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Fiktive Redaktionskonferenz einer Lokalzeitung.

30. Januar 2010 | 2 Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Wir schalten uns mal live in eine fiktive Redaktionskonferenz einer x-beliebigen Lokalzeitung hinein, die gerade dabei ist, die Tageslosung auszugeben. Die einstündige Konferenz ist schon weit fortgeschritten, wir sind in den letzten fünf Minuten, die prinzipiell für die Online-Strategie reserviert ist.

Chefredakteur: “So, Zeitung haben wir durch, was machen wir denn online?”

Online-Chef: “So mal grob überflogen – das übliche. Den Aufmacher des Lokalteiles und des Sports, zweite Nachrichtenschiene mit dem gesamten Inhalt des Presseverteilers der hiesigen Polizei.”

Chefredakteur: “Sehr gut, sehr gut, sehr gut. Ihr wisst ja – weniger ist mehr, das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen. Gibt es einen Kommentar, so für die Interaktivität?”

Online-Chef: “Ja, für den Aufmacher schreibt der Lokalredakteur noch einen Kommentar, wir haben ihm schon eine Seite reserviert und das auch schon auf der Homepage freigeschaltet.”

Lokalredakteur: “Hach, schön, dann steht das ja auch schon im RSS-Feed, beim letzten Mal stand da schon ‘Kommentar von Franz Biebelfratz muss hier hinein!‘, bevor ich den Kommentar fertiggeschrieben habe.”

Online-Chef: “Ja, Franz, dieses RSS-Ding macht ja auch einfach Spaß, besser als gelbe Klebezettel.”

Chefredakteur: “Wie sieht’s aus mit Bildern, Bilderchef?”

Bilderchef: “Für den Aufmacher fährt unser Fotofrontmann vor, der macht eh ein Bild für den Zeitungsartikel. Er bleibt mit dem Finger einfach etwas länger auf dem Auslöser als sonst und den ganzen Verschnitt blasen wir dann hoch.”

Chefredakteur: “Toll, diese moderne Technik. Früher mussten wir noch Filmmaterial kalkulieren und entwickeln, heute kann der Fotomann einfach den Finger auf dem Auslöser lassen.”

Online-Chef: “In Sachen Aktuelles pappen wir überregional den DPA-Ticker ein und schauen mal, was die Blaulichtkameraleute so an Unfällen auflesen und anbieten, das klopfen wir dann heute nachmittag noch rein.”

Chefredakteur: “Und was macht unser Filmteam mit seiner Handycam?”

Online-Chef: “Die gehen später noch raus und sammeln ein paar O-Töne von der Bevölkerung vor der Türe.”

Chefredakteur: “Cool. Zu welchem Thema?”

Online-Chef: “Keine Ahnung, ist aber auch unwichtig, wir können ja die Leute direkt fragen, was sie bewegt, die interessanteste Frage stellen wir dann gleich dem nächsten Passanten und frickeln da dann einen Beitrag bis Feierabend.”

Chefredakteur: “Wahnsinnsleute sind wir! Und was machen wir mit diesem Twitter-Dings und diesem Facebook?”

Online-Chef: “Da machen wir nix, das macht der Kollege Computer, denn das Redaktionssystem hämmert die neuen Artikel automatisch rüber.”

Chefredakteur: “Müssen wir da nicht noch etwas dazuschreiben oder etwas Community machen?”

Online-Chef: “Nein, nein, nicht erforderlich. Wir twittern ja schon in die Zeitung und wenn die Leute reden wollen, dann sollen sie unsere Polizeiticker-Artikel in unserem Forum kommentieren.”

Chefredakteur: “Hm, ist das nicht etwas schlechtgemacht? Die Leute könnten doch glauben, dass alles so furchtbar in unserer Stadt ist, weil wir nur die schlechten Sachen auf der Homepage haben?”

Online-Chef: “Nö, da passiert nichts. Und wenn die Leute in unserem Forum hitziger diskutieren, ist das doch egal, steigert doch unsere Zugriffsraten.”

Chefredakteur: “Sauber! Meinungsmache, wie in alten Zeiten. Los, Leute, gehen wir Meinung machen. Kaffee für alle!”

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Der WISO-Praxistest: Dicke Hose machen.

20. Oktober 2008 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Ich schau gerade einigermaßen entsetzt das WISO-Magazin im ZDF. Immerhin stand “WISO” einmal für “Wirtschaft und Soziales” und war ein fachlich fundiertes Magazin über eben Wirtschaft, Soziales und Arbeit. Der heutige WISO-Praxistest steht genau in dieser Tradition, wenngleich auch mit negativem Vorzeichen.

Man wollte nämlich einmal testen, ob das Äußere tatsächlich Menschen dazu bringt, Vertrauen zu schöpfen, ohne wirklich zu wissen, ob bei der Person auch die inneren Werte zum Äußeren passen. Da hätte ich doch jetzt erwartet, dass man einem Banker einen Schlabberlook verpasst oder ähnliches.

Nein, man hat den Redaktionspraktikanten genommen und ihn zu einem Hip-Hop-Star gemacht. Dazu hat man von einem “aufstrebenden”, echten Hip-Hop-Star eine Demo-CD eingespielt, für den Praktikanten eine hippe Autogrammkarte gebastelt und ihn unter anderem mit einer Strechlimo, einer Horde Leibwächter, einem Manager und zwei ZDF-Kamerateams in Einkaufszentren, Supermärkte, einem fetten Hotel und einem Friseur gebracht.

Ergebnis: Beim Bäcker gabs Schweineöhren und Kuchen aufs Haus, im Hotel die Suite zum Preis eines normalen Hotelzimmers, beim Friseur den (blutigen) Haarschnitt kostenlos. Und dazu noch ein paar Kids und Hausfrauen aufgenommen, die sich um die Autogrammkarten und CDs gerissen haben, als ob Rex Gildo eine Autogrammstunde gibt.

Coole Sache, da hatten bestimmt genug Leute turboaffengeilen Spaß, einmal auf dicke Hose zu machen, auf Kosten des Hauses und natürlich im Namen der Gerechtigkeit und des knallhart fundierten Praxistests. Der normale Mensch fasst sich allerdings (hoffentlich) an den Kopf und fragt sich, was Marcel Reich-Ranicki eigentlich gemeint hat. Ich meine: Der Alte hat sich geirrt, das Fernsehen ist nicht nur “fast” komplett hinüber, es ist schon längst verloren.

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