Der Sony-Duft.

Es hat ein paar Jahre gedauert, wieder einmal etwas von Sony gekauft zu haben. Zuletzt war es nun ein Sony Xperia Tablet Z2, dessen Nachfolger zur Zeit eingeführt wird. Das bedeutet für Vorgängermodelle dann immer einen schnellen Abverkauf, was beim Z2 ein recht guter Deal ist, weil dieses Tablet immer noch sehr ordentlich ausgestattet ist und jedes andere Tablet locker wegparkt.

Normalerweise habe ich es mit der Unboxing-Selbstbefriedigung nicht so. Beim Sony-Tablet fiel mir beim Auspacken jedoch der Geruch in der Verpackung auf: Der untrügliche Sony-Duft. Das ist jetzt kein Scherz und auch keine Einbildung – Sony-Geräte haben beim Auspacken einen charakteristischen Geruch, den ich so nur bei Sony kenne. Man müsste eigentlich etwas daraus machen:

Der Kauf von Sony-Produkten ist heutzutage ja – wenn man es sehr ironisch betrachtet – vielleicht noch deshalb bemerkenswert, weil man noch etwas von Sony trotz der immer etwas höheren Preise kauft. Das war freilich nicht immer so. Ich komme auch noch aus einer Zeit, in der Sony Produkte gebaut hat, die einfach rocken. Sie sahen gut aus, sie wurden phantastisch präsentiert in für sich schon legendären Katalogen, sie waren niemals billiger als die Konkurrenz, hatten im Problemfalle darunter zu leiden, dass Sony einen furchtbar beschissenen, dezentral organisierten Support hatte.

Dennoch waren Sony-Produkte immer so Gerätschaften, bei denen man mehr oder weniger laut mit der Zunge schnalzte. Wenn sie mal liefen, liefen sie eine ganze Weile lang und erstaunlich war immer wieder, dass sie es schafften, technische Raffinessen zu bauen, die die Konkurrenz offenbar einfach nicht hinbekamen. Mein auch bei größten Erschütterungen nicht leiernder Double-Drive-Walkman für Compactcassetten war so ein Ding – er leierte einfach nicht, so wie es alle anderen Walkmen taten. Mein 1992 gekaufter VHS-Recorder funktioniert auch heute noch, der HDV-Camcorder auch noch, die PS3 sowieso. Und selbst die älteren Sony-Gerätschaften sehen irgendwie noch kultig aus, was man bei sehr alten James-Bond-Filmen immer wieder sieht. Und wirklich: So wie das Tablet heute riecht, so roch es in jeder Sony-Packung nach dem Auspacken.

Das Legendäre, was Sony in Sachen Technik bisweilen zustandebrachte, wurde dann mit dem mindestens genauso legendären Marketing verkauft. Die Sony-Gesamtkataloge (für den Consumerbereich) waren Hochglanzwerke im A4-Format mit einer besonderen Art des Understatements. Hier ein Beispiel mit dem Sony-Gesamtkatalog aus der Saison 1993/94, den jemand digitalisiert hat (weiter nach unten scrollen, am Anfang kommt die Preisliste). Schon der Katalog war der Anfang des Sony-Erlebnisses, denn der lag auf dem Tisch eines jeden Technikfans.

Sony ist irgendwann die Fähigkeit abhandengekommen, Innovationen zu bauen und zu vermarkten, was im Februar in einem sehr guten SPIEGEL-Artikel thematisiert wurde. Technikinnovation wurde irgendwann so normal, dass viele Hersteller darüber hinwegsahen, neue Produkte auch wirklich mit Innovationen auszustatten. Das Smartphone kann heute als Gipfel vieler Technologien so viel mehr als der Walkman, die Digitalkamera, das einfache Mobiltelefon, der E-Book-Reader, aber dennoch verströmen nur noch die wenigsten Smartphone-Modelle auch den Hauch der Innovation. Sie sind einfach nur da, sehen edel aus, sind hübsch verpackt und extrem teuer, aber innovativ sind tatsächlich nur die wenigsten und das sind dann meist die häßlicheren.

Wie auch immer – der Duft aus der Sony-Schachtel, der wirkliche Geruch des Produktes, der nicht einfach nur das übliche Gestinke von Elektronik ist, der ist bei Sony offenbar immer noch da. Und zumindest den sollten sie sich unbedingt erhalten.

Ach, Sony.

Wie gehen diese ganzen Sprüche? Wie man in den Wald hineinschallt, so schallt es wieder heraus? Hochmut kommt vor dem Fall? Irgendwann erwischt es jeden? Egal, wie diese Sprüche alle gehen, es gibt im Sony-PS3-Hack-Universum genügend Platz für jedes Vorurteil, das sich irgendwann einmal bestätigt.

Das PlayStation Network läuft ja inzwischen wieder, so dass die Kinder wieder zufriedengestellt sein dürften. Und dass es nun gesinnungsmäßig vielleicht nun endlich vorangeht glaube ich nicht wäre nun wünschenswert. Aber bis dahin bricht auch eine andere Welt für Sony zusammen, die man jahrelang liebevoll gepflegt haben dürfte: Das Gemurkse mit vielen voneinander unabhängigen Websites für alle möglichen Tochterfirmen, Divisions und nationalen Niederlassungen, die allesamt mit den unterschiedlichsten Werkzeugen und Redaktionssystemen laufen.

Das sieht nicht nur wenig schick aus – so von wegen Corporate Identity – sondern das ist auch eine potentielle Angriffsfläche. Erst recht, wenn sich der Konzern inmitten eines Shitstorms befindet, wie eben beim PS3-Hack und der, sagen wir es mal freundlich, etwas ungelenken Art und Weise des Deeskalationsmanagements. Die hackende und vor allem lamende Basis macht sich nun mehr oder weniger einen Spaß daraus, weltweit an allen möglichen Sony-Websites herumzudoktern und hier und da sogar Erfolg beim Einbruchsversuch zu haben, mit allen damit verbundenen Nachteilen, Schäden und Vertrauensverlusten auf Seiten Sonys.

Das ganze Debakel ist schon lange nicht mehr einfach nur ein technischer Unfall oder ein großer Hackerangriff – es ist eine echte Misere für das Unternehmen geworden, bei dem nun alle sorgsam montierten und inzwischen eingestaubten Regale nacheinander mit lautem Getöse zusammenfallen. Das große Plus des Unternehmens, nämlich die ungeheure Innovationskraft in der Elektronik-, Computer- und Unterhaltungsindustrie, schiebt sich immer mehr in den Schatten einer desaströsen Kommunikationsstrategie, die so gar nicht innovativ wirkt und schon gar nicht global ausgerichtet scheint.

Wäre Sony nicht schon immer ein Laden gewesen, der sich vor allem aus unglaublichen Niederlagen heraus auf teilweise krasse Weise neu erfinden kann – man würde jegliche Hoffnung verlieren. Vielleicht ist es nun soweit und es passiert endlich etwas in den Köpfen.