Back to Vanity.

Wohin die moderne Web-Welt doch manchmal hinreisen kann: Vor gar nicht allzu langer Zeit war eine eigene Domain, unter der man die selbst gebaute Homepage der Famile, des Kaninchenzüchtervereins oder des Handwerkbetriebes abgelegt hat, nicht einfach so üblich, sondern etwas sehr hippes. Wer etwas auf sich hielt, hatte deshalb nicht einfach nur den Webspace von AOL, T-Online & Co. in Beschlag, sondern bei den aufkommenden Discounthostern einen Vertrag und eine Domain. Wem fällt da nicht gleich mindestens eine Handvoll solcher Domainnamen wie „susiundihrpuschi.de“ oder „hans-elke-thomas-daniela-und-wauzi.com“ ein. In Kombination mit möglichst originellen Vornamenkombinationen ergaben sich dann auch noch verspielte E-Mail-Adressen, die so kompliziert und suspekt waren, dass sich das E-Mail-Aufkommen allein durch die Hürde der E-Mail-Adresseingabe in beschaulichen Größen bewegte.

Genau genommen vergrößerte und dezentralisierte sich der Namensraum durch diese Entwicklung. Die vielen Menschen, die mit Nachnamen Müller oder Meier heißen, können von diesen Vorteilen ein Lied sind. Gleichzeitig förderte diese Entwicklung eine gewisse Emanzipation des Benutzers gegenüber seinem Internet Service Provider, denn eine eigene Domain besitzt man in der Regel und kann diese auch zu einem anderen ISP mitnehmen.

Die moderne Web-2.0-Welt macht all das wieder zunichte, denn plötzlich finden wir uns Graswurzelleute wieder unter dem Schirm von einigen, wenigen Anbietern und deren Namensräumen. Mein Twitter-Account ist erreichbar unter http://twitter.com/besim/ und eben nur dort. Ein anderer Besim wird sich einen anderen Benutzernamen ausdenken müssen. Noch krasser ist es bei Facebook, das keine einprägsamen Namensaufbau kennt. Dort ist mein Facebook-Profil unter der überaus hübschen Adresse http://www.facebook.com/people/Besim-Karadeniz/1132267952 erreichbar. Von einprägsamen Adressen ist das alles weit entfernt, ebenso von dem gewünschten Ansatz, dass man ja eigentlich eine Kommunikationsvielfalt mit Web 2.0 anstrebt – ginge Facebook heute offline, würden auf einen Schlag viele Gigabyte an Informationen schlicht im Orkus der Informationswelt verschwinden.

Nicht zu unterschätzen ist auch das justische und „kaufmännische“ Potential dieses begrenzten Namensraumes, denn früher oder später werden sich Inhaber von Namensrechten für ihre Begrifflichkeiten in diesen Adressräumen interessieren und möglicherweise auch die Plattformbetreiber selbst, die schlicht noch etwas zusätzliches Geld damit verdienen wollen. Erst vor einigen Tagen hat sich Facebook, das chronisch klamme Social und monetär etwas ratlose Social Network, mit dieser Idee vorgewagt. Wer zahlt, bestimmt. Darüber sollte man sich als Benutzer eines Social Networks immer im klaren sein.

Web 2.5

Die Weiterdenke von Web 2.0 ist begründet unter der Idee, dass Web-2.0-Dienste nicht mehr gehostet sein müssen, sondern einerseits dezentral gehostet werden können – beispielsweise auch auf eigenem Webspace – aber dennoch im „Web-2.0-Space“ sind. Setzt man hier Überlegungen an, landet man sehr schnell eben da, wo man auch vor zehn Jahrend die Dezentralisierung begann: Eine eigene Domain, Webspace bei einem Discounthoster, dort installierte Software. Mit Bloggen funktioniert das mit gängiger und sehr einfach zu installierender Blog-Software sehr gut, bei anderen Web-2.0-Kommunikationsformen sind Lösungen stark im Kommen. laconi.ca als Framework für twitter-artiges Microblogging und BuddyPress für ein eigenes, Social Network sind nur zwei Beispiele.

Bei letzterem wird allerdings ein Problem deutlich: Was bringt ein eigenes Social Network, wenn man sich überall neu anmelden muss?

Raritäten.

