Zur derzeitigen Flaggendiskussion.

Schland flaggt ab„, sagt zumindest Michel Ebmeyer in der ZEIT. Und eigentlich, ja, finde ich das okay, das man zu Nationalflaggen einen gesunden Respekt zeigt. Nicht bei jedem Muskelzucken sofort zur Nationalflagge greifen zu müssen, hat noch lange nichts damit zu tun, dass man keinen Nationalstolz besäße, aber ist es nicht arm, wenn man außer Nationalstolz nicht mehr viel mehr Stolz hat? Individueller Stolz über eigene Leistungen ist doch schöner, als wenn ich einer Truppe hochbezahlter Fußballer zujuble, die für ihren national mehr oder weniger wichtigen Job auch nicht zu knapp Geld einstreichen. Recht unmittelbar auch dein Geld.

Endeffekt der Diskussion: Ich käme niemals auf die Idee, eine Nationalflagge an mein Auto zu hängen. Wobei, doch, zu Zwecken der Volksbildung vielleicht, um den Sinn von Nationalflaggen in einer modernen Gesellschaft darzustellen.

Ich habe da mal etwas vorbereitet, zur freien Verfügung. Einfach beim Textilbedrucker des Vertrauens ausdrucken und dann dort aufziehen, wo immer es beliebt. Das Motiv ist international gültig und liegt als PDF-Datei vor: The flag

Bluetooth-Querfunk.

Als ich gestern im Auto saß, hatte meine in meinem Opel Astra eingebaute Bluetooth-Freisprecheinrichtung plötzlich Verbindung zu meinem Smartphone. Das war insofern recht überraschend, da zu diesem Zeitpunkt Bluetooth an meinem Smartphone eigentlich ausgeschaltet war, was ich immer so halte, um tagsüber möglichst viel Akkuenergie zu sparen.

Zunächst schob ich die Schuld auf die aktuelle Alpha-Version der alternativen Android-Software namens CyanogenMod, die ich in Version 10.1 derzeit auf meinem Samsung Galaxy S2 einsetze. Dort kann es während dem Alpha-Stadium immer wieder mal zu Bugs kommen und in Sachen Connectivity wäre das sicherlich auch nicht der erste Bug.

Doch tatsächlich hatte das Bluetooth-Funkphänomen eine andere Erklärung. Nämlich das Smartphone meiner Schwester. Das war zwar zu diesem Zeitpunkt nicht in meinem Auto, aber im Fahrzeug unmittelbar hinter mir. So bald unsere beiden Autos an einer Ampel in die Nähe kamen, buchte sich ihre Bimmelkiste sofort brav in meine Freisprecheinrichtung (in dem das Smartphone natürlich angemeldet ist).

Bemerkenswert… eigentlich sind zwischen Freisprecheinrichtung und Smartphone gut 5 Meter Luftlinie und die Dämpfung von zwei Fahrzeugkarosserien. Bluetooth aber funktionierte.

Obama 2012 – Grassroots-Volunteering per Telefon.

Zum Partybuilder als zentrales Werkzeug zur Mobilisierung und Verwaltung von Mitstreitern habe ich schon im letzten Artikel meines kleinen Obama-2012-Dossiers etwas geschrieben. Es war also an der Zeit, das Thema Grassroots-Volunteering auch selbst auszuprobieren, also an der nach dem Schneeballsystem organisierten Art und Weise der Rekrutierung von Mitstreitern teilzunehmen. Und das geht bestechend einfach.

