Zahnarzt 2.0.

Es gibt angenehmere Situationen morgens, als um 9:30 Uhr auf dem Zahnarztstuhl zu liegen und die Nachricht zu bekommen, dass eine Füllung so unglücklich abgebrochen sei, dass man sie an Ort und Stelle noch ersetzen müsse. Gut, es musste nicht sonderlich viel gebohrt werden, eine Betäubung war auch nicht nötig und die Aktion war auch nach 20 Minuten beendet, aber Spaß machen andere Dinge wirklich mehr. Mein Zahnarzt regelt meine Gebissgeschichten nun aber schon seit 30 Jahren und hat mich als ehemaligen Zahnarzt-Superangsthasen zu einem ziemlich gelassenen und Patienten umgepolt bekommen. Es gibt begnadete Ärzte, die können eine Spritze so bedienen, dass man den Einstich nicht bemerkt.

Einigermaßen verdutzt war ich dann nach der Behandlung, als mir mein Zahnarzt mitteilte, dass das jetzt zwar wieder eine zusatzkostenpflichtige Kunststofffüllung sei, die er da verbaut hatte, die aber heute aufs Haus ginge und ein Geschenk von ihm sei. Er wolle sich nämlich erkenntlich dafür zeigen, dass ich seine Praxis im Internet einst bei Qype (nun bei Yelp.de) bewertet hätte. Er habe letztens etwas im Internet gesurft und sei dabei staunend auf die Bewertungen über seine Praxis gestoßen.

Tatsächlich kommen wohl immer wieder Patienten aufgrund von Bewertungen und Checkins auf Portalen zu ihm, am ehesten zu sehen bei Studenten unserer hiesigen Hochschule. Da gibt es genügend ausländische Studenten, die wohl hin und wieder einmal zum Zahnarzt müssen und da informiert man sich dann eben auch über das Internet. Man nehme Foursquare und suche nach Zahnarzt und so weiter …

Das Corporate Weblog als Verkaufsraum.

Bei all dem Bohei, das wir drüben im Gerstelblog, dem Corporate Weblog des Pforzheimer Autohauses Gerstel, machen, blieb immer eine Frage etwas schmerzhaft unbeantwortet: Haben wir es jemals geschafft, ein Auto über das Blog zu verkaufen? Okay, zweifellos wertvolle Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung in Social-Media-Netzwerken hin oder her, aber gefährlich wird immer die ultimative Frage: Können wir mit Social-Media-Aktivitäten nachvollziehbar einen direkten, hochwertigen Lead generieren, der dann im Verkaufsprozess auch tatsächlich landet?

Ich war immer davon überzeugt, dass das geht. Als Realist weiß ich allerdings, dass es dazu ein paar Dinge braucht, in etwa sogar in dieser Reihenfolge:

  • Ein Unternehmen, dass ein Corporate Weblog will und auch daran arbeiten kann.
  • Ein echtes Standing aller Chefs und Mitarbeiter zum eigenen Unternehmen und zur eigenen Marke.
  • Der unbedingte Wille zur direkten Öffentlichkeitsarbeit.
  • Atem. Viel Atem.
  • Ein vernünftiges, rational und emotional aufladbares Verkaufsprodukt.
  • Eine Geschichte drumherum.
  • Ein passendes Wording.
  • Blitzschnelle Reaktion auf einen Lead.

Et voilà: Das erste echte Gerstelblog-Auto, ein Opel Adam.

How we did it.

Beim Autohaus Gerstel hat es eine Weile gedauert, bis es zum ersten direkten Lead in Sachen Autoverkauf kam. Es gab zwar schon in den vergangenen Monaten immer wieder Leads, die aus dem Internet und dem näheren Gerstelblog-Umfeld zu kommen scheinten, allerdings haperte es vor allem an einer Sache: An einem emotional aufladbaren Verkaufsprodukt. Einen Opel emotional aufzuladen, das ist ein Herkules-Job, den leider viele Autohändler – meine Einschätzung – weitgehend aufgegeben haben.

Dabei ist in den letzten drei Jahren, in denen ich die Marke Opel von Berufswegen ja recht genau beobachte, gewaltiges dort passiert.

  • Ein großes Stück der Krise der Automobilindustrie ist über General Motors und Opel hereingebrochen und während sich die anderen großen Marken mit der Automobilkrise jetzt dann beschäftigen dürfen, hat Opel dieses Thema zu einem großen Teil schon durch.
  • In den vergangenen Monaten kamen eine Reihe von neuen Modellen auf den Markt, die sich sehen lassen können: Der Opel Ampera als funktionierendes Elektrofahrzeug, der Opel Astra GTC als flotter (und leider viel zu wenig beachteter) Flitzer, der Opel Mokka als günstiger SUV, der Opel Cascada als Cabriolet und eben der Opel Adam als Lifestyle-Fahrzeug im Segment des Mini One, des Fiat 500, des VW Up und des Citroen DS3.

