Das kommunikative Schwarze Loch in der Kommunalpolitik.

Vor ziemlich genau acht Jahren hatte ich das erste Mal ein Weblog für einen Wahlkampf genutzt. Nun waren auch schon Ende 2008 Weblogs keine echte Besonderheit mehr, allerdings waren sie immer noch eine eher spezielle Kommunikation vor allem außerhalb des Privaten. Weblogs, in denen viele Menschen professionell schreiben, ob nun aus einem Unternehmen heraus oder aus einer Partei bzw. einem Wahlkampf.

Seitdem hat sich viel verändert, das Web ist um glatt eine Altersgeneration weiter gegangen. Viele Fragen von früher sind drängender, als je zuvor. In der politischen Kommunikation ist eine der zentralsten Fragen die geworden, wie wir eigentlich Bürgerinnen und Wähler noch erreichen können? In den vergangenen acht Jahren hat z.B. eine hier verbreitete Tageszeitung glatte 15 % ihrer Auflage eingebüßt. Man muss mit Schrecken konstatieren, dass eine jüngere Generation über klassische Medien auf kommunaler Ebene kaum noch zu erreichen sind. Verschlimmert wird dies durch mehr oder weniger stümperhafte Online-Strategien von regionalen Tageszeitungen, aber das ist ein eigenes, sehr hitziges Thema. Nur kurz angesprochen: Es geht hier bei vielen regionalen Tageszeitungen um das nackte Überleben.

Kommunale Politik darf daher nicht mehr darauf hoffen, dass regionale Tageszeitung das kommunikative Schwarze Loch, was hier durch immer weniger Zeitungsleser entstanden ist und jeden Tag wächst, das nochmal in den Griff bekommen.

Kommunalpolitik auf den Weg in den Blindflug.

Kommunalpolitik lebt in enger Symbiose mit regionaler Tagespresse. Ein Lokalteil kommt ohne Nachrichten aus der Kommunalpolitik nicht aus und Kommunalpolitik empfängt einen beträchtlichen Teil ihrer Stimmungsanalyse aus der Regionalpresse. So läuft es seit Jahrzehnten. Der Versuch der letzten Jahre, auch in der Kommunalpolitik das Web einzusetzen, kommt in den meisten Fällen nicht über Experimente heraus. Das hat mehrere Gründe:

  1. Es fehlt an Manpower und an Geld. PR und Pressearbeit kostet eine Menge Geld. Kommunale Politiker und Parteienarbeit können diese Kosten schon lange nicht mehr allein stemmen und selbst in größeren Kommunen sind die Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit auf Kante genäht. Für Talente sind die Verdienstmöglichkeiten vergleichsweise zu Jobs in der Privatwirtschaft mickrig und eine enge Personaldecke führt zu einer hohen Arbeitsbelastung. Ist die Öffentlichkeitsarbeit überlastet, leidet darunter sofort der Output.
  2. Viel herausfordernder ist die Maßgabe einer Kommune, dass sie ja eigentlich nur berichten, aber keinesfalls journalistisch tätig sein soll. Kommentare und Einordungen bewegen sich immer in einem Strömungsfeld zwischen dem Gebot der neutralen Haltung und politischen Diskussionen. Und dann darf man immer noch nicht einer unabhängigen Presse das Meinungswasser abgraben.

So weit, so schlecht. Denn tatsächlich ist das langsame Wegsterben der Regionalpresse ein gefährliches Problem bei der ewigen Aufgabe der Demokratie, Politik dem Bürger zu erklären und rechtzufertigen. Es einem politisch interessierten Bürger voraussetzen, eine regionale Tageszeitung zu lesen, mag vor Jahren noch argumentativ funktioniert haben, aber wir leben mit der Bedrohung, dass es in wenigen Jahren keine adäquaten regionalen Tageszeitungen für diese Aufgabe mehr gibt.

Alternativen? Bitte anschnallen.

Diskussionen wandern zu Facebook ab und werden da nicht besser.

Ich muss inzwischen nicht mehr sehr viel erklären, wenn ich über die Diskussionskultur in Social Networks und insbesondere auf Facebook zu sprechen komme. Es ist schlimm. Und es wird schlimmer. Es liegt gar nicht so sehr daran, dass es im Internet radikale Strömungen gibt, sondern eher daran, dass viele Nutzer die fundamentalen Regeln der Netiquette nicht kennen oder nicht sonderlich viel darauf geben.