Volunteering im Liveexperiment

Ich habe mich dazu einfach einmal eingeloggt in die Obama-2012-Website und bin in das Volunteering-Tools gewechselt. Single-Sign-On, der Einstieg ist also so arm an Hürden, wie nur möglich. Und man ist dann auch mittendrin, denn passend zur Uhrzeit wird dort angezeigt, in welchen US-Bundesstaaten ein Anruf gerade am sinnvollsten ist und mit einem Klick auf einen Bundesstaat ist man auch sofort mittendrin im Anruf-Tool. Für deutsche Datenschutzverhältnisse ein absoluter Horror, in den USA aber zumindest in der politischen Arbeit ein unverzichtbares und sogar akzeptiertes Mittel zur Information:

Links erscheint die Rufnummer und der Name der anzurufenden Person (Rufnummer und Nachname von mir geschwärzt) und rechts ist ein Textvorschlag als Leitfaden (die volle Ansicht der Seite gibt es ganz unten im Artikel als Anhang). Das ist so perplex einfach, dass ich tatsächlich zum Hörer gegriffen habe und die Telefonnummer des beschriebenen Anthony in Conneticut gewählt habe, rein aus Neugier. Vermutlich ist es aber genau diese extrem niedrige Einstiegshürde, die dafür sorgt, einfach in die Kampagne einzusteigen, ohne es sich beim Ausfüllen von ellenlangen Mitgliedsformularen vielleicht noch einmal anders zu überlegen.

Anthony, 64 Jahre alt, angenehme und kultiviert klingende Stimme, war dann auch tatsächlich zu Hause. Glücklicherweise jemand, der den Demokraten freundlich zugeneigt ist. Ich habe mit dann tatsächlich in den ersten Sätzen an die Textvorlage gehalten und das mit meinem unüberhörbar europäischen Englisch, aber der Anrufer war dabei und ließ sich geduldig auf meinen Monolog zum Beschäftigungspakt, den Obama gerade forcierte und in der Obama-Kampagne „gefahren“ wird, ein.

Auf die Zielfrage hin, ob Anthony interessiert wäre, von einem lokalen Kampagnenleiter zwecks einer Mitarbeit in den nächsten Tagen angerufen zu werden (ganz unten in der Textwüste), antwortete er mit einem Ja und damit war auch genau das erreicht, was mit diesem Volunteering-Call bezweckt war – abgrasen einer riesigen Telefonliste nach dem Schneeballprinzip und mit einem standardisierten Text Interessenten herauskämmen, die dann vom heißen Kern der Kampagnenleitung nochmals direkt angegangen werden.

Anthony hat natürlich gemerkt, dass ich als Anrufer nun nicht unbedingt sehr us-amerikanisch klinge und fragte vorsichtig nach, woher ich komme. Auf die Antwort, dass ich in Deutschland wohne und ich im Team von Obama 2012 mitarbeite (was ja so gar nicht mal gelogen ist), war er nun überhaupt nicht vorbereitet:

„Are you kidding? You’re calling from Germany? What the hell is driving you to fight for Barack Obama out of Germany? Let me think: Is it not dark night in Germany at this time? How old are you?“

Sehr spannend. Immerhin war er so perplex darüber, dass ihn ausgerechnet jemand aus Deutschland anrief und ihn fragte, ob er nicht für Obama 2012 mitarbeiten möchte, dass er daraufhin abschließend erwiderte, dass er sehr gespannt auf den Rückruf ist und sich eine Mitarbeit sehr gut vorstellen könne. „God bless you in Germany.“ Ich werde es mir bei dieser Gelegenheit merken.

Die Einfachheit des Anrufes und die Qualität der Datensammlung

Die bestechende Effizienz des Anruf-Tools ist der genau definierte Rahmen, in dem sich Anrufer und Anzurufende bewegen. Der Text ist vorgegeben, ebenso die Auswahlmöglichkeiten und auch „Havarietexte“, also Texte, die dann gesprochen werden sollen, wenn der Anruf abzugleiten droht. Zudem hat der Anrufer vorgegebene Möglichkeiten zur Anrufbewertung, so dass er, selbst wenn er nicht geübt ist, sehr schnell und effizient so einen „Cold Call“ ausführen kann.

Es ist aber nicht nur die Art der Dialogführung, sondern die Idee dahinter, die den Charme der Mitstreitersuche ausmacht. Es sitzen (nicht nur) professionell bezahlte Kräfte in Callcentern im System, sondern so Leute wie du und ich, die sich in irgendeiner Form mit der Idee, der Partei oder des Protagonisten identifizieren können. Leuten „von unten“ hat man grundsätzlich weniger entgegenzusetzen, als wenn die Kontaktaufnahme „von oben“ erfolgt.

