“Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis” – zur Enquête-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft”.

Was rückgratlose Politiker meiden wie der Teufel das Weihwasser, sind Überraschungen, sowohl negative, als auch positive. Negative Überraschungen deshalb nicht, weil sie die eigene Politik in Frage stellen könnten und dann eine höchst delikate Situation entsteht: Das Wort des Politikers stünde gegen das Wort des Fachmannes. Wenn hier Meinungsverschiedenheiten nach außen dringen, wird es äußerst lustig.

Paradebeispiel schlechthin ist die Person Paul Kirchhof. Paul Kirchhof ist Verfassungs- und Steuerjurist, der an der Universität Heidelberg lehrt. Im Jahr 2005 hat die damalige CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel Kirchhof als Bundesfinanzminister für ihr Schattenkabinett ins Spiel gebracht. Als ausgewiesener Fachmann brachte er das so genannte Kirchhof-Modell ins Spiel, das unter anderem die progressive Einkommensteuer in Frage stellte und einen einheitlichen Steuersatz für alle Einkommensgruppen vorschlug. Und so weiter und so fort.

Kirchhof ist als Professor und ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts sicherlich eine hochintegere Person, die von der fachlichen Seite her nichts zu wünschen übrig lässt. Zweifellos hätte man auch über seine Pläne in halbwegs normale Lautstärken diskutieren können. Er hatte lediglich das Problem, dass er herzlich wenig mit Politik anfangen konnte, freiwillig in den Strudel eines Bundestagswahlkampfes einstieg und von Gerhard Schröder als stellvertretende Angriffsperson anvisiert wurde. “Der Professor aus Heidelberg” wird wohl für viele Jahrzehnte ein anschauliches Fallbeispiel im modernen Campaigning bleiben.

Denn passiert ist mit Kirchhof das, was man landläufig als “unter die Räder kommen” bezeichnet. Zum einen eine offensive Terminologie die teilweise ungelenkig verbal verpackt wurde und nicht ohne weiteres für den Menschen entpackbar war, der eine Nachrichtensendung mit dem Schwerpunkt “Entspannung” anschaut und nicht mit “Kopfzerbrechen”. Dazu dann ein Gerhard Schröder, der in seiner brillanten Wahlkampfrhetorik mit Kirchhof endlich einen Mann und Angriffshebel gefunden hatte, an dem er sich stellvertretend gegen Angela Merkel abarbeiten konnte. Der Fachmann als Kanonenfutter.

Was ein moderner Politiker aber auch nicht wünscht, sind positive Überraschungen, zumindest wenn sie aus dem Ruder laufen. Ein Fachmann bestätigt öffentlich den Weg, den ein Politiker vorschlägt? Super. Das darf er allerdings so lange machen, wie der Sonnenschein auf den Politiker zeigt und nicht auf den Fachmann. So bald der Fachmann sich selbstständig macht in der Diskussion, wird er auch schon wieder zu einem Problem.

Enquête-Kommissionen, wie sie der Deutsche Bundestag jetzt in Sachen “Internet und digitale Gesellschaft” einrichtet, sind anfällig für genau dieses Schauspiel, denn ernannt werden in Enquête-Kommissionen die Fachleute von den einzelnen Bundestagsfraktionen. Das kann man handhaben mit der Prämisse, eine echte Expertenrunde aufzubauen, die auch tatsächlich Kritik anbringen darf – aber auch mit der Zielsetzung, Leute einzusetzen, die genau die Meinung vertreten, die die jeweilige Fraktion in Gesetzesinitiativen eingeflossen sehen möchte.

Genau das macht die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hervorragend vor. Ich mag ironischerweise Politik, die ihr gewünschtes “Schadensszenario” vor lauter Kraftmeiere inzwischen gar nicht mehr versteckt:

Wie komme ich ins Fernsehen?