Das zentrale Mantra, dass man sich in einer Online-Kommunikation immer bewusst sein sollte, dass hinter dem Bildschirm möglicherweise viele tausend Menschen ebenso vor ihren Bildschirmen sitzen und man diese Leute mit wenigen Worten verärgern und verletzen kann, beschädigt und verhärtet die Diskussionskultur der gesamten Gesellschaft. Befeuert wird dies durch unfähige Betreiber von Social Networks und auch durch unfähige Administratoren von Diskussionsforen.

Kommt zu einer „burschikosen“ Diskussionskultur nun noch eine allgemeine Ahnungslosigkeit über den zu diskutierenden Inhalt dazu, erwachsen mitunter gewaltige Diskussionsstränge. Allerdings mit dem Phänomen, dass sie umso größer werden, je inhaltsloser sie sind. Es hat in regional ausgerichteten Gruppen eine immer größere Anzahl von Diskutanten schlicht und einfach keine Ahnung darüber, was politisch auf kommunaler Ebene überhaupt angesagt ist. Geschweige denn, welche Vor- und Nachteile bestimmte Projekte haben oder warum zum Beispiel die Straßen einer Stadt gefühlt ständig eine einzige Baustelle sind. (Weil man eben immer irgendwo bauen muss und nicht alle Straßen gleichzeitig repariert werden können.)

Wir lachen an dieser Stelle? Sollten wir nicht. Gar nicht.

Politikverdrossenheit durch den Zusammenbruch des Kommunikationskanal zwischen Staat und Bürger.

Der Titel sagt es. Es ist keine kommende Gefahr mehr, sondern es ist schon längst soweit. Das Podcast-Angebot der Bundeskanzlerin und vieler Minister, deren Social-Media-Angebote und Newsletter sind schon längst keine technischen Besonderheiten mehr, sondern sollen das retten, was durch wegfaulende Medienkanäle entsteht – der Bruch des Kommunikationskanals zwischen Staat und Bürger.

Dieser Bruch schneidet Bürger von für sie wichtigen Informationen ab und – noch schlimmer – schafft Raum für Pseudo-Medien, die nichts anderes im Schilde führen, wie Polemik zu verbreiten, ohne jeglichen Sinn für Realität. Wir schmunzeln über die Breitbart News, Politically Incorrect und wie die ganzen Ferkel-Websites alle heißen. Aber im Grunde genommen füllen sie mit billigstem Füllstoff einen immer stärker kariösen Zahn. Und weil dieser Füllstoff aus verkleidetem Zucker ist, wird der Zahn nicht gefüllt, sondern immer stärker zerstört.

Das Sickerbecken der Entwicklung: Bürgerkommentare.

Wer sich die Entwicklung live anschauen will, sollte sich einmal mit einem Politiker unterhalten, egal ob auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene, alternativ auch mit einem Online-Verantwortlichen einer Kommune oder einer Partei. Nämlich über Kommentare aus der Bürgerschaft, vornehmlich via E-Mail oder Social Media.

Ich bin ja nun schon seit 20 Jahren online und kenne mich auch mit eskalierenden Diskussionen in Foren und Shitstorms recht gut aus. Auch die Theorien einer funktionalen Krisenkommunikation sind mir nicht fremd. Allerdings ist es selbst für mich immer wieder erstaunlich und erschreckend zu sehen, wie enthemmt inzwischen viele Menschen gegenüber Politik, Ämtern und Behörden auftreten und ihre Dummheit und Wut zur Schau stellen. Nicht nur online, sondern immer häufiger auch persönlich. Das Vertrauen in den Staat sind partiell dramatisch. Einerseits meckert kaum jemand darüber, dass der Müll nicht pünktlich abgeholt würde, aber gleichzeitig wird der Kommune vorgeworfen, nichts mehr im Griff zu haben. In Städten, die nicht ansatzweise ein Verkehrsproblem haben, wird jede Rush-Hour im Gefühl des besorgten Bürgers zum Mega-GAU. Viele hunderte Seiten dicke Haushaltspläne, an denen viele Finanzfachleute in einer Kommune üblicherweise monatelang arbeiten, werden in Diskussionen als Zeugnis wahrer Inkompetenz angesehen.

Nichts von all dem beschriebenen kann man nur auf eine Kommune beschränken. Wenn ich mit Bekannten rede, die überall im Land kommunal tätig sind, hört man exakt die gleichen Stimmungslagen in Verwaltungen, obwohl wir gerade in Deutschland in geradezu paradisischen Verhältnissen leben. Niemand muss verhungern, jeder kann zum Arzt, wir leben auch nach wie vor in keinem Willkürstaat.

Eine Kommunikationskultur unter aller Sau, die jetzt dann durch die obigen Punkte der Verdrossenheit und Ahnungslosigkeit noch zusätzliche Verstärker bekommt. Das führt weiter zu Leuten, die überzeugt sind, es besser zu können. Willkommen beim Dunning-Kruger-Effekt.