Das bestechenste Argument ist aber dann tatsächlich das, was am Ende dabei herauskommt, nämlich die Datenbasis und Datenqualität. Darüber weiß man natürlich als Anrufer herzlich wenig und wird auch kaum etwas dazu erfahren, dennoch kann man getrost davon ausgehen, dass mit keinem anderen Ansatz eine so schnelle „Anrufwelle“ erzeugt werden kann, wie mit dieser Graswurzelmethode. Und durch die Möglichkeiten des Feedbacks lässt sich eine Qualität der Datenbasis halten, die mit anderen Methoden unerreichbar ist.

Kompletter Screenshot einer Anrufseite im Anruf-Tool des Partybuilders:


Alle Teile meines Dossiers zu Obama 2012 unter dem Stichwort „Obama 2012“.

Obama 2012 – Website Version 1.0.

Letzte Woche ist die Kampagnen-Website der Obama-2012-Kampagne gestartet. Oder vielmehr wird das nun die Version 1.0 sein, denn ich erwarte, dass im Laufe des nächsten Jahres die Kampagnen-Website noch einige Male relaunchen wird. Aber wie man es auch nehmen mag – schon die Version 1.0 setzt Akzente und ist eine Referenz in Sachen politischer Kommunikation und auch in Sachen Webdesign.

Responsive Webdesign

Der Begriff „Responsive Webdesign“ beschreibt den Ansatz, dass ein Webdesign responsiv gegenüber der Leistungsfähigkeit des Endgerätes ist. An vorderster Front sind hier die Bildschirmdimensionen zu nennen – der eine hat zu Hause einen Full-HD-Bildschirm mit 1920 mal 1080 Pixel, der andere einen Bildschirm mit 800 mal 600 Pixeln und wenn man die mobilen Endgeräte betrachtet, landet man sehr schnell bei Bildschirmbreiten von 480 Pixel oder gar noch weniger. Responsive Webdesign fängt das alles auf, in dem in den CSS-Beschreibungen hierzu verschiedene Designdefinitionen hinterlegt sind und je nach Bildschirmdimensionen eingeblendet werden. Und das dann auch live, was man sehr schön sehen kann, wenn man bei einer solch responsiven Website einfach die Breite des Browser-Fensters variiert.

Obama 2012 ist in Sachen Responsive Webdesign ganz vorn mit dabei. Gearbeitet wird beim Screendesign mit einem üblichen Grid, so dass die Spaltendefinitionen schlicht eine Frage der Bildschirmbreiten sind, die im CSS hinterlegt sind. Berücksichtigen tun die Designer hierbei insgesamt vier Bildschirmbreiten: 300, 480, 748 und 940 Pixel. In diesen vier Größen liegen Defintionen für ein- und diesselbe Kampagnen-Website vor, es gibt also keine eigene mobile Website, sondern schlicht verschiedene Ansichten in diesen vier Breiten. Screenshots davon hier in Kleinansicht, von Groß nach Klein:

Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt auf der Hand: Es müssen nicht zwei verschiedene Websites gepflegt werden, wie man es bisher für die „normale“ Website und die Version für mobile Geräte tun musste, sondern es gibt nur eine Website, die entsprechende CSS-Designsets für verschiedene Ansichten beinhaltet und die sich auch sehr einfach pflegen lassen. Das Resultat ist eine einzige Website, bei der man sich einzig und allein auf die Inhalte konzentrieren kann und Inhalte sind streng vom Aussehen getrennt.

