Eine Erklärung und ein Plädoyer gegen Fake-Accounts.

Wie nähere ich mich jetzt diesem Thema nur an? Am besten so, wie immer: Ab durch die Mitte.

Meine letzten drei Monate waren relativ „turbulent“ und ironischerweise haben die zwei zentralen Dinge dieser Turbulenzen mit meinem Herzen zu tun. Die eine Turbulenz war die Geschichte mit dem ICD und die andere Turbulenz der Versuch einer Freundschaft, bei der ich letztlich gepflegt und nach allen Regeln der dadaistischen Antikunst ziemlich unschön gegen die Wand gelaufen bin. Kommt in den besten Häusern vor, allerdings sind zwei solcher Turbulenzen in einer Doppelpackung gerade noch so am Rande dessen, was erträglich ist. Selbst bei mir, der eigentlich recht fest mit beiden Beinen im Leben steht. Und was sich hier noch halbwegs witzig anhört, war es nicht wirklich, weder die eine Turbulenz, noch die andere.

Die regelmäßigen Leser meines Twitter-Streams und meiner Facebook-Freunde sind es gewohnt, dass ich über beide Kanäle relativ offen schreibe und selten eine Hand vor den Mund nehme. Es gibt zwar ein paar Themen, die ich auszuklammern versuche (Religionsthemen zum Beispiel), ansonsten kenne ich jedoch als jemand, der sich gern in Gefilden der Ironie, des Sarkasmus und des Zynismus bewegt, kaum geschmackliche Grenzen. Und ja, ab und zu kommen so auch Tweets bzw. Facebook-Meldungen zustande, die aus dem Affekt kommen, quasi direkt aus dem Handgelenk geschossen. Und die in so einem Fall auch nicht durch meinen normalerweise recht guten Kontrollfilter ausgefiltert werden. Absichtlich. Sie kommen zwar (glücklicherweise) sehr selten vor, aber sie kommen vor. Das gehört zu dem, was nun einmal „Besim“ ist.

Ein solch scharf geschossener Tweet, der dann eben auch in meiner Facebook-Timeline landete und den man sicherlich auch ohne den damit verbundenen Hintergrund als geschmacklos bezeichnen könnte, kam am Mittwoch.

Ich erwähne diesen Tweet deshalb, weil er einige Leute verstört hat. Sich verstören zu lassen, ist jedem sein gutes Recht, das ich akzeptiere. Von meinem Kontrollfilter, der den Inhalt des Tweets nicht ausfilterte, sicherlich nicht gut bedacht war der Umstand, dass der besagte Tweet und die Zeit des Verfassens relativ deutliche Rückschlüsse auf den Grund des drastischen Inhalts zuließen. Hätte ich bedenken können, habe ich aber nicht, das Ding kam in den Raum, hat einige Leute, die 1 und 1 zusammengezählt haben, verstört und das Ding ist in diesem Moment dann auch in den Brunnen gefallen.

Dafür entschuldige ich mich nicht, weil es ja auch genau genommen kein Versehen war, sondern absichtlich. Auch eine Rechtfertigung in der Richtung, dass das Schreiben eines Tweets für mich immer noch der bessere Weg ist, eine Frustsituation zu bewältigen, als in der Öffentlichkeit herumzuschreien oder Material zu zerlegen, ist keine Entschuldigung. Wenn ich etwas in die Welt setze, dann ist es da und ich ertrage auch das Echo zu unappetitlicheren Äußerungen.

Meine Haltung dazu ist immer die, dass ich niemanden zwinge, Äußerungen von mir zu lesen und im Zweifelsfall sehr herzlich dazu einlade, meinen Twitter-Stream abzubestellen oder mich in Facebook auszublenden. Damit habe ich absolut keine Probleme. Schwieriger wird es dann schon, wenn Familie oder Kunden solche Meldungen lesen, aber hierzu habe ich die Haltung, dass ich eben einen recht authentischen Ton pflege und großen Wert darauf lege, zwischen Alltagsunterhaltung und förmlichen Gesprächen zu trennen. Das wissen auch die allermeisten Menschen, mit denen ich Kontakt halte.

Gestern hatte ich mit einer Bekannten eine sehr spannende Diskussion, wie man sich solche Rechtfertigungsthemen vom Halse hält bzw. aus persönlichen oder beruflichen Gründen nur inkognito Meldungen mit so einer Brisanzqualität in die Welt setzen kann. Das führt unweigerlich zu dem Thema, ob man einen Fake-Account mit Phantasienamen nutzt, der (hoffentlich) keine Rückschlüsse auf die Person ermöglicht. Das hatte ich in der Vergangenheit auch schon mehrfach überlegt und hatte dann auch sogar mal für eine Weile ein Weblog auf WordPress.com, das den Luxus hatte, dass es niemand las. Und da ist dann auch für mich das zentrale Problem: Mag ich schreiben nur um des Schreibens Willen oder soll das Schreiben auch ankommen, mitunter dann auch in der Kategorie „H-Bombe“?

