Sind wir in Deutschland zu „krimigeil“?

Ich hatte einmal eine recht interessante Diskussion in einer Kneipe am Start, bei der es um das Fernsehprogramm ging. Und zwar im Detail darum, warum US-amerikanische Serien in Deutschland (und nicht nur dort) so gut funktionieren und deutsche Serien so gar nicht – außer Krimis. So Serien wie Derrick, die vor allem dadurch glänzen, dass sie im Prinzip furchtbar langweilig sind und vollkommen ohne Action und und Glamour daherkommen, sind in der Welt überaus begehrt. Und wenn man sich die Physiognomie näher anschaut, bekommt man auch die passende Antwort.

Krimis im Fernsehen – eine Nahbetrachtung des Fernsehprogramms

Der subjektive Eindruck, das Fernsehen sei voll mit Krimiserien und „krimiähnlichen“ Programmen wollte einmal mit verlässlichen Zahlen untermauert werden. Also habe ich mir mal das Fernsehprogramm einer Woche im September (von Samstag bis Freitag) geschnappt und ausgewertet. Und der subjektive Eindruck wird plötzlich sehr objektiv. In den Zahlen eingerechnet sind Polizeiserien wie das „Großstadtrevier“ und als Spezialfall auch die Fahndungssendung „Aktenzeichen XY“:

  • ARD: 5 Stunden, 45 Minuten
  • ZDF: 14 Stunden, 15 Minuten
  • RTL: 1 Stunde
  • Sat 1: 0 Stunden
  • Pro Sieben: 0 Stunden

Tatsächlich ist das ZDF absoluter Krimikanal. Neben den Freitags-, Samstags- und Sonntagskrimis gibt es eine ganze Phalanx an SOKO-Serien im Vorabendprogramm, so dass das ZDF pro Tag durchschnittlich auf über zwei Stunden Kriminalität kommt. Und betrachtet sind hier nur Krimiserien, also keine Spielfilme. Das ist eine ganze Menge Elend.

Warum Krimiserien?

Man sollte nun einmal hinterfragen, warum wir eigentlich so viele Krimiserien am Start haben. Zuerst käme man vielleicht auf die These, dass wir in Deutschland einfach gern Krimis anschauen. Gegenfrage: Tun wir das wirklich? Denn wenn wir allein nur einmal anschauen, dass die oben gezählten 21 Stunden Kriminalität auf gerade einmal drei Programme verteilt sind und von diesen drei Programmen das eine Programm nur 1 Stunde zählt, dann ist das nicht sehr homogen. Noch inhomogener wird das, wenn man berücksichtigt, dass ARD und ZDF in der so genannte „werberelevanten Zielgruppe“ deutlich auf verlorenem Posten steht. Und dazu kommt dann auch noch, dass eine ganze Latte dieser Krimiserien nicht in der Primetime laufen, wie beispielsweise ein Teil der SOKO-Serien und auch „Großstadtrevier“ der ARD, die allesamt im Vorabendprogramm gesendet werden und eher zur seichten Kost gehört.

Vielmehr gehören Krimis zu einer der ersten Unterhaltungsformen des Fernsehens und prägen das Fernsehen von Anfang an. Während in den USA das klassische Crime-TV in den 1970ern sein All-Time-High hatte und seitdem – mit Ausnahmen – auf dem absteigenden Ast ist, ist im deutschen Fernsehen von einem absteigenden Ast kaum etwas zu sehen, zumindest in Sachen Quantität.

Das liegt mitunter an zwei zentralen Eigenschaften von Krimiserien, zählen wir sie mal zu „Fernsehen 1.0“:

  • Vergleichsweise einfach strukturierte Drehbücher
  • Keine aufwendigen Studioproduktionen
  • Keine Spezialeffekte und damit günstige Postproduktion
  • In der Regel streng episodisch abgeschlossene Erzählformen
  • Krimis sind „ernste“, internationale und überparteiliche Kost, ohne die Gefahr, irgendwo größer anzuecken, wenn man es nicht darauf ankommen lässt

Fernsehen im Zeitalter des Multikanals

Das Ende des Fernsehens ist demnächst sicherlich nicht zu erwarten. Sehr wohl aber eine grundlegende Änderung des Sehverhaltens der Fernsehzuschauer. Fernsehen ist immer weniger eine Geschichte, die man jeden Abend einschaltet, um dann x Stunden bis zum Einschlafen darin in ein Programm hineinzuschauen. Es ist schon heute so, dass Fernsehen eine selektive und immer selektiver werdende Geschichte ist. Fiktionale Unterhaltung muss daher extrem professionell daherkommen, um überhaupt als unterhaltend erkannt und akzeptiert zu werden.