Dazu kommt, dass man sich bei beim Design der Usability ausgefeilte Gedanken darum machen kann, wie die Usability auf mobilen Geräten aussehen soll. Während zum Beispiel bei den zwei oberen Ansichten für Desktop bzw. Notebook ganz oben eine Navigationsleiste angebracht ist, fehlt diese bei den zwei unteren Ansichten für mobile Geräte. Hier ist zum einen nur schwerlich Platz an der gleichen Stelle zu finden, andererseits geht man bei der Nutzung der mobilen Ansicht davon aus, dass der Besucher nicht unbedingt jedes Detail der Website sehen möchte, sondern sich auf die Schlüsselfunktionen beschränkt: Neuigkeiten liefern. So gibt es für die mobilen Ansichten weitgehend nur die Schlüsselthemen in Form der Buttons und darunter sofort die Neuigkeiten aus dem Weblog. Eine Web-App, wie sie besser kaum noch sein kann.

Beim Thema Web-App, also der Idee, dass eine Website auf einem mobilen Gerät wie eine App im dortigen Mobilbrowser aussieht und benutzt werden kann, muss man nicht weiter erwähnen, dass sich die Website selbstverständlich anschaulich und mit eigenem Symbol auf den Home-Screen von Mobiltelefonen einbetten lässt. Einfach und vor allem funktionell und schnell.

Kampagnen

In Sachen Kampagnen beginnt nun konsequent der Aufbau der bundesstaatlichen Strukturen für jeden US-Staat und die Organisation der Interessensgruppen. Von denen haben eine ganze Reihe schon eine eigene Kampagnenseite unterhalb der Obama-2012-Website (unter „Groups“), aber das dürften, wenn man den letzten Wahlkampf als Maßstab nimmt, wirklich nur die allerersten sein. Ich erwarte da mindestens noch viermal so viele.

Die meisten dieser Mikrokampagnen enthalten gar nicht so viel eigene Inhalte, sondern (wenn überhaupt) erst noch einsteigende Texte und aus den offiziellen Kampagnennachrichten genau die Inhalte, die zur Gruppe passen bzw. entsprechend verstichwortet sind. Ganz klar ist so zu erkennen, dass wir aktuell beim reinen „Claiming“ sind. Es werden Gruppen und Kampagnen nach und nach angelegt und zunächst mit weitgehend unverfänglichen Platzhalterinformationen ausgestattet. Richtiger Wahlkampf findet nach wie vor keiner statt und jeder Besucher landet, egal ob er auf der Startseite surft oder in eine Mikrokampagne wechselt, früher oder später bei der Möglichkeit, einen Account für die Kampagne anzulegen, sich als Volunteer eintragen zu lassen oder einfach etwas Geld zu spenden.


Alle Teile meines Dossiers zu Obama 2012 unter dem Stichwort „Obama 2012“.

Partei 2.0.

Letzte Woche ist wieder einmal weitgehend außerhalb der Mainstream-Nachrichten eine kleine Latte in der Parteienlandschaft gerissen worden, nämlich die 500.000-Mitglieder-Latte bei der SPD. Ich markiere diese gerissene Latte absichtlich nicht als „magische“ Latte oder sonstirgendwie, denn immerhin kommt die Mitgliederzahl einem weit höheren Wert: Mitte der 1970er Jahre zählte die SPD kurzzeitig immerhin etwas über eine Million Parteigenossen. Die Reaktion des SPD-Chefs Sigmar Gabriel, dass der Mitgliederverlust der demografischen Entwicklung geschuldet sei, ist natürlich nur die halbe Wahrheit und eine hilflose Antwort dazu. Selbstverständlich sterben jeder Partei irgendwann Mitglieder weg und es ist die Kunst einer Parteiführung, dafür zu sorgen, dass immer neue Mitglieder zur Partei stoßen. Während ersteres unaufhaltbar funktioniert, funktioniert letzteres offensichtlich nicht. So einfach ist immerhin die Zustandsbeschreibung.

Partei 1.0.

