Liveberichterstattung aus der letzten Reihe.

Die aktuellen Entwicklungen in Libyen sind eigentlich ein dankbares Geschäft für jeden Nachrichtensender. Selten kündigt sich ein Regimewechsel so gut eingeleitet an und praktisch jeder Fernsehsender, der über mindestens einen Korrespondenten verfügt, hätte es sich sehr bequem machen können, in dem er einfach in Libyen irgendwo herumsitzt, auf die spannenden Tage wartet und sich dann einfach live ins Fernsehen schaltet.

Wenn die Nachrichten auf dem Silbertablett daherkommen, muss man sie eigentlich nehmen und senden. Das gilt, wie ich schon mal vor einigen Wochen schrieb, nicht für deutsches Fernsehen. Während Al Jazeera schon ab Sonntagnachmittag sein geplantes Programm kurzfristig abänderte und sich auf eine „Libyen-Nacht“ vorbereitete und sich CNN zumindest am späten Abend auch noch etwas lustlos dazugesellte, passierte auf deutschen Kanälen – nichts. ARD und ZDF beschränkten sich auf Berichte in den Spätnachrichtensendungen, für die so genannten Nachrichtensender N24 der ProSiebenSat1-Gruppe und n-tv der RTL-Gruppe gibt es inzwischen keine Nachrichten mehr, die man in die Lücken der immer gleichen Dokus von Hitlers Bomben, Flugzeugträgern, Schwertransporten, Notaufnahmen etc. bringen könnte.

Wir haben gestern wieder einmal gesehen, wie das deutsche Fernsehen kapituliert hat vor aktuellen Nachrichten. Egal, ob das schwer finanzierte öffentlich-rechtliche Fernsehen oder die Riege der Privatsender.

Al Jazeera hingehen hat seine Berichterstattung aus London koordiniert und es auf brillante Weise geschafft, die ganze Nacht hindurch eine sagenhafte Berichterstattung mit ständigen Liveschaltungen zu Korrespondenten vor Ort in Bengasi und Tripolis auf die Beine zu stellen, inklusive den regelmäßigen Einblendungen der mehr als skurrilen Audiobotschaften Muammar Gaddafis und einer Simultanübersetzung. Und das alles per Satellit und Webstream, der nicht ein einziges Mal wackelte, obwohl der Stream bei so einer Nachrichtenlage vermutlich extrem stark frequentiert sein dürfte.

Al Jazeera ist, das kann man wohl nun bedenkenlos sagen, das neue CNN. Sicherlich, das Nachrichtengeschäft ist ein hochsubventioniertes Geschäft und wir wissen auch, dass zu den größten Finanziers von Al Jazeera der Emir von Katar gehört. Es gibt jedoch relativ wenig Raum für Befürchtungen, dass die derzeitige Berichterstattung von Al Jazeera nicht objektiv sein könnte. Sie machen schlicht einen verdammt guten Job da draußen in der Peripherie.

Zumindest so gut, dass es für das ZDF für eine Art Twitter-Nachrichtenberichterstattung reichte, die die gesamte Jämmerlichkeit deutscher Nachrichtenkultur eklatant vor Augen führte. Denn wenn nachts keiner da ist, der Nachrichten recherchieren könnte, beginnt jeder gefühlte dritte Tweet eben mit „Laut Al Jazeera“. Und dann erlaubt man sich auch noch grobe journalistische Schnitzer, die man so eigentlich von lauwarm geschriebenen Lokalblättern kennt. Ein Beispiel.

Mit dem Zweiten …

Kurz nach Mitternacht berichtete Al Jazeera, dass zwei Flugzeuge aus Südafrika am Flughafen in Tripolis stünden. Der Moderator legte aus dem Off allerdings großen Wert auf die Feststellung, dass dies ein noch unbestätigtes Gerücht sei und man sich um eine Bestätigung des Gerüchtes kümmere. Das wurde dann einige Minuten, zwei Liveschaltungen und gar ein Livetelefonat mit einem Korrespondenten in Südafrika später so korrigiert, dass dieses Gerücht schon seit Tagen kursiere, es aber nicht von der südafrikanischen Regierung bestätigt wird. Faktisch sind die besagten zwei Flugzeuge aus Südafrika eine nicht bestätigte Nachricht.

