X-Linie stellt übrigens das Dilemma da, in dem die Verlagswelt eigentlich ihr Heil sieht: Das elektronische Exemplar der Pforzheimer Zeitung als Abonnement. Die Abonnentenzahl liegt im dritten Quartal bei 73 Abonnenten und fängt noch nicht mal ansatzweise das ab, was an Abonnenten der Printausgabe wegläuft. Im zweiten Quartal 2008 startete diese “e-Paper-Version” mit 36 Abonnenten gegenüber damaligen 37.656 Print-Abonnenten. Macht also im Gegensatz zum 3. Quartal 2009 ein Plus von 37 e-Paper-Abonnenten gegenüber einem gigantischen Minus von genau 2.999 Print-Abonnenten.

(Online-Zahlen? Ja, gibt es, die sind aber meiner Meinung nach ohne weitere Aufbereitung nicht wirklich repräsentativ, weil die Pforzheimer Zeitung ihr Online-Forum einfach mitzählt.)

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Mailen auf die Homepage.

7. Oktober 2009 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in MüllWelt

Stilblüte aus unserem lokalen Kanonenblättchen:

“Der Schlussmann der SG hat sich mittlerweile an die Spielvereinigung gewandt und sich per Mail auf der Homepage des Vereins für den Vorfall entschuldigt.”

Sind wir uns da sicher, dass er das per Mail auf der Homepage des Vereins getan hat? Nicht eventuell doch per Homepage auf der Mail des Vereines oder doch per FTP-Server auf dem Switch?

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“Wir treiben die Sau durchs Dorf.”

11. September 2009 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Wo die Pforzheimer Zeitung Recht hat, hat sie Recht, in diesem Fall in einer Anzeige für ihr Online-Portal, die im eigenen, kostenlos verteilten Anzeigenblatt veröffentlicht ist (click for big):

Foto Werbeanzeige pz-online.de mit dem Slogan: "Wir treiben die Sau durchs Dorf."

Die eigene Medienkritik ist vorbildlich. ;-)

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Umfragen manipulieren für Anfänger.

31. Januar 2009 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in World Wide Web

Über das Umfragensystem der Pforzheimer Zeitung habe ich mich ja schon vor einigen Tagen köstlich amüsiert. Höchste Eisenbahn also, das Ding mal etwas näher anzuschauen, wie denn so die Abwehr von Missbrauchversuchen aussieht.

Denn auch wenn ein Voting-System an sich relativ einfach ist – man muss halt ein Script haben, dass verschiedene Zähler auf Benutzerinteraktion korrekt um eine Stelle nach oben verschiebt und das Ergebnis auf Knopfdruck anzeigen – muss es vor allem eine Sache können: Wiederholte Stimmenabgaben erkennen und verhindern. Online-Umfragen sind schon per default weit von jeglicher Repräsentation entfernt, da will man sich nicht gleich von jedem Deppen, der die Zurück-Funktion im Browser entdeckt hat, die Umfrage gleich von Anfang an ruinieren lassen.

Es gibt da zwei logische Ansätze: Client-seitige und server-seitige Prüfung. Erstere ist einfach, weil man den Benutzer gleich bei der Interaktion erwischen kann, beispielsweise per JavaScript, Cookies und AJAX-Abfragen, letzteres ist jedoch erheblich fundierter, weil man auf dem Server beispielsweise IP-Adressen, Browserkennungen, eindeutige Session-ID etc. mitloggen und diese nach Stimmabgaben sperren kann. Idealerweise baut man sich aus beiden Ansätzen ein System zusammen. Empfehlungen, Anleitungen und Beispiel-Scripte gibt es wohl in jedem Handbuch für Webdeveloper. Das System, das die Pforzheimer Zeitung einsetzt ist, mit Verlaub, dumm wie ein Päckchen ATA, denn es setzt nur auf einen Cookie-Check.

Ist in einer Seite das Umfragemodul eingebunden, prüft ein erstes Script zunächst einmal, ob das Speichern von Cookies im besuchenden Webbrowser möglich ist. Das macht es durch das Setzen eines Cookies namens “PZ_Allow_Survey_XXX” (“XXX” steht hierbei für eine Zahl, die die Umfrage kennzeichnet). Dieser Cookie verschwindet nach Schließen des Webbrowsers übrigens auch wieder sang- und klanglos, weil seine Gültigkeit in die Vergangenheit datiert ist und Cookies in so einem Fall nach Sitzungsende des Webbrowsers gelöscht werden müssen.