Das ist der Grund, weshalb amerikanische Produzenten von hochklassigen Fernsehserien schallend über die Kosten von 1 bis 1,5 Millionen Euro einer mittelmäßigen Tatort-Folge lachen können. Eine aktuelle Folge der Simpsons wird beispielsweise mit 1 Million US-Dollar veranschlagt, wobei zu berücksichtigen ist, dass es Trickfilm ist und die Trickarbeiten in Billiglohnländern produziert werden. Eine Folge „Dr. House“ gibt es, wenn man diversen Quellen glauben darf, gar erst ab 3 Millionen US-Dollar pro Folge und das ist für eine Serie, die quasi komplett in einem Studio produziert wird, nur 45 Minuten dauert und pro Staffel mindestens 20 Folgen aufweist, eine gewaltige Zahl.

Die Budgets allein sind es aber nicht, denn das würde beispielsweise nicht den Erfolg der vielen Sitcoms erklären, die in den USA produziert werden und es hier in Deutschland teilweise noch nicht mal auf die Programmtafeln schaffen. Hier gilt immer noch der Gedanke, dass Sitcoms eigentlich im „ernstne“, deutschen Fernsehen nichts zu tun haben und eher zu Klamauk gezählt werden. Ein grober Kardinalfehler, denn auch wenn Sitcoms oftmals eher unterhaltenden Charakter haben, haben Sie einen großen Vorteil: In ihnen lässt sich das normale Leben (soweit man davon sprechen mag) immer noch am besten verarbeiten.

Ein weiterer Punkt betrifft praktisch die gesamte Unterhaltung: Sie wird nicht von einem Drehbuchautor geschrieben, sondern von einer ganzen Batterie von gleichberechtigten Autoren, in der Regel auch mit mehreren Autoren pro Folge. Das gibt schon allein dadurch, dass mehrere Augenpaare mehr sehen, als nur eines, den großen Vorteil, dass eine Serie deutlich vielfältiger ist, als z.B. 20 Jahre Derrick. In vielen Ländern wird die fast schon maschinell wirkende Konstanz von Derrick hochgelobt und als „typisch deutsch“ eingeschätzt, aber das ist eigentlich kein Vorteil, das ist ein großes Dilemma, das man auflösen müsste.

Neue Formen, Formate, Experimente

Eigentlich mangelt es im deutschen Fernsehbetrieb an nichts: Es gibt eine gut entwickelte öffentlich-rechtliche Senderstruktur, es gibt große Privatsenderketten, es gibt etabliertes Pay-TV und es gibt eine umfangreiche Landschaft von privaten Produktionsgesellschaften, die Auftragsarbeit verrichten können, wenn der Etat stimmt. Man könnte loslegen – wenn man wollte.

Aber will man? Wenn man sich gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehmilieu anschaut, darf man getrost daran zweifeln. Experimentielle Formate finden keinen Platz, bei der ARD zudem keine echte Geduld mit der Intendantenriege. Das ZDF probiert sich wenigstens mit dem Digitalkanal ZDF Neo, hier fehlt es aber meiner Meinung nach am richtigen „Tritt“, auch mal etwas größeres zu produzieren und auszuprobieren. Der Raum dazu wäre da und noch nie gab es wirksamere Möglichkeiten der Begleitberichterstattung, wie im Internet- und Facebook-Zeitalter.

Man müsste wollen. Mut zur Lücke haben. Leuten die Luft zum Experimentieren lassen. Mal das Publikum fragen, was es sehen möchte und vielleicht das Publikum auch einmal mitarbeiten lassen an der Entwicklung eines neuen Formates. Man will nicht. Und versteht nicht, dass auf die „klassische“ Weise das moderne Fernsehen von morgen nicht funktionieren wird.

Eine Analyse des Wetten-dass-Deals aus einer anderen Sicht.