Was macht das ZDF um kurz nach Mitternacht, noch vor der Bestätigung vom südafrikanischen Korrespondenten, daraus? Eine fröhliche Twitter-Märchenstunde, so gesendet an die immerhin 55.000 Follower:

Da ich auch Al Jazeera schaute, habe ich gleich einen Einwand getippt, der aber, wie zu erwarten war, ohne Reaktion blieb:

Der Twitter-Benutzer „kabukai“, von dem „ZDFonline“ das Zitat entnommen hat, ist seines Zeichens nach „Redakteur bei @ZDFonline heute.de“, „schreibt hier privat @ ein news-notizblogger in diesem, unserem Internet“ und hat hoffentlich einen echten Vornamen, denn auf seinem Twitterstream ist davon nichts zu sehen. Ebenso ist weder bei der Äußerung von „ZDFonline“, noch von „kabukai“ wirklich erkennbar, wie es denn zu dieser Nachricht gekommen ist: Sitzen die im Sendezentrum an den Tickern und haben mit Al Jazeera telefoniert oder schauen die nachts vom heimischen Sofa aus Al Jazeera und tippseln etwas die Nachrichten anderer Leute in den Twitter-Stream des größten deutschen Fernsehsenders?

Mit einem Tweet gleich vier journalistische Grundsätze zu verletzen, muss man auch erst einmal schaffen, liebes ZDF. Das habt ihr mir, als ich einmal in euren Diensten stand, einst so beigebracht:

  • Wir sorgen für Transparenz bei der Beschaffung von Nachrichten und bestätigenden Informationen.
  • Wir übernehmen nicht einfach unreflektiert Nachrichten, die andere Sender berichten.
  • Wir kennzeichnen unbestätigte Nachrichten als eben solche.
  • Wir korrigieren die Nachrichtenlage, wenn wir sie vorher fehlerhaft berichtet haben.

Alles nicht nachprüfbar und nachvollziehbar und eigentlich ein katastrophaler Tiefschlag gegen die eigentlich vorhandene Nachrichtenkompetenz des ZDF.

Zeitunfall auf N24.

Da lief doch tatsächlich am 5. Mai im so genannten Nachrichtensender N24 in der damals laufenden Berichterstattung über die Tötung von Osama Bin Laden ein denkwürdige Geschichte ab. Moderator Mike Locher wollte offenbar in seiner Hintergrundberichterstattung über die Navy Seals sprechen und ließ das Signet der Truppe auf die Großbildleinwand einblenden. Nur dumm, dass es nicht das Signet der Navy Seals war:

Das „Maquis Special Operations Seals Team VI“ hat zwar ein relativ ähnliches Signet, ist aber zur Gänze eine fiktive Truppe – aus der Fernsehserie Star Trek Voyager. Hätte, so stelle ich mir das sehr bildlich vor, der arme Praktikant, der mal eben im Internet nach einem passenden Signet suchen musste, eine Ahnung von Star Trek, wäre ihm der Phaser aufgefallen, auf dem der Adler im obigen Bildteil steht, und die drei Bat’leths, die im unteren Teil um den Totenkopf angeordnet sind.

Immerhin, so das Magazin Stern, nimmt man bei N24 den Vorfall angeblich mit Humor. Bei dem nachrichtensenderähnlichen Himmelfahrtskommando, das N24 und auch der RTL-Ableger n-tv in meinen Augen N24 darstellen, vermutlich das einzig wirklich sinnvolle. Don’t call it news – it’s a desaster.