Wenn Inkompetenz auf Selbstüberschätzung trifft.

Der Dunning-Kruger-Effekt ist recht einfach zu erklären: Weniger kompetente Menschen neigen dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen, Fähigkeiten bei Anderen zu unterschätzen und das Ausmaß ihrer eigenen Inkompetenz nicht zu erkennen. Mit der Variabilität, dass sie, je inkompetenter sie sind, das Ausmaß des Effekts umso stärker ist.

Landauf-landab erleben viele Wahlkämpfe, vor allem auf kommunaler Ebene, eine Vielzahl von Kandidaturen von Kandidaten, deren Kompetenz und selbst ihre Motivation kaum nachzuvollziehen ist. Man könnte sie als Spaßkandidaten abhandeln, aber tatsächlich meinen viele dieser Kandidaten es ernst mit ihrer Kandidatur und sehen sich auch gar nicht als sarkastische Kandidaten, auch wenn ihre feste Haltung die ist, dass sie eigentlich nichts wissen und der Meinung sind, auch nichts verändern zu können. Da sie aber offenkundig unter dem Eindruck stehen, in ihren Beziehungsnetzwerken für die scheinbar gegensätzliche Haltung zum Mainstream eine vermeintlich positive Resonanz zu bekommen, beflügelt allein dieses Echo.

Inkompetenz beflügelt durch Ahnungslosigkeit, Ignoranz und der Müdigkeit, sich adäquat zu informieren. Dann noch eine große Prise Politikverdrossenheit und geringe Wahlbeteiligung dazu und schon kommt das Schiff ins Schlingern.

Guten Tag, Frau Schmidt.

In Pforzheim hatten wir lange Zeit an einer exponierten Stelle eine Person, die mit einer kleinen Geste eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Ich rede hier von keinem Prominenten, Politiker, Schauspieler, ehemaligen Profiboxer oder Selbstdarsteller, sondern von einer Kassiererin beim örtlichen Saturn. Da ist man es ja bisweilen gewohnt, die mitunter dümmsten Menschen an der Kasse anzutreffen, denen es offenkundig schon große Schmerzen bereitet, ein „Hallo“ oder „Auf Wiedersehen“ herauszuknurren und beim Tippen auf der Tastatur lieber auf den fein lackierten Fingernagel zu achten als darauf, ob vielleicht nicht etwas mehr Menschlichkeit mehr für die eigene Sympathie tun könnte, als gelangweilt die Stunden abzusitzen.

Jedenfalls … vor einigen Jahren saß da eine Dame mittleren Alters an der Kasse, immer adrett frisierter Lockenkopf, sonore, freundliche Stimme. Und sie verblüffte dadurch, dass sie bei Kartenzahlungen einen Blick auf den auf der Karte eingeprägten Namen verschwendete und dann Karte und Quittung mit dem Satz präsentierte, dass doch bitte ich, Herr Karadeniz, noch mein Autogramm auf die Rückseite der Quittung  geben mag. Nicht weiter diskutabel, dass ihre Kasse die meistfrequentierte Kasse war und zweifellos diese Geste die Basis einer Kundenbindung gewesen sein dürfte, die tausend Prospekte nicht schaffen.

Auch wenn die Dame schon längst nicht mehr bei Saturn an der Kasse arbeitet (und meiner Ansicht nach problemlos einen erheblich besseren Job gefunden hat), kann man in Pforzheim auch heute noch im Smalltalk mit Anderen die Dame und ihre Art, Kunden an der Kasse mit Namen anzusprechen, erwähnen und viele können sich an die Frau erinnern. Es ist so herzlich einfach, dass es schon wehtut: Da musst du eigentlich nur an die Kasse sitzen und beim Bezahlvorgang etwas mehr Gehirnschmalz einsetzen, als notwendig und du schaffst eine phänomenale Stimmung und einen nachhaltigen Erinnerungswert.

Und das klappt umgekehrt auch hervorragend überall da, wo Menschen an Schaltern und Kassen Namensschilder tragen. Kurz auf das Namensschild gespickt und anstatt eines einfachen „Guten Tag“ ein „Guten Tag, Herr Schmidt“. Jeder Mensch hört seinen Namen am allerliebsten und erwidert so eine Ansprache auch. Im einfachsten Fall mit ehrlicher Verblüffung, im besser erzogenen Fall mit dem Versuch, den Namen von dir zu erhaschen und im perfekten Fall mit einer Begrüßung und einer verbundenen Frage, wie denn der eigene Name lautet. Und dann wird der Name nicht mehr vergessen und vor allem die Kundschaft im Haus zementiert.

