Beware of kids (in politics)! #merkelstreichelt

Zu den wirklich furchtbarsten Inszenierungen des Politikbetriebes gehören kontrollierte Kindershows. Also die unanschaulichen Veranstaltungen, wo Politiker nicht zu Kindern kommen, sondern Kinder zu Politikern und dort dann mit Politikern unter der Aufsicht des Stabes und neugierigen Journalisten Fragen aufsagen dürfen, deren Antworten längst schon feststehen. Eine vereinfachte und nicht minder entsetzliche Show sind die Weihnachtsansprachen des Bundespräsidenten, die seit Christian Wulff gern mit auf auf den Teppich drapierten, hübsch gekleideten Kindern inszeniert werden und die dort andächtig mit ungesund abgewinkelten Gliedmaßen auf den Hausherrn aufschauen dürfen/müssen. Als Kind erleidet man solche Shows ansonsten nur noch beim Fotografen, dessen Empathie schon längst so erloschen ist, dass er am liebsten Kind und debiles Grinsen mit dem Akkuschrauber fixieren will, damit ja das Bild schnell geschossen ist.

Und jetzt das: Ein Flüchtlingskind, dass nicht einfach eine Frage stellt, sondern eine Frage, die aus seinem persönlichen Umfeld zu kommen scheint. Aus seinem persönlichen Elend, garniert mit seiner erschreckend anschaulichen Existenzangst und seiner hoffnungslosen Hoffnung auf ein Leben, wie es die Freundin neben ihr hat.

Nun lernt jeder Politiker früher oder später, dass man vor Kindern in der Öffentlichkeit auf der Hut sein muss. Kinder sagen sehr offen, wo es klemmt und stellen Fragen gern ohne eine moralische Filterung, weil Kinder das wegen eines noch lange nicht fertig gebildeten Wertegefüges noch gar nicht können (und auch nicht können müssen). Eine Chance für die größten Steilvorlagen für Politiker mit Bauchgefühl, andererseits eine Schlangengrube für jemanden, der versucht, Äußerungen von Kindern analytisch zu beantworten.

So ist es mit ziemlicher Sicherheit der übelste Super-GAU, den Angela Merkel da vor laufenden Kameras loslassen konnte, einem Kind mit einer solchen Frage mit kühlen Antworten zu kommen. Du, liebes Kind, bist eigentlich unerwünscht, wir müssen dich eigentlich weghalten von uns, tut uns echt leid, aber so ist es nun mal. Oder deutlicher gesagt: Angela Merkel hat es doch tatsächlich geschafft, ein Kind zum Weinen zu bringen mit einer derartig harten Antwort, für die jeder Erzieher einen handfesten Verweis kassieren würde, wenn er so ihm anvertraute Kinder angehen würde.

Das wirklich traurige an diesem Vorfall ist, dass es mit nur ein wenig Bauchgefühl hätte ganz anders laufen können. Die Frage hatte schon von Anfang an einen extrem menschlichen und persönlichen Charakter, hier muss man auch so antworten und mitunter alles weglassen, was „böse“ und „amtlich“ ausschaut, immer mit der Maßgabe, nur niemanden mit einer bösen Wahrheit zum Weinen zu bringen. Wer das tut, egal ob Kanzlerin oder Gemeinderat, der läuft haarscharf am Vorwurf vorbei, seinen Job zu verfehlen, so makaber sich das auch anhört.

Das dürfte Angela Merkel dann auch siedend heiß eingefallen sein, als buchstäblich das Kind laut aufklatschend auf dem trockenen Brunnenboden landete und weinte. Und spätestens da hätte man dann einfach mal das Mikrofon weglegen, sich zum Kind hinsetzen, ein paar Sekunden lang innehalten müssen. Man hätte zumindest mal den Eindruck von Menschlichkeit vermitteln können und nebenbei für das eigene Politikerbild ein wichtiges Bild für den nächsten Wahlkampf gemacht.