Stell’ dir vor, es ist Revolution …

… und keiner berichtet darüber. Auch am Tag 5 der Unruhen in Ägypten tut sich in den deutschen Medien immer noch kaum etwas. Nehmen wir doch mal den gestrigen Samstag:

  • ARD: Nichts, außer die üblichen Nachrichten, immerhin mit großen Berichtsstrecken.
  • ZDF: Übliche Nachrichten, um 18:35 Uhr immerhin ein „ZDF-Spezial“, 25 Minuten lang.
  • Phoenix: Übernommene Tagesschau um 20 Uhr, eine Hintergrunddokumentation zu Hosni Mubarak um 13 Uhr, 30 Minuten lang.
  • N24: Nichts, außer den stündlichen, fünfminütigen (!) Nachrichten, dafür aber um 21 Uhr eine Dokumentation des Wüstenfuchses Erwin Rommel. Immerhin schon mal etwas Nordafrika.
  • n-tv: Nichts, außer den stündlichen Nachrichten. Um 18 Uhr immerhin eine halbe Stunde, um 20 Uhr zehn Minuten, ansonsten 5 Minuten.
  • Sat 1, Pro Sieben, alle RTL-Programme: Nichts, außer den normalen Nachrichten in bekannt dürftiger Qualität.

Defacto ist bei den deutschen „Nachrichtensendern“ N24 und n-tv Ägypten kein Thema, das offensichtlich eine außerplanmäßige Berichterstattung gerechtfertigen würde. Dabei dürfte übernehmbares Bildmaterial von Agenturen, das man verarbeiten könnte, in vermutlich dreistelliger Stundenzahl vorliegen.

Zum Vergleich:

  • Al-Jazeera English: Rund um die Uhr Liveberichterstattung, das normale Programm weitgehend zurückgestellt.
  • CNN International: Weitgehend rund um die Uhr Liveberichterstattung, ergänzt mit Hintergrundberichten und -diskussionen. Auch hier ist das normale Programm weitgehend zurückgestellt.
  • CNN USA: Die Hälfte des Programmes für Liveberichterstattung und Hintergrundinformationen aus Ägypten.

Selbst so Sender wie BBC World, France 24 English oder das japanische NHK World (über Astra empfangbar), die keine Nachrichtensender sind, sondern nur internationale Fenster von nationalen Sendern, machen allesamt eine weit größere und dichtere Berichterstattung, als alle deutsche Fernsehsender zusammen.

Online? Das Nachschauen bereitet noch viel mehr Schmerzen: Bei N24 und n-tv gibt es immerhin Artikel, die jedoch aufgrund der völlig unübersichtlichen und lieblos präsentierten Seiten in etwa den gleichen Informationsrang haben, wie die Berichterstattung aus dem Dschungelcamp, das bei beiden Websites ebenfalls eine Seite-1-Nachricht ist, selbst heute noch, am Sonntag. SPIEGEL Online und die Süddeutsche geben sich wenigstens Mühe mit einer Liveberichterstattung in Tickerform, ebenso die ARD unter tagesschau.de und das ZDF auf seiner Website. Die Welt versucht sich ebenfalls mit einem deutlich schlampigeren (und sicherheitshalber nicht mit Zeitstempeln versehenen) Liveticker und hält einsam das Fähnchen beim Axel-Springer-Verlag hoch.

Das Problem: Keine Informationsstrukturen vor Ort

Vor-Ort-Berichterstattung kann man in verschiedenen Qualitäten haben:

  • Einen eigenen Korrespondenten mit eigenen Produktionskapazitäten. Das macht Al-Jazeera und CNN, aber auch ARD und ZDF. Eigene Leute, eigene Technik, eigene Journalisten.
  • Einen freien Journalisten vor Ort, von dem gelegentlich Material gekauft wird. Funktioniert im Normalfall ganz gut, im Ernstfall dann schon weniger und wenn der freie Journalist wiederum vor Ort auf Fremdkapazitäten in Sachen Bild und Übertragung angewiesen ist, auch gern mal gar nicht.
  • Niemanden vor Ort. Bildmaterial wird zugekauft, die Berichterstattung erfolgt zu Hause unter Zuhilfenahme von Agenturmaterial. Manchmal hilft auch das Glück im Unglück, wenn ein Mitarbeiter des Hauses zufälligerweise im Krisengebiet Urlaub macht und seine eigenen Eindrücke per Telefon nach Hause telefonieren kann.