Okay, ich gebe zu, ich bin derzeit etwas unter Druck in Sachen Bloggen und mache mich gerade etwas rar. Um präziser zu sein: Etwas unter Druck in Sachen privatem Bloggen. Wir sind nämlich hier in Baden-Württemberg und im speziellen in Pforzheim in der nun heißen Wahlkampfphase zur Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl. Für beide Wahlkämpfe laufen zwei Kampagnenplattformen im Web, wobei der derzeitige Arbeitsschwerpunkt derzeit eindeutig auf der Website des OB-Kandidaten Gert Hager liegt. Das Ding hatte ich ja Anfang Januar gestartet, flankierend zur Ankündigung von Gert Hager, als Oberbürgermeister in Pforzheim zu kandidieren.

Ich gebe zu, meine damalige These, dass kommunale Wahlkämpfe das eigentliche Zuhause von Politik 2.0 sind, war damals gewagt und hatte mehr mit dem Prinzip Hoffnung zu tun, als mit den Tatsachen, die es nach wie vor kaum gibt. In der Zwischenzeit habe ich meine Lektionen gelernt und alle, wirklich ausnahmslos alle Lektionen bestätigen meine Thesen dermaßen deutlich, dass ich Respekt vor meiner Kühnheit habe, die ich da vor rund fünf Monaten an den Tag gelegt habe.

Politik 2.0 ist in der Kommunalpolitik ein hochspannendes Werkzeug, das problemlos einige Dinge massiv auf den Kopf stellen kann, wenn man es vom Kopf aus beginnt. Gerade in der Kommunalpolitik herrscht auch nach wie vor die Arbeitsweise vor, dass man vornehmlich eine Pressemeldung schreiben und adäquat in der Lokalpolitik unterbringen muss, um publik zu werden – mit allen daraus resultierenden Vor- und Nachteilen.

Politik 2.0 mit dem Paradigma der engen Wahlkampfbegleitung sprengt diese Fesseln auf eine schwer widerstehliche Art, wenn man sich darauf einläßt. Man kann als Politiker im Web das ausdrücken, was man tatsächlich tut bzw. gemacht hat und der Wähler kann sich darauf einlassen, Aspekte von politischer Arbeit aus direkten Quellen zu erfahren. Das hört sich oft genug gestelzt an und eben auch nach „Wahlkampf“, aber auch genau da sind wir ja auch. Es müssen in der Politik zuvorderst Menschen überzeugt werden und Politik 2.0 bietet genau hier eine ultraschnelle Verbindung zum Wähler und das in direktester Luftlinie.

Es fängt träge an, man zweifelt am Anfang durchaus und bekommt vor allem von den beteiligten Wahlkampfmanagern fast schon mit ein wenig Mitleid Terminankündigungen und ein paar Bilder zur Zweitverwertung auf der Website. Da aber Politik 2.0 und vor allem ein Weblog nicht nur von aktuellen Nachrichten, sondern auch von allen anderen, bis dato dort veröffentlichten Texten und Bildern lebt, kommt der Punkt der „kritischen Masse“ zwar gemächlich, dafür dann aber mit Warp 8. So deutlich, dass  sich sogar die Kampagnenleiter, die sich schon im gesetzteren Alter befinden und eine Menge traditioneller Wahlkampferfahrung an den Tisch bringen, dabei von mir erwischen lassen, dass sie die Wahlkampfaktivitäten plötzlich so mehrgleisig medial planen, wie man es ein paar Ebenen höher kennt. Plötzlich sind Bilder bereit, Stichworte geliefert, der Kandidat bloggt zwischen Tür und Angel einen Entwurf, der Terminkalender wird zentral mit Google Calendar verwaltet und fallweise ins Weblog importiert. Die Masse an Content erzeugt den Wunsch, noch mehr Content zu liefern und genau damit läuft der Reaktor.

Da geht was, Folks. Was genau, ist schwierig zu definieren und auch die Frage steht noch unbeantwortbar im Raum, wohin uns das alles hinführt. Aber wir haben mit der Kampagnenseite im Januar bei genau Nullkommanull angefangen und haben jetzt mehr Visits, als mein gar nicht ganz so selten gelesenes Blog. Wer sich dahinterklemmt und seine Aufgabe in der Kommunalpolitik als „Aufgabe“ erkennt, die er immer im Konsenz mit anderen angehen muss und die er gern mit der interessierten Bevölkerung diskutieren möchte, der ist immerhin schon mal da, wo wir im Januar angefangen haben.