Aber nein, „hast du doch gut gemacht“, anerkennendes Schulterklopfen, unangenehmerweise dabei immer noch das Mikrofon zielgenau in der Hand. Genau. Gut gemacht für die Inszenierung aus dem Kanzleramt, hübsch und freundlich die Frage eingeworfen wie ein Jungfußballer in seinem ersten Bundesligaspiel. Die abscheuliche Antwort war zwar ein schwerer Angriff auf die Würde des Mädchens und die Chancen stehen gut, dass sich das Mädchen ihr ganzes Leben lang an diese Ungeheuerlichkeit mit Schrecken erinnern wird, aber das muss uns ja nicht stören. Ist ja bald wieder weg, das kleine Mädchen.

Das wirklich fiese an diesem erbärmlichen und erschreckenden Vorfall ist, dass Angela Merkel das offenkundig ungestraft tun konnte. Niemand aus dem Politikbetrieb rührt auf, in den Medien gibt es entweder keinen Kommentar dazu oder lediglich einen Hinweis darauf, dass man sich irgendwo da draußen im Internet darüber empört und mehr nicht. Ich will nicht auf die unrühmliche Argumentation aufspringen, dass unserer heutigen Politikergeneration das selbst erlebte Elend aus Weltkrieg und Flucht fehlt, aber man muss keinesfalls in der Öffentlichkeit das genaue Gegenteil mit gewissem Stolz darstellen.

Lieber Peer Steinbrück, …

… einleitend: Ich mag dich nicht. Weder als Mensch mit deiner polternden Art, noch als Politiker. Das dürfte dich nicht weiter stören – mich auch nicht.

Dass ich deine designierte Spitzenkandidatur in der SPD zur Bundestagswahl 2013 für falsch halte, habe ich an benachbarter Stelle schon mal geschrieben. Ein neoliberaler, bankenfreundlicher, polternder Ex-Finanzminister, der neben seinem eigentlichen Hauptjob als Bundestagsabgeordneter noch munter Millionen scheffelnd über die Sprecherbühnen des Landes klettert und Genossen, Menschen und Journalisten gleichermaßen regelmäßig vor den Kopf stößt, ist keine wirklich innovative Personalentscheidung einer Partei, die sich anschickt (ja anschicken muss), eine Bundesregierung vom Thron zu heben, bei der das Wort „Unfähigkeit“ auf den Ministerstirnen steht.

Anyway … egal. Es ist nicht mein Problem. Ich bin nicht in der Verlegenheit, dich am nächsten Sonntag auf dem Bundesparteitag als Delegierter wählen zu müssen, denn da hätte ich es nicht getan. Einem Mitgliederentscheid geht unsere Parteiführung trotz ständigen Befürwortungen ja wieder einmal aus dem Weg. Sie wird wissen, warum.

Was mich jedoch maßlos entsetzt und ärgert, ist deine Instinktlosigkeit, auch nach der Verkündung deiner Kandidatur zum Spitzenposten, die ja eigentlich mangels Gegenkandidat keine richtige Kandidatur ist, sondern ein einfaches Schaulaufen. Und man sollte meinen, dass ein erfahrener Politiker dieses Schaulaufen eigentlich nicht wirklich versemmeln kann. Man könnte prima die jetzige Bundesregierung unter Feuer nehmen und innerparteilich die große Runde durch die Kreisverbände und Ortsvereine des Landes drehen, um sich dann am nächsten Sonntag als Quasi-Erlöser auf das Podest heben und dann als Spitzenkandidat durchs Land tragen zu lassen.

Nein, du verstörst weiterhin auf höchstem Niveau. Am Dienstag mit der fast schon unglaublichen Nachricht deines Sprechers, der verkündete, dass du für heute, Donnerstag, einen Vortragstermin bei einem schweizerischen Bankhaus hast. Das könne man nicht absagen, weil sonst eine Konventionalstrafe von 15.000 Euro drohe. Da wiederum hat am gestrigen Mittwoch die Süddeutsche Zeitung herausgefunden, dass diese Bank offenbar im Visier von Ermittlungen wegen Steuerbetruges steht. Das wiederum führte dann dazu, dass du jetzt dann endlich verstanden hattest und die Tour absagtest.