Probiere das mal aus, es wirkt Wunder.

Der Opel Adam als Modellauto – im Maßstab 1:1.

Seit einiger Zeit mache ich ja die Werbung für das Autohaus Gerstel in Pforzheim. Sozusagen mein Opel-Autohaus, von dem ich nach und nach vom Kunden zum Dienstleister wurde, zunächst mit dem Gerstelblog, dem Weblog des Autohauses (und das erste echte Autohaus-Weblog in Deutschland überhaupt) und nun seit letztem Jahr eben auch mit der Werbung und der Kommunikation.

Nun könnte man meinen: „Uh, Opel.“ Kann man meinen. Und das kann man auch in die Kommunikation einbinden. Während andere Automarken tunlichst peinlich darauf achten müssen, möglichst schadlos durch die Kommunikationswelt zu kommen, darf man sich mit Opel einiges erlauben. Da ist sicherlich auch etwas Sarkasmus im Spiel (womit ich ja so ziemlich der beste Ansprechpartner weit und breit sein dürfte…), aber grundsätzlich kann man mit dem Opel-Brand vortrefflich wortspielen – das macht Opel ja meiner Meinung nach grandios vor. Und Opel baut übrigens auch wieder tolle Autos.

Der Opel Adam ist so ein tolles Auto, eingebettet im Kleinwagensegment der Lifestyle-Cars und damit in direkter Konkurrenz zum Fiat 500, dem Mini One und dem Volkswagen Up (der allerdings eher eine Blechbüchse als ein Lifestyle-Auto ist). Und gerade in diesem Segment darf man sich ebenfalls Dinge erlauben, die in anderen Fahrzeugklassen nicht gehen. Niemand will freiwillig ein schrill gefärbtes Auto in der Oberklasse haben – im Lifestyle-Segment ist das gewünscht und ein zentrales Merkmal. Ein gelber Adam ist ein gelber Adam, aber man kann ihn auch einen „gelben Kanarienvogel“ nennen, liegt damit zumindest farblich nicht sehr weit vom Kanarienvogel entfernt und bekommt dieses Auto auch ziemlich schnell verkauft – mit dem Kaufwunsch der Kundin, dass sie gern „den gelben Kanarienvogel aus dem Gerstelblog“ kaufen möchte. Emotionalisierung auf den Punkt gebracht.

Mission statement.

Für den Pforzheimer Automarkt, einer hiesigen Automesse, die jedes Frühjahr stattfindet, haben wir schon vor einigen Monaten im Dezember überlegt, was wir dort in Sachen Präsentation machen wollen. Nun kann man einfach seine Autos hinstellen, Preisschilder hineinhängen und warten, bis die Besucher kommen oder gehen oder man kann sich mit seinen Produkten näher beschäftigen und darstellen. Und wenn man ein Lifestyle-Auto hat, eine so vielfältige Marke wie Opel und ein Autohaus, das 102 Jahre alt ist, dann darf man sich auch mal etwas Schrilles erlauben. Das „Projekt AITB“ war geboren, wurde geplant, getestet und gebaut und ist das hier geworden:

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Ein legendäres „Matchbox-Auto“ im Maßstab 1:1, mit einer deutlich größeren Zielgruppe, nämlich allen zwischen 17 und 99 Jahren. Und im Gegensatz zu jedem Matchbox-Auto ist dieses hier echt und kann fahren, wenn man es auspackt.

Mission accomplished!

„Adam in the box“ steht auf dem Automarkt, ist eine echte Publikumsattraktion und emotionalisiert Jung und Alt. Die Jungen wissen sofort, um was es geht, während die Alten offenkundig einen Moment länger brauchen, um sich an das Vorbild der kleinen Nachbildungen zu erinnern und dann Eins und Eins miteinander zu verbinden. Dann aber sind wir genau da, wo der Opel Adam eigentlich ist: Ein lustiges, vielseitiges, flottes Auto. Und wir hatten alle unseren Spaß. 🙂

Voraussichtlich wird es noch ein paar Gelegenheiten während dem Sommer geben, sich „Adam in the box“ nochmal in Natura anzuschauen. Wir suchen derzeit noch nach passenden Veranstaltungen und werden dann auch noch rechtzeitig im Gerstelblog darüber berichten und ankündigen.

Eine Erklärung und ein Plädoyer gegen Fake-Accounts.

Wie nähere ich mich jetzt diesem Thema nur an? Am besten so, wie immer: Ab durch die Mitte.