Für den nächsten Schritt muss man entweder experimentieren und durchaus auch Spass dabei haben. Oder bald zwei Leute fragen, die sich damit auskennen und tragfähige Konzepte liefern. 😉

Wer unverschlüsselt twittert, ist selbst schuld.

Ich könnte mich auf den Boden werfen und stundenlang lachen, bis der Parkettboden auseinanderfällt, wenn ich die Geschichte auf netzpolitik.org lese, dass offenbar ein Verantwortlicher des Twitter-Streams „cdu_news“ auf dem PolitCamp 09 getwittert hat, jemand offensichtlich im WLAN-Netzwerk herumgesnifft hat, durch den Tweet die Credentials von „cdu_news“ mitbekam und eine Fake-Nachricht twitterte.

Tja, dumm gelaufen. Traue niemals einem fremden Netzwerk. Und wenn du es schon benutzen willst, dann nutze entweder ein VPN für deine Netzkommunikation oder nutze für deine einzelnen Dienste möglichst verschlüsselte Zugangswege. Das geht bei E-Mail beispielsweise mit SSL-Zugangswegen (das können sogar die Discounthoster wie 1&1) und bei vielen webbasierten Diensten über HTTPS-Websites. Xing leitet Website-Anfragen standardmäßig auf HTTPS-Zugänge und Twitter geht auch per HTTPS. Und das sogar meistens performant, was höchstwahrscheinlich an dem bedauerlichen Umstand liegt, dass kaum jemand den HTTPS-gesicherten Zugang nutzt.

Kulturkampf 2.0.

Ich beobachte ja nun schon seit einer ganzen Weile die Schritte der hiesigen Parteien im Internet. Das fing, so viel darf man zugeben, mit den frühen Internet-Aktivitäten von Barack Obama an, als noch jeder fest davon überzeugt war, dass der schwarze Senator aus Illinois nicht einen Hauch von Chance haben könnte, jemals US-Präsident zu werden. Das, war er mal eben so als „Impact“ ausgelöst hat, ist nichts anderes gewesen als ein moderner Kulturkampf, der so ziemlich alle elementaren Fronten hatte, die es nur gibt: Jung gegen Alt, Moderne gegen Vergangenheit, Konservatismus gegen demokratischen Sozialismus, mündiger Wähler gegen klassischen Wähler, zentral organisierte und dezentral strukturierte Wahlkampfführung gegen herkömmliche Wahlkampfführung, aufstrebende Politiker gegen alteingesessenes Politestablishment. Letztendlich auch Demokraten gegen Republikaner, was am Ende auch das anvisierte und erreichte Ziel war.

Nun kann man sagen, was man will – die USA sind weit entfernt und viele Aspekte, die in den USA für die Parteienlandschaft und für Wahlen gelten, gelten hier in Deutschland nicht. Beispielsweise ist die Organisationsstruktur der Demokratischen Partei der USA derartig darniederliegend gewesen, dass die dezentrale Strukturierung über das Internet nicht nur ein großer Erfolg war, sondern eine unumgängliche Entwicklung, wenn man nicht vollens auf eine kaum noch funktionierende Partei bauen wollte. So weit sind wir in Deutschland nicht. Ebenso weit sind wir nicht bei den rechtlichen Möglichkeiten, potentielle Wähler nach einer Registrierung sofort auf ihre Vorlieben auszuhorchen und deren Daten aus anderen, verfügbaren Datenbanken zu sammeln und zu migrieren.

Das ist aber auch nicht der Punkt, den ich hochspannend finde, denn so tief greifen muss man offenbar nicht. Der moderne Kulturkampf spielt sich nämlich schon viel tiefer und lapidarer ab: Jede Partei redet davon, dass sie gern mit dem Wähler in Diskussion treten will, besonders gern vor Wahlen. Was aber passiert, wenn es tatsächlich so weit ist? Wie kommt eine Partei und eine politische Bewegung plötzlich damit klar, wenn sie nicht nur weitgehend one-way kommuniziert, sondern plötzlich die Diskussion auch einen echten Rückkanal bekommt und dieser genutzt wird?