Okay, so viel zu den Fakten. Meine Frage: Wer soll den Mist eigentlich ohne Schaden verdauen? Ein Politiker soll per se nicht käuflich sein. Das schon gar nicht, wenn er Abgeordneter des Deutschen Bundestages ist. Das ist eine Sache. Die andere Sache ist, dass ein Politiker, der öffentlich sichtbar ein Spitzenamt anstrebt, nicht nur nicht käuflich sein sollte, sondern auch jeglichen, implizierbaren Eindruck einer Käuflichkeit entschieden ablehnen muss.

Sprich: Wie soll man einen bisher bankenfreundlichen Politiker, der plötzlich zum Revoluzzer stilisiert werden will, abnehmen, dass er nun bankenkritisch geworden ist, wenn er weiterhin bei Banken für Zaster ein- und ausgeht und dann auch noch tatsächlich um Entschuldigung bittet, dass er wegen einer drohenden Konventionalstrafe von 15.000 Euro lieber das Geld abholt, anstatt halbwegs staatsmännisch abzusagen?

Direkter gefragt: Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Kein Gemeinderat und kein Bürgermeister könnte sich so ein Ding auf Dauer ungestraft erlauben, wie du sie ständig bringst und wir haben hier unten in der Basis damit zu kämpfen, dass die Leute nicht einfach nur der Politik überdrüssig geworden sind, sondern ernsthaft anfangen zu glauben, dass die Politik sie zielgerichtet in jeden großen Ärger auch noch absichtlich hineinreitet und dabei vor allem „die da Oben“ besonders schont. Da braucht die SPD gerade auch noch so einen, der nicht einfach nur in jedes Fettnäpfchen tritt, sondern jeden Morgen ein ausgiebiges Bad in einem Fettbecken nimmt und offensichtlich jedes Mal verwundert die Augen reibt, wenn sich jemand daran stört.

Entschuldige, Peer, du bist es nicht. Du bist (nicht nur in meinen Augen) ein Verlegenheitskandidat einer weitgehend unglücklich hantierenden SPD-Führung und wenn du dich wenigstens etwas in Demut üben würdest, wäre es nicht ganz so furchtbar peinlich, wie es ständig wird, wenn in den Nachrichtentickern dein Name läuft. Hoffnung auf Besserung habe ich allerdings keine.

Peer Steinbrück – ein Verlegensheitskandidat.

Zuerst muss man eines sagen: Peer Steinbrück ist der einzige Kandidat der so genannten „Troika“, der einigermaßen gute Siegchancen hat. Sigmar Gabriel, okay, hat sich deutlich gebessert in den letzten Monaten, ist aber eher so eine Art von Politiker und Parteivorsitzender, die gern alles irgendwie gut finden, sogar anfangen lassen und selten zu Ende bringen. Das darf gern ein subjektiver Eindruck von mir sein, ich stehe dazu. Und Frank Walter Steinmeier ist zwar ein echtes Arbeitstier mit Organisationsfähigkeiten, aber ich erinnere mich mit Grausen an den letzten Wahlkampf und an die unrühmliche Episode, ob seine beiden Vornamen nun mit Bindestrich verbunden werden oder nicht.

Kein Schwein hat das wirklich interessiert und es ist auch nicht sonderlich wahrscheinlich, dass die Bevölkerung es interessiert, ob ihr Kanzler seine beiden Vornamen mit Bindestrich verbindet oder nicht und eigentlich ist Frank-Walter Steinmeier auch so intelligent, so eine Diskussion für völligen Käse zu halten, aber sie wurde tatsächlich für einen Moment so zelebriert, als ob die Regierungsfähigkeit der SPD davon abhinge. Für einen Kandidaten, der eigentlich das Format zum Kanzler hat, aber dann so eine Diskussion zulässt, einer von vielen K.O.’s, die dann danach folgten.