Meine letzten drei Monate waren relativ „turbulent“ und ironischerweise haben die zwei zentralen Dinge dieser Turbulenzen mit meinem Herzen zu tun. Die eine Turbulenz war die Geschichte mit dem ICD und die andere Turbulenz der Versuch einer Freundschaft, bei der ich letztlich gepflegt und nach allen Regeln der dadaistischen Antikunst ziemlich unschön gegen die Wand gelaufen bin. Kommt in den besten Häusern vor, allerdings sind zwei solcher Turbulenzen in einer Doppelpackung gerade noch so am Rande dessen, was erträglich ist. Selbst bei mir, der eigentlich recht fest mit beiden Beinen im Leben steht. Und was sich hier noch halbwegs witzig anhört, war es nicht wirklich, weder die eine Turbulenz, noch die andere.

Die regelmäßigen Leser meines Twitter-Streams und meiner Facebook-Freunde sind es gewohnt, dass ich über beide Kanäle relativ offen schreibe und selten eine Hand vor den Mund nehme. Es gibt zwar ein paar Themen, die ich auszuklammern versuche (Religionsthemen zum Beispiel), ansonsten kenne ich jedoch als jemand, der sich gern in Gefilden der Ironie, des Sarkasmus und des Zynismus bewegt, kaum geschmackliche Grenzen. Und ja, ab und zu kommen so auch Tweets bzw. Facebook-Meldungen zustande, die aus dem Affekt kommen, quasi direkt aus dem Handgelenk geschossen. Und die in so einem Fall auch nicht durch meinen normalerweise recht guten Kontrollfilter ausgefiltert werden. Absichtlich. Sie kommen zwar (glücklicherweise) sehr selten vor, aber sie kommen vor. Das gehört zu dem, was nun einmal „Besim“ ist.

Ein solch scharf geschossener Tweet, der dann eben auch in meiner Facebook-Timeline landete und den man sicherlich auch ohne den damit verbundenen Hintergrund als geschmacklos bezeichnen könnte, kam am Mittwoch.

Ich erwähne diesen Tweet deshalb, weil er einige Leute verstört hat. Sich verstören zu lassen, ist jedem sein gutes Recht, das ich akzeptiere. Von meinem Kontrollfilter, der den Inhalt des Tweets nicht ausfilterte, sicherlich nicht gut bedacht war der Umstand, dass der besagte Tweet und die Zeit des Verfassens relativ deutliche Rückschlüsse auf den Grund des drastischen Inhalts zuließen. Hätte ich bedenken können, habe ich aber nicht, das Ding kam in den Raum, hat einige Leute, die 1 und 1 zusammengezählt haben, verstört und das Ding ist in diesem Moment dann auch in den Brunnen gefallen.

Dafür entschuldige ich mich nicht, weil es ja auch genau genommen kein Versehen war, sondern absichtlich. Auch eine Rechtfertigung in der Richtung, dass das Schreiben eines Tweets für mich immer noch der bessere Weg ist, eine Frustsituation zu bewältigen, als in der Öffentlichkeit herumzuschreien oder Material zu zerlegen, ist keine Entschuldigung. Wenn ich etwas in die Welt setze, dann ist es da und ich ertrage auch das Echo zu unappetitlicheren Äußerungen.

Meine Haltung dazu ist immer die, dass ich niemanden zwinge, Äußerungen von mir zu lesen und im Zweifelsfall sehr herzlich dazu einlade, meinen Twitter-Stream abzubestellen oder mich in Facebook auszublenden. Damit habe ich absolut keine Probleme. Schwieriger wird es dann schon, wenn Familie oder Kunden solche Meldungen lesen, aber hierzu habe ich die Haltung, dass ich eben einen recht authentischen Ton pflege und großen Wert darauf lege, zwischen Alltagsunterhaltung und förmlichen Gesprächen zu trennen. Das wissen auch die allermeisten Menschen, mit denen ich Kontakt halte.

Gestern hatte ich mit einer Bekannten eine sehr spannende Diskussion, wie man sich solche Rechtfertigungsthemen vom Halse hält bzw. aus persönlichen oder beruflichen Gründen nur inkognito Meldungen mit so einer Brisanzqualität in die Welt setzen kann. Das führt unweigerlich zu dem Thema, ob man einen Fake-Account mit Phantasienamen nutzt, der (hoffentlich) keine Rückschlüsse auf die Person ermöglicht. Das hatte ich in der Vergangenheit auch schon mehrfach überlegt und hatte dann auch sogar mal für eine Weile ein Weblog auf WordPress.com, das den Luxus hatte, dass es niemand las. Und da ist dann auch für mich das zentrale Problem: Mag ich schreiben nur um des Schreibens Willen oder soll das Schreiben auch ankommen, mitunter dann auch in der Kategorie „H-Bombe“?

