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Deutschland in der Nachrichtenwüste.

28. Januar 2011 | 7 Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Seit dem ich selbstständig bin, erlaube ich es mir, auch am Tage mal mit dem Notebook vor die Glotze zu flitzen und nebenher fernzusehen. Als jemand, der einmal beim Fernsehen gearbeitet hat, bin ich für fiktionales “TV-Vergnügen” zwar kaum mehr zu haben, es bleibt also quasi nur noch Nachrichtenfernsehen.

Nachrichtenfernsehen und unsere “Nachrichteneliten”

Dass wir in Sachen Nachrichtenfernsehen als Industrienation tatsächlich in der Diaspora leben, ist mir da erst letzten Sommer richtig bewusst geworden. Die beiden deutschsprachigen Platzhirsche n-tv und N24 sind nach spätestens einer halben Stunde nicht mehr zu ertragen, was einen einfachen Grund hat: Sie werden jeweils von TV-Imperien produziert, die ihr Geld vor allem mit Unterhaltungsdünnschiss verdienen – n-tv von der RTL-Gruppe, N24 von ProSiebenSat1.

Das Format beider “Nachrichtensender” ist dabei herzlich einfach: Ein Nachrichtenblock zur vollen Stunde, tagsüber auch zur halben Stunde. An Werktagen zudem täglich Informationsblöcke zur Frankfurter Börse, bei besonderen Events dann alles garniert mit höchst seltenen Live-Schaltungen. Der Rest des Tages wird mit meist aus den USA zugekauftem Dokumentationsmüll zugekleistert, der vor allem eines ist: Einfach produziert und billig in der Anschaffung. Ansatzweise gut informiert ist man weder bei n-tv, noch bei N24. Übrigens auch in keinem anderen Programm aus dem RTLProSiebenSat1-Konglomerat, was mir vor einigen Wochen mit Schrecken auffiel, als ich mir die “Pro Sieben Nachrichten” mit der unsäglichen Christiane Gerbot antat, die tatsächlich als soetwas wie eine “Nachrichten-Queen” gehandelt wird. Sicher: Gebissprobleme und Sprachfehler sind bedauerlich und oft kann man auch nichts dafür – allerdings kann man, wenn man auf halbwegs professionellem Niveau Nachrichten lesen will, sich zumindest mal darum medizinisch kümmern lassen. Gelispelte und genuschelte Nachrichten, zusammen mit einem unglaublich schlecht aussehenden Gebiss sind nicht wirklich vertrauensbildend, wenn es um Nachrichten geht.

Es ist übrigens eine Mär, zu glauben, mit Nachrichten im Fernsehen könnte man kein Geld verdienen. Man kann das durchaus, allerdings auf fundamental andere Weisen, als herkömmliches Fernsehen. Während beim herkömmlichen Fernsehprogramm die Buchung der meisten Werbeblöcke Tage und Wochen im voraus passiert, ist es bei Nachrichtenkanäle meist genau andersherum. Für Magazine und geplante Programmbestandteile gibt es Werbeblöcke, hier ist Nachrichtenfernsehen aber eher eine Spartenanwendung und die Preise für Werbeplätze eher günstig.

Die wirklich spannende Zeit für Nachrichtensender kommt immer dann, wenn es zu “Breaking News” kommt, also aktuelle Geschehnisse auftreten. Professionelle Nachrichtensender wie CNN, Al-Jazeera & Co. haben ihre Kompetenz vor allem hier: Extrem kurzfristige Programmplanung in Ernstfällen, Definition von Werbeblöcken und wiederum extrem schnelle Vermarktung dieser Werbeplätze bis hin in Minutenbereiche. Tatsächlich läuft da in Breaking-News-Zeiten bei einem echten Nachrichtensender eine ganze Maschinerie von grundverschiedenen Abteilungen Hand in Hand:

  • Nachrichtenbeschaffung vor Ort
  • Technik zum Übertragen der Nachrichten zum Nachrichtensender
  • Backoffice zur Nachrichtenaufbereitung
  • Das Fahren des eigentlichen Nachrichtenprogramms
  • Vermarktung der Werbeblöcke
  • Zweitverwertung des produzierten Nachrichtenmaterials bei anderen Sendern

Alles Punkte, bei denen man herzlich lachen kann, wenn man sich unsere “Nachrichteneliten” n-tv und N24 anschaut. Nachrichtensender gibt es in Deutschland nicht.

