“Der Herr Lanz, der Herr Lanz … kann’s nicht.”

Allzu merkwürdiges geht gerade vor. Drei Beobachtungen:

Beobachtung 1: Guter Freund des Hauses teilt mit, dass seine Kinder – einst große Wetten-dass-Zuschauer – schon vor einigen Tagen angekündigt haben, dass sie Samstag zur Primetime nicht das ZDF schauen möchten, sondern einen Spielfilm.

Beobachtung 2: Meine Mutter, sonst immer eine treue Zuschauerin von Wetten dass, hat von Anfang an nicht zugeschaut, sondern ein Buch gelesen und den Apparat meinem Vater überlassen.

Beobachtung 3: Eine Online-Petition, die eine Absetzung von Markus Lanz aufgrund seines fragwürdigen Interviews mit der Politikern Sahra Wagenknecht fordert, hat es just am Samstag geschafft, 200.000 Unterzeichner zu versammeln – und die Petition geht zu diesem Zeitpunkt noch lange 51 Tage lang.

Was ist da eigentlich los?

Ich habe mal vor langer Zeit über die Causa Lanz gebloggt. Das war nicht sehr prophetisch, aber eines hatte ich erwähnt: Dass es ein hartes Stück Arbeit für alle Beteiligten sein dürfte, das Engagement von Markus Lanz für Wetten dass zu einem Erfolg zu machen. Man darf konstatieren: Das Engagement ist weitgehend gescheitert.

Denn wenn man sich alle Kritik und Beobachtungen genau anschaut, wird mal relativ bald entdecken, dass Lanz kein moderierendes Ausnahmetalent ist, sondern ein unspektakulärer Moderationskartenreiter, übervorbereitet, aufgesetzt und bei gestellten Fragen nicht auf die Antwort, sondern auf das Stellen der nächsten Frage wartend. Das ist auch der Grund gewesen, warum es im vielzitierten Interview mit Sahra Wagenknecht gehörig gekracht hat, denn natürlich ist Sahra Wagenknecht mindestens genauso gewieft und hat Markus Lanz einfach hübsch auflaufen lassen. In seinem Drang, seinen schon lange im voraus gedengelten Interview-Strang von seiner Interviewpartnerin nicht zerreden zu lassen, hat sie schlicht geblockt und Lanz ist gegen die Mauer gelatscht.

Nun könnte man es so tun, wie die ZDF-Verantwortlichen, die sagen: Alles halb so schlimm! Nach x angeblich erfolgreichen Sendungen kann auch mal in Interview in die Hose gehen, kein Problem! Doch, es ist ein Problem, denn die Lanz’sche Art des Interviews ist andauernd diesselbe. Der Unterschied zwischen Sahra Wagenknecht und den meisten anderen Interviewpartner ist lediglich der, dass Wagenknecht sich nicht so lenken, steuern und abmoderieren lässt, wie der Rest der Kundschaft, die sich tagtäglich auf einen der Talkshow-Plätze einkauft, um dort Bücher, Sendungen, Meinungen und allerlei anderen Krempel zu promoten.

Markus Lanz ist ein fast ideales Produkt des modernen ZDF geworden: Teuer, klinisch sauber, manisch lächelnd, über-gelb warm ausgeleuchtet, inhaltsleer, mutlos, phantasielos. Dazu die institutionellen Eigenschaften des ZDF: Festgesetzt auf einige wenige Formate, ziellos bei Neuem, dazu die allseits bekannte Arroganz und Schnäuzigkeit. Show ist dann ZDF, wenn sie so durchfällt wie Fastfood und sich eine eigentümliche, wohlige Benommenheit wie nach zwei Glas nicht ganz so schlechtem Rotwein (oder Einnahme von Diazepam) breitmacht. Untrüglich das Kennzeichen danach: Man kann sich zwar an alles erinnern, aber man bringt die Kraft nicht auf, das zu tun, weil der Rausch schöner war, als der Auslöser.

Das Dilemma: Das Moderieren von Sendungen zum Zwecke des in den Schlaf narkotisieren von Talkgästen und Zuschauern ist – außerhalb des ZDF – keine echte Kernkompetenz zur Fernsehunterhaltung. Alles natürlich nicht wahr, so die ZDF-Verantwortlichen. Der Zuschauer honoriere nach wie vor die Leistung des ZDF und von Markus Lanz und nur die Leute im Internet seien die Miesepeter. Das ist sehr einfach dahergeplappert, aber schon die schieren Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Und das sind nicht die aktuell über 220.000 Unterzeichner der Online-Petition für einen Rausschmiss von Markus Lanz, sondern das sind die nackten Einschaltquoten von Wetten dass. Mit 6,31 Millionen Zuschauern letzten Samstag hat man gleich mehrere Latten gerissen. Die zuschauerschwächste Wetten-dass-Folge überhaupt und das erste Mal mit einem Marktanteil unter 20 %. Und eine weitere Schmach: Die ab 22:15 Uhr einsteigende Trashshow “Ich bin ein Star – holt mir hier raus!” auf RTL brachte schlappe zwei Millionen mehr Zuschauer vor den Schirm.