Wenn man sich anschaut, wie die Berichterstattung von CNN und Al-Jazeera funktioniert, wird einiges deutlich. CNN hat vor Ort Korrespondenten, die, wie bei CNN üblich, unter abenteuerlichen Umständen aus dem Hotel senden. Garniert wird das entweder mit eigenen Bildern vom Hotel aus oder es wird kurzerhand Bildmaterial von anderen Sendern übernommen und mit eigener Berichterstattung untermalt.

Die US-Produktionsideologie arbeitet zudem mit dem Paradigma eines Producers: Der Korrespondent vor der Kamera ist nicht der Chef der Mission, sondern ein eigener Producer, der auch die Fäden in der Hand hält. Der Producer entscheidet, welches Material gesendet wird und was der Korrespondent wo und wann berichtet. Und er hat darüber hinaus die Zeit, eigene Informationen von externen Informanten zu sammeln, auszuwerten und in die Berichterstattung einzubinden.

Kauft sich ein Sender im Spargang einen einfachen, freien Journalisten vor Ort, dann ist das in Krisenzeiten sowieso ein eher hoffnungsloses Unterfangen und leidet dann spätestens in hektischen Zeiten darunter, dass der einfache Journalist eben während dem Stehen vor der Kamera nicht gleichzeitig eine Recherche machen oder sich gar um ein Informantennetzwerk kümmern kann. Sprich: Es geht nur etwas, wenn man vorgesorgt hat als Sender und beizeiten schon Geld in einen Korrespondenten investiert, der vor Ort Informationsstrukturen hat.

Welche Sender sich welche Nachrichtenqualität gönnen? Einfach auch am Tag 5 in den Fernseher schauen und erleben bzw. nicht erleben.

Deutschland in der Nachrichtenwüste.

Seit dem ich selbstständig bin, erlaube ich es mir, auch am Tage mal mit dem Notebook vor die Glotze zu flitzen und nebenher fernzusehen. Als jemand, der einmal beim Fernsehen gearbeitet hat, bin ich für fiktionales „TV-Vergnügen“ zwar kaum mehr zu haben, es bleibt also quasi nur noch Nachrichtenfernsehen.

Nachrichtenfernsehen und unsere „Nachrichteneliten“

Dass wir in Sachen Nachrichtenfernsehen als Industrienation tatsächlich in der Diaspora leben, ist mir da erst letzten Sommer richtig bewusst geworden. Die beiden deutschsprachigen Platzhirsche n-tv und N24 sind nach spätestens einer halben Stunde nicht mehr zu ertragen, was einen einfachen Grund hat: Sie werden jeweils von TV-Imperien produziert, die ihr Geld vor allem mit Unterhaltungsdünnschiss verdienen – n-tv von der RTL-Gruppe, N24 von ProSiebenSat1.

Das Format beider „Nachrichtensender“ ist dabei herzlich einfach: Ein Nachrichtenblock zur vollen Stunde, tagsüber auch zur halben Stunde. An Werktagen zudem täglich Informationsblöcke zur Frankfurter Börse, bei besonderen Events dann alles garniert mit höchst seltenen Live-Schaltungen. Der Rest des Tages wird mit meist aus den USA zugekauftem Dokumentationsmüll zugekleistert, der vor allem eines ist: Einfach produziert und billig in der Anschaffung. Ansatzweise gut informiert ist man weder bei n-tv, noch bei N24. Übrigens auch in keinem anderen Programm aus dem RTLProSiebenSat1-Konglomerat, was mir vor einigen Wochen mit Schrecken auffiel, als ich mir die „Pro Sieben Nachrichten“ mit der unsäglichen Christiane Gerbot antat, die tatsächlich als soetwas wie eine „Nachrichten-Queen“ gehandelt wird. Sicher: Gebissprobleme und Sprachfehler sind bedauerlich und oft kann man auch nichts dafür – allerdings kann man, wenn man auf halbwegs professionellem Niveau Nachrichten lesen will, sich zumindest mal darum medizinisch kümmern lassen. Gelispelte und genuschelte Nachrichten, zusammen mit einem unglaublich schlecht aussehenden Gebiss sind nicht wirklich vertrauensbildend, wenn es um Nachrichten geht.