Also, Peer Steinbrück soll es sein. Und Genosse Peer ist ein echter Verlegenheitskandidat. Denn eigentlich ist Peer Steinbrück weit von alledem, was die SPD ausmacht. Peer Steinbrück fand die Deregulierung des Bankenmarktes als Bundesfinanzminister einmal recht gut, Peer war einer der ersten, mit sehr markigen Sprüchen der Schweiz die grassierende Steuerflucht der so genannten Reichen Deutschlands in die Schuhe zu schieben, Peer Steinbrück ist in Sachen Vortragsreisender ein echter Großverdiener, Peer Steinbrück hat in einer höchst seltsamen Geschichte ehemalige Staatsunternehmen darum angebettelt, ein privates Schachturnier zu finanzieren. Und so weiter. Und Peer Steinbrück mag jetzt selbsternannter Retter der deutschen Rente werden.

Peer Steinbrück ist so neoliberal, dass für ihn am SPD-Schiff auf der rechten Seite noch ein Ausleger gebaut werden müsste. Selten hat es in der SPD so Spitzenleute gegeben, die so wirtschaftsfreundlich und dabei so gesellschaftsfremd wirken, wie er und dabei schafft es Peer Steinbrück dann auch noch vortrefflich, Kritiker mit teilweise herb-flapsigen Kommentaren nicht einfach nur kaltzustellen, sondern schlicht öffentlich zu schlachten. Das ist seine Art, das mögen augenscheinlich auch viele Menschen, die von Politikern eine klare Kante erwarten, aber so eine Art hat selten etwas damit zu tun, gute Politik zu verpacken. Peer Steinbrücks mitunter saftige Zoten unterhalten immer nur für einen kurzen Moment und versickern dann im rosig-warmen Bad des kollektiven Kurzzeitgedächtnisses. Gesehen und gelacht.

Der Neoliberalismus ist so tot wie das Holz, aus dem heute immer weniger Zeitungen gedruckt werden und die Gesellschaften auf dem ganzen Planeten stehen vor der Herausforderung, die immer weiter klaffende Schere zwischen Arm und Reich zumindest langsamer aufklappen zu lassen. Und da soll uns in Deutschland ausgerechnet Peer Steinbrück, ein ausgewiesener Mann der Vergangenheit und der ehemalige Lieblingsfinanzminister von Angela Merkel, helfen. Allein schon deshalb, weil ich mich wieder unglaublich auf die innerparteilichen Katerstimmungsdiskussionen in der SPD freue, finde ich das schon wieder richtig gut.

Wir brauchen also auch weiterhin keine Angst vor echten Reformen im Lande haben – sie werden auch weiterhin ausbleiben. Die Party darf getrost weitergehen, so oder so.

Was würde eigentlich Gott zu Angela Merkel sagen?

Ich unterstelle unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel einfach grundsätzlich einmal, dass sie den Zenit ihrer politischen Karriere schon seit einiger Zeit überschritten hat. Die politische Erfolgsliste dieser Regierungsperiode ist nach wie vor herzlich kurz, alle mittelmäßig entzündlichen Schimpfwörter sind zwischen den Regierungsmitgliedern ausgetauscht worden, die größten politischen Gegner in Bund und Land bereits in harmlose politische Ämter oder in die Wirtschaft abgeschoben.

Eigentlich ist, aus Sicht von Angela Merkel, alles getan, was man tun kann. Und genau das vermittelt Angela Merkel auch genau so in die Bevölkerung. Was geht mich der Scheiß anderer Leute an, wenn die Hütte brennt, sind es doch sowieso immer die anderen. Vermutlich mit diesem Hintergedanken hat Angela Merkel gestern eine sehr denkwürdige Äußerung in die Blöcke der Journalisten diktiert, die sehr viel darüber aussagt, wie christlich-demokratische Politik offensichtlich funktioniert:

„Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass in einem Kernkraftwerk schwierige Ereignisse stattfinden, wahrscheinlich eine Kernschmelze“, sagte sie und betonte aber auch: „Die Vorgänge werden Deutschland nach menschlichem Ermessen nicht beeinflussen. Sie zeigen aber auch, dass es Kräfte der Natur gibt, vor denen wir machtlos stehen und die von uns immer wieder ein Stück Demut erfordern“, sagte sie weiter. „Wir sollten Ehrfurcht haben vor der Natur, denn wir wissen, dass wir auch ein Stück weit in Gottes Hand sind.“
— FOCUS Online, 12. März 2011: „Atomunfall: Merkel bittet zum Krisengipfel

Gottes Hand. Bei der Kernenergie. Mit der Gott ja per se erst einmal nichts zu tun hat, da Gott selbst Uran nicht anreichert, in einen kritischen Zustand bringt und versucht, damit Strom zu erzeugen. Ebenso wie Gott auch keine Politik macht … ja, ich weiß, jetzt kommt Gegenwind, aber mein Totschlagargument kommt jetzt … und zumindest nicht selbst in Polittalkshows auftritt.

