Bundesjugendspiele – entscheidend ist, was man daraus macht.

Auch ich musste, so wie jeder Schüler in Deutschland, regelmäßig an Bundesjugendspielen teilnehmen. Ich bin ja nun die personifizierte Unsportlichkeit, Sportunterricht war für mich ein reines Unterhaltungsfach ohne jegliche Relevanz und damit auch die Bundesjugendspiele. Nicht eine Sieger- oder Ehrenurkunde habe ich jemals nach Hause getragen und gestört hat mich das eigentlich nur in der 1. Klasse, weil ich da neben zwei Mitschülern, die krankheitsbedingt nicht dabeisein konnten, der einzige war, der keine Urkunde bekam.

Es ging mir, so wie ich das einfach mal zusammenfassen möchte, schlicht am Allerwertesten vorbei. Eine langweilige, vorgedruckte Urkunde, auf der nichtssagende Punkte ein sehr gewagtes Bild von Sportlichkeit transportieren sollten. Freilich haben die Bundesjugendspiele hinter den Kulissen den Sinn, besonders sportliche Kinder statistisch im Schüler-Pool zu finden, anzusprechen und vielleicht in eine sinnvolle Sportförderung zu überführen. Kann einem vielleicht sogar Spaß machen.

Ich habe für meinen Teil schon in der Grundschule gemerkt, dass Sport nicht mein Ding ist und dass in den Bundesjugendspielen für mich nichts zu holen gibt. Besonders tief angekratzt hat das mein Selbstbewusstsein nicht. Klar, man konnte vor dem Tag tatsächlich etwas Bammel haben, weil es genügend Chancen für peinliche Szenen gibt, aber ganz ehrlich: Peinliche Szenen gibt es in der Schulzeit genügend und jeder Schüler hat es in der Hand, damit klarzukommen, natürlich immer im Zusammenspiel mit der Erziehung zu Hause, der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, dem Umgang mit Erfolg und Niederlage und blablabla.

Aber Bundesjugendspiele verbieten? Warum denn? Einer meiner schönsten Erlebnisse im Zusammenhang mit Sport hatte ich ausgerechnet mit Bundesjugendspielen.

Denn tatsächlich konnte ich einmal krankheitsbedingt nicht teilnehmen, worüber ich mich naheliegenderweise auch nicht sonderlich beklagte. Jetzt hätte ich zu Hause bleiben oder in der Schule stinklangweiligen Ersatzunterricht genießen können. Auf beides hatte ich keine Lust, so bin ich also mitgegangen auf die Bundesjugendspiele und habe mich bei den einzelnen Sportstätten freiwillig als Zeugwart meiner Kameraden dinglich gemacht, weil nun eben alle meine Kameraden ihren Krempel irgendwohin legen mussten. Irgendwann habe ich dann angefangen, meine Kameraden anzufeuern und am Ende des Tages war es dann doch irgendwie ein ganz lustiger Tag.

Eine Woche später bei der Urkundenausgabe, ich hatte ja logischerweise nichts zu erwarten, bekam ich dann aber doch etwas, nämlich eine Urkunde meines Sportlehrers für den „sozialen Einsatz“, verbunden mit – halten wir es bitte deutlich fest, weil es das noch nie gab in Besims Sportunterrichtkarriere: In Abstimmung mit der Schulleitung eine Sondernote 1 und den Hinweis meines Sportlehrers an die Klasse, dass nicht wenige Punkte erst dadurch zustandegekommen sind, weil sich der kleine, dicke Besim am Spielfeldrand bei wirklich jedem Lauf, Sprung oder Wurf der Klassenkameraden die Lungen aus dem Leib geschrien hat.

Schule ist, sagen wir es deutlich, Strebertum, Anpassung und Vergleich vom ersten bis zum letzten Tag. Das hat nichtindividuelle Beschulung in einem großen System so an sich, sonst hätten wir auch keine Noten. Darüber kann man jetzt streiten, bis das Jahr rum ist. Es gilt aber auch: Schule ist immer das, was man als Schüler daraus macht. Wenn man merkt, dass einem ein Fach überhaupt nicht geradekommen kann, schaut man zu, dass man es irgendwie gerade mal gehüpft bekommt wie ein Sprintspezialist bei der Bergetappe. Dann gibt es in Sport eben keine Eins im Zeugnis, sondern eine Dauer-Vier. Und wenn die Bundesjugendspiele tatsächlich dazu dienen sollen, besondere Begabungen bei Einzelnen zu fördern, dann soll es meinetwegen so sein. Zwischen dem Peinlichkeitsempfinden von Schülern und von Erwachsenen gibt es bei der Betrachtung solcher Veranstaltungen so dermaßen viele Unterschiede, dass man sich mal eher darüber unterhalten sollte, was für erbärmlicher Fraß an vielen Schulen mittags auf den Tisch kommt und wie erschreckend wenig Geld uns das wert ist.

Alternative Währungen am Beispiel von Panini-Stickern.

Das Thema Bitcoin hat als alternative Währung ja vor einigen Tagen ziemliche Wellen geschlagen. Während nur einige wenige Medien sich die Mühen gemacht habe, einmal die Idee des Bitcoins näher zu beleuchten, hat sich der Mainstream der Massenmedien sich darauf beschränkt, einschlägige Pressemitteilungen von Verbänden abzudrucken, die vor dem Bitcoin warnen und so ziemlich alles Böse dieser Erde sicherheitshalber damit in Verbindung bringen, um die Bevölkerung davon abzuschrecken – als ob der Euro eine bombensichere Währung wäre und der US-Dollar nur zu redlichen Tauschgeschäften genutzt würde. Dabei zieht genau das Hauptargument, dass es nun einmal nur eine allgemein akzeptierte Währung geben kann, völliger Nonsens. Wir sind umgeben von zig alternativen Währungen. Manpower, Eier, die sich die Nachbarin zum Kuchenbacken ausleihen möchte, der Autoschlüssel. Und so weiter.