Der Besucher kann nun an der Umfrage teilnehmen, also den passenden Radiobutton auswählen und auf “Absenden” drücken. Die Übertragung erfolgt hierbei per AJAX im Hintergrund, so dass die Seite komfortablerweise nicht neu geladen werden muss. Hat er nun seine Stimme abgegeben, setzt das Votingscript einen weiteren Cookie namens “PZ_Survey_XXX” mit einer Gültigkeit von etwa fünf Monaten in die Zukunft. Das ist dann der Cookie, den das Script zum Abstimmen sucht; findet er dieses Cookie, lässt es die Stimmabgabe nicht zu. So lange, bis eben das letztere Cookie schlicht gelöscht wird. Und das geht zum Beispiel beim Firefox kinderleicht, in dem man bei der Cookie-Suche lediglich “pz-news” eingibt und auf den Löschbutton klickt. Fertig. Und weil man im Firefox eleganterweise das Fenster zum Verwalten von Cookies schön neben das Browser-Fenster drapieren kann, muss man auch gar nicht so viel herumklicken.

Die wirklichen Noobs würden sich natürlich ein hübsches Batchscript schreiben und den Cookie-Besitz schlicht über die die HTTP-Anfrage faken. Solche pupsigen Sachen sind dann aber nichts mehr für Nerds, das ist schlicht unter unserer Würde. :-)

Warnung: Reißt euch zusammen und haltet eure Griffel weg.

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Politische Meinung als Rohrkrepierer. [Update]

12. Januar 2009 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in MedienWelt

Unser kleines, konservatives Kampfblatt, die Pforzheimer Zeitung, hat wieder einmal etwas politischen Schiffbruch erlitten. Das kommt vor, besonders wenn das böse­ Internet nicht immer ganz der Meinung ist, wie man es bei der jahrzehntelang gepflegten und doch immer kleiner werdenden Abonnentenschar gewohnt ist. Ursache der kleinen Havarie ist die hiesige Kommunalpolitik – eine Sache, in der es sich eine Lokalzeitung naturgemäß eher nicht verscherzt und deshalb lieber noch eine Kanne mehr recherchiert und aufpasst.

Gestern, Sonntag, Neujahrsempfang der Stadt Pforzheim. Eine Veranstaltung, die traditionell in zwei Fraktionen geteilt ist: Eine Fraktion, die den Neujahrsempfang erleben möchte, die Grußworte, die Verleihung der Bürgermedaillen. Und eine Fraktion, die auf die kostenlose Verfütterung mit Bretzeln wartet, die nach dem offiziellen Programm stattfindet.

Dieses Jahr stand der Neujahrsempfang unter einem anderen Stern, denn seit Monaten wartet die Stadt auf eine Aussage der Pforzheimer Oberbürgermeisterin Christel Augenstein, ob sie dieses Jahr wieder zur Oberbürgermeisterwahl antreten wird. Da ein ernstzunehmender Gegenkandidat seinen Hut bereits am 2. Januar in den Ring geworfen hat und die Zauderei der Amtsinhaberin nun langsam albern werden könnte, waren sich praktisch alle einig, dass Sonntag die Katze aus dem Sack kommt und Augenstein ihre Kandidatur bekanntgibt. Das tat sie dann erwartungsgemäß auch.

Für Lokalblätter ist da natürlich erst einmal Halli-Galli angesagt. Schnell müssen Artikel geschrieben, Fotos gemacht, ein paar Stimmen aus Volk und Konkurrenz gesammelt werden. Und – ausdrückliches Lob! – die Nachricht war am Nachmittag auch schon online verfügbar, inklusive einer Online-Umfrage, ob der geneigte Leser es gut findet, dass Frau Augenstein wieder kandidiert. Für gewöhnlich bleibt so eine Online-Umfrage für ein paar Tage online und mit einem Klick lässt sich auch das Zwischenergebnis abrufen.