Wir merken an: Wenn die Hütte brennt und jedes Argument nicht mehr zieht, dann hat Gott Schuld. Wenn die Kernkraft nicht tut, wie sie soll, hat Gott die Finger im Spiel, da kann man halt nichts machen. Und das sagt, Achtung, gut aufpassen, eine Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in ihrem ursprünglichen Beruf Wissenschaftlerin der Physik ist. Also jemand, der grundsätzlich in seiner Tätigkeit die Existenz Gottes infrage stellen muss und das in der Regel auch sehr gern tut.

Ich bin kein gläubiger Mensch, deshalb kann ich mich nicht sonderlich gut über Merkels Verweis auf Gott aufregen. Wäre ich aber ein gläubiger Mensch – und zwar unabhängig, ob Christ oder Moslem – würde ich es mir verbitten, meinem, unserem Gott die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, wenn ein konservativer und korrupter Haufen von halbbegabten Politikern nichts besseres zu tun hat, als bereits seit Jahren abgeschriebene Kernkraftwerke einfach so weiterlaufen zu lassen, als ob nichts passiert wäre und sich dann noch in die atemberaubende Feststellung versteigt, dass eben Gott die Schuld hat, wenn der Laden in die Luft geht.

Liebe Angela Merkel: Deine Zeit als Bundeskanzlerin ist herum. Und du hast es schon selbst bemerkt, das macht den Abschied um so leichter.

Über guten und schlechten Wirrwarr.

Das gestrige ZDF-Sommerinterview mit Angela Merkel war genau so, wie man es sich schon Wochen vorher vorgestellt hat: Langweilig und dröge, weil Angela Merkel es selten schafft, verbal jemanden aus dem Sessel zu hieven. Das ist Programm. Wobei… ein verbal nach Merkelscher Art kaputtgedengelter Satz blieb im Hinterkopf und transportiert ungewollt die blanke Wahrheit:

„Ich glaube, dass wir die Menschen zum Teil nicht erreicht haben, weil das Wirrwarr und die Umgangsformen nicht so waren, wie wir uns das vorstellen und deshalb wird’s da auch besser werden und deshalb werde ich mich auch genau dafür einsetzen.“

Wir stellen also fest: Der Wirrwarr war also schon geplant und halt leider nicht so, wie sie sich das vorgestellt hat. Unangenehm.

Meine Wahlempfehlung zur Bundestagswahl 2009.

Da vermutlich die nächsten Tage alle Zeitungen, Fernsehsender und die halbe Blogosphäre voll sein werden mit Wahlempfehlungen, fange ich einfach schon mal an. Der frühe Vogel fängt den Fisch, wobei ich noch überlege, wer eigentlich der Vogel ist.

Ja, die Entscheidung fällt nicht leicht, weil es eine sehr polarisierende Richtungswahl ist und ich damit noch nicht mal die üblichen Klischees wie Lagerwahlkampf, Sozial gegen Unsozial, Konservativ gegen Links etc. meine, sondern eher die Frage, ob es zu einer Wiederauflage der Großen Koalition kommt oder nicht. Und da ist meine klare Auffassung, dass eine Große Koalition Gift für alle wäre. Gift für die politische Kultur, Gift für die Parteien, Gift für den Parteinachwuchs. Eine Große Koalition ist Verwaltung, keine Gestaltung.