Warum kein öffentlich-rechtlicher Auftrag in Sachen Nachrichtensender?

Das ist eine Frage, die sich mir an dieser Stelle entsetzt stellt, während ich die Nachrichtenlage aus Ägypten tatsächlich aus dem Internet, aus CNN, aus Al-Jazeera und aus dem Radio (!) verfolgen muss. Die “Nachrichteneliten” n-tv und N24 begnügen sich mit Billigdokus aus der Konserve über Sprengmeister respektive über den Spezialtransport eines Brückenteils. Man kann getrost sagen: n-tv und N24 üben sich verzweifelt darin, die Nachrichtenlage vorüberziehen zu lassen, weil sie vermutlich keinerlei Produktionsressourcen in Ägypten stehen haben und – das ist eine unbelegte Vermutung – auch kein Interesse haben dürften, eigene Nachrichten dort zu produzieren. Das würde nämlich Geld kosten und das muss man in der Logik des Nachrichtenfernsehens mit einem Korrespondentennetz bzw. mit kurzfristig verschobenen Produktionskapazitäten zunächst einmal vorstrecken. Faktisch gesehen sind wir im deutschen Fernsehen außerhalb der öffentlich-rechtlich produzierten Nachrichten nicht einfach nur schlecht informiert – wir sind es praktisch gar nicht.

Dass ARD & ZDF durchaus ein großes Interesse daran haben, einen eigenen Nachrichtenkanal aufzubauen und zu betreiben, ist nicht neu. Die Light-Version gibt es schon seit vielen Jahren und nennt sich Phoenix. Schon der Untertitel “Ereignisfernsehen” sagt sehr genau das aus, denn die implizierten Ereignisse sind eben aktuelle Geschehnisse, meist innerhalb Deutschlands, von denen Phoenix dann direkt sendet, unter Zuhilfenahme der Produktionskapazitäten von ARD und ZDF. Darüber kann man streiten, muss aber nicht, denn ARD und ZDF haben sowohl die Produktionskapazitäten und Korrespondentennetzwerke in Deutschland, als auch in der Welt. Und beide Sender sind etabliert und weltweit Autoritäten im Fernsehbereich.

Wem das natürlich alles nicht gefällt, ist eben dem RTLProSiebenSat1-Konglomerat, dass natürlich nicht wirklich daran interessiert ist, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen ihnen das Wasser abgräbt, selbst nicht das klägliche und brackige Wasser, dass sie im Nachrichtenbereich äußerst sparsam selbst produzieren. Aus diesem Grund sorgt eine ganze Heerschar von Lobbyisten dafür, allen Politikern gebetsmühlenartig ständig darüber zu informieren, wie schädlich es doch für das Privatfernsehen wäre, wenn ARD & ZDF einen eigenen Nachrichtensender aufziehen würden, der zu einem Teil oder gänzlich aus Gebührengeldern finanziert wäre. Ja, es kursiert in vielen “Argumentationshilfen” sogar die krude Argumentation, dass ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender “schädlich für neutrale Nachrichten” sei. Dann also lieber gar keine Nachrichten, so wie der heute Status Quo.

Meine höchst subjektive Meinung: n-tv und N24 hatten ihre Chance, zu beweisen, dass RTLProSiebenSat1 daran interessiert sein könnte, auch Nachrichtensender zu betreiben, die dem Bedarf an Nachrichten gerecht werden. Das nutzen beide Sender offensichtlich nicht, aus welchen Gründen auch immer. Aus diesem Grund ist nun tatsächlich die Frage zu stellen, wie wir es im deutschen Fernsehen zukünftig mit Nachrichtenfernsehen gestaltet haben wollen und ob man sich nicht endlich einmal näher mit der Idee beschäftigen soll, Phoenix zu einem echten Nachrichtensender aufzuwerten, diesen weiterhin unter der Kontrolle von ARD und ZDF zu belassen und für diesen Sender das Werbeverbot nach 20 Uhr und an Wochenenden aufzuheben. Die deutsche Fernsehlandschaft würde das nicht nur vertragen – sie braucht es dringender als je zuvor.