Es ist übrigens eine Mär, zu glauben, mit Nachrichten im Fernsehen könnte man kein Geld verdienen. Man kann das durchaus, allerdings auf fundamental andere Weisen, als herkömmliches Fernsehen. Während beim herkömmlichen Fernsehprogramm die Buchung der meisten Werbeblöcke Tage und Wochen im voraus passiert, ist es bei Nachrichtenkanäle meist genau andersherum. Für Magazine und geplante Programmbestandteile gibt es Werbeblöcke, hier ist Nachrichtenfernsehen aber eher eine Spartenanwendung und die Preise für Werbeplätze eher günstig.

Die wirklich spannende Zeit für Nachrichtensender kommt immer dann, wenn es zu „Breaking News“ kommt, also aktuelle Geschehnisse auftreten. Professionelle Nachrichtensender wie CNN, Al-Jazeera & Co. haben ihre Kompetenz vor allem hier: Extrem kurzfristige Programmplanung in Ernstfällen, Definition von Werbeblöcken und wiederum extrem schnelle Vermarktung dieser Werbeplätze bis hin in Minutenbereiche. Tatsächlich läuft da in Breaking-News-Zeiten bei einem echten Nachrichtensender eine ganze Maschinerie von grundverschiedenen Abteilungen Hand in Hand:

  • Nachrichtenbeschaffung vor Ort
  • Technik zum Übertragen der Nachrichten zum Nachrichtensender
  • Backoffice zur Nachrichtenaufbereitung
  • Das Fahren des eigentlichen Nachrichtenprogramms
  • Vermarktung der Werbeblöcke
  • Zweitverwertung des produzierten Nachrichtenmaterials bei anderen Sendern

Alles Punkte, bei denen man herzlich lachen kann, wenn man sich unsere „Nachrichteneliten“ n-tv und N24 anschaut. Nachrichtensender gibt es in Deutschland nicht.

Warum kein öffentlich-rechtlicher Auftrag in Sachen Nachrichtensender?

Das ist eine Frage, die sich mir an dieser Stelle entsetzt stellt, während ich die Nachrichtenlage aus Ägypten tatsächlich aus dem Internet, aus CNN, aus Al-Jazeera und aus dem Radio (!) verfolgen muss. Die „Nachrichteneliten“ n-tv und N24 begnügen sich mit Billigdokus aus der Konserve über Sprengmeister respektive über den Spezialtransport eines Brückenteils. Man kann getrost sagen: n-tv und N24 üben sich verzweifelt darin, die Nachrichtenlage vorüberziehen zu lassen, weil sie vermutlich keinerlei Produktionsressourcen in Ägypten stehen haben und – das ist eine unbelegte Vermutung – auch kein Interesse haben dürften, eigene Nachrichten dort zu produzieren. Das würde nämlich Geld kosten und das muss man in der Logik des Nachrichtenfernsehens mit einem Korrespondentennetz bzw. mit kurzfristig verschobenen Produktionskapazitäten zunächst einmal vorstrecken. Faktisch gesehen sind wir im deutschen Fernsehen außerhalb der öffentlich-rechtlich produzierten Nachrichten nicht einfach nur schlecht informiert – wir sind es praktisch gar nicht.

Dass ARD & ZDF durchaus ein großes Interesse daran haben, einen eigenen Nachrichtenkanal aufzubauen und zu betreiben, ist nicht neu. Die Light-Version gibt es schon seit vielen Jahren und nennt sich Phoenix. Schon der Untertitel „Ereignisfernsehen“ sagt sehr genau das aus, denn die implizierten Ereignisse sind eben aktuelle Geschehnisse, meist innerhalb Deutschlands, von denen Phoenix dann direkt sendet, unter Zuhilfenahme der Produktionskapazitäten von ARD und ZDF. Darüber kann man streiten, muss aber nicht, denn ARD und ZDF haben sowohl die Produktionskapazitäten und Korrespondentennetzwerke in Deutschland, als auch in der Welt. Und beide Sender sind etabliert und weltweit Autoritäten im Fernsehbereich.