Damit kommen wir zur Frage, wen ich eigentlich wählen soll. Fangen wir von hinten an, mit den Parteien, die unter “Sonstiges” laufen. Keine wählbar. Nicht nur deshalb, weil keine dieser Parteien – einschließlich der Piratenpartei – kein für mich sinnvolles Wahlprogramm aufbieten, das sich in meinen Augen nicht auf einige wenige Dinge beschränken darf, sondern umfassend ist. Das Programm der Piratenpartei beschränkt sich sehr weitgehend auf die digitale Kultur und enthält mit Sicherheit einige hochspannende Aspekte, mit denen sich zukünftige Regierungen beschäftigen müssen, die Piratenpartei ist jedoch derzeit nicht wählbar.

Kommen wir zu den großen Platzhirschen, zu Rot und Schwarz. Schwarz wählen, also CDU, das geht aus prinzipiellen Gründen nicht. Das geheuchelte Konservative, was die CDU krampfhaft zu verkörpern versucht, ist mir derartig fern, wie es eine politische Einstellung nur sein kann. Das Huldigen des Gestern, die tatsächliche frenetisch gepflegte Beschwörung und das engagierte Zelebrieren des Mittelmäßigen, wie es Angela Merkel tut, ist keine Politik, der ich zutraue, mit den wirklichen Problemen des Landes umzugehen. Das wissen natürlich auch die Strategen von CDU/CSU, die mit wohldosiertem Weichspülertum dem Volk Kuchen versprechen und noch nicht mal Brot verteilen können. Sprich: Von Steuersenkungen zu sprechen, obwohl der Staat faktisch pleite ist, Milliarden in Bürgschaften im Finanzsystem stecken und mit einem gewaltigen Burst auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen ist, ist eine glatte Lüge, für die sich Angela Merkel und Horst Seehofer auch noch gefeiert wissen wollen. Man muss schon sehr dreist sein, um so eine Geisteshaltung an den Tag zu legen und das kommt ausgerechnet von denen, die sich als besonders aufrecht auf zwei Beinen schreitend sehen. No way. Wer CDU wählt, wählt Gestern.

Wenn man schon von CDU spricht, ist der Weg nicht weit zum Lieblingskoalitionspartner, der FDP. Tja, FDP. Eigentlich ist mit der Liberalismus nicht ganz so fern, wie man das landläufig zu glauben pflegt, allerdings ist die FDP in meinen Augen eine reine Nonsensveranstaltung. An Guido Westerwelle gefallen mir seine ausgesprochen guten Umgangsformen und das war es dann auch schon. Spricht man mit gestandenen FDP-Leuten, dann kommen diese erschreckenderweise zu einem ähnlichen Ergebnis, was mir eines zeigt: Außer Westerwelle gibt es in der FDP nicht mehr sehr viel und ein großer Teil dessen, was FDP-Wähler sind, sind eigentlich verkappte CDU-Wähler.

Viel schlimmer wiegt aber der Nachteil, dass Gelb wählen nach der Ansage von Guido Westerwelle nur bedeuten kann, dass es entweder Schwarz-Gelb gibt, vor was uns der Herr bitte verschonen möge, oder dass die FDP zum dritten mal in Folge in die Opposition geht, obwohl sie es schon beim letzten Mal nicht hätte tun müssen, wenn Herr Westerwelle mal aus dem Handtäschchen von Angela Merkel herausgesprungen wäre. Da damit auch diesmal nicht zu rechnen ist, ist die FDP für mich so unwählbar, wie sie es eigentlich immer war. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Vielleicht ist Guido Westerwelle auch einfach zu höflich für seinen Job, das lasse ich mal so dahingestellt…

SPD. Ja, die SPD. Eine Partei, mit der ich derzeit so meine Probleme habe, deren politische Grundrichtung dennoch weiterhin die Linie ist, die vollständig meinige ist, auch wenn ich eigentlich als Mittdreißiger mit nicht ganz so schlechter Bildung und gutem Auskommen eigentlich nicht zum Stammklientel der SPD gehöre. Die Sozialdemokratie ist jedoch jedes Mal, wenn ich über den richtigen Weg nachdenke, die Antwort, die mir am menschlichsten erscheint – aus der Sicht der Ratio und nicht der Emotio. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir als Gesellschaft zusammenbleiben müssen, wenn wir nicht verhungern wollen und das geht nur, wenn wir an uns alle gemeinsam denken und entsprechend handeln. Da weiß ich niemanden, außer die SPD.