Und genau hier spielen sich in meinen Augen inzwischen atemberaubende Entwicklungen ab. Weniger positive – so ehrlich muss man sein, dass noch keine deutsche Partei wirklich den goldenen Mittelweg gefunden hat, perfekt im Internet zu diskutieren – sondern eher negative. Das Paradebeispiel hierbei ist die CDU und ihr Auftreten in StudiVZ, denn hier prallen Welten aufeinander.

Es ist inzwischen kein Geheimnis, dass die Macher von StudiVZ und MeinVZ durchaus in Zusammenarbeit mit Parteien ihre Pforten gegenüber der Politik geöffnet haben. Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein, allerdings finde ich, dass eine gute Diskussionsplattform nicht nur davon lebt, dass über Politik geredet wird, sondern dass sie auch Raum für offizielle Darstellungen bieten sollte.

Das Problem der CDU: Ihre politischen Ansichten kollidieren offenbar immer wieder diametral mit den Ansichten der meist jungen Klientel und führt zu harschen Reaktionen auf politische Traktate und klassischen Wahlkampfargumentationen und dann schaukelt sich das alles auch noch ordentlich auf, wenn die Wahlkampfführung mit den harschen Reaktionen offensichtlich nicht klarkommt. So kommt es, dass es zu außergewöhnlichen Kommunikationspannen kommt, beispielsweise so Dingen wie Diskussionsthemen auf dem Diskussionsforum der CDU, in denen Homosexualität als heilbare Krankheit beschrieben wird oder sich die CDU in Foren dazu herablässt, Kritiker an der Thematik von Online-Sperren als Befürworter von skrupellosen Geschäftemacher dargestellt werden.

Authentizität lebt vor allem von ehrlicher Argumentation und davon, Kritik anzuerkennen und zu verarbeiten. Gerade letzteres ist der große, heiße Punkt des Kulturkampfes 2.0 und dieser Punkt kann nicht mit Mitteln aus dem bisherigen Wahlkampfwerkzeugkoffer pariert werden. Aber vermutlich kann ich mir dazu die Finger wundschreiben, wir werden dazu in naher Zukunft höchstwahrscheinlich noch einige weitere Tiefschläge erleben.

Die Geister, die ich rief…

… sind heute alle gekommen und zwar in Form von Glückwünschen zu meinem heutigen Geburstag. Früher waren das mal Mails. Das war überschaubar, denn Mails schreiben ist vielen Leute einfach nicht das richtige Ding. Ich zähle mal zusammen (Stand 17.30 Uhr):

  • 13 Glückwünsche via Facebook
  • 8 Gästebucheinträge in wer-kennt-wen.de
  • 4 Nachrichten in Xing
  • 7 Glückwünsche in Twitter
  • 2 E-Mails
  • 2 automatisierte E-Mails
  • 4 SMS
  • 3 angenommene Anrufe, zwei verpasste und noch nachzuholende
  • 1 Brief von der hiesigen SPD-Regionalgeschäftsstelle
  • 1 handgeschriebene (!) Postkarte und echter Briefmarke von der Arbeiterwohlfahrt

Zum Beantworten allein der Glückwünsche, die über die ersten vier Dienste kamen, habe ich jetzt mal eine Stunde Zeit verbraten. Die nächste Stunde reserviere ich jetzt für die E-Mails, die SMS und die Rückrufe. Alles wird beantwortet 🙂

Twitter versucht zu argumentieren, Geld zu verdienen.

Im Grunde genommen ist die Idee von Twitter eine bombensichere Angelegenheit. Man braucht eine Horde von Servern, ein paar halbwegs talentierte Besucher und eine bedingte Anzahl von Support-Kräften. Denn richtig viel Mist kann man bei 160 Zeichen nicht machen und zum Beispiel schon mal keine anstößigen Bilder hochladen. Selbst das Spammer-Thema könnte man weitgehend durch die Community in Griff bekommen, in dem man ein Spam-Flag implementiert und diese mit einer gewissen Programmlogik auswertet.