Ich bevorzuge letzteres. Meine inzwischen fünfzehnjährige Online-Karriere hat zu recht gut funktionierenden, internen Kontrollfiltern geführt, die dafür sorgen, dass meine Äußerungen gern mal direkt sein können, aber seltenst wirklich persönlich verletzend. Das, was gelegentlich an wirklich Bedenklichem herausrutscht, ist im Promillebereich und das kann ich nicht verhindern, ohne mich wirklich komplett ändern zu müssen. Und das werde ich nicht tun, für niemanden. Und weil ich auch mit dem Echo für lautere und dann eben auch verletzende Äußerungen leben muss und das auch kann, gibt es für mich keine Motivation, unter einer Fake-Identität im Internet zu wandeln. Allen Respekt vor Menschen, die das nicht können und inkognito im Internet wandeln wollen oder müssen – aber ich brauche es nicht und mich engt es so ein, dass ich dann eher nichts mehr sagen bzw. schreiben wollte.

Damit will ich keinesfalls einen Ausstieg aus Weblog, Twitter oder Facebook ankündigen oder androhen, sondern um Verständnis darum bitten, dass es auch mal ziemlich deutlich zur Sache gehen kann. Wenn sich jemand dabei angesprochen fühlt oder verletzt wird, dann darf er mir das sagen, gern auch in der inhaltlichen Qualität, wie ich es geschrieben habe.

Das „Thomas-Gottschalk-Syndrom“.

Gleich zur Einleitung: Das „Thomas-Gottschalk-Syndrom“ gibt es so mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht wirklich, ich nenne das Phänomen jedoch so, weil Thomas Gottschalk als „echter“ Prominenter genau das gleiche Problem in XXL hat und einer der wenigen Prominenten ist, die ich kenne (also glaube, zu kennen) und der am besten mit der Problematik umgeht.

Das One-to-Many-Theorem.

Fangen wir etwas mit Pseudowissenschaft aus meinem reichen Fundus an gesundem Halbwissen an, so wie sich das für Fernsehleute gehört, selbst wenn sie schon längst nicht mehr hinter der Kamera arbeiten. Das „One-to-Many“-Paradigma bezeichnet in der Kommunikation einen Kommunikationsweg, nämlich dem von einem Sender zu vielen Empfängern. So funktioniert von Hause aus beispielsweise der Rundfunk, bei dem man davon ausgeht, dass einige wenige Menschen das Programm erzeugen und es viele, normalerweise undefinierte Empfänger an den Empfangsgeräten gibt, die dieses Programm und die Nachricht empfangen können. Charakteristisch hierbei ist, dass man als Empfänger durchaus den Sender kennt, während der Sender in der Regel nur extrem wenig über seine Empfänger weiß, im Normalfall (wir lassen mal Pay-TV aus der Sicht weg) noch nicht mal die genaue Zahl der Empfänger.

Während es dem einfachen Techniker in einem Rundfunkbetrieb weitgehend egal sein kann, dass die Empfänger seiner Arbeitgebers ihn nicht kennen, ist es bei Prominenten schon ein ganzes Stück komplizierter. Prominente kämpfen grundsätzlich immer mir dem Phänomen, dass viele Menschen sie kennen, sie selbst aber normalerweise einen genauso großen Kreis an „echten“ Bekannten haben, wie jeder andere Mensch auch. Ich unterteile das mal in einer kleinen, höchst subjektiven Matrix:

Normaler Mensch Prominenter
Engster Kreis der Familie normal normal
Freunde normal normal
Erweiterter Bekanntenkreis (Freund vom Freund) normal riesig
Wird von vielen einseitig gekannt wenig gewaltig

Der Umstand, dass ein Prominenter von extrem vielen Menschen gekannt wird, es umgekehrt aber beileibe nicht so ist, ist für viele Prominente übrigens ein richtiges Problem, das man beim Fernsehen sehr schön beobachten kann, wenn man die Zeit dazu hat. Sehr viele Moderatoren schaffen es in den Kantinen von Rundfunkanstalten nur mit größten Schwierigkeiten, an den Reihen von Besuchergruppen vorbeizugehen – nicht deshalb, weil sie sich sofort in die Gruppe stürzen, sondern weil sie gar nicht so die „Entertainer“-Naturen sind und eher verschlossene Typen. Ich würde gern einige Namen nenne, es gehört aber zum ungeschriebenen Ehrenkodex des Fernsehbetriebes (auch wenn man da nicht mehr dabei ist), keine Namen in der Öffentlichkeit zu nennen. Warum man das nicht macht, dazu komme ich gleich.

