Fiktive Redaktionskonferenz einer Lokalzeitung.

Wir schalten uns mal live in eine fiktive Redaktionskonferenz einer x-beliebigen Lokalzeitung hinein, die gerade dabei ist, die Tageslosung auszugeben. Die einstündige Konferenz ist schon weit fortgeschritten, wir sind in den letzten fünf Minuten, die prinzipiell für die Online-Strategie reserviert ist.

Chefredakteur: „So, Zeitung haben wir durch, was machen wir denn online?“

Online-Chef: „So mal grob überflogen – das übliche. Den Aufmacher des Lokalteiles und des Sports, zweite Nachrichtenschiene mit dem gesamten Inhalt des Presseverteilers der hiesigen Polizei.“

Chefredakteur: „Sehr gut, sehr gut, sehr gut. Ihr wisst ja – weniger ist mehr, das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen. Gibt es einen Kommentar, so für die Interaktivität?“

Online-Chef: „Ja, für den Aufmacher schreibt der Lokalredakteur noch einen Kommentar, wir haben ihm schon eine Seite reserviert und das auch schon auf der Homepage freigeschaltet.“

Lokalredakteur: „Hach, schön, dann steht das ja auch schon im RSS-Feed, beim letzten Mal stand da schon ‚Kommentar von Franz Biebelfratz muss hier hinein!‚, bevor ich den Kommentar fertiggeschrieben habe.“

Online-Chef: „Ja, Franz, dieses RSS-Ding macht ja auch einfach Spaß, besser als gelbe Klebezettel.“

Chefredakteur: „Wie sieht’s aus mit Bildern, Bilderchef?“

Bilderchef: „Für den Aufmacher fährt unser Fotofrontmann vor, der macht eh ein Bild für den Zeitungsartikel. Er bleibt mit dem Finger einfach etwas länger auf dem Auslöser als sonst und den ganzen Verschnitt blasen wir dann hoch.“

Chefredakteur: „Toll, diese moderne Technik. Früher mussten wir noch Filmmaterial kalkulieren und entwickeln, heute kann der Fotomann einfach den Finger auf dem Auslöser lassen.“

Online-Chef: „In Sachen Aktuelles pappen wir überregional den DPA-Ticker ein und schauen mal, was die Blaulichtkameraleute so an Unfällen auflesen und anbieten, das klopfen wir dann heute nachmittag noch rein.“

Chefredakteur: „Und was macht unser Filmteam mit seiner Handycam?“

Online-Chef: „Die gehen später noch raus und sammeln ein paar O-Töne von der Bevölkerung vor der Türe.“

Chefredakteur: „Cool. Zu welchem Thema?“

Online-Chef: „Keine Ahnung, ist aber auch unwichtig, wir können ja die Leute direkt fragen, was sie bewegt, die interessanteste Frage stellen wir dann gleich dem nächsten Passanten und frickeln da dann einen Beitrag bis Feierabend.“

Chefredakteur: „Wahnsinnsleute sind wir! Und was machen wir mit diesem Twitter-Dings und diesem Facebook?“

Online-Chef: „Da machen wir nix, das macht der Kollege Computer, denn das Redaktionssystem hämmert die neuen Artikel automatisch rüber.“

Chefredakteur: „Müssen wir da nicht noch etwas dazuschreiben oder etwas Community machen?“

Online-Chef: „Nein, nein, nicht erforderlich. Wir twittern ja schon in die Zeitung und wenn die Leute reden wollen, dann sollen sie unsere Polizeiticker-Artikel in unserem Forum kommentieren.“

Chefredakteur: „Hm, ist das nicht etwas schlechtgemacht? Die Leute könnten doch glauben, dass alles so furchtbar in unserer Stadt ist, weil wir nur die schlechten Sachen auf der Homepage haben?“

Online-Chef: „Nö, da passiert nichts. Und wenn die Leute in unserem Forum hitziger diskutieren, ist das doch egal, steigert doch unsere Zugriffsraten.“

Chefredakteur: „Sauber! Meinungsmache, wie in alten Zeiten. Los, Leute, gehen wir Meinung machen. Kaffee für alle!“

Der Staat, der sich selbst nicht traut. Eine Glosse.