Gerade der Opel Adam ist ein spannendes Auto, weil in diesem Segment, in dem dieses Auto positioniert ist, einiges sehr anders läuft. Einen Mini One kauft man nicht wegen eines günstigen Preisleistungsverhältnisses, sondern weil man so ein Auto offensichtlich haben will, egal was es unterm Strich dann kostet. Das Auto ist in diesem Lifestyle-Segment nicht einfach nur ein Fortbewegungsmittel, sondern ein Stilelement. Hier braucht es im Fahrzeugverkauf weniger den Ingenieur, der die Motorentechnik auf dem Effeff erklären kann, sondern eher den Berater, der sich mit dem Lifestyle des potentiellen Interessenten auseinandersetzen kann.

Dieses Auto lässt sich emotional aufladen und zwar bestens. Als kleiner „Herzensbrecher“, als „urbanes Stadtauto“, als „Abschleppwagen“, „klein und oho„, als „Baby-Opel“. Als defensiv wirkendes Kleinauto mit einem sympathischen Aussehen und vielen Individualisierungsmöglichkeiten gibt diese Karre Raum, es lieb zu haben. Damit muss man erst einmal klarkommen, wenn man lange Jahre Autos verkauft hat, die quasi den Standard in Sachen langweilige Autos definierten.

Aber dann? Ein solches Auto und eine solche Marke wie Opel nimmt einem Emotionen und auch gut gewürzte Ironie nicht übel – ganz im Gegenteil. Das entsprechend positionierte Auto steht mittendrin und streckt dabei – sinnbildlich gesehen – die Zunge heraus. Und das erzeugt wiederum genau die Menge an Sympathie, die den Kreis wieder schließen lässt.

Rückblick auf das CarCamp Mannheim.

Am Freitag, 12. Oktober 2012 fand in Mannheim das erste CarCamp statt, ein Barcamp für die Automobilwirtschaft, organisiert vom Deutschen Kraftfahrzeuggewerbe und hauptgesponsert von einem Unternehmen namens Fuchs Schmierstoffe, dessen Hauptsitz in Mannheim ist. Da ich kundenbedingt mit der Automobilwirtschaft zu tun habe und zwar direkt an der Basis mit einem Autohaus und dessen Blog, war es nur eine kurze Überlegung, ob ich daran teilnehme oder nicht. Muss.

Und auch wenn ich in Sachen Barcamps sicher nicht unzufrieden bin, wenn es die x-te Auflage ist und eine gewisse Routine daherkommt – das CarCamp war es wert und hat einen spüren lassen, wie es in der Anfangszeit der BarCamp-Szene gewesen sein muss. Professionelle Organisation durch Claudia Weiler vom Kraftfahrzeuggewerbe, ein engagierter Hauptsponsor, der sehr schöne Konferenzräume zur Verfügung stellte, ein Ansprechpartner des Sponsors, der freimütig zugab, dass er eigentlich gar nicht so richtig weiß, was ein Barcamp ist, aber sehr gespannt darauf ist und etwas über 40 Teilnehmer, die zu einem großen Teil „barcamp-unverdächtig“ sind und durchweg nur sehr wenig Zeit dazu hatten, sich über eine „Unkonferenz“ zu wundern. Demzufolge war auch das Sessionpanel am Ende zu 80 % gefüllt, was für ein erstmalig organisiertes Themen-Barcamp gar nicht so schlecht ist.

„Facebook – Freunde werden, Freunde bleiben“ von Thorsten Bastian

Dieses Panel von Thorsten Bastian beschäftigte sich vor allem damit, wie man die Fans einer Facebook-Seite am Ball hält und dafür sorgt, dass mit regelmäßigen Nachrichten und Inhalten der gewünschte Dialog zwischen Unternehmen und Fan entsteht. Das meiste im Vortrag war jetzt zwar nicht völlig neu für mich, allerdings schätze ich bei diesem Thema sehr den Erfahrungsaustausch und die Sicht Anderer. Da Thorstens Agentur Basta Media auch sehr große Facebook-Seiten anderer Unternehmen betreut, ist seine Sicht sicherlich nicht die falscheste.

„Online Marketing“ von Marcus Kaluschke

Marcus‘ Session war echte Standup-Comedy und das sind die Sessions, die ich auf Barcamps so sehr mag. Es wird zu Beginn am Pinboard zu Sessions aufgerufen und es melden sich dann Teilnehmer, die womöglich gar nicht vorhatten, eine Session abzuhalten, starten ihre Session dann einfach mal und so entstehen Sessions, die unglaublich hochkonzentriert sind, weil man von Anfang an den Kopf anstrengen und sich nicht an eine Powerpoint-Foliensammlung festhalten kann.