Man könnte noch viele Argumente zur Entschuldigung voranschieben … der Zeitgeist hat sich geändert, die klassische Familienunterhaltung funktioniere in Zeiten des Internets, Spielekonsolen, Pay-TV nicht mehr und was weiß ich noch alles. Das ändert jedoch alles nichts daran, dass Markus Lanz nur mittelmäßig aufregend moderiert und als Showmaster heillos überfordert wirkt. Und deshalb ist die Kritik am besagten Interview-Verschnitt mit Sahra Wagenknecht, an seiner eher seichten Talkshow und am gräßlichen Niedergang am einstigen Unterhaltungsflagschiff Wetten dass berechtigt.

Wetten-dass-Kritik nur noch mit Realnamen?

Markus Lanz ist weiterhin recht erfolgreich in seinem derzeitigen Hauptjob, die Spielshow „Wetten, dass..?“, den großen ZDF-Unterhaltungsdampfer, Folge für Folge zu versenken. Oder, wenn man es mit Goodwill beschreiben will, in normale Zuschauergunstgefilde zu bringen, in denen normalerweise das ZDF-Programm dahinvegetiert.

Da allerdings die Quote für die Mainzelmännchen immer noch das Heiligtum ist und das erstaunlicherweise vor allem für die Programme und Uhrzeiten, wo es noch nicht mal ansatzweise zielgruppen- oder werberelevant ist, führt die feierlich zelebrierte und für den nivellierten Zuschauer mitunter quälende Versenkung des Dampfers zu teilweise schrillen Reaktionen und Bissattacken aus dem benebelten Mainzer Lerchenberg.

Im aktuellen SPIEGEL gibt es auf Seite 145 ein Interview mit dem „Wetten, dass ..?“-Regisseur Volker Weicker, dem scheinbar alles stinkt: Moderatoren werden ständig persönlich angegriffen, alles an der Kritik an „Wetten, dass..?“ sei nur noch Polemik, Markus Lanz würde nicht mehr wohlwollend beobachtet, Schauspieler auf dem „Wetten, dass..?“-Sofa würden während der Sendung twittern und mit ihrem Handy herumspielen. Sprich: Sauhaufen. Also nicht die, die „Wetten, dass..?“ machen, sondern die, die davor sitzen und sich das Drama anschauen (und wohl auch die unverschämten, herumtwitternden Stargäste auf dem „Wetten, dass..?“-Sofa).

Immerhin, Volker Weicker hat ein Lösungsrezept zum Abschluss des Kurzinterviews parat:

SPIEGEL: Aber es sind doch nicht bloß die Kritiker. Wenn Sie sich das Echo auf Twitter ansehen …

Weicker: … da läuft gerade grundsätzlich etwas schief. Man sollte sich da dringend auf einen Kodex verständigen: Twitter nur mit der wahren Identität! Es geht nicht, dass anonym über jemanden hergezogen wird, und dann tragen das die Online-Dienste weiter, der Moderator der Morningshow liest es vor, und am nächsten Morgen um neun Uhr ist die Nation auf eine Stimmung eingenordet.

Genau. Es reicht nicht, dass Sie, liebe Zuschauerin und lieber Zuschauer, auch den wirklich allerletzten Scheiß – ob heißer oder kalter – im ZDF bezahlen, sondern bitte: Schnauze! Fernsehen machen gefälligst die Profis und Sie dürfen maximal zuschauen und das Programm gut finden, aber auf gar keinen Fall schlecht. Denn wenn Sie das Programm schlecht finden, dann müssen Sie dazu unbedingt Ihren Namen sagen, Ihren Twitter-Namen, vielleicht dann in freundlicher Voraussicht auch Ihre Anschrift, Ihr Aktenzeichen bei der Gebühreneinzugszentrale und vielleicht noch ein paar Stichworte aus Ihrem Privatleben.

Dann bitte alles auf eine frankierte Postkarte an das ZDF, Stichwort „Realnamenpflicht und so“, 55100 Mainz. Einsendeschluss ist, wie immer, der nächste Dienstag, es gilt das Datum des Poststempels und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Und mit etwas Glück zahlen Sie dann nächsten Monat einen Realnamenbonus, dessen Mehreinnahmen in den ZDF-Sonderfonds für gescheiterte Moderatoren, Regisseure und ZDF-Intendanten kommt.