Ob so ein Unternehmen nun hunderte von Millionen US-Dollar wert ist (man munkelt von 250 Millionen US-Dollar), darf mit bestem Gewissen bezweifelt werden – ich halte Twitter für gnadenlos überbewertet und ein klassisches Unternehmen der Web-2.0-Blase. Die ist zwar deutlich kleiner, als die Dot-Com-Blase vor zehn Jahren, aber Blase ist nun mal Blase: Wenn Ideen aus viel warmer Luft bestehen und diese Luft mit viel Geld befeuert wird, wird die Luft nur viel heißer und explosiver, wenn die Kreativität hinter der warmen Luft prellt.

Und bei Twitter, so ehrlich muss man sein, passiert nicht wirklich viel. Neue Features in homöopathischen Dosen, keine Gruppenfunktionen, mangelhafteste Sicherheitsmechanismen, regelmäßig schlechte Performance. Das Ding lebt in erster Linie von seinem Label und sowas ist in der Internet-Szene von nicht sehr fundiertem Wert.

Auf die nun aktuellen Diskussionen von Twitter-Mitbegründer Biz Stone, zukünftig Abo-Gebühren für Pro-Accounts zu verlangen, kann ich deshalb eigentlich nur mit einem herzhaften Grinsen antworten. Twitter ist nichts anderes wie andere hosted services, wie beispielsweise blogger.com. Gut, um schnell mal einen Kommunikationskanal einzurichten und das unter einem bekannten Label zu positionieren. Allerdings weitgehend nur finanzierbar durch Werbung. In einem Blog mag das noch gehen, aber wie will man in Twitter werben, ohne dies nicht direkt in die Twitter-Streams zu implementieren?

Dazu kommt, dass es mit laconi.ca schon ein Framework für das Microblogging gibt, das man sich, ähnlich wie eine WordPress-Installation, relativ bequem auf den eigenen Server installieren kann, den man für eine Handvoll Euro im Monat kaufen kann. Twitter-Pro-Accounts würden also unmittelbar mit den Discount-Webhostern konkurrieren. Und zu allem Unglück ist das laconi.ca-Framework vom Funktionsumfang auch noch meilenweit besser, als Twitter je war.

Allein darauf zu bauen, dass das Twitter-Label nun mal einfach das stärkste Label für Microblogging ist und ein Stream unter twitter.com hipp ist, ist schon ohne Probleme und fehlende Kreativität eine problematische Ansicht. Wenn man dann aber auch noch einen Dienst darunter liegen hat, der permanent schwächelt, chronisch hustet und offenbar kein funktionierendes Immunsystem hat, dann sollte man sich vielleicht nicht ganz so aus dem Fenster lehnen und erst mal massiv seine Hausaufgaben machen, bevor man übers Geld redet.

SPIEGEL ONLINE für Content-Jäger.

Für Leute, die nichts zu Schreiben haben, aber Content machen müssen, hat SPIEGEL ONLINE nun die ultimative Lösung und bietet einen ganzen Stall von Widgets an, die man sich wirklich überall hin kleben kann. Die Widgets für Blogs werden über Netvibes ausgestattet, was schon mal nicht ganz so verkehrt ist.

Die zu klärende Frage ist jedoch eine andere: Wer will sich freiwillig einen Newsstream von SPIEGEL ONLINE ins Blog hängen und damit punkten? Irgendwie am Thema vorbei, wenn die unumstritten größte Nachrichten-Website im deutschsprachigen Raum per Blog-Widgets auf sich aufmerksam machen will. Mit Ausnahme von SPAM, das ist notwendig.

Der SPIEGEL beackert Social Networks.

Eigentlich schön zu sehen, dass die Redaktion des gedruckten SPIEGEL sich so langsam durch alle gängigen Web-2.0-Technologien durchgearbeitet hat: Letztes Jahr waren es noch die Blogger, die halbdebil sich vor allem nur selbst onanierend feiern, nun sind es die kleinen, engen, siebzehn- bis zwanzigjährigen Mädchen, die saufend von Party zu Party springen und als virtuelle Trophäen Fotos von „tätowierten Schambeinen, blanken Hinterteilen, gebleckten Zungen, delirös verdrehten Augen“ in Social Networks hinterlassen.