Die Parteienwelt lebte viele Jahrzehnte lang sehr, sehr gut davon, die Welt in Klassen zu betrachten. Das konnte vor 100 Jahren auch noch recht gut funktionieren, denn wenn die Welt aus damaliger Sicht sicherlich ebenfalls komplex zu sein schien – unsere Welt ist erheblich komplexer. Eine immer größer werdende Bevölkerungszahl, längere Lebensdauer, höhere Bildung, ein höherer Grad an Industrialisierung, der Verbrauch von Naturschätzen, der immer notwendiger werdende Umweltschutz… alles Dinge, die in den letzten 100, 150 Jahren dazugekommen sind zu den fundamentalen Dingen wie der Sicherung des Überlebens, die Notwendigkeit eines Daches über dem Kopf, das täglich nach Hause zu bringende Essen.

Dass sich eine Partei fundamental und auf eine noch gar nicht dagewesene Art und Weise ist also gar kein Makel und nicht nur eine absolute Notwendigkeit – es ist sogar richtig gut! Ein besseres Zeichen in Sachen Wandel in der Gesellschaft gibt es gar nicht. Und es gibt, wenn man jetzt den Bogen wieder zum Ausgangspunkt biegt, gar keine andere Möglichkeit, sich als Partei diesem Wandel zu unterwerfen.

Das Gespenst der Bürgerbeteiligung.

Spätestens seit „Stuttgart 21“ haben selbst die untalentiertesten Politiker verstanden, dass Politik in altbekannter Weise nicht mehr funktionieren kann. Die „altbekannte“ Weise ist dabei auch hier immer noch die Politik im Klassendenken, das gerade in den konservativen Bundesländern in Süddeutschland noch sehr verwurzelt ist. Es ist aber nicht mehr so einfach und eigentlich inzwischen unmöglich, Politik nur noch auf die Menschen abzugrenzen, die es sich leisten können bzw. die sich in einer Partei engagieren und dafür Zeit (und Geld) haben. Wir haben in unserer Gesellschaft einen Grad des Wohlstandes erreicht, der es uns ermöglicht, Freizeit zu haben, uns Gedanken über andere Dinge als unser eigenes Überleben zu machen und uns auch um andere Dinge als nur um die eigenen zu kümmern.

Diese Entwicklung kann man nun auf zwei Weisen angehen:

  1. Den Souverän schlicht überhören und so tun, als ob er nicht wüsste, was gut für ihn ist. In der Fortführung dann auch da hin zu arbeiten, dass das Klassensystem, das so viele Jahrhunderte funktioniert, erhalten bleibt.
  2. Sich Gedanken dazu zu machen, wie man den Souverän ernst nehmen und ihn da abholen kann, wo er steht. Nicht mehr (so stark) verhaftet im Klassendenken, mehr oder weniger politisch mündig, möglicherweise sehr auf seine eigenen politischen Gedanken zentriert und mitunter bei komplexen Vorhaben deutlich schwerer steuer- und überzeugbar, als der politische Konkurrent in der Opposition.

Wie auch immer man das Thema angehen wollte – es gibt eine Konstante: Der Souverän ist die eigentliche Macht im Staat. Die Macht geht vom Volke aus. Es führt also gar kein Weg daran vorbei, die Parteienwelt den sich verändernden politischen Landschaften anzupassen. Jetzt einfach grün zu wählen, ist nicht die Antwort, denn schaut man sich den Bürger beispielsweise in Baden-Württemberg an, der bei der letzten Landtagswahl im März 2011 das erste Mal grün gewählt hat, dann ist das in vielen Fällen ein Protestwähler, der das kleinere Übel gewählt hat. Dass die Grünen eine Bürgerbeteiligungspartei wären, ist eine Mär, die zumindest aus wahlkampftechnischer Sicht für die Grünen zur Zeit einer der wichtigsten Argumente sind. In Wirklichkeit sind aber die Grünen nicht sehr viel weiter, als die anderen, etablierten Parteien in Deutschland.