Addendum: Das komplette Kurzinterview mit Volker Weicker gibt es im E-Paper des SPIEGEL kostenfrei.

Eine Analyse des Wetten-dass-Deals aus einer anderen Sicht.

Wie muss man eigentlich den Deal zwischen dem ZDF und Markus Lanz, der nun auch offiziell der nächste Moderator von „Wetten, dass…?“ bewerten? Ob er ein guter oder schlechter Moderator ist, ist kaum bewertbar, gute Moderatoren moderieren alles weg und brauchen in der Regel ein paar Grundbedingungen, um wirklich gut zu sein. Das beste Beispiel ist da Thomas Gottschalk, der in seiner neuen Talkshow nicht wirklich anders moderiert, als früher, aber eben ein paar Dinge fehlen, die ihn bei „Wetten, dass…?“ unverwechselbar machten, an erster Stelle die direkte Interaktion mit dem Studiopublikum, das ironischerweise ja jetzt auch in „Gottschalk live“ wieder eingeführt werden soll.

Nein, Markus Lanz kann man nur unterschätzen, wenn man versucht, ihn aus seiner bisherigen Arbeit als Gute-Nacht-Moderator zu bewerten. Auch wenn er seine Zuschauer gern mal dadurch peinigt, sehr belanglose Fragen an seine Gäste zu stellen: Man kann ihm kaum nachsagen, dass er sich nicht gut vorbereitet und dass er nicht schlagfertig sei. Der Rest ist eine Sache der Vorbereitung und der Selbstdarstellung. Markus Lanz hält sich da, wo er gerade ist, also wird es an beidem nicht mangeln.

Spannender ist das, was hinter den Kulissen passiert. Denn „Wetten, dass…?“ ist nicht ohne Grund einer der letzten großen Unterhaltungsdampfer in deutschen Fernsehen geblieben: Es ist eine der letzten Samstagabend-Unterhaltungsshows, die noch vollständig vom Sender produziert wurden, also vom ZDF. So eine Eigenproduktion bedeutet, dass der Sender die Produktionsleitung hat und Redaktion und Produktion aus eigenem Hause kommen.

Der Handschlagdeal zwischen Markus Lanz und der neuen ZDF-Verwaltungsspitze um Thomas Bellut beinhaltet offenbar eine Vereinbarung, dass Lanz‘ Produktionsfirma „mhoch2“ einen Teil mitproduzieren darf. Darüber kann man jetzt vortrefflich diskutieren, welcher Teil das ist, aber ich tippe darauf, dass es vor allem der redaktionelle Teil ist, denn das ist bei allen Produktionsfirmen der große „Kreativposten“, während die eigentliche Produktion (also Kulisse, Studio, Technikpersonal) als Dienstleistungen dazugekauft werden. Zu dieser Vermutung passt auch eine andere Personalie, nämlich der Ausstieg von Michelle Hunziker vor einigen Wochen. Bei diesem Job des Co-Moderators wird sich sicherlich die Frage gestellt hat, ob zum einen ein neuer Moderator damit klarkommt, eine sehr gut vorbereitete Hunziker an der Seite zu haben und zum anderen auch, bei wem sie eigentlich dann genau arbeitet.

Die Frage der Zukunft wird aber genau da weitergehen, im Spannungsfeld zwischen externer Redaktion und eigener Produktion. Einen Vorgeschmack dazu gab es schon mit dem Eurovision Song Contest letztes Jahr, den ja eigentlich die ARD ausrichtete, aber von Stefan Raabs Produktionsfirma Brainpool produziert wurde. ARD-Mitarbeiter beschwerten sich im Vorfeld der Contest dann darüber, dass sie zwar Pressekonferenzen filmen durften, bei der eigentlichen Produktion der Show jedoch außen vor blieben. Die sehr gut gewerkschaftlich organisierten Stammbelegschaften öffentlich-rechtlicher Sender reagieren auf solche Wetterlagen.

In der eh schon angeheizten Stimmung auf dem Mainzer Lerchenberg dürfte die Transformation der jahrzehntelang selbstproduzierten, größten Unterhaltungsshow Europas zu einer teilweise privatwirtschaftlich produzierten Sendung für Misstöne sorgen, bei der ich gespannt darüber bin, wie das ZDF-Management das in den Griff bekommt, ohne dass „Wetten, dass…?“ inhaltlich so ausblutet wie andere ehemalige Samstagabend-Unterhaltungsdampfer.

Das wird ein hartes Geschäft für alle Beteiligten.