Bei solchen Sätzen in ersten Absätzen von SPIEGEL-Artikeln über aktuelle Internet-Entwicklungen hält mich normalerweise nicht mehr sonderlich viel davon ab, einfach weiterzublättern. Es kommt nur selten etwas gutes dabei heraus, wenn Journalisten so anfangen. Allerdings, und da sei dem SPIEGEL diesmal fast schon wieder Respekt gezollt: Das Titelbild mit dem Titel „Fremde Freunde – Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen“ weckt zwar wieder dunkelste Inquisitionserinnerungen wach, der Artikel selbst ist allerdings in fast schon vernünftigem Ton gehalten – abgesehen von der Einleitung und dem üblichen Bebildere, bei dem man praktischerweise offensichtlich eben auf gemeinfreie Bilder in eben diesen Social Networks zurückgreifen konnte.

Erzählt werden so Geschichten einer siebenundzwanzigjährigen Maja, die nach Düsseldorf gezogen ist, niemanden kannte und über soziale Netzwerke einen völlig neuen Bekanntenkreis bilden konnte. Ein Sebastian aus Frankfurt/Main holt sich über couchsurfing.com bis dato unbekannte Menschen gar in die heimische Wohnung und lässt sie dort kostenlos übernachten. Im Artikel spart man sich doch tatsächlich noch gehässige Kommentare auf diese Menschen, dabei könnte man ja mit unbekannten Menschen, die von einer Website, die den Begriff eines Schlafmöbels beinhaltet, ganz andere Dinge machen, als sie einfach nur treffen:

„In der Online-Welt machen die jungen Netzwerker, was sie auch im Leben draußen vornehmlich tun: herumhängen. Sie klicken durch die Profilseiten der Freunde, sie lesen, was es Neues gibt, hinterlassen neckische Kommentare und laden Handyfotos vom Popkonzert hoch.“

Huch, so harmlos? Nicht ganz, denn im Artikel spricht man das (durchaus nicht unsensible) Problem an, dass die geringen Medienbrüche zwischen SMS, Online-Community und sozialen Netzwerken ein erheblich stärkeres Konfliktpotential in ganz anderen Eskalationsgrößen haben können. War die heimische Wohnung bei Streitigkeiten ein Rückzugsort, so gibt es diese bei solch vernetztem Mobbing nicht mehr.

Im beginnenden Herbst des Artikels geht man sogar auf den professionellen Part sozialer Netzwerke ein, nämlich die Möglichkeiten von Business-Netzwerken. Unvermeidlich hier ein Xing-Nutzer, der offensichtlich den Wert eines jeder seiner Xing-Kontakte durch seine Geschäftsbücher beziffern könnte. Und da bleibt dann auch der kurze Weg zu Politik 2.0 nicht aus und führt aus, dass es erst online möglich wurde, innerhalb kürzester Zeit starke Vernetzungseffekte für politische Themen zu bilden und man befürchtet, dass „für das Superwahljahr 2009 ein Online-Wahlkamf neuer Güte drohe“ – als ob es schon mal einen Online-Wahlkampf mit Güte in Deutschland gegeben hätte.

Weiter geht es im Artikel mit Micro-Blogging-Formaten und da so mit Twitter, als ob Twitter das einzige Micro-Blogging-Format wäre. Während bei den Terroranschlägen in Mumbai die Micro-Blogger sehr schnell am Werk waren, war es im aktuellen Gaza-Konflikt schon sehr spärlich. Offenbar darum:

„Arme Gegenden mit dürftiger Stromversorgung haben offenbar andere Sorgen – das schicke Medium gedeiht eher in technisch besser versorgten Metropolen. Aber auch dort ist es, wie der Fall Mumbai zeigte, nicht eben zuverlässig: Da war die Rede von Angriffen auf ein Marriott-Hotel, die es nie gab; manches entstammte nur dem Hörensagen, wurde falsch abgeschrieben oder einfach nur aufgebauscht. Im Netzgezwitscher mischen sich falsche Mitteilungen unentwirrbar mit wahren, und die Selbstorganisation kann jederzeit umschlagen in entfesselten Unverstand.“

So am Rande: Kleiner handwerklicher Fehler, denn das ist schon richtig, was der SPIEGEL hier schreibt, allerdings sagt ja auch niemand, dass Twitter-Streams einen wie auch immer gearteten Ersatz für Nachrichtensendungen darstellen sollen, auch wenn Journalisten bei aktuellen Ereignissen inzwischen gar nicht so ungern von diesen neuen Medienströmen zitieren.