Wem das natürlich alles nicht gefällt, ist eben dem RTLProSiebenSat1-Konglomerat, dass natürlich nicht wirklich daran interessiert ist, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen ihnen das Wasser abgräbt, selbst nicht das klägliche und brackige Wasser, dass sie im Nachrichtenbereich äußerst sparsam selbst produzieren. Aus diesem Grund sorgt eine ganze Heerschar von Lobbyisten dafür, allen Politikern gebetsmühlenartig ständig darüber zu informieren, wie schädlich es doch für das Privatfernsehen wäre, wenn ARD & ZDF einen eigenen Nachrichtensender aufziehen würden, der zu einem Teil oder gänzlich aus Gebührengeldern finanziert wäre. Ja, es kursiert in vielen „Argumentationshilfen“ sogar die krude Argumentation, dass ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender „schädlich für neutrale Nachrichten“ sei. Dann also lieber gar keine Nachrichten, so wie der heute Status Quo.

Meine höchst subjektive Meinung: n-tv und N24 hatten ihre Chance, zu beweisen, dass RTLProSiebenSat1 daran interessiert sein könnte, auch Nachrichtensender zu betreiben, die dem Bedarf an Nachrichten gerecht werden. Das nutzen beide Sender offensichtlich nicht, aus welchen Gründen auch immer. Aus diesem Grund ist nun tatsächlich die Frage zu stellen, wie wir es im deutschen Fernsehen zukünftig mit Nachrichtenfernsehen gestaltet haben wollen und ob man sich nicht endlich einmal näher mit der Idee beschäftigen soll, Phoenix zu einem echten Nachrichtensender aufzuwerten, diesen weiterhin unter der Kontrolle von ARD und ZDF zu belassen und für diesen Sender das Werbeverbot nach 20 Uhr und an Wochenenden aufzuheben. Die deutsche Fernsehlandschaft würde das nicht nur vertragen – sie braucht es dringender als je zuvor.

Das ZDF und die Anti-Killerspiele-Lobby.

Wie man perfekt einer Lobby auf den Leim tritt und Meinungen verkauft, die es so offensichtlich gar nicht gibt, hat heute bilderbuchmäßig das ZDF vorgemacht, bezeichnenderweise das staubtrocken-konservative Landesstudio Baden-Württemberg. Es geht hierbei um die Aktion des „Elternbündnisses gegen Killerspiele“, das sich aus dem Umständen des Amoklaufes in Winnenden gebildet hat und sich, pardon für die Analogie, auf die so genannten „Killerspiele“ eingeschossen hat.

Aus diesem Grund hat dieses „Elternbündnis“ gestern eine recht makabre Aktion auf dem Stuttgarter Schlossplatz veranstaltet. Ein riesiger Container wurde hingestellt und jedes Kind, dass seine „Killerspiele“ in den Container hineinwerfen würde, hätte an einer Verlosung eines Nationaltrikots teilnehmen dürfen.

Da der Samstag nachrichtentechnisch sowieso immer etwas heikel ist, hat man im Landesstudio die Pressemitteilung dankend aufgenommen und zwei Beiträge gemacht, einen Textbeitrag auf heute.de und gar einen 1:42-min-Einspieler für die heute-Sendung (17 Uhr?). Diesen Beitrag kann ich leider nur in der ZDF-Mediathek verlinken, bitte deshalb erst einmal diesen Beitrag anschauen.

Was sich da für Eltern, die sich von so einer Show halbwegs beeindrucken lassen, nach einer guten Nachricht anschauen lässt, ist in Wirklichkeit eine Nullnummer gewesen, wie Bilder zeigen, die von Augenzeugen aus anderen Perspektiven gemacht wurden:

(Nach Angaben des Videografen etwa um 14:30 Uhr aufgenommen.)

Wie man dann Nachrichten eben macht, wenn man eigentlich gar keine Neuigkeiten hat, zeigt dieses Video (man verzeihe dem Videografen hier die Perspektive):

Es sei angemerkt, dass dieser Kameramann offensichtlich möglicherweise nicht derjenige ist, der für das ZDF die Bilder gedreht hat, da das Kind, dass die Spiele in den Container wirft, ein anderes ist, als auf den Bildern, die das ZDF zeigt. Allerdings spielt das hier auch überhaupt keine Rolle.