Ein Brief vom Finanzamt. Genauer: Von der Oberfinanzdirektion Karlsruhe. „Sehr geehrter Herr Karadeniz, “ so das Schreiben, „um eine eindeutige Identifikation zu gewährleisten sowie zur Wahrung des Steuergeheimnisses ist es notwendig, dass der Inhaber des Steuerkontos dem oben genannten Antrag auf Einsichtnahme schriftlich zustimmt.“ Bums. Ah, der Staat möchte also eine Unterschrift auf Papier.

Und das möchte das Finanzamt bzw. die Oberfinanzdirektion deshalb, weil ich in „ElsterOnline“, dem Online-Bereich der deutschen Finanzbehörden, einen Zugang zu meinem Steuerkonto angefordert habe. Übrigens unter Zuhilfenahme meiner Signaturkarte. Für die ich übrigens genau 39 Euro netto im Jahr an die Deutsche Post überweise, die im Gegenzug anhand der einmal getätigen Identifikation zusichert, dass der Besim Karadeniz, der damals die Signaturkarte bestellt hat, auch tatsächlich der Besim Karadeniz ist. Immerhin darf ich nun mit dieser Signaturkarte meine Rechnungen qualifiziert signieren, die erst so gestempelt tatsächlich vorsteuerabzugberechtigt sind. Und mit genau dieser Signaturkarte nutze ich auch ElsterOnline. Sie trauen mir also eigentlich schon. Irgendwie. So ein bisschen jedenfalls.

Die gleiche Signaturkarte akzeptiert auch die Deutsche Rentenversicherung, um damit online das Rentenkonto anzuschauen. Das ist zwar eine völlig unspannende, wenn nicht gar deprimierende Angelegenheit, aber immerhin eine weitere Anwendung, für die die Signaturkarte praktisch ist. Genau genommen gibt es auch keine weiteren mehr, die der Staat anbietet und für die man die elektronische Identität, die in der Signaturkarte liegt, einsetzen könnte.

Der Staat, der sich selbst nicht traut.

Selbst nicht der Bundesnetzagentur, die selbst wiederum den Ausstellern von Signaturkarten traut und die wiederum mir trauen. Schön ausgedacht, im Detail auch wirklich recht komplex, dennoch nachvollziehbar und auch sicher.

Der Staat besteht aber dennoch auf die „echte“ Unterschrift.

Was war heute in Stuttgart? Ah, ein „IT-Gipfel“. Achso, „der IT-Gipfel“. Sogar schon der vierte. Eine Veranstaltung, auf der sich einige schöne Menschen mit vielen weniger schönen Menschen und einigen Politikern fotografieren lassen. Die Kanzlerin ist auch da. Und alle feiern und predigen den „IT-Standort Deutschland“. Alle haben sie leuchtende Plastikkärtchen um den Hals. Eine Plastikkarte habe ich auch.

Der Staat besteht aber dennoch auf die „echte“ Unterschrift.

Und der Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, der freundliche und sympathische alte Mann aus Rheinland-Pfalz, bringt sogar eine ganz dolle Kunde mit und faselt davon, „eine Million neue Jobs“ mit dem Ausbau des Breitband-Internets zu schaffen. Die Deutsche Telekom hat als größter Arbeitgeber in der Telekommunikationsbranche und quasi der einzige Anbieter, der Internet auch in die Peripherie bringt, derzeit, Stand Juni 2009, 260.000 Mitarbeiter. Und hat schon angekündigt, in den nächsten Jahren drastisch sparen zu müssen. Die „eine Million neue Jobs“ von Rainer Brüderle, tja, die rechnen wir uns dann vielleicht schön. Jeder darf mal ein Kabel ziehen und verschwindet für einen Monat von der Arbeitslosenstatistik. Freut sicherlich dann auch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Jeder bekommt dann auch eine leuchtende Plastikkarte um den Hals. Vielleicht sogar aufgedruckt mit seinem Namen und mit einem Foto. Vielleicht mit einer professionellen Jobbezeichnung, die sich auch wie „IT-Gipfel“ anhört. Zack, Arbeit, wie immer die auch aussieht, hier der Vertrag.

Der Staat besteht aber dennoch auf die „echte“ Unterschrift.

Gute Nacht, Deutschland.