Die Linke? Nicht diskutabel und da lasse ich die übliche Rote-Socken-Denkweise sogar mal außen vor. Aber ich konnte weder Gregor Gysi jemals gut leiden, als Oskar Lafontaine, weil deren Rechenoperationen zwar hübsch lesbare Ergebnisse liefern, aber nicht mit der Mathematik zu erklären ist, die wir auf unserem Planeten lehren. Vielleicht, ich will es ja nicht ausschließen, geht das auf einem anderen Planeten besser. Hier nicht. Sozialromantik ist fehl am Platze und letztendlich genauso ein Gestern, wie es CDU/CSU mit ihrer Stillstandspolitik propagiert. So am Rande: Es fällt auf, wie ähnlich da doch CDU/CSU und die Linke agieren, nicht?

Also SPD? Nein, denn da gibt es ja die latente Gefahr der Großen Koalition. Käme es wieder zu einem Patt, weil CDU/CSU es allem Anschein nach wieder schaffen werden, den sicher geglaubten Schwarz-Gelb-Sieg auf den letzten Metern zu versemmeln, stünde möglicherweise als Ultima Ratio die Große Koalition wieder als letzte Option auf dem Zettel. Die will zwar keiner – und das glaube ich übrigens allen Wählern und Politikern sofort – aber wenn es zum Patt kommt, kommt es zum Patt.

So bleiben nur noch die Grünen, die ebenfalls eine klare Ansage gemacht haben und keine Jamaika-Koalition machen wollen. Das glaube ich den Grünen im Zweifel eher, als Westerwelles Nein zur Ampel, denn für Guido Westerwelle wird das Eis auf dem Hochparkett dünn, wenn die FDP nun auch zum dritten Mal in die Opposition geht. Noch finden seine Parteifreunde das akzeptabel und jubeln ihm für diese vermeintliche Geradlinigkeit zum Pult hoch, aber Pulte werden im Politikbetrieb in der Regel schneller abgesägt, als man sich dahinterstellen kann.

Deshalb ist meine Wahlempfehlung für die Zweitstimme dieses Mal grün, damit – Ironie des Schicksals – Frank-Walter Steinmeier Kanzler werden kann und es zu einer Ampelkoalition kommt. So richtig, ha, grün, bin ich lange Zeit mit ihm nicht geworden, aber mir hat es ausgesprochen gut gefallen, wie er sich dem gewaltigen Rückstand der SPD gegenüber der Union nicht gemütlich gemacht, sondern an sich gearbeitet hat. Das sage ich nicht einfach so, weil ich mit so einer Sprech reumütig wieder ins SPD-Lager aufgenommen werden will, sondern das sage ich, weil mir so Menschen ungeheuer imponieren und mir solche vielleicht spät zündende Zündkerzen allemal lieber sind, als in Salamitaktik lamentierende Kraftstoffzerstäuber wie Angela Merkel.

Der rote Knall.

Vermutlich nur die absoluten Optimisten in und außerhalb der SPD haben glauben können, dass die Ernennung von Frank-Walther Steinmeier als Kanzlerkandidaten für die nächste Bundestagswahl ohne großen Knall vonstatten geht. Dass es dann so kommt und Kurt Beck offenbar resignierend den Parteivorsitz räumt und auch noch Franz Müntefering wieder ans Ruder kommt, hätte noch heute morgen vermutlich niemand erwartet.

Sehr ärgerlich, das alles. So langsam gehen mir die salbungsvollen Worte aus, die ich als Ortsvereinsvorsitzender andauernd bei Sitzungen vorweggeben muss. Es wäre jetzt wirklich mal ganz dringend angeraten, dass die Parteiführung nun endlich einmal Ruhe in den Laden bringt und wir uns unten an der Basis auch mal wieder mit anderen Themen beschäftigen können.

Zumindest die Vorzeichen können eigentlich nur noch nach oben zeigen: Der Bremsblock des noch nicht offiziell gekürten Kanzlerkandidaten, der schon vor Monaten inoffiziell Frank-Walter Steinmeier war, ist nun endlich abgezogen.