Ich bevorzuge letzteres. Meine inzwischen fünfzehnjährige Online-Karriere hat zu recht gut funktionierenden, internen Kontrollfiltern geführt, die dafür sorgen, dass meine Äußerungen gern mal direkt sein können, aber seltenst wirklich persönlich verletzend. Das, was gelegentlich an wirklich Bedenklichem herausrutscht, ist im Promillebereich und das kann ich nicht verhindern, ohne mich wirklich komplett ändern zu müssen. Und das werde ich nicht tun, für niemanden. Und weil ich auch mit dem Echo für lautere und dann eben auch verletzende Äußerungen leben muss und das auch kann, gibt es für mich keine Motivation, unter einer Fake-Identität im Internet zu wandeln. Allen Respekt vor Menschen, die das nicht können und inkognito im Internet wandeln wollen oder müssen – aber ich brauche es nicht und mich engt es so ein, dass ich dann eher nichts mehr sagen bzw. schreiben wollte.

Damit will ich keinesfalls einen Ausstieg aus Weblog, Twitter oder Facebook ankündigen oder androhen, sondern um Verständnis darum bitten, dass es auch mal ziemlich deutlich zur Sache gehen kann. Wenn sich jemand dabei angesprochen fühlt oder verletzt wird, dann darf er mir das sagen, gern auch in der inhaltlichen Qualität, wie ich es geschrieben habe.

Von Nichtmögen, sich auf etwas einlassen und es dann vielleicht zu lieben.

Dieser Artikel hier wird in meinem Blog etwas aus dem Rahmen fallen. Das tun zwar, der geneigte Leser kennt das ja schon, nicht gerade wenige Artikel im Blog, aber der hier noch etwas mehr. Es geht nämlich darum, wie man eigentlich weiterkommt. Und wie man eigentlich auf diese Weise nichts anderes tut, als die gesamte Menschheit ein Stückchen weiterzubringen. Gewidmet ist der Artikel einem für mich sehr wichtigen Menschen, Details dazu gehen euch nichts an.

Mein Beispiel hier ist auf den ersten Blick völlig abstrus – es ist nämlich U2. Nicht die U-Bahn-Linie in Berlin oder einer anderen Stadt, sondern die Band. Viele wissen, dass ich U2-Fan bin. Zwar nicht unbedingt so militant, dass ich alle Lieder auswendig wüsste (eigentlich weiß ich nach wie vor gar keines auswendig), aber ich kann mich von U2 und ihren Liedern vortrefflich berühren lassen, in allen Lebenslagen. Aber von vorn:

Eigentlich habe ich U2 sogar mal gehasst. Mir heute völlig unverständlich, aber bis zirka 1994 war U2 für mich eine Rockband von vielen und Rock etwas, was mir zu „unsauber“ daherkam. Ich war eingefleischter Fan von Jean-Michel Jarre und teilweise noch skurrilerer Synthie-Musik und bildete mir ein, sie gut zu finden. Jarre ist immerhin noch ein Vertreter der elektronischen Musik, die ich auch heute noch hören kann, den damaligen Mist, den ich so noch hörte, würde ich heute glatt in sehr schrägen Esoterikabteilungen suchen, wenn ich denn Bedarf danach hätte.

Aber zurück zu U2. U2 zu hassen, war eine sehr einfache Haltung. Etwas zu hassen, was man nicht kennt, ist die einfachste Haltung, die man sich als Mensch geben kann, mit den unterschiedlichsten Hintergedanken. Vielleicht mag man die Musik wirklich nicht, vielleicht stört aber auch einfach, dass die Ex-Freundin U2 besonders mochte oder vielleicht will man einfach nur dagegen sein, um sich keine aktuellen Diskussionen geben zu müssen. Hassen ist immer eine sehr persönliche Geschichte, die viel mit Abwehr zu tun hat. Und zwar vor allem dem Abwehren von anderen Meinungen.

So auch hier: Mit Jochen, einem meiner engsten Freunde, hatte und habe ich jemanden, der durch und durch U2-Enthusiast ist, seitdem ich ihn kenne. Bestens über U2 informiert und Besitzer einer U2-spezifischen Sammlung, die unglaublich gut sortiert ist. (Jochen ist übrigens nicht der oben erwähnte Mensch, dem dieser Artikel gewidmet ist, auch wenn er es eigentlich auch verdient hätte. :-))

Jochen hat sich irgendwann 1994 die Mühe gemacht, nicht einfach auf meine Hasstiraden zu U2 zu reagieren, sondern mich reinhören zu lassen in eine Welt, die ihm viel bedeutet. Einige sehr tiefgehende Lieder mit jeweils einer ganzen Geschichte, fein säuberlich in Ton und Text ausgedengelt und aufgenommen und Jochen ließ mich hören, was ihn bei diesen Liedern bewegte. Und es bewegte mich auch. Manchmal, oder so.