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ProSiebenSat.1 scheint zu verzweifeln.

28. Oktober 2009 | 4 Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Selten so gelacht, wie heute: Die heute lancierte Meldung, dass man bei ProSiebenSat.1 überlegt, mittelfristig die eigenen Programme zu Bezahlprogramme umzubauen, ist ein weiterer Höhepunkt der Niederlagen des Hauses und ein hübsches Zeugnis dafür, dass man eigentlich keine Ahnung hat, wie man jemals wieder in die halbwegs schwarzen Zahlen kommen will bei einem Schuldenberg von derzeit rund 3.000.000.000 Euro.

Denn man muss den SPIEGEL-Artikel gar nicht so sehr zwischen den Zeilen lesen, um zu merken, dass bei ProSiebenSat.1 nach wie vor jegliches, sinnvolles Konzept fehlt. Denn den einfach mal dahergeplapperten Plan eines Bezahlfernsehens, also der Idee, die Programme aus dem eigenen Hause mittelfristig zu Pay-TV umzuwandeln, bringt selbstverständlich nur auf einer Seite Geld in Haus, nämlich bei Abonnenten. Allein die zu aquirieren, ist in Deutschland nachweislich – sagen wir es freundlich – nicht ganz so einfach. Da haben sich schon genügend andere Programmanbieter die Finger dabei verbrannt, ob sie nun Premiere heißen, “Premiere, zweite Version” oder DF1.

Nein, auf der anderen Seite ist die Umstellung eines bis dato freien Vollprogrammes zu einem Pay-TV-Programm mit Verlusten verbunden, denn Werbetreibende bezahlen die gesendeten Werbespots auf Basis der Reichweite und der Zuschauerquote. Was würde also passieren, wenn Pro Sieben oder Sat.1 zu Pay-TV würden? Die Werbeeinnahmen würden schlagartig zusammenbrechen und dabei ist noch kein einziger Abonnent gewonnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass tatsächlich jemand so bei ProSiebenSat.1 denkt.

Also bleiben nur die Nischen und da gibt es zwei: Entweder ein Programmbouquet mit zusätzlichen Programmen, für die man potentielle Abonnenten begeistern könnte oder kostenpflichtige Angebote für Technik-Junkies, beispielsweise dem geplanten “HD+”. Mit diesem Angebot des Satellitenbetreibers Astra möchte man HD-Enthusiasten dazu überreden, Geld für HD-Versionen von bestehenden Programmen zu begeistern, mit dem dann die Sender die notwendige Bandbreite auf den Astra-Satelliten bezahlen wollen.

Das bleibt abzuwarten, ob das funktioniert. Denn HD-Enthusiasten haben sich HD-Equipment ja nicht unbedingt deshalb gekauft, weil Astra irgendwann mal ein entsprechendes Bouquet kostenpflichtig auf den Satelliten stellt, sondern sie haben sich die teuren Glotzen meist mit einem HD-Camcorder, einer PS3, einem Bluray-Player oder einem SKY-HD-Abo gekauft und bekommen schon auf diese Weise genügend HD-Material ins Haus, und das eben heute schon. Ob da noch Platz für Bezahlprogramme ist, die man unverschlüsselt schon in brauchbarer Normalauflösung empfangen kann? HD ist zweifellos eine grandiose Geschichte und wirklich ein Meilenstein in der Fernsehtechnik, aber ich ertappe mich ja selbst dabei, dass ich eine Bluray-Disc eines Filmes eigentlich nur dann der günstigeren DVD vorziehe, wenn ich den Film auch unbedingt in HD sehen will. Und da sehe ich mich in meinem Bekanntenkreis als die große Ausnahme an, denn nach wie vor stöpseln die meisten meiner Bekannte ihren Sat-Receiver per Scart an ihre HD-Ready-Glotze an. Und ob sie für 720 Linien (normales HD) anstatt 576 (PAL) dann tatsächlich nochmal extra Geld auf den Tisch legen? Ich würde meinen Freundeskreis nicht wiedererkennen, wenn das so wäre.

Und diese Gewohnheiten will ProSiebenSat.1 ändern? Bei dem Programm? Mit dem Schuldenberg? Da habe ich schon bessere Geschichten vom Pferd gehört.

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