Der Umgang mit dem One-to-Many.

Als Prominenter hat man grundsätzlich zwei Möglichkeiten, mit dem Prominentenstatus umzugehen: Du kapselst dich ab und nimmst in Kauf, dass du deine Bewunderer im Nahkampf unter Umständen sehr verstörst oder zu akzeptierst es, dass du deinen Prominentenstatus nicht einfach abgeben kannst wie einen alten Anzug und damit umgehen musst.

Ersteres ist eine relativ einfach zu bewerkstelligende Sache, bewirkt jedoch teilweise richtig dramatische Szenen. Beispiel:

Ich war mal in einem Drehteam für eine Kindersendung mit einem prominenten Moderator, den nun wirklich jedes Kind kennt, teilweise sogar junge Erwachsene. Ein Idol. Und dieses Idol, das auch im Privatleben so herumlief, wie man es im Fernsehen kennt, hatte zwei fundamentale Probleme: Eigentlich mochte er keine Kinder und er rauchte wie ein Schlot. Das führte bei unserem Dreh zu einer höchst unangenehmen Situation, bei dem wir vor einer Schule drehten, der Moderator in einer Drehpause vor sich hinqualmte und sarkastisch auf Fragen von Kindern antwortete. Okay, zugegeben, der Drehtag war lange, es wurde mit Kindern gedreht (was immer deutlich stressiger ist), der Moderator nicht mehr sehr gut gelaunt und alle waren hungrig. Bei Kindern muss man da natürlich auch beachten, dass sie eine deutlich geringere Kontakthemmnis zu Prominenten haben, als Erwachsene.

Jedenfalls führte diese Situation, bei der dann am Ende einige verstörte Kinder zurückblieben, die das natürlich ihrer Lehrerin erzählten und die wiederum ihrem Chef, dazu, dass am nächsten Tag der Rektor den Aufnahmeleiter zum Rapport bestellte und ihm mitteilte, dass der Moderator ab sofort nicht mehr vor den Schülern rauchen dürfe und sich „prominenter“ zu verhalten habe, ansonsten würde er die Drehgenehmigung zurückziehen. Sicherlich überzogen, allerdings alles aufgeschaukelt dadurch, dass ein Prominenter eben mit seinem Prominentenstatus nicht umgehen konnte. Solche Missverständnisse führen nicht selten dazu, dass Drehtermine flöten gehen und sogar ganze Engagements ins Wasser fallen, wenn das Drehteam damit nicht umgehen kann.

Thomas Gottschalk ist so eine Art Prominenter, der tatsächlich ständig „auf Sendung“ sein kann. Ich bewundere den Mann nicht für seine eigentliche Moderationsleistung, sondern eher dafür, dass er zu jeder Zeit und zu jeder Gelegenheit weiß, wie er Menschen einfangen kann, selbst wenn er eigentlich gar keine so rechte Lust hat, in irgendeinem stinkenden Loch von Gastwirtschaft plötzlich einer vorbeikommenden Truppe von Rentnern auf Heizdeckentour Autogramme geben zu müssen. Man kann auch da das Gesicht wahren und zwar sein eigenes und das der Menschen, die dem Phänomen verfallen, dass der Prominente, den sie ja schon seit Jahren so gut kennen, sie eigentlich ja gar nicht kennt und sie eigentlich auch gar nicht kennen will, aber trotzdem auf das Spiel eingeht. Das ist oftmals eine rein nervige Veranstaltung, die, wenn man am Drehort mit solchen Phänomenen zu kämpfen hat, von guten Aufnahmeleitern in die Planung von Drehterminen eingerechnet wird, aber Gottschalk ist so einer, der weiß, wie es geht und er auch weiß, wie man selbst aus solchen spaßfreien Dingen noch Input und Motivation ziehen kann.

Ein Stückweit zählt das durchaus durchweg nette Einkommen von Moderatoren und Prominenten daher auch als Schmerzensgeld dafür, dass man als Prominenter das Recht auf Privatsphäre zwar immer noch gesetzlich verbrieft in der Tasche hat, die Realität jedoch ganz anders aussieht und das ohne wirkliche Kompensation. Würde Thomas Gottschalk den Rentnern kein Autogramm geben, würden sie zwar vermutlich dumm aus der Wäsche gucken, aber dann doch wieder „Wetten dass“ anschauen. Weil er doch eben so ein netter Kerl ist und für viele Menschen eben der „Thomas“, obwohl der gute Thomas immerhin schon 60 Jahre alt ist.

Das Internet und das Thomas-Gottschalk-Syndrom.