Der eher zart formulierte Ansatz von Sigmar Gabriel, dass sich die SPD auch immer stärker gegenüber Nichtmitgliedern öffnen müsse, ist natürlich gerade gegenüber altgedienten Parteigenossen harter Tobak und erzeugt klassische Generationenkämpfe, die noch zu den traditionell sehr gut gepflegten Flügekämpfen hinzukommen. Und ob Sigmar Gabriel auch tatsächlich ernsthaft eine Öffnung anstrebt, muss auch dahingestellt bleiben, dazu kamen in den letzten Monaten zu viele Ideen und “Revolutionsankündigungen” aus dem engsten Parteivorstand, die kaum die Zeit bis zur nächsten Woche überstanden. Die SPD ist schon durch vergangene Parteireformen, die vor allem eine Aushöhlung und Entmachtung der mittleren und bis dato mächtigen Gliederungsebenen zum Ziel hatten, zu wenig in der Lage, Inhalte von der Basis in die Parteiführung zu liefern, ohne dass sie die Abkürzung über die Massenmedien machen oder unterwegs einfach versanden. Was da einst in allen etablierten Parteien augenscheinlich als Effizienzmaßnahmen installiert wurde, lässt sie nun alle ausbluten.

Politik 2.0

Die Frage, ob eine Partei sich neue Konzepte einfallen lassen muss, um auch Nichtparteigänger in “parteiartige” Arbeit einbinden zu können, stellt sich eigentlich gar nicht mehr, sondern die Frage ist nur noch, wie und wann es passiert. Ich bin kein Fan davon, US-Politik eins zu eins zu übernehmen, aber schaut man sich an, wie die amerikanische Parteienlandschaft aussieht, wird in etwa deutlich, wie es letztendlich laufen könnte. Parteien haben dort keinen direkten Auftrag zur Willensbildung, sondern sind quasi Interessensverbände, zu deren Ziele man sich mehr oder weniger bekennt und die Parteiarbeit dementsprechend unterstützt. Wie gesagt – das US-amerikanische System finde ich nur bedingt brauchbar. Zu sehr ist amerikanische Parteiarbeit auf das Eintreiben von Zaster beschränkt, zudem ist der Staatsaufbau der USA ein gänzlich anderer. Dennoch scheint in den USA Politik trotzdem irgendwie zu funktionieren, obwohl viele Parteisympathisanten nicht in der jeweiligen Partei Mitglied sind.

Tatsächlich muss der Weg in eine Richtung gehen, die politisch interessierten Menschen stärker die Möglichkeit einräumt, in einen Dunstkreis einer Partei treten zu können, ohne dort Mitglied zu sein. Und tatsächlich muss es Menschen außerhalb von Parteien ermöglicht werden, mitarbeiten zu können, auch wenn sie nicht vorhaben, Verantwortung in Form von Vorstandsarbeit o.ä. zu übernehmen. Das mag auf den ersten Blick ziemlich verantwortungslos wirken, aber nur auf diese Weise hätte eine Partei auch in Zukunft die Möglichkeit, überhaupt erst einmal auf Bedürfnisse und Fragestellungen von Bürgern aufmerksam zu werden. Schon heute ist es in genügend Städten so, dass die Ortsvereinsstruktur derartig marode geworden ist, dass Neumitglieder gar nicht in der Partei ankommen. Wenn dann auch noch der Kreisverband, also die Ebene über den Ortsvereinen, genauso lahm ist, geht richtig politisches Potential verloren. Das wird gern erst dann bemerkt, wenn es zu spät ist und beispielsweise Listen für Gemeinderatswahlen nur noch unter erschwerten Bedingungen zusammengestellt werden können und diese nicht selten nach dem Prinzip „wer bei drei nicht auf dem Baum ist…“ zusammengeschustert werden.

Gerade junge Parteigänger und Interessierte müssten daher durch Angebote aufgefangen werden, die völlig unabhängig von regionalen Strukturen agieren und politische Partizipation ermöglichen. Viel Platz für das bisher gern angelegte Geplänkel, dass in der Partei nur der dann etwas sagen darf, wenn er das Mitgliedsbuch besitzt und vielleicht auch noch im Vorstand mitarbeitet, ist da nicht mehr.