Wie muss man eigentlich den Deal zwischen dem ZDF und Markus Lanz, der nun auch offiziell der nächste Moderator von „Wetten, dass…?“ bewerten? Ob er ein guter oder schlechter Moderator ist, ist kaum bewertbar, gute Moderatoren moderieren alles weg und brauchen in der Regel ein paar Grundbedingungen, um wirklich gut zu sein. Das beste Beispiel ist da Thomas Gottschalk, der in seiner neuen Talkshow nicht wirklich anders moderiert, als früher, aber eben ein paar Dinge fehlen, die ihn bei „Wetten, dass…?“ unverwechselbar machten, an erster Stelle die direkte Interaktion mit dem Studiopublikum, das ironischerweise ja jetzt auch in „Gottschalk live“ wieder eingeführt werden soll.

Nein, Markus Lanz kann man nur unterschätzen, wenn man versucht, ihn aus seiner bisherigen Arbeit als Gute-Nacht-Moderator zu bewerten. Auch wenn er seine Zuschauer gern mal dadurch peinigt, sehr belanglose Fragen an seine Gäste zu stellen: Man kann ihm kaum nachsagen, dass er sich nicht gut vorbereitet und dass er nicht schlagfertig sei. Der Rest ist eine Sache der Vorbereitung und der Selbstdarstellung. Markus Lanz hält sich da, wo er gerade ist, also wird es an beidem nicht mangeln.

Spannender ist das, was hinter den Kulissen passiert. Denn „Wetten, dass…?“ ist nicht ohne Grund einer der letzten großen Unterhaltungsdampfer in deutschen Fernsehen geblieben: Es ist eine der letzten Samstagabend-Unterhaltungsshows, die noch vollständig vom Sender produziert wurden, also vom ZDF. So eine Eigenproduktion bedeutet, dass der Sender die Produktionsleitung hat und Redaktion und Produktion aus eigenem Hause kommen.

Der Handschlagdeal zwischen Markus Lanz und der neuen ZDF-Verwaltungsspitze um Thomas Bellut beinhaltet offenbar eine Vereinbarung, dass Lanz‘ Produktionsfirma „mhoch2“ einen Teil mitproduzieren darf. Darüber kann man jetzt vortrefflich diskutieren, welcher Teil das ist, aber ich tippe darauf, dass es vor allem der redaktionelle Teil ist, denn das ist bei allen Produktionsfirmen der große „Kreativposten“, während die eigentliche Produktion (also Kulisse, Studio, Technikpersonal) als Dienstleistungen dazugekauft werden. Zu dieser Vermutung passt auch eine andere Personalie, nämlich der Ausstieg von Michelle Hunziker vor einigen Wochen. Bei diesem Job des Co-Moderators wird sich sicherlich die Frage gestellt hat, ob zum einen ein neuer Moderator damit klarkommt, eine sehr gut vorbereitete Hunziker an der Seite zu haben und zum anderen auch, bei wem sie eigentlich dann genau arbeitet.

Die Frage der Zukunft wird aber genau da weitergehen, im Spannungsfeld zwischen externer Redaktion und eigener Produktion. Einen Vorgeschmack dazu gab es schon mit dem Eurovision Song Contest letztes Jahr, den ja eigentlich die ARD ausrichtete, aber von Stefan Raabs Produktionsfirma Brainpool produziert wurde. ARD-Mitarbeiter beschwerten sich im Vorfeld der Contest dann darüber, dass sie zwar Pressekonferenzen filmen durften, bei der eigentlichen Produktion der Show jedoch außen vor blieben. Die sehr gut gewerkschaftlich organisierten Stammbelegschaften öffentlich-rechtlicher Sender reagieren auf solche Wetterlagen.

In der eh schon angeheizten Stimmung auf dem Mainzer Lerchenberg dürfte die Transformation der jahrzehntelang selbstproduzierten, größten Unterhaltungsshow Europas zu einer teilweise privatwirtschaftlich produzierten Sendung für Misstöne sorgen, bei der ich gespannt darüber bin, wie das ZDF-Management das in den Griff bekommt, ohne dass „Wetten, dass…?“ inhaltlich so ausblutet wie andere ehemalige Samstagabend-Unterhaltungsdampfer.

Das wird ein hartes Geschäft für alle Beteiligten.