Es entstanden zwei legendäre Cassetten von ihm, mit einer Auswahl von U2-Songs und handgeschriebenen Playlists. Ein Berg voll Arbeit, selbstlos. Noch nicht mal U2 hatte etwas davon und die Cassetten hat Jochen ja auch noch selbst bezahlt. Beide Cassetten liefen bei mir so lange, bis sie nach Jahren kaputtgegangen sind. Ich habe beide Cassetten auch heute noch im Besitz, obwohl sie nicht mehr funktionieren und ich auch gar keinen Cassettenplayer mehr habe. Die dazugehörigen Alben, aus denen die Lieder stammten, die habe ich inzwischen aber alle.

Worauf ich hinaus will: Hassen und Dinge nicht mögen, das ist alles sehr einfach. Sich als „Hasser“ auf eine andere, konträre Meinung einzulassen, schwierig und wenn man nicht das Glück hat, auf jemanden zu treffen, der selbstlos und ohne Vorurteile gegenüber „Hassern“ einem seine eigene Meinung darlegt, fast unmöglich.

Wenn man aber über seinen Schatten springt und sich als „Hasser“ auf eine andere Meinung einlässt, dann erschließen sich möglicherweise Welten, die man bis dato gar nicht kannte und die man heute gar nicht mehr missen mag. Oder gar nicht mehr missen kann. Viele Lieder von U2 sind, wie bei vielen Menschen, fest mit Ereignissen meines Lebens verbunden, weil ich sie damals hörte oder ich einzelne Liedtexte mit ihnen verbinden konnte. Und viele Lieder erzeugen mir heute, fast 20 Jahre, nachdem ich sie zum ersten Mal gehört habe, ausnahmslos immer noch jedes Mal eine Gänsehaut. Zum Beispiel „The First Time“, wenn inmitten von Bonos Gesang das Piano einsetzt und den Gegenpol bildet. Unfassbare, musikalische Magie.

Einschneidende Erlebnisse im Leben leben zum einen von dem, was wir „Schicksal“ nennen (davon haben wir es im diesem Artikel eher nicht). Oder zum anderen davon, sich auf Dinge einzulassen, die einem vielleicht noch kurz davor völlig unmöglich vorkamen. Das selbstgesteuerte Einlassen auf andere Meinungen und damit die Möglichkeit, sich eine andere Meinung bilden zu können, tut vielleicht weh, kostet Mühen und man kann sich dabei bei Leuten, deren Horizont ebenso klein ist, auch lächerlich machen.

Aber wer sich einlässt auf fremde Meinungen, profitiert allein schon von diesem Umstand selbst. Macht sich offener. Findet heraus, dass das Ziel eines Weges nicht unbedingt am Ende das vielleicht gar nicht erreichbare Wirtshaus oder die Sackgasse ist, sondern das Ziel eines Weges möglicherweise auch der Weg selbst ist. Oder die schöne Bank am Wegesrand mit dem tollen Ausblick. Oder ein Wandersmann, mit dem man ein paar Schritte mitgehen darf und der einem eine andere Sicht – vielleicht auch auf den Weg selbst – geben kann.

Wir Menschen sind, nach heutigem Wissen, die einzigen Lebewesen weit und breit, die sich eine eigene Meinung auf Basis von rationalen und emotionalen Vorgängen im Kopf bilden können und dazu braucht es die Notwendigkeit, sich auf andere Meinungen einzulassen. Man muss nichts von diesen Meinungen sofort glauben oder sich sofort dazu äußern – man muss sich nur erst einmal darauf einlassen. Das ist der erste, vielleicht anfänglich schmerzhafte, aber dennoch wichtigste Schritt.

Wer das tut, bringt sich nicht nur selbst Äonen weiter im Leben, sondern macht Wege frei für andere Menschen, um ihnen das auch zu ermöglichen oder findet eine(n) Partner(in), mit dem er/sie glücklich wird. Und unter diesen schon lebenden oder dem vielleicht noch zu gebärenden Menschen wird vielleicht mal einer sein, der eine bis dato unheilbare Krankheit heilt oder den goldenen Weg zur Klimarettung findet, weil er/sie den Kopf für neue Ideen frei hat oder vielleicht auch nur das richtige Lied in der richtigen Situation hört.

Ist es nicht schön, wie einfach es im Grundsatz funktionieren kann? Man muss sich nur den Ruck geben, sich auf andere Meinungen und Menschen einzulassen. Den Rest mit Wohlbefinden und Sympathie macht dann die ausgezeichnete Biochemie unserer Körper.

Lieber Mensch, dem ich diesen Artikel widme: An nichts anderes glaube ich und ich habe gelernt, dass diese Lektion damals für mich und meine Mitmenschen nicht falsch war, sondern sehr wichtig. Hätte ich das nicht gelernt und wäre es für mich nicht einer der wichtigsten Regeln und Maßgaben meines Lebens geworden, hättest du es gar nicht geschafft, für mich zu einem sehr wichtigen Menschen zu werden. So long.