So eben auch oder gerade hier: Marcus hat als Head des Online-Marketings der webauto.de GmbH einen flotten, gewaltigen und kompetenten Überflug über das Thema SEO und SEM auf’s Panel gelegt, von dem man sich dann die Informationen herauspicken konnte, die man eben hat. Für Anfänger sind solche Veranstaltungen nicht ganz einfach (ich spreche aus Erfahrung), aber es gibt nun mal auf Barcamps verschiedene Ansprüche an entsprechendem Vorwissen. Kann man nicht ändern. Will man allerdings auch nicht wirklich, sonst ist es keine Unkonferenz mehr.

Mittagessen

Auch hier ein Volltreffer, nämlich Fingerfood, powered by Fuchs Schmierstoffe (und nicht schmierig!). 😉

„Location Based Services“ von mir

Auch diese Session von mir war als Standup-Comedy gedacht und ich habe mir dazu sogar noch schön artig einige Notizen in der letzten Session und in der Mittagspause gemacht. Diesen Flugplan für den gar nicht so unschönen Überflug über die Welt der Location Based Services hätte ich mir allerdings auch sparen können, weil wir diese Session genau zu zweit abgehalten haben. Dafür war aber auch diese Session wieder so eine Session, wie ich sie liebe, denn mit Thorsten Podlech entwickelte sich diese Session zu einer ziemlich interessanten „Frage-und-Antwort-Stunde“ zu vielen Social-Media-Themen und besonders spannend fand ich dabei, wie Thorsten als Geschäftsführer eines Autohauses seine Mitarbeiter dazu bewegen will, am gemeinsamen Facebook-Auftritt des Unternehmens mitzuarbeiten und diese Ideen führten Thorsten dazu, einfach auch eine Session abzuhalten …

„Einladung der Mitarbeiter in die Social-Media-Aktivitäten des Unternehmens“ von Thorsten Podlech

Diese Session wurde dann explorativ – eine echte Forschungs-Session. Die Einführung zur Thematik war schon sehr spannend, denn Thorsten macht in seinem Unternehmen das, wovon viele Berater mit Tränen in den Augen nur träumen können – das Unternehmen fit machen für Social Media und letztendlich für echte Online-Kommunikation. Er motiviert seine Mitarbeiter aktiv, über das Unternehmen in Facebook zu schreiben und stellte die Frage in den Raum, wie man diese Motivation weiter steigern könne.

Das führte dann zum erarbeiteten Ergebnis, dass dies am ehesten und nachhaltigsten gelingen könnte, wenn die Wertschätzung des Unternehmens direkt und sofort erfolgt, also z.B. durch das Teilen einer unternehmensspezifischen Nachricht eines Mitarbeiters direkt auf der Facebook-Seite des Unternehmens. Oder durch die Ausgabe von Smartphones zur dienstlichen Facebook-Nutzung. Oder einfach auch die direkte Mitarbeit an der Facebook-Seite und entsprechend zeitlichem Freiraum vom normalen Tagesgeschäft.

„Königsklasse Bloggen“ von mir

Das war eigentlich meine vorbereitete Session, zu der die darunterliegende Powerpoint-Präsentation in dem Kundenblog zu finden ist, das auch Hauptdarsteller der Präsentation war. Zum Thema Corporate Blogging muss ich nicht viel sagen, dazu gibt es in diesem Blog genügend Argumentationshilfen. Die von mir dargestellten Hauptargumente sind die, dass ein Corporate Blog auch einem kleinen Unternehmen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung im Web geben kann und es im Spannungsfeld zwischen großen Herstellern und Vertretern einen Raum gibt. Autohäuser stecken in diesem Dilemma am stärksten und noch viel zu stark ist das Autohausmarketing zu sehr auf Print- und Lokalmedien fixiert. Eine Online-Strategie lässt sich daher vortrefflich und vor allem kostengünstig mit einem Corporate Blog starten.

Interessant fand ich, dass ich in meiner Session quasi nahtlos in die obigen Sessions von Marcus und Thorsten verweisen konnte. Das ist dann echtes Barcamping, wenn sich Meinungen und Inhalte irgendwo kreuzen und noch greifbarer werden.

Fazit: Phantastisch!

Auf die abschließende Frage von Claudia Weiler, ob das CarCamp gelungen war, gab es durchweg nur eine Antwort: Ja. Die Mischung hat es in allen Bereichen ausgemacht: Traditionelle Sponsoren und Organisatoren probieren sich erfolgreich mit einer Unkonferenz, viele Teilnehmer hatten noch nie ein Barcamp besucht und landeten (meiner Meinung nach) weich in der Materie, von der man nur profitieren kann und der Inhalt dieses sehr speziell im Autohausmarketing positionierten Barcamps war hochkarätig und vor allem wie von magischer Hand gesteuert session-übergreifend stimmig. So muss es laufen.

Leider hatte ich keine Zeit, an eine der zwei Unternehmensführungen durch die Fuchs Schmierstoffe GmbH teilzunehmen. Aber auch das fand ich sehr wegweisend: Der Hauptsponsor legt nicht einfach nur die üblichen Prospekte aus, sondern zeigt sein Unternehmen einfach mal und zwar sehr direkt und sehr authentisch.