Fakt ist jedoch: Das ZDF liefert einen unsäglichen, unverhältnismäßig einseitigen und nicht objektiven Beitrag und lässt sich so vor den Karren einer Gruppierung spannen, von der sich selbst Wissenschaftler distanzieren, die sehr vorsichtig mit einigen zentralen Behauptungen des Vereines sind.

„Gag Alert.“

Einem Moderator können selten so schlimme Dinge passieren, wie Lachanfälle:

Was bei dem Moderator im folgenden Moment passiert, ist auch rätselhaft, vermutlich eine Art Reflex:

Man höre beim folgenden Schnipsel mal darauf, warum der Kollege des CBS-Moderators nicht mitmoderieren kann:

Der vermutlich einfach unbezwingbare Evergreen an Moderator, den die folgenden drei Minuten übrigens die Karriere gekostet haben, gibt es ebenfalls in YouTube. Bei dieser niederländischen Talkshow kommt es gar nicht auf die Inhalte an (noch nicht mal, wenn man die Sprache versteht), sondern darauf, wie der Moderator reagiert:

Es geht wohl hier um Behandlungsfehler und der Gesprächspartner mit der hohen Stimme hat bei einer Operation Verletzungen an den Stimmbändern erlitten. Und dann redet er auch noch über sein verpfuschtes Liebesleben…

Sind keine Nachrichten gute Nachrichten?

Es gibt ja in der Web-2.0-Welt durchaus die Verfechter der These, dass Blogging der Journalismus von morgen sei. Diese These beschäftigt mich innerlich mehr oder weniger schon seit Jahren und während ich ganz zu Anfang diese These komplett verneinte, zwischendurch dann schon mal das Gefühl hatte, dass an der These etwas sein könnte, hat sich meine Meinung in den letzten Monaten wieder gewandelt. Nicht, weil das Bloggen selbst nicht journalistischen Ansprüchen genügen würde (das Gegenteil ist der Fall), sondern weil die meisten Blogger eben keine Journalisten sind.

Das beste Beispiel heute ist Rivva.de, das wunderbare Werkzeug von Frank Westphal, das einen Überblick über Schlagzeilen in der Blog- und Online-Welt liefert, in dem es dem Kommentierungs- und Verlinkungsgrad bewertet. Von der Idee her eine tolle Sache, allerdings in der Praxis ein Werkzeug, das schonungslos aufzeigt, dass in den Leitmedien der Blogosphäre Quantität vor Qualität steht. Ein gefühltes Drittel der Blogs, die in Rivva.de als Reaktionen auf einen Artikel erscheinen, erscheinen dort nur aus einem Grund: Weil die Autoren der betreffenden Blogs nichts anderes machen, als Reaktionen auf in Rivva.de erscheinende Artikel zu geben. Damit machen sie natürlich in erster Linie auf ihr Blog aufmerksam, ranken dafür aber die betreffenden Artikel in Rivva.de hoch. Was das jetzt mit Weihnachten zu tun hat? Nun, wenn eben diese ganzen Trittbrettfahrer im Weihnachtsurlaub sind, läuft Rivva.de quasi leer. Und das tut es nämlich gerade.

Gibt es deshalb jetzt gar keine Nachrichten? Ein Blick auf die gängigen Nachrichten-Websites, die unter anderem über ein Ultimatum Israels gegen die Hamas schreiben, über Truppenverschiebungen pakistanischer Militärs an der pakistanisch-indischen Grenze, über den Vorschlag vom  Banken zum Verschieben von Risikopapieren an den Staat und über die Reaktionen zur Weihnachtsansprache des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad an die britische Bevölkerung, spricht dabei eine andere Sprache.

Die viel besungene Schwarmintelligenz hat sicherlich seinen eigene Charme, dessen Wirkung in vielen Spezialfällen noch gar nicht wirklich erforscht sein dürfte. Wenn jedoch die Schwarmintelligenz das Problem hat, dass ein paar schlafende Schwarmteilnehmer dem gesamten Schwarm eine trügerische Ruhe unfreiwillig vorgaukeln können, dann haben wir ein Problem.