Solche Online-Votings sind mehrschneidig: Einerseits weiß jeder, dass sie nicht repräsentativ sind, weil man sie relativ einfach manipulieren kann, wenn man weiss, wie man mit Cookies umgehen sollte und wenn man weiss, dass manche Parteien mitunter sehr große Mailverteiler haben und innerhalb weniger Stunden gewaltige Stimmenzahlen aquirieren können. Obwohl man das weiß, ist man andererseits natürlich als Kandidat und Partei höchst daran interessiert, dass das Ergebnis einem gefällt, denn obwohl das Voting eigentlich Crap ist, ist es ein Gradmesser.

Ich habe also heute morgen brav meine Stimme abgegeben und das dann nicht mehr weiter beachtet. Heute Abend wollte ich mir das dann nochmal anschauen und vor allem auch mal die Hintergrundberichte zur Oberbürgermeisterin genauer durchlesen und durfte staunen: Von den Artikel war nichts mehr zu sehen – sie sind nicht mehr von der Startseite aus zu finden und auch nicht über die Rubrik für Lokalnachrichten. Und damit ist natürlich auch das Online-Voting nicht mehr erreichbar und dabei hat mich doch das Ergebnis interessiert.

Also hat man die Umfrage kurzerhand wohl aus dem Angebot entfernt. Und zwar ersatzlos. Das heißt: Fast. Denn wenn man ein proprietäres und relativ dummes Redaktionssystem verwendet und aktivierte Votings per AJAX in Artikel eingebunden werden, kann man ja spasseshalber im Browser-Cache schauen, ob man noch die gecachte Version des Artikels hat, die noch den AJAX-Aufruf des Votings innehat. Und siehe da, das Voting ist hinter den Kulissen (nicht ganz überraschenderweise) ja noch da und, hoppla, ich verstehe nun auch schlagartig, warum das Online-Voting nach einem Tag schon beendet ist und das Ergebnis nicht mehr öffentlich einsehbar ist:

Online-Umfrage aus der Pforzheimer Zeitung

Hauauau, das muss wieder schmerzen. ;-)

Update: Ich habe Rückmeldung von der Pforzheimer Zeitung erhalten und es stellt sich zumindest als mehrschichtiges Problem dar. Zum einen startete die Online-Umfrage nicht zeitig mit den ersten Artikeln am Sonntag, sondern erst am Montag.Und dann flogen Montagabend die Artikel vom Sonntag wohl komplett über Bord und damit auch die dort integrierte Online-Umfrage. Nun ja. Bedauerlich. Ändert zumindest nichts am Ergebnis.

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Terroristen in Birkenfeld.

28. Oktober 2008 | 7 Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Hach, ist das Internet aufregend! Sagen sich sicherlich jeden Morgen die Redakteure der Pforzheimer Zeitung, der anerkannten Zeitung für Moral und Bürgerpflicht.

Um was geht es? Zwei Jugendliche spielen im April 2007 (!) in einem 27-Sekunden-Filmchen eine Hinrichtung nach. Mit einer knatternden Spielzeugpistole. Eine Menge Kommentare, die den eher müden Film nicht gut finden. Irgendwann geht ein entsetzter Zuschauer zur Polizei und es ermittelt dann doch tatsächlich die Birkenfelder Polizei. Die Pforzheimer Zeitung bekommt Wind davon und schreibt einen absolut aufregenden Aufreißer, ohne Rücksicht auf die eh schon extrem peinlichen Fettnäpfchentritte in der Vergangenheit:

Birkenfelder Jugendliche stellen auf YouTube Geiselerschießung nach

Das ist eine derart dämliche und armselige Geschichte, es macht schlicht sprachlos. Da muss unsereiner fast schon froh sein, dass wir während unser Kindheit keine Kamerahandys hatten und unsere Cowboy&Indianer-Spiele im Kindergarten nicht gefilmt haben, möglicherweise hätten wir dann ebenfalls zeigefingerschwingende Moralaposteln und die Lokaljournallie am Hals. Und wer dann später in die Politik wollte, hätte vermutlich handfeste Rassismusanschuldigungen an der Backe.

Was wird wohl passieren, wenn die Birkenfelder Polizei und die Pforzheimer Zeitung die Videos von Saddam Husseins Hinrichtung in YouTube entdeckt? Vermutlich eine Sonderausgabe.

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