Ein sehr anschauliches Beispiel für alternative Währungen mit all ihren Vor- und Nachteilen ist ausgerechnet eine, mit der praktisch alle Kinder in Kontakt kommen und sehr schnell die Thematik von Geld lernen, ohne wirklich zu verstehen: Die Panini-Sticker, bevorzugt vor Fußballweltmeisterschaften. Und bevor man jetzt darüber lächelt, lohnt sich eine nähere Betrachtung, denn es ist faszinierend.

Nehmen wir als Beispiel das aktuelle Panini-Sammelalbum zur diesjährigen Fußballweltmeisterschaft der Frauen: Das (leere) Sammelalbum kostet günstige (und vermutlich hochsubventionierte) 2 Euro, üblicherweise gibt es das leere Sammelalbum aber bei vielen Verkaufsstellen kostenlos. Platz gibt es darin für 336 Sticker, davon 24 „Glanz-Sticker“, die immer den Ruf hatten, besonders selten zu sein, was sie aber nicht waren. Sie sahen nur besonders aus und erweckten den Eindruck des Seltenen.

Die eigentliche Währung sind also die Sticker. Der Hauptweg dieser Währung ist der Tausch von echtem Geld gegen Stickertütchen. Die kosten einzeln 60 Cent und beinhalten 5 Sticker. Rein theoretisch würde also das vollgeklebte Album also kosten:

  1. Ein Album zu 2 Euro.
  2. 60 Cent geteilt durch fünf mal 336, also 40,32 Euro.

Knapp 43 Euro und das Album ist bezahlt, wenn man das unwahrscheinliche Glück hätte, beim Kauf von 68 Tütchen nur vier Dubletten zu haben. Hat niemand. Also gibt es hier nun mehrere Wege, aus diesem Dilemma zu kommen:

  • So lange Stickertütchen kaufen, bis das Album voll ist.
  • Vorhandene Dubletten an Stickern mit anderen Nutzern gegen noch fehlende Sticker tauschen.

Hier kommt nun Statistik ins Spiel, die man leider nicht sonderlich gut berechnen kann. Das liegt vor allem daran, dass Panini zwar behauptet, dass keine der 336 Sticker weniger oder mehr gedruckt wird, aber der Kollege Zufall bringt hier schon genügend Chaos (im besten Sinne) in den Markt.

Und plötzlich sind die Sticker nicht einfach mehr nur einseitig mit Klebstoff versehenes Papier, sondern eine echte Alternativwährung, die alle wichtigen Eigenschaften einer Währung mitbringen:

  • Sie hat eine feste Koppelung an echtes Geld, nämlich der Preis für ein Tütchen Sticker.
  • Sie ist eine multinationale Währung, denn die Panini-Sammelalben gibt es in vielen Ländern gleichzeitig.
  • Sie ist fälschungssicher und Fälschungen sind sehr einfach erkennbar und würden zudem auch nicht akzeptiert.
  • Sie entwertet sich gleichmäßig, in dem Sticker in Sammelalben geklebt werden.
  • Sie hat ein fest definiertes Ende, nämlich das Ende der Veranstaltung, also z.B. der Fußballweltmeisterschaft. Danach gibt es keine neuen Sticker mehr und der Tauschmarkt bricht mangels Interesse schlagartig zusammen.

Und dann geht es los.

Der klassische Sammler

Der klassische Sammler ist der echte Endkunde, der ein Sammelalbum hat und mit möglichst wenig Geldeinsatz das Album vollbekommen möchte. Mit dem theoretischen Minimaleinsatz von 42,32 Euro wird vor dem Ende der Sticker-Saison wohl keiner auskommen, zu erwarten ist bei halbwegs geschicktem Tauschen mindestens der doppelte bis dreifache Einsatz – mit 80 bis 120 Euro wird man wohl rechnen müssen.

Die charakteristische Eigenschaft des klassischen Sammlers ist aber, dass er mehr oder weniger nur sein Sammelalbum vollbekommen möchte, koste es weitgehend, was es wolle.

Der Banker

Der Banker in der Sammelstickermarktwirtschaft gehört zu den ganz gewitzten Zeitgenossen. Die Banker gliedern sich in zwei Gruppen auf: Die eine Gruppe sind ehemalige Sammler, die ihr Album voll haben, nun noch auf einem Berg Sticker sitzen und die irgendwie noch losbekommen wollen. Die andere Gruppe der Banker sind die ganz Harten, die sich darauf spezialisiert haben, mit Stickern zu handeln und gar kein eigenes Sammelalbum bestücken wollen. Die Banker kennzeichnet, dass sie keine Konsumenten sind, sondern Händler.

Und da wird die Sticker-Welt plötzlich zu einer richtig harten Währung und lässt sogar richtige Schlitzohren an Händler entstehen, die sehr genau den Bedarf ihrer Kunden detektieren und daraus maximalen Profit herausschlagen können. Im redlichsten Fall sind das dann Kunden, die für einen gesuchten Aufkleber gleich eine ganze Reihe von anderen Stickern eintauschen sollen oder es wird gleich Geld bzw. eine andere Ware fällig. Zu meiner Schulzeit war es beispielsweise gern gesehen, für eine Reihe von Stickern ein Brötchen beim Schulbäcker springen zu lassen. Zehn Sticker für ein Brötchen (40 Pfennige) waren eigentlich ein echtes Schnäppchen. Moralisch sicherlich sehr fragwürdig, aber hier haben eben Sticker den Rang einer alternativen Währung und keiner der damals Beteiligten hätte daran irgendetwas unredliches gefunden.