„Sei fleißig, mach‘ Einsdreißig!“ Nach diesem Motto müssen jeden Tag viele tausend Programmminuten in den verschiedensten Fernsehsendern mit unterschiedlichster Programmqualität gefüllt werden. Dazu sind in erster Linie Redakteure und Journalisten gefordert, die den Zuschauern mehr oder weniger relevante Geschichten erzählen, aber praktisch kein non-fiktionales Programmformat kommt ohne Statements von externen Experten aus. Und hier setzen die Autoren Henriette Schäffner und Stefan Frädrich mit ihrem Buch namens So kommen Sie als Experte ins Fernsehen: Wie Sie den Bildschirm erobern und sich als TV-Experte etablieren (Affiliate-Link), das im GABAL Verlag erschienen ist, an.

Sie kennen sich in einer bestimmten Thematik gut aus? Sie sind möglicherweise in dieser Thematik beruflich unterwegs und haben die Nerven, ihrer Karriere einen richtigen Nachbrenner-Schub zu verpassen, der jedes Zeitungsinterview in den Schatten stellt? Dann müssen Sie ins Fernsehen. Was da im Buch stellenweise fast schon als Zynismus herüberkommt und durchaus bei dem ein oder anderen Leser die Frage aufwirft, ob Fernsehen tatsächlich so oberflächlich sein kann und ob praktisch jeder, der sich Experte schimpfen mag, auch ins Fernsehen kommen kann, wenn er sich nicht gerade wie der komplette Idiot anstellt, ist so nicht abwegig, sondern Realität. Das Fernsehen lebt von Geschichten, von Meinungen, von Stimmen, von Gesichtern. Fernsehredakteure sind tagtäglich damit beschäftigt, zu ihren Themen Experten zu finden und „zu bekommen“. Und wer da hin möchte, findet in diesem Buch Informationen und Ratschläge, wie man das am besten bewerkstelligt bekommt.

Gut, könnte man sich dann sagen, was ist von Ratschlägen zu halten, die von einem ebensolchen Experten und einer Fernsehjournalistin geschrieben werden? Durchaus genügend Respekt, denn es finden sich nicht einfach nur ein paar Web-Adressen von Redaktionen und deren Programmformaten im Buch, sondern viele Vorschläge und Empfehlungen, wie man sich beispielsweise erst einmal als Experte definiert, wie man sich als Fachmann zunächst eine gewisse Reputation verschafft und wie man dann in Richtung Fernsehen geht. Die beiden Autoren erklären unter anderem, wie eine Redaktion „tickt“, wie man sein Expertentum pflegt und wie man mit Fernsehleuten umgeht. Und auch richtig persönliche Dinge werden nicht ausgeklammert: Bin ich im Fernsehen richtig? Habe ich verstanden, dass ich als Experte – mit wenigen Ausnahmen – nicht wirklich reich werde und Fernsehauftritte eher als Karrierebooster verstehe? Stefan Frädrich wehrt als Experte potentielle Wettbewerber im Experten-Business keineswegs ab und Henriette Schäffner betreibt als „Gegenpart“ auch keinen plumpen Kundenfang.

Ich habe in diesem Buch tatsächlich so manch Arbeitsablauf gefunden, den auch ich in meiner Zeit als Kameraassistent erleben bzw. ertragen musste. Erst einmal eine aufreibende Suche nach passenden Experten, dann Experten, die zwar gut aussahen, aber nicht reden konnten, umgekehrte Fälle und auch einfach Leute, die die seltene Gabe hatten, ein komplettes Fernsehteam innerhalb von zehn Minuten komplett zu vergrätzen. Muss alles nicht sein, denn Expertentum lebt im Fernsehen von beiden Seiten.

Für wen ist das Buch? Nun, für Menschen, die sich als Experte zu einer bestimmten Thematik sehen und gern „Fernsehluft“ schnuppern möchten, aber auch für Menschen, die sich schlicht für die Art und Weise interessieren, wie Redaktionen und Fernsehsender arbeiten. Mit 39,90 Euro kommt das Buch sicherlich nicht im Taschenbuch-Pricing daher, ist jedoch seinen Preis wert. Der Ratgeber- und Unterhaltungsfaktor ist gleichermaßen hoch.