Wie man Falschinformationen und im späteren Leben eher unerwünschte Inhalte wieder aus dem Netz bekommt, ist dann das Thema gegen Ende des Artikels. Dass das kaum wirklich geht, ist ein logischer Rückschluss, immerhin hat man sich aber kundig darüber gemacht, dass es gar Dienste gibt, die gegen Bezahlung fingierte und positive Falschinformationen von Menschen einstellen, um deren Image wieder im Internet aufzupolieren. Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht, so dass ich dann doch sogar noch etwas gelernt habe.

Und natürlich: Man möge doch bitte seine Inhalte in sozialen Netzwerken nicht ganz so offen zur Schau stellen, um sich davor zu schützen, dass andere Menschen diese Informationen verwursten, so wie im Fall der Co-Pilotin der Lufthansa-Maschine, die bei schweren Turbulenzen am Hamburger Flughafen beinahe verunglückt wäre und über die sich die BILD-Zeitung (wer sonst?) in ihrem StudiVZ-Profil kundig gemacht hat, um dann über Aspekte ihres Lebens zu schreiben.

Wahnsinn, was ist denn in den SPIEGEL gefahren? So sanft, so freundlich, so fundiert. Liegt es daran, dass man eben nicht dauerhaft auf die neuen Medien schimpfen kann, die man inzwischen auch selbst nutzt? Oder haben sich da endlich einmal ein paar fachlich versierte Journalisten hingesetzt und das Objekt der Begierde endlich tatsächlich einmal von verschiedenen Seiten aus beleuchtet? Es fällt jedenfalls auf. Hat lange gedauert.

Robert Basic will die Weltmacht.

Ich muss zugeben, ich musste beim recht denkwürdigen Interview von Meedia mit Robert Basic, in dem Robert Basic seine Ideen zu seinem Projekt buzzriders.com darlegte, spontan an Moonraker denken. Robert Basic plant ein „neuartiges“ Newsportal in einer Art moderiertem Graswurzeljournalismus und will damit so Websites wie SPIEGEL Online und Heise.de angreifen. Ah, okay. Hehre Ziele soll man sich setzen.

Ich bin ja prinzipiell auch für genügend Mist der würzigeren Kategorie zu haben, den man verzapfen kann. Es aber freiwillig mit einem Nachrichtenportal eines fest im Sattel sitzenden Nachrichtenmagazins und einem Portal einer 20 Jahre alten Computerzeitschrift aufzunehmen – da würden mir dann doch wirklich andere Dinge einfallen. Schon allein, wenn man betrachtet, wie jämmerlich so ähnlich laufende Projekte wie Zoomer.de versinken oder Shortnews.de, die Mutter des Graswurzel-Trashs, in extrem seichter Inhaltlichkeit vor sich hinplätschern. Und seien wir ehrlich: SPIEGEL Online und Heise.de gehören als Nachrichtenzulieferer nach wie vor zu einer festen Größe in der Blogosphäre. Das abzusägen und munter-lustig eine Mischung aus DPA-Ticker, Twitter und Blogs eine eigene Nachrichtenwelt zu schaffen – da fehlt mir die Phantasie und davon habe ich eigentlich eine ganze Menge.

Erde an Robert: Alles in Ordnung? Die 46.902 Euro nicht lieber vernünftig anlegen? 🙂

Wer will eigentlich das bedingungslose Grundeinkommen?

Ja, das frage ich mich derzeit gerade. Will es der Bürger? Oder will es ein Lobbyverband? Oder wollen es eher Teile von Web-2.0-Sphären, die mit diversen Online-Petitionen, Twitter-Spam (ja, Spam) davon träumen, mal eben geschwind‘ die Obama-Nummer hier durchzuziehen? Zumindest letzteres erreicht nämlich derzeit eher schrille Ausmaße.

Grundsätzlich: Verstärkt den Konsum zu besteuern und eher weniger die Arbeitsleistung, ist generell keine dumme Sache, zweifellos. Es ist auf den ersten Blick nicht wirklich sinnvoll, Arbeit immer weiter dadurch zu verteuern, um damit rein den Staat zu finanzieren, denn schließlich müssen alle konsumieren, während nicht alle arbeiten müssen/wollen/können. Und freilich hört es sich auch einfach toll an, wenn man praktisch keine Einkommensteuer mehr zahlen soll, sondern auch noch 1.500 Euro (eine Planzahl von vielen) bar vom Staat auf die Hand bekommt, erst mal für umme.