Als normaler Mensch einen Prominentenstatus zu ergattern, ist eine relativ übersichtliche Angelegenheit. Man muss schon sehr laut sein oder eine mächtig wirkende Besonderheit herumtragen, dass man in die Verlegenheit kommt, Autogramme schreiben oder von wildfremden Menschen angesprochen zu werden. In einem erweiterten Bekanntenkreis, also bei den „Freunden von den Freunden“ kann es schon durchaus mal passieren, dass man angesprochen wird in der Form „Hey, ich hab viel von dir gehört!“, aber das sind schon Seltenheiten.

Im Internet sieht das anders aus und das erstaunlicherweise deshalb, weil es im Internet in der Online-Kommunikation per se hemdsärmeliger miteinander umgegangen wird. Das unkonventionelle „Du“ ist in Foren sehr weit verbreitet und da – meine Theorie – die Lektüre von Foren, Mails und Chats ein großes Stück intensiver vonstatten geht, als ein möglicherweise seichtes „echtes“ Gespräch über das Wetter am Rande einer Veranstaltung, kennt man online erheblich schneller erheblich mehr Menschen. Je freundlicher/origineller/fachkundiger/verrückter man online ist, desto eher.

So lange dieser Prominentenstatus online bleibt, ist das alles kein sonderlich großes Problem. In den Social Networks, in denen ich mit teilnehme, kenne ich insgesamt, so pi mal Daumen aus der Hüfte geschossen, etwa 500 Menschen vom Namen her. Mich wiederum kennen, wiederum pi mal Daumen – viel mehr Leute. Ich kann es nicht beziffern, weil es völlig unmöglich ist.

Allein Twitter ist schon so ein Beispiel: Bei 480 Lesern, die meinen Twitter-Stream verfolgen, lese ich nur 160 andere Twitter-Schreiber mit und davon sind viele noch nicht mal meine Leser. Ich kenne also tatsächlich nur ganz wenige der Leute, die mich auf Twitter lesen. Noch haariger wird es mit diesem Weblog hier, bei dem ich nur weiß, dass ich am Tag normalerweise 300 bis 500 Besucher habe. Und wenn man dann völlig abfahren möchte, schaue ich mir meine „Usenet-Karriere“ mit über 5.000 Artikeln an, die ich von 1997 bis 2010 verfasst habe und letztendlich noch heute durchsuchbar sind.

Ergo: Viele von den „Hardcore-Onlinern“ haben schon längst den „Normal-Status“ verlassen und bewegen sich auf Gefilden von Prominenten, wie auch immer das definiert ist. Sicherlich gibt es einige herausragende Onliner wie Mario Sixtus, unseren Gockel mit dem Schnauzbart und viele andere. Allerdings gibt es im Internet von Hause aus viel mehr Sender, die sich meist einzig und allein nur durch eine mehr oder weniger schmalere Komplexität oder Anzahl ihrer Äußerungen unterscheiden.

So richtig bewusst geworden ist mir das Thomas-Gottschalk-Syndrom erst vor einigen Wochen, nämlich auf dem BarCamp Stuttgart. Ich glaube, Henning Schürig wird es mir nicht übelnehmen, dass ich jetzt hier erzähle, dass ich ihn nicht sofort erkannt habe, als er mich aus einem Pulk heraus ansprach und er sich vorstellte. Ich muss zugeben, ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, wer Henning eigentlich war. Ich brachte das Gesicht nicht zu einem Namen und, noch viel fataler, den Namen noch nicht mal aufgelöst. Null Ahnung, No Name. Ich musste tatsächlich später nach seinem Namen googlen, um zu merken, dass er im Vorstand der Grünen in Baden-Württemberg ist, er mir in Twitter folgt und er zwei Dutzend meiner Freunde in Facebook kennt. Ich kannte Henning schon zu diesem Moment, aber habe Namen und Kopf nicht zur Deckung bringen können. Da Henning ein guter Menschenkenner ist, hat er meine anfängliche Verwirrung und mein nicht wirklich sehr gut inszeniertes Minenspiel sicherlich registriert, sich aber nicht anmerken lassen. 🙂

Und tatsächlich helfen inzwischen noch nicht mal mehr die berüchtigten Namens-Badges mehr, denn oft genug kennt man die Namen seiner Twitter-Follower gar nicht beziehungsweise hat gar keine Übersicht mehr, wer einem da folgt. Wer jetzt mit Ignoranz so eine Situation aufzulösen versucht oder mit einem „Kennen wir uns? Wer sind Sie überhaupt? Was bilden Sie sich überhaupt ein?“ kommt, hat unrettbar verloren.

Genau das ist das Thomas-Gottschalk-Syndrom.