Die Probleme kommen allerdings mit dem zweiten Blick und davon sind genügend Aspekte schlicht Bindflüge erster Güte:

  • Die Idee des Grundeinkommens lebt davon, dass in noch stärkerem Maße Konsum stattfinden muss. Keiner weiß, was passiert, wenn dieser Konsum nicht stattfindet, was in einem sparwütigen Land wie Deutschland ein nicht wegzudiskutierendes Thema ist.
  • Es gibt bereits eine Konsumsteuer, die nennt sich Mehrwertsteuer und die ist mit 19 % schon nicht knapp genug. Sie ist zwar im Europavergleich relativ niedrig, allerdings gibt es auch nicht allzuviel Luft nach oben.
  • Niemand kann wirklich fundiert sagen, was für Auswirkungen ein Grundeinkommen auf den Arbeitsmarkt haben wird. Einerseits wird logischerweise Arbeit billiger, es steht auch der Ansatz im Raum, dass einfache und bisher schlechtbezahlte Arbeit schlicht besser bezahlt werden muss, damit sie getan wird, aber dadurch wird diese wiederum teurer und durch eine Konsumsteuer noch zusätzlich verteuert.
  • Das Grundeinkommen, besonders die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommen, stellt den fundamentalen Ansatz, dass der Staat dann da ist, wenn er benötigt wird, komplett auf den Kopf. Ich möchte nicht, dass der Staat mir erst mal ohne Gegenleistung Geld überweist und ich das dann teuer wieder zurückgeben muss. Wohlgemerkt: Ich. Der Grenznahe, der Reiche, der Pfennigfuchser, der Online-Käufer, die werden das Geld ins Ausland tragen oder zum Schmuggler um die Ecke.

Über eine andere Sache muss man sich übrigens auch klar werden: Das Steuersystem ist immer so gerecht, wie es das Volk fordert. Selbstverständlich kann man ein Steuersystem radikal vereinfachen, das geht jedoch logischerweise auf Kosten von Ausnahmen. Und von Ausnahmen profitieren lange nicht nur Reiche, sondern vor allem die arbeitende Mittelschicht – man denke da nur an so liebgewonnene und aus verschiedenen Gründen nicht immer zeitgemäße Schlager wie die Pendlerpauschale, der Sparer-Pauschbetrag, die Wohnungsbauprämie, die Arbeitnehmersparzulage und viele andere gewachsene, wilde und doch eifrig genutzte Kuriositäten mehr. Mit halben Sachen ist ein Grundeinkommen nicht zu machen und ich bin mir nicht sicher, ob der harte Schnitt da auch gut in der Mittelschicht, die letztendlich auch weiterhin den Bärenanteil am Steueraufkommen zahlen wird, ankommt.

Eine andere Sache, die mich schwer stört, ist jedoch wieder eine Sicht in die Web-2.0-Welt und damit in die aktuellen Bewegungen in der Twitter-, Facebook- und Blogosphäre: Regierungsarbeit und Wahlkampf sind zwei grundverschiedene Dinge, auch wenn ersteres zunächt einmal letzteres bedingt. Man kann noch so hübsch im Wahlkampf die so genannte Bürgerdemokratie und die Graswurzelbewegung hochhalten – mit Regierungsarbeit hat das nur damit zu tun, dass man schön davon träumen kann.

Und machen wir uns mal bitte eine Sache nicht vor: Der Herr Obama ist sicherlich ein sympathischer Mensch, mit dem ich durchaus auch gern mal ein Bier trinken gehen würde, der sicherlich einige sehr erfrischende Thesen in petto hat und weit transparenter ans Werk geht, als sein amtsfrigider Vorgänger im Amt. In sein Tagesgeschäft und in seine oberste Gestaltungshohheit wird sich jedoch auch ein Herr Obama weder von seinen Twitter-Feed-Lesern, noch von Bloggern hereinreden lassen. Der große Diskurs und die große Enttäuschung ist in meinen Augen da nur eine Frage der Zeit.